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Leselupe.de > Humor und Satire
Das Edelproletariat
Eingestellt am 19. 07. 2002 17:38


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Kaiser Nero
Wird mal Schriftsteller
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Das Edelproletariat

In den letzten 2 Jahren hatte ich in den Ferien die Ehre, die Stra├čen meiner kleinen Heimatstadt zu kehren, ├Âffentliche, oft bekotete, Grasfl├Ąchen zu m├Ąhen - und ich k├Ânnte euch viel davon erz├Ąhlen, wie unsch├Ân es ist mit dem Rasenm├Ąher ├╝ber einen mordsgro├čen Haufen von frischer Hundescheisse zu fahren - stinkende, wespenbewohnte und wahrscheinlich auch oft krebsf├Ârdernde M├╝lls├Ącke wegzur├Ąumen, einfach mal am Beifahrersitz halbschlafend einige Stunden durch die Gegend zu fahren und schlie├člich noch die abwertenden Blicke der anderen Leute zu ernten.
Heuer sitze ich f├╝r ein Monat lang in Wien in einem B├╝ro. Typische Ferialpraktikantenarbeit. Und es ist nicht nur langweilig. Nein. Mir waren diese freundlichen, schimpfenden Proleten, welche w├Ąhrend sie bereits um 9 Uhr morgens das 3. Bier leerten auf der Ladefl├Ąche des Gemeindeautos sich vor dem Chef versteckend in einem Park sitzen, sich die Eier kratzen und allen, ja, wirklich allen Frauen nachpfeifen um einiges sympathischer und angenehmer, als die New- Economy- Anzugtr├Ąger, die jeden Tag p├╝nkltich um 8 mit ihrem Porsche vor'm 'Starbucks' einparken.

Diese Edelproleten, wie ich sie einfach mal nennen will, halten sich selbst f├╝r etwas Besseres, weil Sie im Laufe ihrer "Kariere", wie sie es selbst - aber wirklich nur sie selbst - nennen, unz├Ąhlige Titel gesammelt haben. Vom guten alten Magister und Doktor bis hin zu diesen verschrobenen, neuen und vollkommen unn├Âtigen Titelbezeichnungen, welche, meist in englisch, einfach nur da sind, um das Ego des Titeltragenden zu st├Ąrken und - angeblich - gut zu klingen. Also gegen einen Magister- oder sogar Doktortitel h├Ątte ich ja auch nichts einzuwenden, aber sollte eines Tages auf meinem Namensschild - sowas is ja in diesen Branchen ganz modern - Sales Manager f├╝r die Abteilung creative irgendwas stehen, dann m├Âgen meine Freunde bitte auf mich schie├čen. Schnell und wenn m├Âglich t├Âdlich.
Meist sind diese Leute ja nur halbgebildet. Das Schlimme daran ist; sie wissen es nicht. Ein einfacher Stra├čenkehrer wei├č ganz genau, dass er dumm ist.

Aber er gibt sich zufrieden mit seinem k├╝hlen Bier, perversen, niveaulosen Witzen, einer dicken Frau zu Hause, sonderschulbesuchenden, schon mit 13 Jahren meist besoffenen Kindern und 1er Woche Urlaub irgendwo an einem nicht zu weit entfernten See, oder einfach nur im n├Ąchsten Gasthaus. Die Edelproleten jedoch wissen vielleicht so Einiges von HTML-Programmierung, Mergers & Acquisitions, Steuerlehre oder sonstigem Bl├Âdsinn, von Politik, Weltgeschehen oder einfach nur Allgemeinwissen haben die oft jedoch null Ahnung.

W├Ąhrend der 3 Wochen Urlaub, die sie sich ja oft gar nicht nehmen, da sie ja schlie├člich dauernd im Arbeitsstress sind und Geld- und Imageanh├Ąufung ihr einziges Ziel sind, fliegen Sie immer noch einige Kilometer weiter weg, als der wenige Tage vorher zur├╝ckgekehrte Kollege. Denn schlie├člich will sich ein Edelprolet im Gegensatz zu anderen Menschen im Urlaub nicht erholen, die Sau rauslassen, sich entspannen oder Abenteuer erleben. Nein. Ein Urlaub eines Edelproleten ist meist genauso stressig wie die Arbeit.

Es gilt n├Ąmlich m├Âglichst viele ber├╝hmte Orte zu besuchen, Ansichtskarten an Freunde und Arbeitskollegen zu verschicken und Fotos zu schie├čen, die man dann schlie├člich zu Hause allen Bekannten zeigen kann, welche w├Ąhrend sie die Fotos mit einem aufgesetzen L├Ącheln und dauerndem Nicken und "Jaja, sehr sch├Ân,.." betrachten, insgeheim sich schon im Kopf notieren, n├Ąchstes Jahr noch mehr Fotos zu schie├čen, noch mehr Pyramiden zu besuchen, noch mehr Souvenirs zu kaufen, auch wenn es noch so viel Stress ist und auch wenn sie meist nicht einmal Ahnung davon haben wo sie gerade sind und was sie ├╝berhaupt tun, "in Kaira, oder wie heisst die Stadt hier ├╝berhaupt?"

...Achja, habe ich schon erw├Ąhnt, dass ich Menschen hasse die in Paris sind und den Eiffelturm fotografieren, oder die Freiheitsstatue in New York? Am besten gleich noch mit der bl├Âd grinsenden, sonnenverbrannten, hut- und souvenirshirttragenden Familie davor, fotografiert von einem netten, zuf├Ąllig danebenstehenden Japaner, dem man dann noch 3 mal dankt, f├╝r dieses "unvergessliche Foto". Was soll der Scheiss? Jeder kennt diese Sehensw├╝rdigkeiten aus Filmen oder sonstwoher. Und wenn ich ein sch├Ânes Foto vom "Wei├čen Haus" haben will, dann suche ich im Internet danach und nicht in Familie Meiers viel zu gro├čem und unn├Âtigem Fotoarchiv, in dem alle Fotos nicht nur eingeklebt, nein, auch noch betitelt und datiert sind. Schrecklich. Schrecklich diese Menschen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zur├╝ck zu den Edelproleten. Die Geburtstage werden immer - wirklich immer - im Rahmen eines Grillfestes veranstaltet, bei welchem es dann dieses ganze komische Zeug zu essen gibt. Irgendein Fleisch aus Indien oder neue Fr├╝chte aus Afrika. Und nat├╝rlich auch - verdammt scheisse schmeckende - So├čen, die niemandem schmecken aber jeder isst. Kein Maurer w├╝rder eine Leberk├Ąs-Semmel des Image wegen essen. Aber diese Yuppie-Typen stopfen Speisen mit ausgefallenen Namen in sich hinein. Warum wei├č ich auch nicht.
Nat├╝rlich haben sie am Grillabend alle Kleidung von Springfield, Peek&Cloppenburg oder sogar irgendwelchen Stardesignern. Mit Sicherheit kaufen die aber in solchen Gesch├Ąften ein, wo man die Frauen heutzutage nur noch mit so komischen Sandalen die aussehen als w├╝rde man die Schuhe nicht richtig angezogen haben, und M├Ąnner mit lederenen, spitzen Stiefeln, kurzen aufgegeelten Haaren und Sonnenbrillen in den verschiedensten Farben, aber mit Sicherheit nicht schwarz, herauskommen sieht.

Edelproleten reden immer abwertend ├╝ber "die versoffenen und heruntergekommenen Bettler auf der Stra├če", obwohl sie selbst n├Ąchtelang koksen, um durcharbeiten zu k├Ânnen. Gleich neben dem Aschenbecher steht dann irgendein Salat, Joghurt mit verdammten lactobacilluscasei-Irgendwas, oder ein Wellness-Mineralwasser, von welchem die Werbung "Seelenruhe und innere Balance" verspricht, dass aber in Wahrheit unges├╝nder als Leitungswasser ist. ├ťber diese Menschen k├Ânnte ich weinen und lachen zugleich. Versteht ihr? Da koksen und rauchen sie sich durch den Arbeitstag und dann essen sie nur Pseudogesundheitssachen. Das ist doch l├Ącherlich. Entweder konsequent oder gar nicht. Glaubt ihr Kurt Cobain hat sich nach der Spritze einen "Ginseng-Drink" eingeschoben?

Ich kann alle da drau├čen nur davor warnen, sich dem Edelproletariat anzuschlie├čen. Ja, ihr habt vielleicht viel Geld, sch├Âne Frauen und gro├če Autos, aber ist es wirklich das was ihr wollte? Ein ungebildetes Leben in einer verdammt heuchlerischen, realit├Ątsfernen und vor allem humorlosen - ok. h├Âchstens ihr m├Âgt die Witze a la 'Hat der doch glatt Magister zu mir gesagt, verstehen Sie, Magister, dabei bin ich doch Dr., hahaha...' - Welt? Nat├╝rlich gibt es auch sympathische Menschen in den B├╝ros dieser Welt, aber gut und gerne 80% dieser Yuppies sind 'total heavy verwirrt und mit ihnen ist einfach nicht easy umzugehen.', wie es in ihrer Sprache heisst.

PS: Ich bin mir dar├╝ber im Klaren, dass "das Proletariat" die Arbeiterklasse bedeutet und der Wortgebrauch von "Edelproleten" im Zusammenhang mit den B├╝rohengsten eigentlich nicht stimmt. Da das Wort "Prolet" aber im Sprachgebrauch sich eher auf eine bestimmte Art von Mensch bezieht und nicht auf seinen Beruf, m├Âchte ich hier keine oberlehrerhaften Belehrungsversuche in der Kommentarbox sehen. Passt!!

__________________

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Michael Schmidt
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Was soll das sein? Eine Generalabrechnung? Oder Laberei? Eine zusammengew├╝rfelte Ansammlung von Gemeinpl├Ątzen pa├čt am Besten. Solltest mal ├╝ber einen Beitrag in der Plauderecke nachdenken, da w├╝rde dieser Text hinpassen.

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