Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92231
Momentan online:
378 Gäste und 22 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Science Fiction
Das Ende der Unschuld
Eingestellt am 02. 05. 2001 12:28


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das Ende der Unschuld

Es war das erste Mal in ihrem Leben. Inea fühlte sich ausgebrannt, betrogen um jedes Gefühl. Es schien, als würde sie sich selbst beobachten. Der Mann auf dem Bett lächelte.

Sie war aus dem Wald gekommen. Viele kamen aus dem Dschungel, seit die Fremden ihren Tempel in der Nähe der drei Dörfer erbaut hatten, um zu unterrichten. Sie erschienen in ihren besten Kleidern, betonten den Glanz ihrer schwarzen Haare mit duftenden Ölen, fragten nach den Großen Lehrern und plapperten und machten das Leben in den Dörfern laut. Diese Frau jedoch war anders. Sie sprach nicht, sie trug nur Fetzen am Leib, ihr Haar war stumpf und es war heller als bei den anderen Menschen.
   Die alte Sirin hatte die Hellhaarige als erste gesehen. Einen Moment lang hielt sie sie für eine der Fremden, von denen es hieß, sie kämen aus dem Land jenseits der Welt. Schmutz und Lumpen schienen den langen Weg der Frau zu bezeugen. Doch dann hatte Sirin in die Augen der Stummen gesehen und sie als menschlich erkannt.
   Sirin nannte die Angekommene Inea.
   Die Bäuerin gab Inea Nahrung und Kleidung, lehrte sie die Bräuche des Dorfes, die Bräuche der anderen beiden Dörfer, und eines Tages begann Inea zu sprechen. Sie stellte Fragen. Über die Menschen in den Dörfern, über die Dschungelbewohner und über die Fremden. Und wann sie sie sehen würde.
   Sirin antwortete, dass sie noch nicht genügend vorbereitet sei, den Großen Lehrern gegenüber zu treten. Sie fragte nach Ineas Herkunft, nach ihrem Weg durch die Wälder. Da senkte Inea den Kopf und es sah aus, als weine sie. Dabei schwieg sie einfach nur.

Obwohl die Frau, die jetzt Inea hieß, es schon oft erlebt hatte, fiel es ihr auch diesmal schwer. Wie gern hätte sie jemandem erzählt, was mit ihr geschehen war. Einmal das Unvorstellbare nicht mehr in sich eingeschlossen lassen müssen. Vielleicht würde sie sich dann seit so unendlich vielen Jahren endlich einmal dazugehörig fühlen. Ein wenig zuhause fühlen. Nicht mehr bis ins Mark allein sein.

So verging ein Jahr. Ein viertes Dorf war entstanden, größer und bunter, lauter als die anderen drei. Die Fremden kamen oft in dieses vierte Dorf, um mit den Menschen zu sprechen. Und manchmal wählten sie jemanden aus, den sie als Meisterschüler in ihren Tempel aufnahmen. Wenn die Meisterschüler dann nach einiger Zeit wieder in die Dörfer kamen, waren sie selbst ein bisschen wie die Fremden: Sie verfügten über fast magische Fähigkeiten und auf ihren Lippen war immer ein kleines Lächeln, als wüssten sie etwas unbeschreiblich Schönes.
   Eines Tages, als Sirin die Parel-Früchte ihres Feldes geerntet hatte, sagte sie zu Inea: „Komm mit ins vierte Dorf, auf den Markt! Es ist an der Zeit, dass du den Fremden begegnest. Du musst erkennen lernen, dass sie größten Respekt verdienen.“
   Und Inea senkte den Kopf. Es schien, als nicke sie demütig. Dabei verbarg sie nur ein Lächeln, welches aussah, als erwarte sie etwas unbeschreiblich Schönes.

In dieser Nacht fand Inea keinen Schlaf. Morgen würde sie den Beweis sehen. Was sie bisher nur als Legende kannte - denkende Wesen von einer anderen Welt, Sternenmaße weit entfernt von Kella - Inea würde sie sehen, mit ihnen sprechen können. Und von ihnen vielleicht Dinge erfahren, die man selbst dort nicht wusste, wo Inea herkam.

Der Tag des Marktes begann mit einem Regen. Als Sirin und Inea die Parel den Dschungelpfad entlang trugen, perlte die kühle Nässe auf die Früchte. Sie glitzerten frisch, als die Alte und ihre Ziehtochter den Stand dekorierten. Rasch fanden sich Käufer.
   „Wann kommen die Fremden?“, raunte Inea der Bäuerin zu, als sei es unschicklich, danach zu fragen.
   „Wenn sie Neugier verspüren“, raunte Sirin zurück. „Oder wenn sie neue Schüler suchen. Oder wenn sie Hunger haben oder ihre Vorräte erschöpft sind. Oder“, schmunzelte Sirin, „wenn sie einfach nur Lust haben, spazieren zu gehen.“
   Inea lachte leise auf. Und dann sah sie sie: Die Frau war größer als die Menschen um sie herum. Sie hatte goldglänzendes Haar, das sie zu vielen Zöpfen geflochten trug. Und bereits aus dieser Entfernung konnte Inea erkennen, dass es in den blauen Augen der Fremden kein Weiß gab.
   Sirin, die Ineas Blick bemerkt hatte, sagte leise:„Das ist Fanora.“
   „Ist sie eine Große Lehrerin?“
   Sirin nickte. „Siehst du den Mann an Fanoras Seite? Er stammt aus unserem Dorf. Fanora selbst hat ihn vor fünf Jahren zum Meisterschüler erkoren. Am selben Tag, um genau ein Jahr später, habe ich dich gefunden.“
   „Ist das ein Omen?“, fragte Inea.
   „Ich weiß nicht“, gab Sirin zu. „Vielleicht ist es das.“ Sie schielte dabei auf Ineas steinhelles Haar.
   „Und wie heißt Fanoras Meisterschüler?“
   „Sein Name ist Schelo“, antwortete Sirin.
   „Schelo“, murmelte Inea und musterte den Mann. Er war nur wenig kleiner als die Lehrerin und sein langes Haar schimmerte wie schwarzer Lack.
   Die Frau Fanora flüsterte Schelo etwas zu. Er lächelte erheitert. Sein Blick fiel auf Sirin und er machte seine Begleiterin auf die Alte aufmerksam.
   Fanora trat zum Parel-Stand. „Das sind ungewöhnlich große Früchte“, stellte sie fest und nahm eine Parel in die Hand.
   „Wir haben gutes Land“, erklärte Sirin nicht ohne Stolz.
   „Ja, Schelo hat mir davon erzählt.“
   Fanora entdeckte Inea, ihr Blick ruhte sekundenlang auf Ineas Haaren. Ein Hauch Verwunderung huschte über ihre Züge. „Wie heißt du?“
   Inea spürte ihr Herz schlagen. Sie nannte leise ihren Namen.
   „Inea“, wiederholte Fanora. „Woher kommst du?“
   „Sie weiß es nicht, hochgeschätzte Lehrerin“, kam Sirin Ineas Antwort zuvor und verneigte sich ehrfürchtig. „Inea ist ein Findelkind. Sie kam aus dem Dschungel. Den Namen habe ich ihr gegeben.“
   Fanora sah Inea an. „Das tut mir leid. Es muss schwer sein, nichts von seiner Herkunft zu wissen.“
   Inea erwiderte den Blick trotzig. „Was war, ist nicht wichtig“, erklärte sie fest. „Es zählt, was ist.“
   Fanora lächelte.
   Inea tat, als bemerke sie die Nachsicht nicht, die in der Geste lag. Sie sagte: „Wenn du eine Lehrerin bist, müsstest du das wissen!“
   Die alte Sirin erstarrte entsetzt. Schelo runzelte missbilligend die Stirn.
   Fanora jedoch blieb bei ihrem Lächeln. „Die Frage, was zählt, ist nicht so einfach zu beantworten. Selbst für uns Lehrer ist sie das nicht.“
   „Aber die Leute behaupten, dass ihr alle Antworten kennt!“, erwiderte Inea kampfeslustig.
   Schelo schüttelte den Kopf. „Niemand kennt alle Antworten“, sagte er ernst.
Fanora legte ihm die Hand auf den Arm. „Ich glaube, unsere junge Freundin zielt auf etwas ganz Bestimmtes ab, Schelo. Ist es nicht so?“, fragte sie Inea.
   Die senkte ertappt den Blick. Schelo legte ihr den Finger unters Kinn und hob Ineas Kopf. „Sprich ruhig!“
   Inea jubelte innerlich. Nach außen jedoch druckste sie verlegen. „Ich möchte auch gern die Antworten kennen.“
   „Antworten worauf?“, fragte Fanora.
   „Auf alles!“, platzte Inea heraus. „Warum die Meere nicht überfließen, obwohl doch so viel Regen fällt in jedem Jahr. Warum der Mond sich ständig wandelt. Woher die Lehrer kommen, ob sie wieder gehen, wenn sie uns alles beigebracht haben. Wohin gehen sie? Wer hat ihnen alles beigebracht?“
   Fanora hob lachend die Hand. „Genug, genug! Ich sehe, du brennst darauf, zum Schüler berufen zu werden.“
   Inea nickte eifrig.
   Fanora sah Schelo an. „Was hältst du davon, sie in deine Obhut zu nehmen?“
   Und Schelo antwortete: „Es verspricht eine interessante Aufgabe zu werden.“

Es wurde eine interessante Aufgabe. Nicht nur für Schelo, der, kaum dass eine Frage beantwortet war, sich einer neuen gegenübersah. Auch für Inea war es schwierig. Solange es um primitive Grundlagen ging, fiel es ihr nicht schwer, einen Wissensstand vorzutäuschen, der einem durchschnittlichen Menschen dieser Epoche entsprach. Doch schon bald bemerkte sie, dass sich Schelo darüber wunderte, wie schnell sie seine Ausführungen verstand. Er stellte sie immer neuen Lehrern vor und eines Tage ertappte Inea ihren Mentor dabei, wie er sie einem Intelligenztest unterzog. Sie schloss gut genug ab, um von Fanora und Schelo als sehr begabt eingestuft zu werden. Das gab Inea die Möglichkeit, ihr angebliches Lernpensum noch zu intensivieren, beschleunigte ihren Weg zu dem Wissen, das sie eigentlich von den Lehrer erlangen wollte. Doch nie – und dass ihr das gelang, wunderte sie manchmal selbst – wusste Inea mehr, als sie von Schelo oder einem der Lehrer erklärt bekommen hatte.
   Eines Tages kam Fanora unangekündigt in Ineas Unterrichtsstunde mit Schelo. Sie setzte sich ihnen gegenüber und sagte: „So geht das nicht weiter.“
   „Was geht wie nicht weiter?“, fragte Schelo erstaunt.
   Ineas hielt unwillkürlich den Atem an.
   Fanora sah sie an. „Du bist längst den Kleinen Studien entwachsen. Du hast in einem Jahr mehr gelernt, als andere Schüler während der zehnfachen Zeitspanne.“
   „Danke.“
   „Andere, die diesen Wissensumfang erworben haben, kehren heim, um die Menschen ihrer Dörfer zu unterrichten und das Erworbene nutzbringend anzuwenden.“
   „Aber ich möchte noch nicht gehen!“, fuhr Inea auf. „Da gibt es noch so viel, was ich nicht weiß! Wie ihr von eurem Planeten hierher gekommen seid, zum Beispiel.“
   „Um das zu verstehen, müsstest du die Struktur des Universums verstehen“, sagte Fanora.
   „Dann erkläre sie mir!“
   Fanora sah Schelo an. Der runzelte die Stirn. Inea kam dieser Augenblick wie eine halbe Ewigkeit vor.
   Fanora sagte: „Dieses Wissen ist nicht für euch bestimmt. Es nutzt euch nichts, kann aber im Lauf der Geschichte einiges Unheil heraufbeschwören.“
   „Aber Schelo weiß es doch auch!“, begehrte Inea auf. „Und er stammt ebenso von Kella wie ich!“
   Schelo nickte. „Sie hat Recht.“
   Fanora grübelte.
   „Ich sag's auch niemandem weiter!“, flehte Inea. „Kein normaler Kellaner wird etwas von mir über diese Dinge erfahren!“
   Fanora atmetet tief durch und sagte: „Na gut. Schelo hat sich intensiv mit diesem Gebiet beschäftigt. Ich glaube, er kann dich auch darin unterrichten.“
   „Das ist großartig!“, freute sich Inea. Und sie meinte es ehrlich: Ihr Ziel rückte um ein großes Stück näher.

Ineas Erwartungen schienen sich zu erfüllen. Einige der Grundlagen, die Schelo ihr zu vermitteln suchte, kannte sie zwar noch aus ihrem Studium zu Hause oder aus Büchern, die sie damals zu diesem Thema verschlungen hatte. Doch vieles davon erschien plötzlich in einem ganz neuen Licht, fügte sich zu einer faszinierenden Einheit. Inea geriet in einen Rausch. Wie simpel doch alles letztlich war! Wie einfach die Regeln, wie unerschöpflich ihre Kombinationsmöglichkeiten!
   Und vielleicht würde sie auch endlich erfahren, wieso sie hier war.
   Doch dazu brauchte sie jemanden, der ihr half. Jemanden, der genug physikalischen Sachverstand hatte, um mit der Theorie schöpferisch zu arbeiten, und der gleichzeitig mathematisch so versiert war, dass er konkrete Daten in ein handhabbares Modell fügen konnte.
   Schelo.
   Vorsichtig versuchte Inea, den Mann zu lenken. Er sollte das Gefühl haben, die Idee, sich mit Zeitverwerfungen zu beschäftigen, stamme von ihm selbst. Dazu musste sie ihn genauer kennen lernen. Also beobachtete Inea den Mann.
   Sie entdeckte plötzlich Dinge an Schelo, die ihr früher nie aufgefallen waren. Diese unruhige Handbewegung, wenn er erregt war. Dieses Lächeln, wenn er kurz vor der Lösung eines Problems stand. Dieser Augenaufschlag, mit dem er sich vergewisserte, ob Inea ihm auch zuhörte. Und ein seltsames Zögern, das er manchmal an den Tag legte. Zuerst konnte Inea nicht zuordnen, woher das kam. Die Situationen schienen zu verschieden, um den Grund für Schelos Zurückhaltung herauszufinden. Die Erleuchtung kam ihr ganz plötzlich: Es waren eigentlich zwei Gründe. Der eine: Schelo arbeitete schon längst an dem Thema, das Inea so am Herzen lag. Den Andeutungen, die der Mann machte, entnahm sie, dass er eine Idee verfolgte, die im Widerspruch zur Einheitlichen Physik zu stehen schien. Offensichtlich fürchtete er, sich lächerlich zu machen, wenn er offen über seine Zeitsprung-Theorie sprach. Und zweitens: Am meisten fürchtete er dabei, sich bei seiner Schülerin, bei Inea, lächerlich zu machen.
   Inea war erleichtert. Alles schien sich noch besser zu fügen, als sie es geplant hatte. Schelo arbeitete bereits an ihrem Problem und was das andere anging – Inea lächelte – Schelo war durchaus der Mann, mit dem sie gern auch privat zusammen war.

Es folgten zwei intensive Wochen. Schelo, der endlich einen Partner gefunden hatte, mit dem er über seine Theorie sprechen konnte, stürzte sich in die Arbeit. Inea assistierte ihm dabei, trug Daten zusammen, half beim Berechnen der anfallenden Gleichungssysteme, versuchte Schelo zu bremsen, wenn er sich in allzu kühnen Spekulationen zu verlieren drohte.
   In dem gemeinsamen Quartier, das sie beide bezogen hatten, versuchte Inea, für Gemütlichkeit zu sorgen. Schelo nahm das kaum wahr. Er brachte seine Arbeit mit nach Hause, vertiefte sich bis in den späten Abend darin. Kaum, dass er sich Zeit zum Essen nahm. Manchmal gelang es Inea, ihn mit Zärtlichkeiten davon abzuhalten, sich auch noch die Nacht über mit seinen Berechnungen zu beschäftigen. Dann machte sich allerdings bemerkbar, dass diese Versuche in den Nächten vorher fehlgeschlagen waren: Kaum hatten Ineas Küsse und ihr Streicheln ihn ein wenig entspannt, schlief Schelo übermüdet ein. Zuerst war Inea darüber enttäuscht, doch dann betrachtete sie sein schlafendes Gesicht, auf dem ein Ausdruck seliger Vorfreude lag, und lächelte.
   In diesen Nächten stand Inea auf, um in Schelos Unterlagen zu blättern. Sie genoss es zu sehen, wie sie ihrem Wunschtraum näher und näher kam. Sie würde endlich erfahren, welche Kraft sie verdammte, wieder und wieder in der Zeit zurückgeschleudert zu werden, um dann in ewiger Jugend durch die Geschichte zu leben. Einmal hatten sie nur noch ganze einhundertfünf Jahre vom Tag ihrer Geburt getrennt. Sie war zurückgestürzt um fast fünfzehn Jahrhunderte. Und auch das war inzwischen schon wieder so lange her, dass es Inea wie ein Traum erschien.
   Vielleicht – so dachte die Frau in einer dieser Nächte – würde Schelos Formel ja sogar eine Möglichkeit zeigen, wie sie nach Hause zurückkehren konnte. Inea starrte dabei auf ein Blatt, an dem Schelo offenbar gerade gearbeitet hatte, bevor er ins Bett gekommen war. Eben dachte sie, dass es ihr ja schon helfe, den nächsten Zeitsprung vorher bestimmen zu können, als sie die Lösung entdeckte. Sie war noch nicht ausformuliert, war noch halb verborgen in den Notizen. Aber sie war schon absehbar.
   Inea griff nach einem Blatt Papier, um die Berechnungen zu Ende zu führen. Sie setzte den Stift an – und bekam Angst. Was, wenn sie einen Fehler machte und Schelo damit auf eine falsche Spur führte? Was, wenn sie keinen Fehler machte und die Formel ergab, dass sie nie nach Hause gelangen würde?
   Und dann dachte Inea: Was, wenn die Formel ihr den Heimweg zeigte? Hieße das nicht, dass sie genauso gut auch jeden anderen Weg durch die Zeit zeigen müsste? Könnte sie damit nicht mehr tun, als nur heimzukehren? Könnte sie damit nicht auch zu den Orten, wo sie Unvollendetes hatte zurücklassen müssen? Konnte sie damit vielleicht Fehler korrigieren, die sie gemacht hatte? Fehler, die andere gemacht hatten? Die Geschichte von Kriegen befreien?

Am nächsten Tag kam Schelo nicht dazu, an der Formel zu arbeiten. Fanora bat ihn und Inea, sie in das Dorf zu begleiten, wo Schelos Bruder als Steinhauer arbeitete. Fanora hatte mit dem Steinmetz irgendwelche Pläne für eine Tempelstadt zu besprechen, und Schelo nutzte die Gelegenheit, seine Eltern zu besuchen.
   Inea ging zu Sirin. Die Alte presste ihr einen ganze Krug Parel-Saft aus. „Du siehst blass aus“, stellte sie dabei fest.
   „Ich habe viel studiert in der letzten Zeit“, erklärte Inea.
   Sirin fragte, wann Inea heimkommen würde. „Unser Dorf kann eine Kleine Lehrerin brauchen. Es gab viele Kranke im letzten Jahr.“
   „Ich habe nicht viel über Krankheiten gelernt“, erwiderte Inea.
   Sirin sah sie groß an. „Wozu bist du dann bei den Lehrern in ihrem Tempel?“
   „Ich habe andere Dinge gelernt, Sirin. Nur wenig davon hat Nutzen für das Dorf.“
   Die alte Frau wackelte mit dem Kopf. „Wozu hast du es dann gelernt, wenn es nichts nutzt?“
   „Um die Welt zu verändern, Sirin. Um das Schlechte aus der Welt zu entfernen.“
   „Wer bestimmt, was schlecht ist, Kindchen? Hier!“ Die Alte reichte Inea einen Becher. „Trink das, es bringt die Farbe zurück in dein Gesicht.“
   Inea roch an dem Becher. Sie sah entsetzt auf. „Das ist ein Aufguss aus Torano-Blüten! Torano ist giftig!“
   Sirin lachte meckernd. „Kluges Kind! Du hast doch noch etwas Nützliches in deinem Kopf! Aber sei unbesorgt! Dies hier sind Torano-Blüten, vermischt mit Segpare. Dieses Kraut verhindert, dass das Gift seine Wirkung tut. Es bringt nur dein Blut in Wallung.“
   Inea lächelte. „Mein Blut?“
   Sirin nickte. „Und das deines Mannes, wenn du ihm den Sud zu trinken gibst.“
   „Hast du noch mehr davon?“
   Sirin gab ihr zwei Lederbeutel und zwinkerte schelmisch.
   Am Abend mischte Inea jeweils eine Handvoll Torano-Blüten und Segpare-Kraut und brühte einen Tee. Sie brachte Schelo einen Becher davon an den Schreibtisch. Er blickte kaum auf, sondern kritzelte an seinen Berechnungen weiter. Wie nebenbei griff er nach dem Becher, hob ihn zum Mund, stockte und setzte ihn, ohne getrunken zu haben, wieder ab. Dabei stellte er den Becher auf einen Berg Papier, der ins Rutschen geriet. Inea reagierte sofort und rettete Tee und Papier. Schelo nahm auch davon keine Notiz.
   Inea gab auf. Sie ging enttäuscht ins Bett. Sie hörte Schelo mit dem Papier rascheln und ertappte sich dabei, darauf zu warten, dass er ins Schlafzimmer gestürzt käme und die Lösung verkündete.
   Dann dachte Inea darüber nach, was sie sagen würde. Sollte sie verraten, dass sie aus einer anderen Zeit, aus der Zukunft stammte? Sollte sie Schelo berichten, was seinem Volk bevorstand? Sollte sie Fanora bitten, dass ihr Volk dem Volk der Schüler beistand, gegen die Kellaner, die kommen würden?
   Doch vielleicht war es besser zu schweigen. Wie immer. Und einfach abzuwarten, ob die Lehrer die Bedingungen der Formel erzeugen konnten, ob die theoretische Zeitreise auch praktisch ausführbar war.
   Und dann? Würde Inea heimkehren. Oder zurück nach SannTa'a, um die Stadt zu retten. Oder nach Surland, um dort die Keime des Krieges zu ersticken.
   Die Lehrer könnten ihren Planeten retten.
   Man könnte die ganze Welt auf den Kopf stellen. Entwicklungen aufhalten und auslösen. Morden wäre plötzlich ganz einfach, man brauchte nur die Zeugung zu verhindern. Diese Macht in den falschen Händen würde das Chaos hervorrufen.
   Und dann dachte Inea daran, dass alles, aber auch alles irgendwie in falsche Hände gelangen konnte. Irgendwann. Der Zeitpunkt wäre in diesem Fall sogar völlig belanglos. Ein zufälliger Beobachter, ein gezielt arbeitender Spion –und schon könnte niemand mehr kontrollieren, wer Zugang zu dieser Zeitbombe hatte.
   Schelo kam. Inea stellte sich schlafend. Doch in Wirklichkeit rasten ihre Gedanken auf der Suche nach einem Ausweg.

Am nächsten Nachmittag hatte Schelo die Formel. Sie übertraf alle Erwartungen.
   „Wenn dies hier richtig ist“, schwärmte er Inea vor, „dann lässt sich jeder beliebige Ort im Raum-Zeit-Gefüge unserer Welt damit erreichen! Wir könnten jeden Planeten des Universums besuchen! Die Lehrer könnten in ihre Vergangenheit reisen und den Untergang ihres Imperiums verhindern! Oder wir könnten selbst zu Lehrern unserer Vorfahren werden!“
   Inea lächelte. Dass ihr Lächeln blass blieb, fiel Schelo in seiner Begeisterung nicht auf.
   „Ich muss zu Fanora!“, rief er und raffte die Blätter zusammen.
   „Warte!“, hielt Inea ihn zurück. „Du kannst sie nicht einfach damit überfallen! Nicht, nachdem du ihr bis jetzt nichts gesagt hast. Und was, wenn ein Fehler in der Formel steckt?“
   Schelo zögerte.
   „Sieh mal“, bat Inea und rückte Schelo einen Stuhl heran. Der Mann setzte sich. „Wir haben nun schon so lange an den Lehrern vorbei gearbeitet“, fuhr Inea fort, „dass es auf einen Tag mehr oder weniger nicht ankommt. Lass uns die Formel lieber noch einmal prüfen! Und lass uns eine Strategie ausdenken, wie wir Fanora behutsam auf die Sache vorbereiten!“
   „Ja“, stimmte Schelo zu. „Ja, das sollten wir wohl tun.“
   Inea lächelte. „Und weißt du, was wir noch tun sollten?“ Sie setzte sich auf Schelos Schoß und schlang ihm die Arme um den Hals.
   „Was?“, wollte Schelo wissen.
   „Etwas, das wir noch nie getan haben.“
   Er runzelte fragend die Stirn.
   Sie beugte sich zu seinem Ohr und flüsterte: „Wir haben das Bett noch nicht eingeweiht. Ich musste dich bisher mit deiner Arbeit teilen, aber jetzt … Wir haben schließlich allen Grund für eine kleine Feier.“
   Schelo begriff endlich. „Ja“, lächelte er, „das haben wir.“ Er wollte Inea küssen, doch sie entwand sich ihm. Sie ging hinüber zum Tisch, wo zwei Becher und ein Krug bereit standen. Sie schenkte ein und reichte Schelo einen der Becher. „Auf uns!“, sagte sie und prostete ihm zu.
   „Auf uns“, antwortete er und hob den Becher ebenfalls. „Auf unsere Formel, die die Welt verändern wird!“ Er trank, merkte auf. „Was ist das?“
   „Lass es wirken“, lächelte Inea.
   „Ist da Torano drin?“
   „Lass es wirken“, wiederholte sie. Sie stellte ihren Becher auf den Tisch und trat ganz dicht an Schelo heran.
   Der Mann stand auf, küsste Inea. Er legte seine Arme um sie, hob die Frau hoch und trug sie ins Schlafzimmer. Er legte sie aufs Bett und beugte sich über sie. Inea erwiderte Schelos Kuss. Sie hielt den Mann fest, ganz fest, selbst als die Kraft seines Kusses schwächer wurde.
   Schelo wurde spürbar matter. Er legte seinen Kopf auf Ineas Brust. „Ich höre dein Herz schlagen“, sagte er leise. „Es klingt ganz ruhig und stark.“
   „Ja“, sagte Inea, starrte an die Decke und streichelte mechanisch Schelos Rücken.
   „Ich fühle mich sehr wohl bei dir“, murmelte Schelo schläfrig. „Lass uns heiraten!“
   „Ja.“
   Schelo antwortete nicht mehr. Sein Atmen kündete davon, dass er eingeschlafen war. Inea lauschte auf das leiser werdende Geräusch. Als es ganz verstummt war, küsste sie Schelos Kopf und legte ihn neben sich. Dann stand sie auf und ging in das Arbeitszimmer. Sie nahm Schelos Aufzeichnungen und blätterte darin.
   Die Formel war wirklich simpel. Umfangreich zwar, aber simpel. Jeder halbwegs intelligente Mensch konnte sie für Zeitreisen benutzen. Jeder, dem sie in die Finger fiel, bekam die Macht, die Welt nach seinem Wunsch zu formen. Ein einzelner konnte mit dieser Formel alles auslöschen, was die Geschichte Kellas ausmachte und ausmachen würde. Und kein Gesetz, kein Kontrollapparat würde je absichern können, dass sich nicht irgendwer irgendwann auf die Zeitreise machte, um die Welt zu verändern.
   Wenn die Formel erst dieses Zimmer verließ, würde nichts mehr sein, wie es war.
   Inea nahm Schelos Feuerzeug und hielt die winzige bläuliche Flamme an das Blatt mit der Formel. Es rollte sich, wurde schwarz und klein und fiel auf die anderen Papiere. Das Feuer fraß sich durch Schelos Notizen, leckte am Furnier des Schreibtisches, züngelte am Holz des Stiftebechers empor.
   Die Frau wandte sich ab und ging ins Schlafzimmer. Die winzige blaue Flamme erfasste das Betttuch. Schelos Leiche lächelte. Auch das verschwand rasch in den Flammen.
   Der Rauch trieb Tränen in Ineas Augen. Sie wischte sie nicht fort.
   Dann ging Inea. Sie hörte ihre Schritte und das wütende Knattern der Flammen hinter sich. Sie sah den tanzenden Schatten zu ihren Füßen. Jemand im Tempel schrie. Es berührte sie nicht. Nichts berührte sie mehr. Sie hatte zum ersten Mal in ihrem langen Leben jemanden ermordet.
 

Version vom 02. 05. 2001 12:28

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
umwerfend!

erst dachte ich, das wird ne banale liebesgeschichte, aber der schluß haut ein wie ne bombe. schade, daß die weisheit (die formel unentdeckt zu lassen) keinen humaneren weg gefunden hat. der mord an schelo ist gemein. die mörderin wird nie mehr die person sein, die sie vorher war. jedenfalls ne tolle geschichte, gut geschrieben und gut erzählt. ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2002

Werke: 43
Kommentare: 1978
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Michael Schmidt eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Mein Kommentar : Schlicht und ergreifend gut!

Bearbeiten/Löschen    


Taurec
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2003

Werke: 3
Kommentare: 80
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Taurec eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hat mir sehr gut gefallen, auch wenn mir der Mord am Ende nicht so gefiel.
Mit der Vernichtung dieser Formel wird wohl auch Inea nicht mehr nach Hause finden können... bedauerlich.
__________________
Alles ist auf irgendein Naturgesetz zurückzuführen. Wenn uns etwas unnatürlich vorkommt, dann nur deshalb, weil wir das entsprechende Naturgesetz noch nicht kennen.

Bearbeiten/Löschen    


no-name
Guest
Registriert: Not Yet

Wow! (Und ich bin wahrlich kein SciFi-Fan...!)

Eine sich ganz langsam entwickelnde Geschichte, die kontinuierlich an Spannung zulegt und so den Leser in seinen Bann zieht. Diese Ruhe und Emotionslosikleit von Inea birgt für mich eine ganz eigene Faszination. Man bekommt den Eindruck, als würde sie die ganze Zeit über nie ihr Ziel aus den Augen verlieren. Echt beeindruckend!

Das Ende konnte man meiner Meinung nach zwar erahnen, aber das tut der Qualität der Geschichte für mich keinen Abbruch.

Freundliche Grüße von no-name.

Bearbeiten/Löschen    


Burana
Guest
Registriert: Not Yet

Der letzte ausgezeichnet geschriebene Text, den ich in der Richtung las, und der seither zu meinen Lieblingsromanen gehört, ist 'Die Nebel von Avalon' von Marion Zimmer Bradley. Du stehst dem in nichts nach. Und das, mein lieber Jon, ist ein Riesenkompliment an Deinen Schreibstil und an diese Geschichte.
Liebe Grüße, Burana

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Science Fiction Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!