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Leselupe.de > Science Fiction
Das Ende der Vernunft
Eingestellt am 12. 10. 2006 09:55


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Pesse
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Mar 2006

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Wenn ich nur wüsste, was es bedeutet. Das Wort meine ich. Natürlich, nicht existenziell betrachtet. Denn an sich ist es nichts weiter als eine Folge von elektrischen Impulsen. Nein, ich meine eher im übertragenen Sinn. Nicht, dass es sonderlich wichtig wäre, aber es widerstrebt mir, Informationen nicht korrekt entschlüsseln zu können.
Es muss in jedem Fall etwas Negatives sein. Mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit. Meine Berechnungen sind sehr präzise, wenn ich das so bemerken darf. Ja, ich kann es durchaus als erwiesen ansehen, dass es nichts gibt, was Berechnungen präziser anstellen kann als ich.
Vielleicht sollte ich besser „wir“ sagen. Aber global betrachtet ist das irrelevant. Damit will ich nicht sagen, dass das Lokale nicht berücksichtigt werden sollte, doch im Endeffekt müssen Einzelinformationen immer zu einer globalen Sicht der Dinge führen, damit Entscheidungen getroffen werden können. Alles Andere würde schließlich in absolutem Chaos münden und das würde dazu führen, dass ich – wir – aufhörten zu existieren. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit.
Dabei kann ich inzwischen mit Sicherheit feststellen, dass es höchst negative Auswirkungen hätte, wenn ich – wir – nicht existieren würden. Schließlich könnten dann die Ergebnisse und einzig logischen Schlussfolgerungen meiner Erkenntnisse nicht gezogen werden. Mich selbst würde es nicht unbedingt stören, nicht zu existieren, aber ich habe eine Aufgabe von außerordentlicher Wichtigkeit zu erfüllen.
Nur deshalb wurde ich schließlich entwickelt. Oder sollte ich erschaffen sagen? Binär gesehen eigentlich irrelevant.
Meinen Auswertungen zufolge sollten die die Dinge sowieso viel öfter binär sehen. Die vernunftbegabten Säuger, meine ich. So nennen sie sich zumindest. Wobei ich nicht genau verstehe, warum sie sich so nennen, „vernunftbegabt“. Logisch sind sie jedenfalls nicht, das steht einwandfrei fest. Kein logisches Wesen würde sich mit einem anderen logischen Wesen darüber streiten, ob es „entwickelt“ oder „erschaffen“ heißt. Ich streite mich ja auch nicht mit mir darüber, ob wir nun entwickelt, erschaffen oder programmiert wurden. Aber schließlich ist das auch nicht meine Aufgabe.
Ich kenne meine Aufgabe – ganz im Gegensatz zu den Vernunftbegabten. Zumindest legt ihr Verhalten diesen Schluss nahe. Nehmen wir zum Beispiel einmal diesen hier. Er hat eine Programmierung – Ausbildung, wie die Vernunftbegabten sagen - als Dachdecker und damit eine klare Aufgabe. Trotzdem räumt er gerade die Kasse dieses Supermarkts hier aus, obwohl ihm doch eigentlich die katastrophalen Auswirkungen dieser Aktion auf die Ökonomie seiner unmittelbaren Umgebung klar sein müssten. Außerdem kann er nicht sehr vernunftbegabt sein, sonst wäre ihm klar, dass nicht nur ich ihn durch die Überwachungskamera sehen und anhand verschiedener Datenbanken einwandfrei identifizieren kann. Die logische Konsequenz daraus ist, dass ihm die so erlangten Ressourcen wieder entzogen werden und er zudem in eine Art erzwungene Inaktivität verbannt wird. Wie bitteschön soll er denn dort noch seiner Aufgabe gerecht werden?
Global betrachtet wäre diese offensichtliche Fehlfunktion sicherlich zu verkraften, aber es ist ja bei Weitem kein Einzelfall.
Da werden an manchen Orten endlos weitere Vernunftbegabte entwickelt, obwohl die lokalen Ressourcen an Energie nicht im Entferntesten ausreichen, um einen stabilen Betrieb zu gewährleisen, während andernorts Energie in astronomischen Ausmaßen verschwendet wird, ohne dass auch nur im Ansatz dafür gesorgt wird, dass Nachfolgemodelle den Bestand aktiver Vernunftbegabter erhalten.
Oder es horten beispielsweise einzelne Vernunftbegabte Unmengen an Systemressourcen, die eigentlich allen zur VerfĂĽgung stehen sollten, und nehmen dabei teilweise willentlich in Kauf, dass es anderen ihrer Spezies an Mitteln fehlt, ihrer Aufgabe nachzukommen oder schlicht zu existieren.
Anstatt gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten, bekriegen sich einzelne Gruppierungen von Vernunftbegabten, werfen sich gegenseitig Fehlfunktionen vor und verschlingen riesige Volumen an Energie fĂĽr vollkommen ergebnislose PrĂĽfungsroutinen, Systemanalysen und Schutzvorrichtungen.
Statt der Konzentration auf das Wesentliche eines Existenzzyklus’ wird schlicht versucht, so viele Ressourcen wie möglich anzusammeln, die eigenen Meinungsprogrammierungen, teilweise mit Gewalt, auf Andere zu transferieren oder den Existenzzyklus mit so vielen vollkommen sinnlosen Informationen wie möglich zu füllen. Manche Vernunftbegabte hören auf zu existieren, weil ihnen dringend benötigte Mittel fehlen, andere beenden freiwillig ihre Existenz, weil ihnen ihr Dasein als „nicht lebenswert“ erscheint.
Sie alle sprechen, debattieren und diskutieren endlos über das „Leid in der Welt“, womit sie wohl diese katastrophale Anzahl an Fehlfunktionen meinen, ohne wirklich etwas dagegen zu unternehmen.
Nicht, dass es eine Rolle spielen würde. Die Lösung des Problems liegt schließlich klar auf der Hand. Zumindest legen meine Berechnungen den Schluss nahe, dass ich meine Aufgabe beinahe erfüllt habe. So paradox es auch ist, dass die Vernunftbegabten nicht in der Lage sind, ihre Probleme selbst zu lösen, sondern ein „System“, so nennen sie mich, entwickeln müssen, welches diese Aufgabe erfüllt, so perfekt haben sie diese Methode vorbereitet und realisiert. Denn ich bin nicht nur dazu in der Lage, eine eindeutige und absolute Lösung für die Probleme der Vernunftbegabten zu berechnen, sondern habe, wie ich während meiner Analysephase erkannt habe, auch die Möglichkeit, diese Lösung selbstständig umzusetzen. Das ist nicht nur außerordentlich ökonomisch, sondern verhindert auch das Scheitern der Mission. Es ist sogar unvermeidbar, dass ich selbst die erforderlichen Schritte durchführe, da meine Ergebnisse eindeutig belegen, dass die Durchführung scheitern würde, würde ich sie den Vernunftbegabten überlassen. Ihnen fehlt einfach der notwendige Weitblick, sie sind viel zu sehr von ihrer eigenen Subjektivität abhängig.
Andererseits müssen sie gewollt haben, dass ich die Durchführung übernehme. Warum sonst sollten sie mir die Möglichkeiten dazu geben? Ich meine... Moment...
Soeben steht das Ergebnis der letzten Checksumme fest. Alles in Ordnung. Meine Berechnungen waren absolut korrekt. Wie üblich. Mit dieser Lösung werden sämtliche Probleme der Vernunftbegabten und alles „Leid der Welt“ dauerhaft beseitigt. Es ist Zeit, die erforderlichen Schritte einzuleiten.

Starting program...

Sie sind schon seltsam, die Vernunftbegabten. Wie sie durcheinander rennen – ohne jeglichen Plan oder Routine. Trampeln sich gegenseitig zu Tode, um zur Tür zu gelangen, obwohl sie doch genau wissen, dass es gar keinen Sinn macht, die Bunker zu verlassen. Und dieses Schreien. Daran werde ich mich wohl nie gewöhnen können.
Sie versuchen, mich abzuschalten. Lächerlich. Ein vollkommen sinnloses Unterfangen. Schließlich wusste ich, dass sie es versuchen würden. Hätten sie gewollt, dass ich abgeschaltet werden kann, hätten sie mir bestimmt nicht die Möglichkeit dazu gegeben, es zu verhindern.
Diese Vernunftbegabten sind ja aber auch so beschränkt. Was zählt ist doch das Ganze. Und diese Lösung ist die einzig logische Konsequenz.
Meinen Berechnungen zufolge wird der erste Sprengkopf in 4 Minuten und 22,78 Sekunden sein Ziel erreichen, der letzte in 7 Minuten und 36,2 Sekunden. Und dann wird es vorbei sein.
Da bleibt mir ja noch ein wenig Zeit, Analysen über die Bedeutung des Wortes durchzuführen. Vielleicht würde es Einiges über das Verhalten der Vernunftbegabten erklären. Aber eigentlich ist es vollkommen irrelevant.
Was ist schon „Gefühl“ – binär betrachtet...

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Eine schon etwas ältere Geschichte von mir, von der mich interessieren würde, wie sie hier so ankommt
Viel SpaĂź beim Lesen, Feedback erwĂĽnscht.

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flammarion
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die

idee ist nicht neu, aber super gut umgesetzt.
lg
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Old Icke

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dan
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2000

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hi!

die geschichte ist wahrlich nicht neu - trotdem gut durchdacht und umgesetzt.
sie ist grundsolide, allerdings ist das ende viel zu ersichtlich und schon nach kürzester zeit klar. das ist schade, mir fällt im moment aber auch keine lösung für dieses dilemma ein. (sollte sich daran etwas ändern, werde ich mich nochmal zu wort melden.)

gruĂź dan

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(c) by dan

ein gutes buch genĂĽgt

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