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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Ende der Welt
Eingestellt am 29. 09. 2002 15:04


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Sebastian Dalkowski
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2001

Werke: 33
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RÀtsel der Schöpfung

»Gott sah alles, was er gemacht hatte, und fĂŒrwahr, es war sehr gut.«
Genesis 1, 31


Der Mann stand auf der Veranda vor dem kleinen Haus und betrachtete seine Welt. Das, was er dort sah, gefiel ihm nicht. Seine mĂŒden Blicke schweiften ĂŒber eine kahle, triste Steppenlandschaft, die sich bis zum Horizont und darĂŒber hinaus erstreckte. Dichter Rauch verhĂŒllte die Sonne und warf tobende Schatten auf die Erde. Überall schien er herzukommen. Er quĂ€lte sich aus zerstörten Vorstadtvillen, die sich frĂŒher an schmucken Baumalleen geschmiegt hatten, aus brennenden Firmenkomplexen, von deren Chefetagen aus einst das mĂ€chtige Bollwerk der Industrie kontinuierlich aufgebaut worden war, aus eingestĂŒrzten Hochhausanlagen, die vor nicht allzu langer Zeit noch unermĂŒdlich arbeitenden Menschen ein sicheres Heim geschenkt hatten, aus verrotteten LĂ€den, die sich dicht an dicht in die FußgĂ€ngerzone gequetscht hatten, und aus abgebrannten Farmbetrieben, die ehemals Tag fĂŒr Tag in hektisches Treiben verfallen waren, um den Hunger Aller zu stillen.
Zwischen all diesen Ruinen stach gelegentlich ein verkĂŒmmertes, von der Asche ergrautes und gefangenes PflĂ€nzchen hervor, das keine Kraft mehr hatte, die letzten Sonnenstrahlen zu erhaschen, die ihrerseits verzweifelt durch die schier undurchdringliche Nebelwand zu schlĂŒpfen versuchten. Wasser hatte schon seit Unendlichkeiten, seit dem Höhepunkt der unvorstellbaren Hitze, nicht mehr die kĂŒmmerlichen Wurzeln berĂŒhrt. Die großen Ströme der Welt waren lĂ€ngst ausgetrocknet und nur die mĂ€chtigen Flussbette zeugten noch von ihrer ruhmreichen Vergangenheit, in der sie die mĂ€chtigsten Schiffe und elegantesten Boote sicher zu ihrer Destination geleitet hatten.
Doch all das verblasste im Gegenteil zu einer viel erschreckenderen Erkenntnis, im Gegensatz zu einer grauenhaften Kognition: Kein Lebewesen strolchte mehr ĂŒber die Mondlandschaft, kein Kinderlachen, kein Hundegebell, kein Vogelgesang durchbrach die apokalyptische Stille. All das gab es nicht mehr, war absent fĂŒr alle Ewigkeit.
Verweste Leichen sĂ€umten die aufgerissenen, verkommenen Straßen. Leblose Körper lugten zwischen HĂ€userruinen hervor, mit entwĂŒrdigtem Angesicht, in bizarrer, abstruser Stellung oder einfach nur banal und steif. Der Tod- ĂŒberall war er anwesend, keine Stelle, an dem nicht ein erloschenes Individuum den defĂ€tistischen Blicken des Mannes begegnete, kein unbefleckter Ort, an dem ihm nicht der nackte Tod entgegen grinste. Er war prĂ€sent fĂŒr alle Zeiten.
Der Mann war der einzige, den das endgĂŒltige Ende, der obligate Exitus, noch nicht ereilt hatte, der einzige, der der Vernichtung bisher hatte entkommen können. Doch er wusste selbst am besten, dass es auch ihn bald treffen musste. Da machte er sich keine Illusionen, sondern schĂ€tzte realistisch seine Lage ein. Die Indizien waren einfach zu deutlich. Sein Körper war in den letzten Wochen rigoros schwĂ€cher geworden, zu einem asthenischen, morbiden Korpus verkommen. Zuerst war es nur ein leichter Husten gewesen, dann kamen immer heftiger werdende SchweißausbrĂŒche und intransingente SchwĂ€cheanfĂ€lle hinzu, die ihn Tag und Nacht peinigten, unabhĂ€ngig davon, ob er arbeitete oder schlief. Es hatte ihn viel Kraft gekostet, noch einmal nach draußen zu gehen und sich zu verabschieden. Es wĂŒrde ihn bald ereilen, perfide und schleichend. Vielleicht blieben ihm noch ein paar Tage, vielleicht nur noch ein paar Stunden, Minuten, vielleicht sank er auch schon im nĂ€chsten Moment zu Boden und beendete sein Dasein.
Seine Gedanken schweiften zurĂŒck in die Vergangenheit, an den Anfang des Dramas. Wie hatte es so weit kommen können, wie war die Apokalypse der Erde möglich geworden...

Als der amerikanische PrĂ€sident Truman am 6. August 1945 den Befehl gab, eine Atombombe ĂŒber Hiroshima fallen zu lassen, ahnte niemand, dass damit die endgĂŒltige Zerstörung der Erde eingeleitet worden war. Sie war der traurige Höhepunkt der menschlichen Fehlentwicklung. Schon in frĂŒhester Vorzeit hatte der Mensch die Natur ausgebeutet, ohne RĂŒcksicht gelebt, seine egoistischen Triebe befriedigt. Schon frĂŒh hatten sich riesige Heere bekĂ€mpft, zuerst auf offenem Feld, dann hinterhĂ€ltig versteckt im GelĂ€nde und schließlich nur noch per Knopfdruck. Die besten Forscher waren fĂŒr die Weiterentwicklung von Waffen eingesetzt worden, von elitĂ€re Waffen, die noch mehr Zerstörung ĂŒber den Feind bringen sollten. Die Gewalt herrschte ĂŒber allem. Das römische Reich hatte nur mit ihrer Hilfe sein Weltreich aufbauen können, Karl der Große hatte immer wieder mit seinen Truppen die Angriffe seiner Feinde abwehren mĂŒssen und die französische Revolution hĂ€tte ohne den Einsatz von Waffen und Kampfkraft niemals zum Erfolg gefĂŒhrt. Gewalt gegen Gewalt.
Doch alles hatte seinen vorlĂ€ufigen Höhepunkt im 20. Jahrhundert gefunden. Die deutschen Chemiker Otto Hahn und Fritz Straßmann spalteten ein Uranatom und hatten damit das erbĂ€rmliche Wettrennen, um die perfekteste, grausamste, letalste und wirkungsvollste Waffe der Welt eingelĂ€utet: Die Atombombe.
Am 16. Juli 1945 zĂŒndeten die USA die erste ihrer Art auf einem TestgelĂ€nde und was dann folgte war eine der grĂ¶ĂŸten Katastrophen, der die Menschheit je hatte beiwohnen mĂŒssen: Hiroshima. Hunderttausende starben qualvoll, unzĂ€hlige andere wurden heimatlos. Doch die Menschheit lernte nicht aus diesem Desaster. Sie hatten nicht begriffen, welch verheerende Wirkung die Atomforschung haben konnte, und baute Atomkraftwerke in der desperaten und ridikĂŒlen Hoffnung, damit ihren Fehler, den exorbitanten Verbrauch von Brennstoffen, wieder ausmerzen zu können. Aber die Menschheit ĂŒbersah die Warnzeichen. Sie ĂŒbersah den Störfall von Harrisburg an und tat ĂŒberrascht, als das ReaktorunglĂŒck von Tschernobyl an jenem 26. April des Jahres 1986 in die traurige Geschichte der Atomenergie einging. UnzĂ€hlige Menschen litten noch Jahre spĂ€ter an der Verstrahlung. Man versprach den Leuten, dass so etwas nie mehr vorkomme, dass nun alles sicherer und honetter sein werde, man gelobte feierlich eine neue, gemeinsame Welt zu errichten.
Es kam alles anders. Der Ost-West Konflikt, die Auseinandersetzung zwischen Russland und den USA, die Kontroverse zwischen zwei Nationen, die unterschiedlicher nicht hĂ€tten sein können, spitzte sich immer weiter zu. Niemand traute dem anderen, niemand glaubte dem anderen mehr ein Wort, jedes gequĂ€lte Treffen blieb doktrinĂ€r, ohne positive Entwicklung. Und nicht nur dort herrschte Missvertrauen. Überall herrschte es. In der Wirtschaft, auf der Straße, in den Parks, in den Wohnvierteln, in den GeschĂ€ften, in den Kirchen, ja selbst in Schulen und UniversitĂ€ten. Es gab sogar einige, die nicht einmal sich selbst mehr trauen konnten. Missvertrauen, das zum VerhĂ€ngnis wurde.
Am 22. 9. 2012 sichteten die Radarschirme der US-Armee feindliche Geschosse: Atombomben. Der PrĂ€sident musste handeln und drĂŒckte ohne zu zögern den roten Knopf. Damit war die letzte Runde der Erde eingelĂ€utet, die Sonne wĂŒrde schon bald nicht mehr aufgehen......

Der Mann sah auf, wie von einem Geschichtsaufsatz, und versuchte nicht weiterzudenken. Es war zwecklos. Vergangenheitsfetzen schossen ihm in durch Kopf: Der Tod seines einzigen Sohnes, der bei einem Fliegerangriff sein leben hatte lassen mĂŒssen. Der qualvolle Tod seiner Frau, die nach Tagen des Kampfes gegen eine unheilbare Krankheit, teuflische Konsequenz der atomaren Verseuchung, an einem grauen Montagmorgen verstorben war. In seinen Armen hatte sie ihren letzten Atemzug gemacht. Nie, nie, wĂŒrde er ihren letzten Blick vergessen. Augen voller Hoffnung und zugleich so hoffnungslos, Augen voller Freude und doch gleichzeitig von unglaublicher Trauer geprĂ€gt.
Der Mann sah auf und holte einen tiefen Atemzug, der ihm den Tod ein StĂŒckchen nĂ€herbrachte. Paradox, aber so erschreckend war.
Woher dieser Hass? Woher dieses Misstrauen?
Seine Gedanken schwirrten nur um dieses Thema.
Wieso hatte sich alles so schnell verÀndert, zum Bösen gewendet?
Eine traurige Erkenntnis ereilte den Mann. Unverhofft. Keine Antwort auf seine Fragen, nur eine bittere Erkenntnis: Die Menschheit hatte die Erde nicht verdient. Nein, keiner hatte sie verdient, alle hatten sie einen Anteil am jetzigen Zustand . Auch er?
Was hatte er gemacht, um den Frieden der Welt oder wenigstens den in seinem tĂ€glichen Leben ein wenig aufrecht zu erhalten? Erneut schweiften seine Gedanken zurĂŒck in die Vergangenheit, in seine Vergangenheit, in den Teil, den er lange versucht hatte zu verdrĂ€ngen, weil er immer die Zukunft hatte denken wollen.
1977 war er als einziges Kind einer Mittelstandsfamilie geboren worden. Wie jedes andere Kind war er in den Kindergarten und danach in die Schule gegangen. Er konnte sich noch genau erinnern, wann er zum ersten Mal zugeschaut hatte. Ein Junge, zwei Jahre Ă€lter und dementsprechend grĂ¶ĂŸer, hatte seinen Freund auf dem Heimweg verprĂŒgelt, einfach so, ohne Angabe von GrĂŒnden. Der Mann war nicht eingeschritten, hatte nur stumm zugeschaut und seinen Gerechtigkeitssinn in sich hineingefressen. Ein paar Jahre spĂ€ter war er wieder stumm geblieben. Die Nachricht vom Test einer Atombombe hatte er regungslos hingenommen. Ohne ein Wort. Das hatte sich auch im weiteren Verlauf seines Lebens nicht mehr geĂ€ndert. Immer wenn ein Wort des Protestes angebracht gewesen war, immer wenn es auf die Courage jedes einzelnen angekommen war, hatte er seinen Mund vernĂ€ht und jedes Protestwort im Keim erstickt, wie ein Pestizid das Ungeziefer, obwohl er innerlich pikiert war. Es fehlte einfach, bis heute, die Kraft, der Mut, die Überwindung. Er war nur einer von vielen Epigonen, die das Schweigen, ja sogar das gesamte Verhalten der anderen nachĂ€fften, um nicht aus der Reihe treten zu mĂŒssen.
Ja, auch er war schuldig. Alle waren schuldig. Diejenigen, die aktiv an der Apokalypse beteiligt gewesen waren und diejenigen, die geschwiegen, als es auf ihr Wort angekommen war. Ja, er war genauso schuldig wie der grĂ¶ĂŸte Kommandeur, der mĂ€chtigste StaatsprĂ€sident, war genauso angeklagt wie die unĂŒberschaubaren Heere von Soldaten, die plĂŒndernd ĂŒbers Land gezogen waren und fĂŒr Zerstörung gesorgt hatten. Es war eine schreckliche Erkenntnis und zugleich die nackte, bittere Wahrheit. Sie lachte ihn an und verschwand nicht mehr.
Der Mann ließ seinen Blick ab vom schrecklichen Szenario und kehrte zurĂŒck ins Haus, in sein letztes Refugium. Ein Teller stand auf dem einsamen Holztisch in der Zimmermitte. Ein Rest Suppe war noch geblieben. Er hielt den Teller unter den Wasserhahn und trocknete ihn anschließend sorgfĂ€ltig ab. Dann stellte er ihn zu den anderen in den Schrank und legte sich auf sein Bett, das ihm selben Raum stand. Es knarrte unangenehm, als er sich ausstreckte.
Seine gerade erst aufgetauchten Gedanken ĂŒberrumpelten ihn wieder, ließen ihn wieder aufschrecken aus seinem Halbschlaf. Und da war sie, die Frage, die er schon immer gefĂŒrchtet hatte, die bisher nur in seinem Unterbewusstsein gebrodelt hatte und nun ĂŒbergeschwappt war. Sie war nicht mehr zu leugnen, steuerte unaufhaltsam auf ihn zu und kĂ€mpfte sich durch die letzten apathischen Barrieren:
Wieso hatte Gott ĂŒberhaupt den Menschen geschaffen, wenn er doch wusste, dass diese sein Werk nicht achteten und rĂŒcksichtslos sein Tun wieder zunichte machten? Nein, ein Gott hĂ€tte dies nie gewollt, niemand baute etwas auf, um es dann vom bösen Individuum zerstören zu lassen. Gab es vielleicht ĂŒberhaupt keinen Gott, kein allmĂ€chtiges Wesen, das ĂŒber alles Geschehende wachte? Hatten die scheinbar gelehrten Theologen Jahrhunderte lang in die falsche Richtung geforscht, ohne es zu merken, ohne dass ihnen ihre diffuse Situation klar geworden war. Waren sie Jahrhunderte lang nur ihrem Verlangen nachgegangen, die Schöpfung der Erde einem allmĂ€chtigen Wesen, das vom Guten entstammte, zuzuschreiben.
Der Mann spĂŒrte, wie sein Herz schneller schlug. Er schwitzte aus Angst. Wenn Gott nicht existierte, nicht der Schöpfer war, dann hatte etwas anderes die Erde geschaffen, ein Wesen, das es fertig brachte, sein eigenes Werk wieder zu zerstören: Das Böse. Der Teufel. Nur er hatte diese AnimositĂ€t und Boshaftigkeit, sein Schaffen zu liquidieren. Und wenn dies nicht der Fall war, dann hatte er zumindest den Menschen geschaffen, um den Planeten Erde, das Werk einer verfeindeten Macht, zu zerstören und mir ihr die gesamte Menschheit.
Der Mensch war vom Teufel geschaffen worden? Er sollte das Böse innehaben, ein jeder sollte es in seinem Inneren tragen? Der Mann spĂŒrte seine letzten Sekunden und suchte nach einer Antwort, nach einer Antwort, die ihm die Schuld abnahm und alles den MĂ€chten der Finsternis zuschrieb, sie fĂŒr alles verantwortlich machte und ihn selbst als Opfer, als Spielball der DĂ€monen darstellte.
Er fand sie nicht. Die Sonne verschwand gerade hinterm Horizont, als sein Herz das letzte Mal schlug. Nur Momente spÀter starb der letzte Mensch und mit ihm die Hoffnung auf ein Wiederkehr des Lebens. Der Kampf war verloren, das RÀtsel der Schöpfung blieb ungelöst.

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