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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Ende des Sommers
Eingestellt am 21. 09. 2003 01:24


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DarkskiesOne
???
Registriert: Aug 2003

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Tr√§ge blinzelnd blicke ich auf das unendliche Meer hinaus. Beobachte schl√§frig, wie Woge um Woge gegen den Strand schl√§gt, sich sch√§umend ausbreitet, mit gieriger Zunge nach dem Ufer greift und sich schliesslich wieder zur√ľckzieht, Muscheln und Meeresgetier im feuchten Ufersand zur√ľcklassend. Der stetige, unver√§nderliche Rhythmus ist es, der mich in tiefe Ruhe versinken l√§sst. Ein Zustand, der in einer Welt der hektischen Betriebsamkeit keinen Atem findet. Der Sommer neigt sich seinem Ende entgegen. Die staubige, l√§hmende Hitze ist einer schmeichelnden W√§rme gewichen, welche tr√∂stlich auf sanft gebr√§unter Haut liegt. Vom Wasser zieht der Geruch nach Salz und Seetang her√ľber. Ich lasse ihn auf der Zunge zergehen und bewahre den Geschmack f√ľr die Ewigkeit in meiner Erinnerung.
Nur eine Armlänge von meinem Handtuch entfernt, die Augen mit den tiefschwarzen geschwungenen Wimpern fest geschlossen, schläft Sean.
Ich st√ľtze meinen Kopf auf den Ellenbogen und betrachte die friedlich schlafende Gestalt, als s√§he ich sie zum ersten Mal. Das Haar dunkelbraun, beinahe von der gleichen Farbe wie mein eigenes, nach Wochen von der Sommersonne zu einem warmen Zimtton gebleicht.
H√§tte er die Augen ge√∂ffnet, w√ľrde sein tiefgr√ľner Blick mich dabei ertappen, wie ich sein Profil bewundere. Niemals werde ich m√ľde werden, diese Nase zu betrachten, sein trotziges Kinn, die vollen Lippen.
Ich greife eine Hand voll feinen Sand und lasse die Körner durch meine geöffneten Finger auf die Brust des Schlafenden herabrieseln.
Ruckartig setzt er sich auf, die schlaftrunkenen Augen sekundenlang verwirrt auf mich gerichtet. Dann kehrt er vollends aus seiner Traumwelt zur√ľck, greift nach meiner Hand und l√§chelt sein ganz spezielles L√§cheln f√ľr mich. Sein L√§cheln, das ich wohl schon hunderte Male genossen habe. Grosse, weisse Z√§hne.
„Lass` uns ins Wasser gehen“, schl√§gt er vor und zieht mich auf die F√ľsse. Wie immer, wenn er mich ber√ľhrt, wird mir warm. Zarte, verheissungsvolle W√§rme, die leise in mir aufsteigt, mich erf√ľllt.
Warm, wie der Sand unter unseren nackten F√ľssen.
Dann sind wir im Wasser, smaragdene K√ľhle, die √ľber unseren K√∂pfen zusammenschl√§gt und die Welt um uns herum f√ľr Sekunden einfach verschwinden l√§sst.
Immer wieder habe ich mich gefragt, ob irgendjemand es verstehen k√∂nnte. Gibt es andere, denen es wie uns ergeht? Wir standen uns immer schon sehr nahe. Seit ich denken kann, teilten wir all unsere kleinen und grossen Geheimnisse. Wurden mutige Verb√ľndete im Kampf gegen die Welt der Erwachsenen mit ihren unz√§hligen Regeln, Verboten und Zw√§ngen, welche uns nun doch ganz allm√§hlich zu unterwerfen drohen.
Die Zeit ist ein k√∂rperloser Gegner. Wendig und unbesiegbar. Und w√§hrend wir beide ein letztes Mal den Zauber des Augenblicks zu geniessen suchen, triumphiert sie bereits still √ľber das unwiderrufliche Ende unserer Kindheit.
Prustend und nach Luft schnappend tauchen wir auf. Ich strampele mit den Beinen und greife nach seiner Schulter. Spielerisch zieht er mich an sich. Ich sp√ľre seinen schlanken K√∂rper nahe an meinem. Wie sehr er sich im Laufe der Jahre ver√§ndert hat. Die H√ľften sind schmaler geworden, sein Oberk√∂rper muskul√∂ser. Manchmal kann ich in seinem Gesicht bereits die Z√ľge des Mannes erkennen, der er einmal sein wird. Und auch die anderen M√§dchen haben es bemerkt. Jahr f√ľr Jahr beobachte ich, zun√§chst mit ungl√§ubigem Staunen, dann mit zorniger Eifersucht, wie sie sch√ľchtern und unbeholfen um seine Zuneigung werben.
„Wer zuerst auf den Felsen ist“, reisst mich seine vertraute Stimme aus meinen Gedanken. Er l√§sst mich los und f√ľr einen Augenblick sp√ľre ich den Verlust seiner Ber√ľhrung als dumpfes Pochen in meinem Innern. Dann folge ich ihm im immerw√§hrenden Wettkampf mit schnellen Z√ľgen durch das klare Wasser.
Als ich ersch√∂pft an den Felsen ankomme, streckt er mir die Hand entgegen und zieht mich zu sich auf die sonnenwarme, steinige Plattform, die von Meerwasser und Regen spiegelblank poliert ist und durch die N√§sse unserer K√∂rper langsam eine tiefschwarze F√§rbung einnehmen wird. Schweigend liegen wir dann ganz eng beieinander. Sp√ľren, wie die Zeit uns davonl√§uft.
Mit der Zungenspitze lecke ich die salzigen, schillernden Tropfen von seiner bronzenen Haut und w√ľnsche mir, w√ľnsche dass wir niemals √§lter w√ľrden.
Und doch wissen wir beide, dass dies unser letzter Sommer sein wird.
Es darf nicht anders sein.
Die schlummernde Gefahr haben wir wieder und wieder scheu angetastet, zu ängstlich, sie zu erwecken. Und es ist besser so, auch wenn der unausgesprochene, verbotene Wunsch allgegenwärtig ist.
Ich vergrabe mein Gesicht in seinem Nacken, atme den Duft seines Körpers, zeichne mit meinen Fingerspitzen die Spur des hellen Flaums auf seinen Armen nach. Unsere Hände finden sich, Hände nur.
Auch ohne ihn anzusehen, kenne ich den Ausdruck auf seinem Gesicht. Diese Mischung aus Sehnsucht und Verzweiflung und eine Spur von Angst vor dem, was mit uns geschehen könnte, wenn wir es zuliessen.
Ich kann es nicht ertragen, diesen Ausdruck zu sehen, auf seinem Gesicht, das dem meinen so ähnlich ist, dem Gesicht von Sean, meinem Bruder.




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Die Liebe ist ein Tod, den ich nicht sterben kann.

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Minds Eye
Guest
Registriert: Not Yet

Hi DO,
ein gef√ľhlvoll vertr√§umter Text, bis man vom Ende j√§h herausgerissen wird. Das ist gemein. Erst f√ľhle ich mit, schwelge in der prickelnden Atmosph√§re, dann habe ich ein schlechtes Gewissen. Super.
Gruß,
ME.

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Traumtod
???
Registriert: Jul 2003

Werke: 1
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Wow.
Wahnsinn.

So rausgerissen wurde ich lange nicht mehr.
Wundervoll gef√ľhlvoll, fantastisch bebildert, und dann dieses Ende.
Klasse!

Gruß
traumtod

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rilesi
Guest
Registriert: Not Yet

...

oh, einfach toll. mehr fällt mir dazu echt grad nicht ein. ein unglaublicher genuss von sprache und erleben.

viele gr√ľsse, von rilesi

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DarkskiesOne
???
Registriert: Aug 2003

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Danke!

Hi rilesi,
ich freue mich √ľber dein Lob!
Habe vor Jahren das Buch "Das Gewicht des Wassers" von Anita Shreve gelesen. Die Stimmung, die w√§hrend der Lekt√ľre in mir aufkam, hat mich zu dieser Geschichte inspiriert.
lieben Gruß
DO


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