Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92209
Momentan online:
458 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Das Ende einer alternativen Schreinerei
Eingestellt am 28. 11. 2006 11:21


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Seshmosis
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Nov 2006

Werke: 9
Kommentare: 6
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Seshmosis eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das Ende einer alternativen Schreinerei

Lange schon waren wir uns nicht mehr ĂŒber den Weg gelaufen. Ehrlich gesagt, ich wĂŒrde ihn sicher nicht wieder erkannt haben, wenn er nicht so offenkundig versucht hĂ€tte, sein Gesicht vor mir zu verbergen: Michael, KĂŒnstlername Egon, Klassenkamerad der letzten und ereignisreichsten beiden Schuljahre, TAZ-Leser der ersten Stunde und von jeher ungemein alternativ. Unser Wiedersehen war ihm sichtlich peinlich.
Es gibt zwei Möglichkeiten, warum man auf dem FĂŒrther Königsplatz selbst von flĂŒchtigen Bekannten lieber nicht gesehen werden möchte. Die erste und Ă€ltere steht in Zusammenhang mit dem dort ansĂ€ssigen, etwas verwahrlost wirkenden Sex-Shop. Die zweite mit dem zwar gepflegten, architektonisch aber eher belanglosen Sozialrathaus. Denn wer dort ein- und ausgeht steht im Verdacht, SozialhilfeempfĂ€nger zu sein, obwohl sich darin sinniger Weise auch das Kulturreferat befindet. Und wer zum Sozi, frĂŒher in FĂŒrth „Wolferla“ genannt, muss, dem haftet die Schande an. Egal aus welchen GrĂŒnden er sich in einer misslichen Situation befindet, statt des wohl eher angebrachten Mitleids wird er mindestens eine gerĂŒmpfte Nase bekommen.

Michael alias Egon also war verlegen, was sich so Ă€ußerte, dass er mit krampfhafter Aufmerksamkeit in die Luft stierte. Welcher Teufel mich ritt, weiß ich nicht mehr, aber ich sprach ihn an. Mit „Hallo“ und „Wie geht’s?“ und den anderen platten Floskeln, die sich bei solchen Gelegenheiten unter Umgehung des Gehirns artikulieren. Ich hatte vermutet, ihn auf der Suche nach kleinen Liebeshelfern ertappt zu haben, doch damit lag ich genau daneben. Er wollte in das andere GebĂ€ude, er war am Ende. In alter Verbundenheit und mit neuer Neugier lud ich Michael-Egon zu einer Tasse Kaffee in ein nahe gelegenes CafĂ©, was er entsetzt ablehnte. Bloß nicht in einen von diesen Szene-Treffs, dort könne er ja auf Bekannte treffen und das sei das Allerletzte, wonach ihm der Sinn stand. Mit mir unterhalten, ja gerne, aber ein bisschen weiter weg, wenn es denn möglich wĂ€re und ich die Einladung aufrechterhalten wĂŒrde. Animiert von einer erheblichen Menge Kaffee, unterstĂŒtzt von ungezĂ€hlten, handgerollten GlimmstĂ€ngeln, breitete Michael-Egon nach und nach die gesamte Tragik seiner derzeitigen Situation vor mir aus.

Vor nicht allzu langer Zeit galt Michael-Egon noch als HoffnungstrĂ€ger eines alternativen Wirtschaftssystems. GeschĂ€ftsfĂŒhrer eines selbstverwalteten Schreinerei-Kollektivs mit hervorragender Auftragslage und Kundschaft aus der gesamten 68er Szene, die inzwischen zu Haus und Hof und vor allem Geld gekommen war. Sieben Schreinerinnen und Schreiner, anderenorts Tischlerinnen und Tischler genannt, fanden Brot und Befriedigung im alternativen Handwerksbetrieb mit integrierter Selbstverwirklichung, bis eines Tages...

Jeden Montagmorgen traf sich das schreinernde Kollektiv zur Wochenbesprechung. Termine wurden geplant, Aufgaben verteilt, alles und jedes einvernehmlich geregelt. Bis zu jenem verhÀngnisvollen Montag, als Brigitta das Wort ergriff.
„Das Wort Hammer ist sexistisch. Es ist eindeutig die umgangssprachliche Bezeichnung fĂŒr den erigierten Penis. Ich habe das voll in meiner Frauengruppe durchdiskutiert und wir sind da absolut im Konsens. Es ist fĂŒr mich unzumutbar zu sagen, gib mir mal den Hammer rĂŒber. Überhaupt ist es fĂŒr jemanden mit meinem Bewusstseinsstand unvereinbar mit so einem Relikt der patriarchalisch-chauvinistischen Gesellschaft zu arbeiten. Und das gilt nicht nur fĂŒr mich. Moni und Martina sind genau meiner Meinung. Also, entweder diese Dinger verschwinden augenblicklich aus der Werkstatt oder wir.“
Die mÀnnlichen Teile des Kollektivs waren schlicht gesagt geplÀttet. Michael, in der Werkstatt Egon genannt, blickte zu Georg, Georg blickte zu Richy, Richy blickte zu Archie und Archie blickte zu Egon. Ihnen war klar, in der nun zwangslÀufig anstehenden urdemokratischen Abstimmung waren sie chancenlos. Denn im Kollektiv-Vertrag stand klipp und klar, dass die Frauen, da in der Minderheit, Doppelstimmrecht besitzen. Vier MÀnner, vier Stimmen, drei Frauen, sechs Stimmen, wegen der Chancengleichheit und so.
Brigitta, Moni und Martina hatten klargemacht, wo der Hammer hĂ€ngt bzw. wo er nichts mehr verloren hatte, nĂ€mlich in dieser alternativen Schreinerei, und zwar subito. Egon, im Betrieb verantwortlich fĂŒr die technischen AblĂ€ufe, zermarterte sich das Gehirn und fand die Lösung: „Wir arbeiten ab sofort mit Tackermaschinen.“
Gesagt, getan und Elektro-Tacker angeschafft und den Kollektiv-Frieden gerettet.
Bis zum nÀchsten Montag.

Georg, der pazifistische Altgeselle, meldete sich bei der Montagsbesprechung mit betretener Miene zu Wort. „Ich habe mir das lange durch den Kopf gehen lassen und ich möchte wirklich nicht, dass durch meine subjektive Befindlichkeit die kollektiven AblĂ€ufe gestört werden, aber ich kann es einfach nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, dass wir hier seit einer Woche Möbel zusammenschießen. Versteht mich bitte nicht falsch, aber allein der Gedanke, dass ihr oder ich hier in unserer friedlichen Werkstatt mit solchen aggressiven Maschinen Klammern in Holz schießen, macht mich völlig fertig. Ich habe nicht vor dem Ausschuss fĂŒr Wehrdienstverweigerer Blut und Wasser geschwitzt und mir beim Zivildienst den Arsch aufgerissen, um jetzt tagtĂ€glich den Abzug zu drĂŒcken. Und dann noch die GerĂ€usche, Peng, Peng, Peng, das ist ja wie im Krieg. Ich bekomm das psychisch nicht auf die Reihe. Ich denke, es ist am besten, wenn ich aus dem Kollektiv aussteige, obwohl natĂŒrlich meine ganze Existenz dranhĂ€ngt und meine Frau und meine vier Kinder, wir kommen sowieso kaum ĂŒber die Runden, wie ihr wisst, ich möchte euch das hier auch nicht kaputtmachen, aber meine Kapitaleinlage brĂ€uchte ich schon sofort, als ÜberbrĂŒckung, ihr versteht schon und Miete mĂŒsste ich dann auch fĂŒr die Werkstatt haben. Als mein Vater mit die HĂŒtte vererbte, meinte er, damit wĂ€re fĂŒr mich und Gisela und die Kleinen gesorgt und ich will euch wirklich keinen Stress reindrĂŒcken, aber...“
UngefĂ€hr an diesem Punkt von Georgs AusfĂŒhrungen schmiss Egon die Elektro-Tacker in eine leere Kiste und schlug den Deckel hörbar zu.
Trotzig sah er in die Runde und fragte, „OK, so weit zum Thema Tacker. Hat irgendjemand irgendeinen Vorschlag, wie wir in Zukunft die Möbel zusammenkriegen? Wenn ja, lasst es mich wissen, ich besauf mich im BĂŒro.“
Nach einer halben Flasche Cognac schlich Martina ins BĂŒro. „Und?“, grunzte Egon.
„Wir haben das jetzt echt gut ausdiskutiert. Richy meinte, wir sollen mit Zapfen arbeiten, aber da ist Brigitta voll ausgerastet und hat ihn angeschrieen, er soll endlich aufhören, uns stĂ€ndig seine Vögel-Fantasien reinzudrĂŒcken, von wegen die Dinger ins Loch stecken und er sei ĂŒberhaupt nur ins Kollektiv gekommen, um hier progressive Frauen anzubaggern, aber damit sei jetzt Schluss und sie wĂŒrde dafĂŒr sorgen, dass er in der Szene keinen Stich mehr macht.
Der Richy meinte dann, mit einer konterrevolutionĂ€ren Lesbe wĂŒrde er nicht einmal dann bumsen, wenn sie die letzte Frau auf der verseuchten Erde wĂ€re und er sei sowieso Verfechter der freien Liebe und diese spießige Emanzendiktatur hier hĂ€ngt ihm zum Hals und sonst wo raus und Brigitta soll sich ihre SprĂŒche sonst wo reinschieben und er haut lieber ab und arbeitet mit Leuten, die nicht so verklemmt sind. Tja, dann ist Richy gegangen und hat unseren Lieferwagen mitgenommen.“
Martina zuckte mit den Achseln.
„Womit wollt ihr die Möbel zusammenschustern?“, fragte Egon tonlos.
„Archie schlug vor, wir machen es mit einem total guten Kleber. Gut einstreichen und schön lange in den Zwingen lassen. Aber da hat sich Moni quergelegt. Chemie kommt ĂŒberhaupt nicht in Frage und Knochenleim muss sie als Vegetarierin entschieden ablehnen. Archie fragte dann, ob sie es wohl mit Spucke versuchen will, woraufhin Moni ihm ein Brett ĂŒber den SchĂ€del haute. Es hat aber kaum geblutet und Archie kippte ihr den HolzleimkĂŒbel ĂŒber den Kopf. Brigitta ist dann leider völlig ausgerastet. Sie warf ein SĂ€geblatt, so wie einen Ninja-Stern, du weißt schon. Allerdings traf sie nicht Archie, sondern Georg, der Frieden, Frieden rufend dazwischen gegangen war.
Der Notarzt meinte, der Arm bleibt dran, das könne man heutzutage mit Mikro-Chirurgie unheimlich gut hinkriegen. Allerdings sei die Schulterfraktur, die Brigitta von Archies Schlag mit der Schrankzwinge abbekam, eine ziemlich langwierige Sache. Dagegen wĂ€re das mit Moni und ihren verklebten Atemwegen nach einigen Wochen wieder total OK, wenn sie nur genĂŒgend Sauerstoff bekĂ€me. Tja, bei Archie wird es wohl auch eine Weile dauern, weil ich hab total meine Wut auf ihn gekriegt und ihm das Ding, das ich gerade in der Hand hatte, in den Hals gesteckt. Es war ein Schraubendreher. Dann habe ich aber gleich die Neunzehn-Zwo-Zwo-Zwo angerufen und die waren blitzschnell mit zwei Autos da, eins fĂŒr Brigitta und Moni und eins fĂŒr Archie und Georg, echt paritĂ€tisch stark. Tut mir wirklich leid, dass das so gelaufen ist, Egon. Ich gehe jetzt lieber auch, offen gestanden fand ich die Arbeit hier immer ziemlich deprimierend. Ich möchte viel lieber etwas mit Blumen machen oder so.“

Michael-Egon blickte mich mit traurigen Dackelaugen ĂŒber den Rand seiner Kaffeetasse an. Das also war das unerwartete Ende eines viel versprechenden gesellschaftlich-wirtschaftlichen Modells, das Lobeshymnen im ganzen Presse-BlĂ€tterwald geerntet hatte.
Nun mĂŒssen auch die letzten 68er zum schwedischen Elch, um ihre Holzmöbel-SehnsĂŒchte zu befriedigen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


3 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!