Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5530
Themen:   94494
Momentan online:
73 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Horror und Psycho
Das Erbe
Eingestellt am 18. 10. 2016 14:05


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Jasione
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Oct 2016

Werke: 2
Kommentare: 8
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Jasione eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Alles war vorbereitet.
Zufrieden begutachtete der Gastgeber den sorgsam eingerichteten Raum. Auf dem runden, frisch polierten Glastisch standen eine SchĂŒssel Popcorn, zwei WeinglĂ€ser und der teure, italienische Amarone. Die K.O.-Tropfen waren in seiner Jeansjacke von Ed Hardy. Er hatte sich jugendlich gekleidet. Fresh, sagte das junge Volk dazu. Pumuckl hatte sein Profilfoto damals mit diesem Wort kommentiert. In den letzten Jahren konnte er sich in den Chats ein umfangreiches Vokabular an Jugendslang aneignen. Das Rollo war auf Spalt ausgerichtet und tauchte den Raum in ein atmosphĂ€risches HalbdĂŒster. Alle verrĂ€terischen Fotos waren von den SchrĂ€nken und Regalen beseitigt worden. Der DVD-Spieler war angeschlossen; darauf stapelte sich eine Auswahl an Filmen - FSK 18. Damit sammelte man Pluspunkte beim Jungvolk. Die quadratische Box mit den wichtigsten Utensilien des Abends wartete verborgen in der Schublade unter dem Fernseher. Ein vorfreudiges Kribbeln ĂŒberkam ihm bei den Gedanken an seinen Besucher. 15 Jahre alt, mĂ€nnlich, Scheidungskind.

Es klingelte. Neugierig ging er zur HaustĂŒr. Ob sein Besucher so aussah, wie auf den Bildern? Meistens taten sie das nicht. Setzten sich in Pose wie Erwachsene, aber wenn sie real vor ihm standen, stanken sie geradezu nach kindlicher NaivitĂ€t. In seinen Ohren dröhnte spannungsgetriebener Trommelwirbel. Der hölzerne Vorhang hob sich und zum Vorschein kam ein engelsgesichtiger, zierlicher Teenager mit einer, fĂŒr sein Alter, wunderbar reinen, blassen Haut. Sicher von Natur ein Blondschopf, doch die Haare des Kleinen waren genauso pechschwarz, wie die Kleidung, die er trug. Der Gastgeber war erleichtert: Alles genau wie auf den Fotos. Die dunkelgefĂ€rbten Haare standen im krassen Kontrast zu den hellen, porzellanartigen EngelszĂŒgen, doch grade dieses unpassende machte es perfekt; aufgrund dieser exotischen, geheimnisvollen Ausstrahlung hatte er das Kind ausgewĂ€hlt. Von Angesicht zu Angesicht wirkte sie noch anziehender. Dieser Junge war etwas besonderes, das spĂŒrte er. Er wĂŒrde ihn Dark Angel nennen.

Kumpelhaft legte er den Arm um seinen Besucher und fĂŒhrte ihn zur Couch. Er gab gerne den vĂ€terlichen Freund fĂŒr diese kleinen, verirrten Seelen. Scheidungskinder waren besonders dankbar. Das erinnerte ihn daran, dringend seine Tochter Marie vor den Gefahren des Internets zu warnen, wenn er sie beim nĂ€chsten Umgangstreffen sehen wĂŒrde.
Auch sein dunkler Engel war von Anfang an ungeheuer anhĂ€nglich. Mit dem meisten Jungvolk musste man sich wochen- bis monatelang herumschlagen und sich ihre einschlĂ€fernden Pickel- und Schulprobleme anhören, bis man zum Eingemachten kommen konnte. Sein neuer Chatfreund hatte ihm bereits bei der zweiten Session bereitwillig und detailgetreu von seinen angeblichen sexuellen Abenteuern berichtet. Der Gastgeber fĂŒhlte sich geschmeichelt, wenn die niedlich-naiven Jungfrauen ihn mit ihren MĂ€rchen zu beeindrucken versuchten. Dark Angel hatte sich ihm regelrecht aufgedrĂ€ngt. Der Vorschlag, sich bei seinem Ă€lteren Chatpartner zuhause zu treffen, kam von dem Jungen. Armer vater- und ahnungsloser Bastard. Er machte es ihm fast zu leicht. Nun saß sein Besucher auffĂ€llig dicht neben ihm auf der Couch und sah ihn erwartungsvoll an. In seiner Jeanstasche spĂŒrte der Gastgeber die Schwere des K.O.-Tropfen-FlĂ€schchens.

„Magst du Horrorfilme?“ NatĂŒrlich mochte der Kleine Horrorfilme. Auch die, die sie nicht mochten, sahen sie sich an. Es war amĂŒsant. Das Letzte was Kinder wollten, war als Kind betrachtet zu werden – und wenn sie sich dafĂŒr durch ein zweistĂŒndiges Blutgemetzel quĂ€len mussten. Wie er den Schrecken auf ihren Gesichtern genoss. Es war ein ausgezeichnetes Vorspiel.
Der Engel durchstöberte die Filmsammlung, wĂ€hrend der Gastgeber die Gunst der Stunde nutzte, den Wein des Kleinen zu versĂŒĂŸen. Manchmal machte er sich den Spass, selbstproduzierte Filmchen unter die Hollywood-Blockbuster zu mischen. Erneute Erinnerungen an Pumuckl kamen ihm in den Sinn. 13 Jahre alt, rothaarig, mit zwei chronisch kranken Geschwistern, die der alleinerziehenden Mutter alle Aufmerksamkeit abverlangten. Pumuckl suchte sich seine Aufmerksamkeit im Internet. Der Gastgeber gab sie ihm gerne. Er musste Marie unbedingt erklĂ€ren, dass in den Weiten des Netzes nichts so war wie es schien und sie besser niemandem vertrauen sollte...
Pumuckl hatte damals eins seiner Werke ausgewĂ€hlt. Der Knabe hatte keine Ahnung gehabt, was er sich da ansah, als er, den gefĂŒhlten Horror weg lachend, neben ihm auf der Couch saß. Noch weniger hatte er Ahnung, dass auch er bald zum erlauchten Kreis der Filmdarsteller gehören wĂŒrde. Sein zarter Körper machte sich gut in Kombination mit der klobigen Heckenschere.

„Pumuckl, Goldlöckchen, Sunny eyes... was sind das fĂŒr Filme?“ Die Frage seines Besuchers holte ihn zurĂŒck in die Gegenwart.
Ah, Goldlöckchen.. eins seiner LieblingsstĂŒcke. Das elektrische KĂŒchenmesser war darin zum Einsatz gekommen.
„Willst du es dir ansehen?“ fragte er hoffnungsvoll.
Doch Dark Angel kehrte mit der Uncut-Version von Dawn of the Dead zur Couch zurĂŒck. EnttĂ€uscht legte der Gastgeber die Disc in den Spieler ein.
„Ich finde es schön, hier bei dir zu sein 
 Ich denke, du kannst mich wirklich verstehen ... Du bist mir ein richtiges Vorbild.“ Blablabla...So ging es wĂ€hrend des kompletten Vorspannes. Der Junge schien doch nicht besonderer als seine VorgĂ€nger zu sein. Wie oft er dieses Scheidungskinder- und Vaterlosen-GeschwĂ€tz schon gehört hatte. Es wurde Zeit auf einen erfolgsversprechenden Abend anzustoßen. GlĂ€ser klirrten, und, wie viele seiner unerfahrenen, nervösen GĂ€ste, leerte der dunkle Engel den Inhalt seines TrinkgefĂ€ĂŸes in einem Zug. Jetzt hieß es warten. Er hatte penibel darauf geachtet, die Tropfen nicht ĂŒberzudosieren. FĂŒr den Filmdreh mussten seine Protagonisten bei Bewusstsein bleiben. Eins der schönsten Sachen am Drehen war es, den Blick in ihren Augen festzuhalten, wenn die Kinder begriffen, dass es fĂŒr sie kein Happy End geben wĂŒrde.

„Was willst du nach dem Film machen?“ Die Frage des Jungen klang wie ein Angebot und das missfiel dem Gastgeber. Er wollte nicht fĂŒr einen dieser notgeilen Kerle gehalten werden, der minderjĂ€hrige Kids zum Sex in sein Haus lockte. Er hasste es die Jugendchats dieser Welt mit solchem Abschaum teilen zu mĂŒssen, doch gab es nunmal keinen besseren Ort zum Casten seiner Darsteller. Er war keiner dieser LĂŒstlinge. Er war ein KĂŒnstler. Ein Virtuose des Grauens. Wie gerne wĂŒrde er jetzt die Box hervorholen, in der seine Werkzeuge parat lagen: Die Kamera, die Maske, die Seile, Messer und Scheren in jeder erdenklichen AusfĂŒhrung, die erregend langen, spitzen Nadeln, der Nussknacker, das Feuerzeug, der Leim, das Salz; eine liebevoll zusammengestellte Komposition, die ihn befĂ€higte, mit dem Schreien, Schluchzen und Flehen, wahre Musik aus den Kehlen seiner Darsteller zu zaubern. Nicht mehr lange und sie wĂŒrde zum Einsatz kommen.

Seine wichtigste Requisite saß neben ihm auf der Couch, noch keine sichtbare Reaktion auf den speziell prĂ€parierten Wein zeigend. Emotionslos griff der Kleine nach dem Popcorn, wĂ€hrend er beobachtete, wie ein Zombie einem keuchenden Mann den Hals zerfetzte. Ob man einem Menschen wirklich mit bloßen HĂ€nden und ZĂ€hnen Kehlkopf und Luftröhre herausreißen konnte? Vielleicht wĂŒrde er es heute bei dem Jungen probieren, aber erst ganz zum Schluss. Dark Angel blickte ihn an und lĂ€chelte. Seine GesichtszĂŒge wirkten verzehrt. Ob er etwas ahnte? Doch nicht nur die ZĂŒge des Teenagers verzogen sich zu einer abstrakten Gestalt. Der ganze Raum flimmerte und verschwamm zu einem sich drehenden, bunten Sog, der Benommenheit und Übelkeit beim Gastgeber hervor rief. Irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Was wurde hier gespielt? Panik ergriff ihn; kalter Angstschweiß rann seinen Nacken herunter. „Alles in Ordnung?“ erklang Dark Angels Stimme aus weiter Ferne, dann war da nur noch SchwĂ€rze.


Der Gastgeber schlug die Augen auf. Um ihn herum richteten sich die kahlen, grauen, schalldichten BetonwÀnde seines Filmzimmers auf. Wie war er hierher gekommen? Er versuchte sich zu bewegen und stellte fest, dass er mit Armen und Beinen an einen Stuhl gefesselt war. Die klamme KÀlte des Kellers umspielte seine unbekleidete Brust. Seine Hose war ebenfalls verschwunden.
„Hallo SchlafmĂŒtze!“ Dark Angel stand mit der PopcornschĂŒssel in der TĂŒr und lĂ€chelte sein geheimnisvolles LĂ€cheln. Der Junge kam nĂ€her, setzte sich auf seinen Schoß und schlang die Arme um ihn. Sein Gesicht war so nahe, dass der Gastgeber den rotwein-geschwĂ€ngerten Atem auf seiner Haut spĂŒren konnte.
„Ich hatte schon Angst, ich hĂ€tte es mit meinen K.O.-Tropfen ĂŒbertrieben, dabei kann ich die Dosis sonst sehr gut einschĂ€tzen. Du hattest schon etwas in mein Glas getan, oder? Darum warst du so lange ausgeknockt.“
„Du hast die GlĂ€ser vertauscht?“ Darum zeigte der Junge also keine Reaktion.
„Als du die DVD angestellt hast. Reine Vorsichtsmaßnahme. Aber keine Sorge... ich habe die Wartezeit gut ĂŒberbrĂŒckt. Habe mich bei dir umgeschaut. Ich habe Goldlöckchen gesehen. Ein Meisterwerk. Respekt! Und ich habe deine Box gefunden.“ Dark Angel zog die schwarze Ledermaske aus seiner Hosentasche und wedelte mit ihr vor dem Haupte des Gastgebers herum. Dann stĂŒlpte er sie ĂŒber. Die Maske verdeckte mit dem blassen Gesicht nun auch den letzten hellen Anteil des Engels. Nur Mundpartie und die dunklen Pupillen blieben frei. Nun da die EngelszĂŒge fort waren, fiel dem Gastgeber die KaltblĂŒtigkeit in den Augen des Teenagers auf. Doch jetzt war es zu spĂ€t.

Dark Angel zog ein Messer aus seinem GĂŒrtel. Lasziv glitt er mit der Zunge ĂŒber die breite, aufblitzende Schneide der Waffe. Dann zeichnete er einen geraden roten Schnitt quer ĂŒber den Bauch des Gastgebers, gefolgt von kunstvollen Ritzereien auf der Brust. Er schnitt so tief ins Gewebe, dass das Blut ungehindert strömen konnte, jedoch nicht tief genug um die Eingeweide oder lebenswichtige BlutgefĂ€ĂŸe zu beschĂ€digen. Der Gastgeber hĂ€tte dem Können des Kleinen Respekt gezollt, wĂ€re er nicht damit beschĂ€ftigt gewesen, unter der Folter des Jungen qualvoll aufzuschreien. Entweder war der Junge Ă€ußerst talentiert oder er hatte, trotz seines geringen Alters, eine Menge Übung im MaltrĂ€tieren von lebendem Fleisch.

Der dunkle Engel ließ von ihm ab, setzte sich auf die Kellertreppe und durchwĂŒhlte aufmerksam die Werkzeugbox. „Du hast dir einen faszinierenden Raum eingerichtet“, sprach er, wĂ€hrend er eine Waffe nach der anderen hochhob und beĂ€ugte. „Ich bin wirklich froh, dass ich hier bin. Du bist eine wahre Inspiration; etwas besonderes. Nicht so wie die anderen MĂ€nner, die ich hatte.“ Der Junge warf das große Fleischermesser nach dem Gastgeber. Es verfehlte sein Ziel so weit, dass es nur Absicht gewesen sein konnte. Der Mann rĂŒttelte verzweifelt an seinen, in die Haut schneidenden, Kabelfesseln, aber der Junge hatte ihn einwandfrei am Stuhl fixiert. Nun half nur noch Winseln und Flehen, so wie es auch Pumuckl, Goldlöckchen und Sunny Eyes getan hatten. „Bitte nicht 
 Oh Gott 
 Warum tust du das?“
Dark Angel verdrehte die Augen. „Andererseits... bist du wohl doch nicht viel anders. Ich dachte, wenn einer mich verstehen kann, dann du. Schade!“ Er legte einen Film in die Kamera und schritt gemĂ€chlich auf den Stuhl zu.
„Ich hoffe, ich habe dir den Abend nicht zu sehr verdorben. Ich kann nachvollziehen, dass du dich sehr darauf gefreut hast. Wie ich schon sagte, wir sind uns sehr Ă€hnlich. Du bist noch mehr Vorbild fĂŒr mich, als ich dachte.“ Wieder setzte er sich auf den Schoß des Gefesselten. Mit dem Finger fuhr er ĂŒber die Brust des Gastgebers, rote verschlungene Schlieren hinter sich herziehend.
„Ich habe eine gute Nachricht fĂŒr dich: wir beiden werden deinen Film heute noch zusammen drehen. Die schlechte Nachricht ist: Es wird dein letzter Film sein.“




Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


3 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Horror und Psycho Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Werbung