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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Ewige Licht
Eingestellt am 05. 06. 2006 20:40


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Isildur
One-Hit-Wonder-Autor
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Das Ewige Licht

Sie zÀhlt zu seinen ersten Erinnerungen, die Kapelle am Hausberg. Oft ist der Vater mit dem Bub hinaufgestiegen und hat ihm die Geschichte des kleinen Gotteshauses erzÀhlt. Eine Geschichte, die tief verwurzelt ist im Familienstammbaum und im kollektiven GedÀchtnis des Dorfes.

Der Vater des Vaters war es, der die Lichter sah, als er sich beim Almabtrieb mit den geschundenen KĂŒhen verstieg. Die halbe Nacht musste er ausharren im Fels, bis die göttliche Erscheinung ihn und seine KĂŒhe errettete.
Sie sprach zu ihm, erzĂ€hlte ihm vom sicheren Weg und schickte ihn heimwĂ€rts, zur Familie – zur Magd, zur Frau, seinem Sohn, dem Vater der damals noch ein junger Bub war, so wie sein Kind jetzt einer ist.
Das Dorf war froh um die Rettung des netten Bauernmannes, und da jeder KirchgĂ€nger ein guter Christ sein wollte, und es sowieso viel zu wenig Wunder gab auf dieser von Leid durchwirkten Erde, dauerte es nicht einmal ein Jahr, bevor der Mutter Gottes unter großem Trara das kleine Gebetshaus in der steilen Wand geweiht wurde.
Ein Ewiges Licht wurde am Dach der Kapelle entzĂŒndet, um das Wunder ein wenig lĂ€nger am Leuchten zu halten und der junge Pfarrer nahm den tĂ€glichen Aufstieg und den Preis der Kerzen gerne in Kauf, es war ja fĂŒr das göttliche Mitleid und die Sicherheit der Hirten.

Dem Jahrestag der heiligen Erscheinung wurde seither durch das Lichterfest Ehre gezollt. Höchst wichtige Ingredienzien, wie das dorfeigene Marien-Bier und frisch gekelterter Herrgotts-Wein vermischten sich mit volkstĂŒmlicher Musik, wildem Tanz und – in finsterer Nacht schließlich- einem Lampionumzug zu einem herrlich bunten Wunderelixier, das die Dorfbewohner die graue, harte Alltagstristesse vergessen ließ.

Ein schöner Brauch, der verbindet.
Bis zu jenem Jahr, als der Pfarrer anlĂ€sslich des Festaktes, wie jedes Jahr, das Tor zum Gebetshaus aufstieß und anstatt eines erleuchteten Raumes dĂ€monische Finsternis vorfand. Und ein DĂ€mon war wirklich am Werk, wenn man den Alten glauben darf. Denn die Leiche der Magd, die dereinst am Hof des Vaters vom Vater sechzehn Stunden am Tag geschuftet hatte, wurde mit weit aufgerissenen Augen, geöffnetem Mund und keinerlei Anzeichen von Verletzungen zu FĂŒĂŸen der Statue der Mutter Gottes vorgefunden, die mitleidig auf die Tote hinabblickte.
Gott tötet keine Menschen. Nur DÀmonen tun dies.
Eine fĂŒr alle Anwesenden einleuchtende ErklĂ€rung in Anbetracht der wundertrĂ€chtigen Umgebung. Noch in der gleichen Nacht wurde die Kapelle erneut geweiht und die Magd am Dorffriedhof verscharrt. Ein unchristliches, unschönes Ereignis, welches das bis dahin letzte Lichterfest mit sich brachte.

FĂŒr die Familie war der Tod der Bediensteten kein schwerer Schlag, da die Tochter der Magd nun alt genug war die Arbeit ihrer Mutter zu ĂŒbernehmen.
Wohl aber ein schwerer Schlag war der Tod der Mutter des Vaters, welcher ein Jahr spÀter, nach langer siechender Krankheit eintrat.
Der Vater des Vaters nahm daraufhin, ohne die gebĂŒhrende Trauerzeit abzuwarten, die Tochter der Magd zur Frau.
Der Pfarrer, sonst ein immer freundlich dreinblickender Mann, vereinigte die Beiden im Bund des Lebens mit versteinerter Mine, und im Dorf begann man zu munkeln.
Der alte Bauer und die blutjunge Magd. Das geziemte sich nicht, und das wusste scheinbar auch Gott, denn dieser bestrafte den einstigen WunderempfÀnger auf salomonische Art und Weise, wie die Dorfbewohner befanden.

Zweiundzwanzig Jahre nachdem er durch Lichter errettet wurde, ließ eine FĂŒgung ein Gewitter ĂŒber das Land ziehen, just an jenem Abend als er von der Alm abstieg. Der Wind zerbrach die Glasscheibe des ewigen Lichtes und verlöschte die Flamme das erste Mal seit sie entzĂŒndet wurde.
Der Vater des Vaters, beraubt seines zuverlĂ€ssigen Wegweisers, stĂŒrzte in den Tod.

Seit jenem Tag stieg der Pfarrer nicht mehr zum Gebetshaus hinauf. Er sei inzwischen zu alt fĂŒr den beschwerlichen Weg, meinte er. Und auch der VermĂ€hlung des Vaters mit der Tochter der Magd in der Kapelle stimmte er nicht zu. Man solle den DĂ€mon nicht stören der auf der Lauer liegt.
So wurden der Vater und seine Stiefmutter, die gleich alt waren, im Dorf getraut.
Mit der Freundschaft zu den Dorfbewohnern war es natĂŒrlich aus und vorbei. Keiner wollte mehr am Hof aushelfen, an den Markttagen wurde wenig verkauft und die notwendigen GesprĂ€che wurden stets auf ein frostiges Minimum beschrĂ€nkt.

Das junge Paar störte das nicht, denn unverhofft bald wurde der Bub geboren.
Doch wieder war es der Pfarrer der das GlĂŒck zu zerstören suchte, indem er sich weigerte das Kindlein zu taufen. Der Vater kochte vor Wut, und in der Dorfgemeinschaft kochte es in der GerĂŒchtekĂŒche. Doch niemand konnte in Erfahrung bringen, warum der alte Pfarrer sich weigerte, den Segen der einst von Gott behĂŒteten Familie zu spenden.

Die Familie wurde zu Dreisiedlern. Niemand mehr sprach mit ihnen. Was erwirtschaftet wurde, verkaufte man im Nachbardorf vom Nachbardorf. Bis dorthin gelangte schlechte Nachrede zwar auch, doch hatte sie kein Gesicht und man konnte unbehelligt seinen GeschÀften nachgehen.
Einzig die Mutter wagte sich noch ins Dorf, in die Kirche. Immer wenn der Vater auf dem Feld oder unterwegs war. Niemand wusste davon. Nur der Bub, der seine Neugier nicht zĂ€hmen konnte, nicht artig war, seine Arbeit im Stich ließ und wie ein gemeiner Tagedieb der Mutter nachschlich, der wusste es.

Er lauscht, er belauscht und er begreift nicht. Er will nicht begreifen. Wie kann man begreifen, wenn man LĂŒgen aus dem Mund der eigenen Mutter hört? Schlimme LĂŒgen. Sicher vom gemeinen Pfarrer in die Welt gesetzt. Und alle glauben was der Pfarrer sagt.
Der Bub spuckt aus und rennt weinend nach Hause.
Der Vater wird es erklÀren können.
Er erzĂ€hlt dem Vater was er gehört, erlauscht hat und erntet eine Tracht PrĂŒgel, die er sein Lebtag nicht vergessen wird.

Aber die SchlÀge gelten nicht dem Sohn. Sie gelten der Welt, dem Dorf, dem Pfarrer, dem Vater, und ihm selbst. All die Jahre die er seine Tat verheimlicht hat, vergebens. All die Ablehnung, die er und seine Familie ertragen mussten, vergebens.
Vergebens, vergebens!
Doch nicht ungerĂ€cht, beschließt er, und stĂŒrmt, mit einer rostigen Axt bewehrt, in Richtung Dorf. TodsĂŒnden addieren sich nicht. Eine TodsĂŒnde ist genug, um sich einen Platz im ewigen Höllenfeuer zu sichern. Da fĂ€llt eine weitere nicht sonderlich ins Gewicht.

Die Wut, die den Vater ergriffen, bemĂ€chtigt sich des Sohnes, der verstört und entsetzt in der Stube hockt, mit schlaffen Schultern, wie ein nasser Sack Mehl. Wer trĂ€gt die Schuld? Er ist es nicht, er ist sich sicher. Der Pfarrer und sein Auftraggeber, die sind es, die seit Jahrzehnten das Schicksal seiner Familie bestimmen. Er weiß nicht viel, der Bub, doch diesen Gedanken sieht er so klar, so eindeutig richtig und leuchtend vor sich, wie einst der Vater des Vaters die heiligen Lichter am Berg. Die unheiligen Lichter. Die nie hĂ€tten erlauben dĂŒrfen, was jetzt alles zerstört hat.
Ungeschehen machen will er alles.
WÀhrend der Vater den Knecht des Herrn erschlÀgt, rennt der Sohn zu der Kapelle, zu dem Ort wo alles begann, um dem Herrn und seiner Mutter eine ErklÀrung abzuringen.
Als er endlich ankommt und flehentlich, mit verheultem Gesicht zur heiligen Mutter hinaufblickt, erntet er nur den mitleidigen Blick einer Holzstatue.
Die himmlische Familie wohnt nicht mehr in diesem Haus.
Sicherlich hat sie hier nie gewohnt, denkt sich der Bub, wÀhrend er die hölzerne VertÀfelung der Wand in Brand steckt.
Doch wer immer hier ist, lĂ€sst das große Holzkreuz herabstĂŒrzen, und der Weg ins Freie ist versperrt.

Die Dorfbewohner sehen das Gebetshaus am Berg brennen, lichterloh. Sie eilen zur Kirche und finden den Pfarrer und die Mutter erschlagen, den Vater erhÀngt, am Kreuz (wie unpassend).
Der Zauber von einst, er ist verflogen, dem Hass weicht die Scham und nach einem Jahr wohnt niemand mehr in dem kleinen Dorf, am Berg, spricht niemand mehr von den Ereignissen, die zwei Generationen berĂŒhrten.

ZurĂŒck bleibt ein dunkles Tal.

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Mumpf Lunse
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hallo isildur

der Text ist spannend, sehr dicht und sprachlich wohl auch sehr 'authentisch'.
ich finde du schreibst fantastisch!
aber:
- der vater des vater
- der tod der mutter des vaters
- die Leiche der Magd, die dereinst am Hof des Vaters vom Vater
- die Tochter der Magd
- Mutter des Vaters

ich habs jetzt mal wahllos herausgegriffen.
das ist zwar einerseits sehr stimmig, atmosphÀrisch, andereseits macht es das lesen, vor allem das folgen schwer.
was nun eigentlich passiert ist habe ich auch nicht so richtig verstanden.
irgend was unanstĂ€ndiges mit magd und vater vom vater und tochter und der bub zwischen allen stĂŒhlen und die mutter die tod ist aber die tochter der mutter die blutjung aber alt genug zum arbeiten, wenn auch der pfarrer irgenwie unglĂŒcklich ist. ich hoffe ich habs halbwegs korrekt wieder gegeben

ich wĂŒrde mir etwas mehr 'entgegenkommen' (als leser) von dir als autor wĂŒnschen. schliesslich schreibst du ja fĂŒr mich.

wie gesagt, damit wir uns nicht missverstehn. der text ist dicht und toll geschrieben: gefÀllt mir, könnte ich auch sagen.
einen schönen tag
mumpf
__________________
© by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas ĂŒberraschendes

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Isildur
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2005

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@ mumpf

Danke Mumpf, fĂŒr das Lob und fĂŒr die Kritik!
Es freut mich wenn dich der Text mitreisst. Das beflĂŒgelt mich zu weiteren Taten!

Zur ErklÀrung:
Ich will den Leser weder Àrgern noch vergraulen.
Das Formulierungen wie "der Vater des Vaters", "die Tochter der Magd", etc. den Lesefluß ein wenig stören ist mir klar, war aber beabsichtigt.
Damit wollte ich einerseits eine Distanz zwischen dem wichtigsten Protagonisten, dem "Bub", und allen anderen Personen schaffen, als auch den Leser zum Nachdenken anregen.

Denn "Großvater" wĂ€re zb. unangebracht, da er eben kein Großvater ist (hoho!)
Ich lasse dem Leser die Freiheit wild zu spekuliern. Hat ja auch funktioniert (siehe unanstÀndig, was auch stimmt, sehr sogar)

Und noch eine Info: Eine Magd die ca. 13 Jahre alt ist, kann sowohl arbeiten, als auch heiraten. Beides ist natĂŒrlich moralisch verwerflich, aber dort und zu jener Zeit eben geschehen.

Damit hab ich genug verraten

In diesem Sinne
Gruß
Isildur

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Burana
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Registriert: Not Yet

Hallo!
Also mir geht es wie Mumpf Lunse. Ich mag Geschichten, ĂŒber die man nachdenken muss - aber hier komme ich nicht weiter, und das Ă€rgert mich ein wenig. Irgendwer hatte was mit der ersten Magd, und der Pfarrer wusste davon. Oder irgendsowas. Zur Verwirrung tragen möglicherweise auch die Umschreibungen bei - klar, das hab ich kapiert: Großvater ist nicht wirklich Großvater, und insoweit ist das auch reizvoll. Aber wenn ich weiß, dass ich nirgends eine Lösung finden werde, zumal bei einer ansonsten sehr gut geschriebenen Geschichte, möchte ich nur sagen: bitte deutlicher!
Liebe GrĂŒĂŸe! Burana

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Isildur
One-Hit-Wonder-Autor
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Werke: 6
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Hallo Burana.

Nun ja. Ich hab vieles offen gelassen. Und Geschichten ohne rationale bzw. halbwegs eindeutige Lösung sind auch mir meist zuwider. Deshalb hab ich hier versucht gegen meine eigene Einstellung zu schreiben. Quasi Eigentherapie
Es tut mir leid wenn das manchen sauer aufstĂ¶ĂŸt, aber gerade bei diesem religiös angehauchtem Thema, gemischt mit Mord und Totschlag, behalt ich mir das Recht vor nicht alles auszuplaudern. Sonst verdampft das Mythische (finde ich).
Des weitern glaube ich, dass du das Wesentliche so verstanden hast, wie ich es gemeint habe.
Als nix fĂŒr ungut
(Und fĂŒr die ganz Neugierigen: Inzest ist das letzte Schlagwort das ich freiwillig herausrĂŒcke)

Aber nichts desto trotz: bei der nĂ€chsten Geschichte wird’s eine klare Lösung geben!

Mit freundlichen GrĂŒĂŸen
Isildur

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Burana
Guest
Registriert: Not Yet

Oh, das mit Inzest und Religion ist mir schon klar. Nur hab ich keine Ahnung, wo das Mystische dabei ist...
Okay, wie Du meinst!
Liebe GrĂŒĂŸe! Burana

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