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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Fenster
Eingestellt am 04. 12. 2016 23:52


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Alexander K. Rosworld
Hobbydichter
Registriert: Dec 2016

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Kai sa├č am Fenster und sah dem schwarzen Wagen zu, der gerade die Einfahrt zum Haus hoch fuhr. Er wusste, was passieren w├╝rde, wusste, dass es unausweichlich war ÔÇŽ und trotzdem. Er wollte nicht.
Zwei M├Ąnner in Uniform stiegen aus dem schwarzen Wagen. Die Orden an ihren Revers funkelten in der Abendd├Ąmmerung. Kai fluchte. Nicht laut oder leise, sondern innerlich. Er verfluchte diese M├Ąnner. Er verfluchte den Krieg, und er verfluchte seinen eigenen Vater. Wieso f├╝hrten die Menschen Krieg?, hatte er sich jedes Mal gefragt, wenn seine Mutter das Radio angeschaltet und der Nachrichtensprecher neue Listen mit Namen vorgelesen hatte mit Menschen, die im Krieg gefallen waren. Die M├Ąnner nahmen ÔÇô w├Ąhrend sie die Veranda hoch gingen ÔÇô langsam ihre Schirmm├╝tzen ab. Kai fragte sich, wie oft sie dies schon heute wohl gemacht hatten. Erst vor einer Woche, waren sie schon mal hier gewesen. Es klingelte. Sie waren damals genauso langsam vorgefahren, hatten genau an dem selben Platz gehalten und hatten ihre Schirmm├╝tzen auf der Veranda abgenommen, bevor sie geklingelt hatten. Es klingelte noch mal. Damals war Kai runter gerannt, als er die M├Ąnner in ihren schicken Uniformen erblickt hatte. Doch heute w├╝rde er in seinen Zimmer bleiben. Er wollte nicht runter. Er konnte nicht runter, sein ganzer K├Ârper, ja seine ganze Seele str├Ąubten sich runter zu gehen. Es klingelte ein drittes Mal und endlich begann das Haus auf die Friedensst├Ârer zu reagieren. Kai h├Ârte wie, Maroni, ihre Haush├Ąlterin, durch die K├╝che und den Flur eilte, um den beiden M├Ąnnern die T├╝r zu ├Âffnen. Vor einer Woche hatte Kais Mutter die T├╝r ge├Âffnet. Sie war in Tr├Ąnen ausgebrochen, ohne das die M├Ąnner auch nur ein Wort sagen mussten. Ohne ein Wort war sie am T├╝rrahmen runter gerutscht, bis sie am Boden kraftlos zusammen gebrochen war. Die M├Ąnner hatten wie schon tausendmal in ihren Leben oder in diesen Krieg, ihre ├╝blichen Floskeln aufgesagt: ┬╗Er ist f├╝r┬┤s Vaterland gestorben.┬ź, ┬╗Sein Tod war nicht umsonst┬ź und alle anderen Spr├╝che die sie in ihrer Ausbildung auswendig gelernt hatten. Kai hasste diese Floskeln. Diese Spr├╝che. Diese L├╝gen!
Durch den Flur h├Ârte Kai die Stimmen der M├Ąnner wie sie Maroni nach der Herrin des Hauses fragten, nach seiner Mutter fragten! Wut packte ihn. Doch die Wut verflog schnell und nur eine unendlich gro├če Leere blieb zur├╝ck. Die Mutter von Kai lief an seinem Zimmer vorbei die Treppe runter. Sie hatte wohl auch das Klingeln geh├Ârt. Wusste sie wer unten stand?
Ein kurzes Gespr├Ąch entstand zwischen Kai┬┤s Mutter und den M├Ąnnern. Dann h├Ârte Kai die unausweichlichen Worte. Die Worte, auf die er sich schon seit Monaten vorbereitete. Die Worte, die sein ganzes Leben ver├Ąndern w├╝rden. Die das Leben, was er f├╝hrte, aus den Angeln heben w├╝rde und zu Staub zermahlen w├╝rde. Die Worte, die er voller Wut, voller Verzweiflung und voller ern├╝chternder Realit├Ąt erwartet hatte, seit dem der Krieg ausgebrochen war.
Sie fragten nach seinem Vater.
Wie aufs Kommando h├Ârte Kai die bed├Ąchtigen langsamen Schritte seines Vaters hinter sich. Er drehte nicht den Kopf vom Fenster, als sein Vater seinen Namen leise fl├╝sterte. Er antwortete nicht, als sein Vater sich verabschieden wollte. Ja, er zeigte noch nicht mal eine Reaktion ,als sein Vater ihm die Hand beruhigend auf die Schulter legte. Er wollte nicht. Er konnte nicht seinem Vater in die Augen sehen. Sein Vater ging zur T├╝r und schloss sie hinter sich. Das Ger├Ąusch, das die T├╝r machte als sie ins Schloss viel, h├Ąmmerte Kai in den Ohren, davor und danach war nur Stille. Kein Ton drang an seine Ohren und wenn dann nur dumpf, wie als wenn er unter einer Dusche stehen w├╝rde. Wie als wenn er durch einen dicken, alles verschlingenden Nebel horchen musste. Es dauerte nicht lang bis Kai seinen Vater und die beiden anderen M├Ąnner sah, wie sie die Veranda hinunter wieder zum Wagen liefen. Der eine trug die Koffer von seinem Vater, der andere hielt ihm die Beifahrert├╝r auf, als er einstieg. Ja, jetzt k├╝mmerten sie sich noch um ihn, wie um einen Helden. Doch was w├╝rde passieren wenn er starb? Sie w├╝rden ihn vergessen. Vielleicht noch einmal pro Jahr hier herkommen, solange seine Mutter noch lebte und dann w├Ąre sein Vater nur noch eine Randnotiz, nur noch ein Name auf einen Grabstein oder Papier. Der Wagen fuhr los, der untergehenden Sonne entgegen. Kai sp├╝rte nichts, nur die Leere in sich. Er wusste, dass er seinen Vater wie seinen Bruder vor ihm nie wieder sehen w├╝rde. Keiner kam wieder. Sein Kopf legte er vorsichtig ans Fenster an. Es war kalt, das Glas.
Kalt wie der Krieg.
Kalt wie die Leere in ihm.
Keiner w├╝rde wiederkommen.
Keiner.
__________________
Alexander K. Rosworld

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DocSchneider
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Hallo Alexander K. Rosworld, herzlich Willkommen in der Leselupe!

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Ilona B
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2014

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Hallo Alexander,
willkommen bei der Leselupe.
Eine bewegende Geschichte. Ich denke der Junge wird es bereuen, sich nicht von seinem Vater verabschiedet zu haben, aber ich kann es nachvollziehen.
Der Schluss hat mir richtig gut gefallen.

quote:
Es war kalt, das Glas.
Kalt wie der Krieg.
Kalt wie die Leere in ihm.
Keiner w├╝rde wiederkommen.
Keiner.

Irref├╝hrend fand ich, dass durch die folgenden S├Ątze der Eindruck vermittelt wurde, die Soldaten w├Ąren wegen eines erneuten Todesfalles gekommen.
quote:
Kai fragte sich, wie oft sie dies schon heute wohl gemacht hatten. Erst vor einer Woche, waren sie schon mal hier gewesen. Es klingelte. Sie waren damals genauso langsam vorgefahren, hatten genau an dem selben Platz gehalten und hatten ihre Schirmm├╝tzen auf der Veranda abgenommen, bevor sie geklingelt hatten.

quote:
Die M├Ąnner hatten wie schon tausendmal in ihren Leben oder in diesen Krieg, ihre ├╝blichen Floskeln aufgesagt: ┬╗Er ist f├╝r┬┤s Vaterland gestorben.┬ź, ┬╗Sein Tod war nicht umsonst┬ź und alle anderen Spr├╝che die sie in ihrer Ausbildung auswendig gelernt hatten.

Hier w├╝rde ich jeweils einen Satz weglassen.
quote:
Kai fluchte. Nicht laut oder leise, sondern innerlich. Er verfluchte diese M├Ąnner. Er verfluchte den Krieg, und er verfluchte seinen eigenen Vater.

quote:
Die Worte, auf die er sich schon seit Monaten vorbereitete. Die Worte, die sein ganzes Leben ver├Ąndern w├╝rden. Die das Leben, was er f├╝hrte, aus den Angeln heben w├╝rde und zu Staub zermahlen w├╝rde. Die Worte, die er voller Wut, voller undVerzweiflung und voller ern├╝chternder Realit├Ąt erwartet hatte, seit dem der Krieg ausgebrochen war.


__________________
Herzliche Gr├╝sse Ilona

Es gibt Wichtigeres im Leben, als best├Ąndig dessen Geschwindigkeit zu erh├Âhen.(Mahatma Gandhi)

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Alexander K. Rosworld
Hobbydichter
Registriert: Dec 2016

Werke: 2
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Erstmal Danke an DocSchneider und Ilona B, f├╝r den herzlichen Empfang hier in der LL.

An DocSchneider:
Nat├╝rlich machen w├Ârtliche Reden einen Text lebendiger. Hier habe ich jedoch bewusst darauf verzichtet, weil ich mich auf den inneren Konflikt des Jungen konzentrieren wollte. In meinen Augen passt da eine w├Ârtliche Rede nur bedingt rein.

An Ilona B:
Danke f├╝r das liebe Lob!

Ich kann nachvollziehen, dass die beiden Stellen ein wenig irref├╝hrend sind. Man merkt hier, dass ich an dieser Kurzgeschichte auch schon ein wenig herumgedoktort habe.
Ich habe mich aber dazu entschlossen, diese Stellen trotzdem so zu lassen, da Soldaten nur in zwei F├Ąllen ihre M├╝tzen abnahmen, wenn sie zu jemanden nach Hause kamen:
1.) um einen h├Âher gestuften abzuholen (Meeting, Besprechung, seltener Fronteins├Ątze etc)
2.) um der Witwe eines Generals etc eine traurige Meldung zu ├╝berbringen.
Nat├╝rlich braucht der Leser daf├╝r ein wenig Hintergrundwissen bez├╝glich des Milit├Ąrwesens von fr├╝her. Man darf sich da nicht auf Filme verlassen, in denen es manchmal so wirkt, als w├╝rde f├╝r jeden Soldaten ein Auto und eine Eskorte abgestellt.

Deinen ersten Verbesserungsvorschlag m├Âchte ich nicht so ├╝bernehmen. Ich empfinde den Hinweis auf den inneren Konflikt als sehr wichtig.
Ich kann mir aber vorstellen den Satz wie folgt zu ├Ąndern:
Kai fluchte innerlich. Er verfluchte diese M├Ąnner. Er verfluchte den Krieg, und er verfluchte seinen eigenen Vater.
Deinen zweiten Verbesserungsvorschlag finde ich gut und werde ihn wahrscheinlich auch ├╝bernehmen.

Ich danke euch beiden, dass ihr euch meine Kurzgeschichte durchgelesen, bewertet und kommentiert habt.
__________________
Alexander K. Rosworld

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Blumenberg
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

Werke: 24
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Hallo Alexander,

willkommen in der Leselupe. Ich habe deinen Text gelesen und stimme mit etlichen Beobachtungen Ilonas ├╝berein.
Die Grundidee der Geschichte ist solide und der Konflikt des Jungen verst├Ąndlich. Ich fand aber, ebenso wie Illona, dass der Text in seinem Ablauf an einigen Stellen ein wenig inkonsistent wirkt. So schilderst du recht ausladend die Wiederholung der Begegnung der letzten Woche (es wird kondoliert) mit dem Ergebnis, dass der Vater abgeholt wird (ich nehme an zum Fronteinsatz), so wie sie ist empfinde ich diese Zusammensetzung als verwirrend, da der Leser ein wenig verwirrt wird ohne dies mit einer tats├Ąchlich Pointe aufzul├Âsen. Diese Stelle, lie├če sich sich dahingehend aufl├Âsen, dass der Junge ├╝berrascht ist, die M├Ąnner noch einmal zu sehen, wo doch gar kein Familienangeh├Âriger an der Front ist.

Dieser Abschnitt erschlie├čt sich mir nach dem vorangegangen auch nicht so recht.

quote:
Ein kurzes Gespr├Ąch entstand zwischen Kai┬┤s Mutter und den M├Ąnnern. Dann h├Ârte Kai die unausweichlichen Worte. Die Worte, auf die er sich schon seit Monaten vorbereitete. Die Worte, die sein ganzes Leben ver├Ąndern w├╝rden. Die das Leben, was er f├╝hrte, aus den Angeln heben w├╝rde und zu Staub zermahlen w├╝rde. Die Worte, die er voller Wut, voller Verzweiflung und voller ern├╝chternder Realit├Ąt erwartet hatte, seit dem der Krieg ausgebrochen war.

Die Angst um den Vater ist verst├Ąndlich, aber mir scheint das Leben Kais durch den Fronteinsatz des Bruders und dessen Tod eine Woche zuvor schon reichlich aus den Angeln gehoben.

Eine weitere Kleinigkeit ist das Radioh├Âren der Mutter, ich bin mir nicht sicher, kann mir aber kaum vorstellen, dass im Radio Verlustlisten vorgelesen wurden, damals gab es nur wenige zentrale Radiosender, die als Propagandaorgan lediglich die Meldung gro├čartiger Siege verbreiteten und die Verlustzahlen verschwiegen oder kleinredeten.


Au├čerdem w├╝rde ich versuchen die h├Ąufigen Wiederholungen wie beispielsweise "runter" und "Vater" zu vermeiden.

Ich hoffe du nimmst mir die kritischen Worte nicht ├╝bel.

Beste Gr├╝├če

Blumenberg


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