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Leselupe.de > Kurzprosa
Das Fenster
Eingestellt am 16. 12. 2002 07:58


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Joerg Feierabend
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Nov 2002

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Das Fenster

Manchmal sehe ich ein Fenster.
Ein schmutziges, graues Fenster in einem verwahrlosten Haus dessen obere Etagen schon zusammengefallen sind. Es war einmal ein gro√ües Haus. Kein sch√∂nes Haus. Es schien schon als Ruine geboren worden zu sein. Die ganze Gegend ist zerfallen, als wenn hier gerade erst die letzten Bomben eines Krieges gefallen w√§ren. Nur die vielen Abf√§lle belehren mich eines besseren. Obwohl selbst die sorgf√§ltig durchsucht werden, ob nicht doch noch irgendetwas Brauchbares in ihnen steckt. Unter den Fenstern liegt ein riesiger Ger√∂llhaufen aus zerschlagenen Ziegeln, die Reste eines gro√üen Modernisierungsprojektes. Sie hatten uns das Material hingestellt und vielleicht gehofft, wir w√ľrden selbst etwas daraus machen. Wir haben alles Verwertbare verkauft. Vielleicht haben sie das erwartet.
Zwischen den schmutzigen, grauen Häusern geht eine Straße entlang. Man kann sie nur mit dem Fahrrad befahren, eigentlich nicht einmal das, zu viele Scherben liegen auf der Straße. Aber es fährt auch niemand mit dem Fahrrad die Straße entlang. Niemand hier hat ein Fahrrad.
Von links tritt ein Mann auf die Stra√üe, er bleibt auf der anderen Seite stehen. Ich sehe ihm durch das schmutzige Fenster zu, wie er mich herauszuwinken versucht. Seine Kleidung ist ausgesprochen vornehm. Er tr√§gt einen Hut, einen Spazierstock und √ľber dem Arm einen leichten Mantel. Ich spucke auf den Boden, genau wie die anderen. Ich trage genau dieselbe abgerissene, dreckige Kleidung und rauche genau die gleichen spr√∂den, stinkenden Zigaretten wie die anderen. Auch meine Bewegungen sind denen der anderen v√∂llig gleich. Irgendwann verschwindet der Mann dann wieder.
In der Nacht, wenn ich mich hinauswage, streife ich umher. Immer wieder suche ich dasselbe Haus auf. Ich gehe die knarrenden Stufen hinauf in die h√∂heren Etagen. In welchem Stockwerk ich bin, k√∂nnte ich nicht mehr sagen. Durch die T√ľr h√∂re ich einen Streit, in dem ein Mann dem anderen vorwirft, ein M√§dchen sitzengelassen zu haben. Der andere beleidigt das M√§dchen, ich wei√ü nicht, ob er recht hat, aber der, der ihm die Vorw√ľrfe macht, wirft ihn hinaus.
Sie schreien sich noch an der T√ľr an, ohne mich zu bemerken. Schlie√ülich verschwinden sie. Der eine ins Zimmer, der andere treppabw√§rts. Vorher wendet dieser mir noch einen kurzen Moment sein Gesicht zu. Er ist nicht erstaunt, mich zu sehen, obwohl unsere Gesichter bis in jede Einzelheit identisch sind. Auch er ist gut gekleidet gewesen. Ich verstehe nicht, was er hier zu suchen haben k√∂nnte.
Langsam, unschl√ľssig, ob ich meinem perfekten, doch eleganten Ebenbild folgen soll, wandere ich abw√§rts. Immer wieder verirre ich mich in den Keller, zwischen Menschen, die fast noch √§rmlicher aussehen als ich. Auch wenn ich keinen von ihnen kenne, begr√ľ√üen sie mich jedesmal freudig. Ich l√§chle sie an und gehe wieder nach oben.
Wenn ich endlich den Ausgang erreicht habe, bin ich fast traurig. Stolpernd gelange ich √ľber die Stufen auf die Stra√üe. Ich habe es noch nie fertiggebracht, die Stufen, ohne zu stolpern, hinter mich zu bringen. Nur ein paar Schritte komme ich weit, pl√∂tzlich begegnet mir ein M√§dchen, welches ich lange nicht mehr gesehen habe. Auch sie begr√ľ√üt mich freudig. Ihre Kleidung ist schon gut zu nennen. Irgendwie pa√üt sie nicht hierher, sauber frisiert und anst√§ndig gekleidet. Jedesmal nimmt sie mich dann am Arm, fragt etwas, kichert, ohne da√ü ich verstanden habe, was sie gesagt hat oder wor√ľber sie kichert. Sie f√ľhrt mich in den Keller zur√ľck und wieder werden wir freudig begr√ľ√üt. Das M√§dchen, dem ich auf der Stra√üe begegnet bin, zieht sich um. Sie passt jetzt schon etwas mehr hierher, auch wenn sie noch immer seltsam deplaziert wirkt. Man stellt mir eine Frage, ich verstehe sie nicht, nicke aber und ziehe ein paar Groschenhefte aus der Tasche. Warum wei√ü ich nicht, aber ich erhalte jedesmal einen Ehrenplatz. Alle bis auf das M√§dchen behandeln mich mit freundlicher Ehrfurcht, ich verstehe es erst, als sie mir erz√§hlt, sie arbeite in dem Kaufhaus im anderen Viertel der Stadt. Kaufh√§user sind f√ľr uns so etwas wie der Himmel auf Erden, nur eben schier unerreichbar. Es scheint unglaublich, da√ü jemand aus unserer Mitte dort arbeiten k√∂nnte. Wir sitzen dann noch lange zusammen und ich zerbreche mir jedesmal von neuem den Kopf von woher ich die Hefte habe, f√ľr die anderen scheint es klar zu sein.
Irgendwann geleitet mich das M√§dchen auf die Stra√üe hinaus. Die Sonne geht gerade auf und ich beeile mich, hinter meinem schmutzigen Fenster zu verschwinden, bevor der gutgekleidete Mann kommt. Dorthin traut er sich nicht. Ich f√ľrchte ihn, auch wenn ich nicht wei√ü, warum.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
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hallo jörg feierabend,

das ist der erste text von dir, das ich wenigstens im ansatz zu verstehen glaube (- oder auch nicht). deine bilderwelt und sprachgewalt √ľberfordert oft mein vorstellungs- und assoziationsverm√∂gen, die in mir erzeugten stimmungen gefallen mir aber, so da√ü ich gern deine texte verstehen m√∂chte. oder geht es dir gerade um die synthese von gef√ľhlen aus unorthodoxen zutaten, der inhaltliche zusammenhang ist nicht so von bedeutung? bin mir da bei dir v√∂llig unsicher.
mal sehen, ob ich noch dahinterkomme.

gruß

rainer

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Joerg Feierabend
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Nov 2002

Werke: 8
Kommentare: 7
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So schlimm? :-)

quote:
Urspr√ľnglich ver√∂ffentlicht von Rainer

das ist der erste text von dir, das ich wenigstens im ansatz zu verstehen glaube (- oder auch nicht). deine bilderwelt und sprachgewalt √ľberfordert oft mein vorstellungs- und assoziationsverm√∂gen, die in mir erzeugten stimmungen gefallen mir aber, so da√ü ich gern deine texte verstehen m√∂chte. oder geht es dir gerade um die synthese von gef√ľhlen aus unorthodoxen zutaten, der inhaltliche zusammenhang ist nicht so von bedeutung? bin mir da bei dir v√∂llig unsicher.
mal sehen, ob ich noch dahinterkomme.

Huhu,


hm, eigentlich denke ich, leidet der Protagonist der Geschichte nur an einer ganz gew√∂hnlichen Identit√§tskrise. Vielleicht ausgel√∂st durch die banale Frage, was von ihm √ľbrigbleibt, wenn er nichts hat? Im Sinne von "besitzen".

Was bleibt von ihm, von seiner gewöhnlichen Existenz, wenn die kleinen teuren Helferlein fehlen.

Kleider machen Leute ... :-)


Winkewinke,

Joerg


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