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Das Fest in Kinshasa
Eingestellt am 05. 01. 2003 15:41


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casagrande
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 19
Kommentare: 26
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Das Fest in Kinshasa

Es war das Abschiedsfest eines Botschaftsangehörigen. Er sollte ursprĂŒnglich nach Seoul versetzt werden, letztendlich musste er nun doch nach Bonn zurĂŒck.
Das Fest war fĂŒr 6 Tage geplant und deshalb als 6-Tage Rennen benannt. Alle Deutschen in Kinshasa waren bei diesem Fest, darunter auch einige Pfeifen. Der Botschaftskanzler war schon bald nudeldick besoffen und benahm sich ausgesprochen peinlich, begrapsche die Frauen und lallte UnverstĂ€ndliches. Auch ein deutscher Boxer, vom Gesicht her bekannt aus dem deutschen Fernsehen, war da, der die Zairer trainiert.
Irgendwann begann der große Spaß, die Leute bewarfen sich mit rohen Eiern. Der ReprĂ€sentant einer deutschen Baufirma bekam ein Ei aufgesetzt, und, nachdem er sich den Kopf gewaschen hatte, klatschte man ihm noch 3 Eier auf das Hemd. Er war verdammt sauer.
Um ca. 3h FrĂŒh fuhren ein Teil der GĂ€ste zu dem Beauftragten einer Stahlfirma, in eine unwahrscheinlich gut eingerichtete Wohnung mit allem Drum und Dran. Schöner Garten mit Swimming Pool usw. Die einen spielten Schach, andere Tischtennis oder Tischfußball. Einer fotografierte mit einer nagelneuen Spiegelreflexkamera, anschließend fehlte der Spiegel dieses Apparates.
Auch sonst haben alle wie die Vandalen gehaust. Der anwesende Dackel "fiel" einige Male in den Swimmingpool, daraufhin waren alle Polstermöbel nass, der Dackel lag ĂŒberall frierend herum. Dann wurden die Gartenmöbel in den Pool geworfen und einer hat sich seine Birne beim Hineinspringen an einem solchen Möbel böse angehauen. Dann warf man sich gegenseitig ins Wasser, furchtbar lustig nur sehr feucht.
Gegen 7h morgens sind die Restlichen ins GrĂŒne zu einem Geologen zum FrĂŒhstĂŒcken gefahren. Bei der Ankunft waren dort haufenweise Hunde. Einer packte, da der mitgenommene Dackel sich fĂŒrchtete, einen jungen, bellenden Köter und warf ihn vom ersten Stock im hohen Bogen die Treppe hinunter. Der kam ziemlich böse unten auf der letzten Stufe auf.
Mit Speck und Eiern und Kaffee gut gefrĂŒhstĂŒckt. Der Geologe bekam mit dem Buchhalter der Baufirma, beinahe Krach. Es ging dann doch noch gut aus. Der Geologe verabschiedete seine Frau, die völlig fertig um 8h ins Bett ging, vor versammelter Mannschaft mit den Worten: "sehe ich heute noch deine Busen?!". Gegen 9h war dann Schluss und alle fuhren mit ihren Autos einigermaßen ausgenĂŒchtert an das Ufer des Zaire und versuchten den aufkommenden Kater auszuschlafen.
Vor einem Monat war ich hier angekommen.
FĂŒr jemanden der noch nie direkt mit einer Diktatur in BerĂŒhrung kam, ist das Auffallendste an diesem Land Mobutu und der Mobutismus. Wenn man vom Flughafen Ndjili nach Kinshasa fĂ€hrt, wird man das erste Mal damit konfrontiert. Rechts und links der Straße stehen große PlakatwĂ€nde mit Mobutu-SprĂŒchen, SĂ€tze, die er irgendwann bei irgendeiner Rede einmal von sich gab.
Jeden Tag spricht er einmal im Radio oder zumindest werden seine Reden vorgelesen. Er bestimmt, wann gearbeitet wird und wann Feiertag ist. Am 24.Dezember gingen die Leute am Morgen ganz normal zur Arbeit. Um 8 Uhr gab Mobutu durchs Radio bekannt, es sei ein Feiertag und alle Leute konnten wieder heim gehen.
Am 9.Januar wollte er nachmittags eine Rede halten, also hieß es im Radio, ab Mittag wird nicht mehr gearbeitet. Eine andere, von ihm eingefĂŒhrte Sache ist Salongo. Wenn er fĂŒr irgendeine öffentliche Dienststelle Salongo ausruft, haben diese Leute in ihren Wohnbezirken Straßen zu kehren oder Anlagen zu pflegen o.Ă€. Vom Minister angefangen, wird jeder dazu eingeteilt.
Fast tÀglich kommen neue Verbote, Gebote und Anordnungen heraus. Seit dem Boxkampf (Ali gegen Foreman) ist Fotografierverbot. Grund: in Paris Match erschienen Aktfotos von Zairoises.
Seit Anfang Januar gibt es eine neue Film- und Pressezensur, wonach nur das erscheinen darf, was dem Mobutismus und der Revolution entspricht.
Sehr oft werden irgendwelche Firmen enteignet und verstaatlicht. So waren am 3. Januar alle Baufirmen an der Reihe. Nur wird durch die Verstaatlichung leider nichts besser. Nachdem letztes Jahr alle, oder zumindest die meisten Alimentations (LebensmittellĂ€den) verstaatlicht wurden, brach die Versorgung der Bevölkerung fast zusammen. Auch jetzt noch bekommt man nicht all das, was man braucht. Ein Großteil der Lebensmittel und VerbrauchsgĂŒter werden importiert, obwohl vieles leicht im Land herzustellen bzw. anzubauen wĂ€re.
Jeder Zairois ist von Geburt an Mitglied der MPR (Mouvement Populaire de la Revolution). Daraus entwickelt sich ein ganz besonderer Nationalismus unter den jungen Leuten. Wenn ein Zairois von einem Weißen eines Diebstahls bezichtigt wird, so heißt es:
”Ein Zairois stiehlt nie!”. Dagegen ist schwer etwas zu sagen.
Allerdings wurden die Gitter an den Fenstern erst nach der Kolonialzeit angebracht. Auch die Bewacher fĂŒr die HĂ€user und die Absperrungen soll es frĂŒher nicht gegeben haben.
Oder aber bei Verkehrsdelikten: “Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten, daß ein Zairois Unrecht tut?”
Auch die Kleidung ist diktiert. FĂŒr die Frauen ist europĂ€ische Kleidung, das heißt lange Hosen oder kurze Röcke, verboten. Sie tragen ein bodenlanges, um die HĂŒften gewickeltes Tuch, dazu ein kurzĂ€rmeliges, meist tief ausgeschnittenes Oberteil und aus dem gleichen Stoff einen Kopfputz, eine Art Turban. Manche haben dieses zweite Tuch auch noch um die HĂŒften gewickelt.
FĂŒr die MĂ€nner ist auch der europĂ€ische Anzug mit Krawatte verboten. Sie haben einen eigenen, sehr gut aussehenden Anzug –kurzĂ€rmelig, hochgeknöpft, stark tailliert mit zwei Rockschlitzen.
Die Zairoises – von 15 bis 30 – sind hĂŒbsche, gut gebaute Menschen. Die MĂ€nner meist sehr groß und schlank und auch die meisten Frauen relativ groß mit sehr guten Figuren. Die ausgeprĂ€gten Negergesichter trifft man hier selten. Nur sehr wenige Leute haben ausgesprochen dicke Lippen.
Man sieht auch viele Albinos. Man erzĂ€hlt, frĂŒher wurden die nach der Geburt, als abartig, getötet. Und so wĂ€re es auch jetzt noch im Osten des Landes.

Das war ein Auszug aus den Aufzeichnungen eines zweijĂ€hrigen Aufenthaltes im Zaire des Jahres 1975, dem frĂŒheren Belgisch Kongo, der jetzigen Demokratischen Republik Kongo.



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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

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Hallo Casagrande,

ich habe es mit Interesse gelesen. Es ist ein Essay, oder vielleicht zwei verschiedene Reporte, der eine ueber das dekadente Abschiedsfest eines Botschaftsangehörigen und der andere ueber soziale und politische Zustaende in Zaire, 1975. Aber eine "Erzaehlung" ist es nicht, da besonders im zweiten Report, die Geschichte fehlt. Aus dem Abschiedsfest koennte man sicher eine Geschichte machen, aber die Geschehnisse sollten dann (scheinbar) ohne subjektive Anteilnahme des Erzaehlers von innen heraus "aufleuchten". Der Leser kann dann selbst darauf kommen was fuer Pfeifen und peinliche Typen die Geschilderten sind.

Trotzdem interessant. Wie sieht es heute aus in der Demokratischen Republik Kongo?

Viele Gruesse,
Rolf-Peter

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
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Ich kannm ich nur anschließen. Insgesamt fand ich diesen Eindruck in eine fremde Welt hochinteressant, aber die eindeutige Wertung des ErzĂ€hlers im ersten Teil hat mich gestört. Solche Wendungen wie "er war verdammt sauer" hören sich fĂŒr mich eher nach aus dem Ruder gelaufener Abifeier an. Vielleicht beurteile ich das falsch, weil mir das Milieu völlig unubekannt ist, aber fĂŒr mich wĂ€re eine ganz wertfreie Warte oder die eines fassungslosen Staunens wesentlich effektvoller gewesen.

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