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Leselupe.de > Humor und Satire
Das Finanzamt
Eingestellt am 30. 01. 2003 14:26


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Hannes Nygaard
AutorenanwÀrter
Registriert: Sep 2002

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Es ließ sich nicht leugnen. Weder mein freundlicher Hinweis „das trĂ€gt man jetzt so“ noch das Einfordern von Toleranz mir gegenĂŒber half. Und wenn ich mich auch großzĂŒgig ĂŒber spitze Bemerkungen meiner Umwelt hinweg gesetzt habe, so musste ich es dennoch immer wieder am eigenen Leib ertragen. Der Blick in den Spiegel war jedes Mal eine Tortur.
Es half alles nicht! Ich musste zum Friseur.
So machte ich mich in den frĂŒhen Morgenstunden auf, um meinen Figaro in seinem GeschĂ€ftslokal zu besuchen. Der Meister der flinken Schere ist mir schon seit Jahrzehnten bekannt und ich kann ihm ohne jedes Bedenken meine beiden Ohren und auch die dazwischenliegenden Teile anvertrauen.
Zu meiner großen Überraschung schĂŒttelte er aber, nachdem wir artig einige Freundlichkeiten ausgetauscht hatten, sein gestyltes Haupt:
„Ich bedaure es sehr, aber es gibt eine neue Haarschneideverordnung, die besagt, dass abhĂ€ngig vom Lebensjahrzehnt ein farblicher Streifen in LĂ€ngsrichtung anzulegen ist."
Davon hatte ich noch nichts gehört, da ich solche Informationen ĂŒblicherweise beim Studium der einschlĂ€gigen Magazine aufnehme. Und diese pflege ich – eben – wĂ€hrend der Wartezeit beim Friseur zu studieren.
„Aha“, sagte ich, was im ersten Schritt nicht sonderlich intelligent klang. Dann aber, da eine Aufbegehren gegen die Obrigkeit nicht zweckmĂ€ĂŸig ist, erklĂ€rte ich mein EinverstĂ€ndnis.
Der Meister kratzte sich den Bart.
„Da wĂ€re noch etwas“, erklĂ€rte er mir. „Dazu mĂŒssen Sie sich zuvor eine Genehmigung zum verordnungsgemĂ€ĂŸen EinfĂ€rben des Mittelscheitels besorgen. Ohne Vorlage einer solchen Bescheinigung darf ich nicht tĂ€tig werden. Sie könnten mir ja aus Eitelkeit ein falsches Alter nennen, so dass Sie mit einem unkorrekten Farbstreifen jĂŒnger aussehen als Sie wirklich sind. Dann wĂŒrde mir“, dabei zeigte er auf seine breite Brust, „wegen Beihilfe zur UrkundenfĂ€lschung ein zeitlich befristetes Berufsverbot auferlegt werden.“
Er erklĂ€rte mir auch noch, dass ich jenes amtliche Dokument, gegen Entrichtung einer kleinen GebĂŒhr, auf dem Finanzamt erstehen könnte.
Jene bei braven BĂŒrgern wenig beliebte Behörde befindet sich in unserer Stadt am Geldweg. Dort liegt das dunkel geklinkerte GebĂ€ude direkt im Schatten unseres MĂŒnsters.
Allerdings habe ich noch keinen Menschen getroffen, der ein Wort des Bedauerns ĂŒber das Schattendasein der dort angesiedelten Beamten verloren hat. Auch wenn diese am hellen Tage bei kĂŒnstlichem Licht arbeiten – arbeiten oder verwalten ?-, hat noch nie einer die frohe Kunde verbreiten können, dass denen in ihren dunklen GemĂ€chern die Erleuchtung gekommen ist. So wird es sicher noch lange dauern, bis den Ureinwohnern des Finanzamtes ein Licht aufgeht.
Auf dem Weg zur besagten Dienststelle begegnete mir, fröhlich pfeifend, mein Nachbar.
„Warum so vergnĂŒgt?“ fragte ich den Mann, der mir als notorischer Nörgler bekannt ist.
„Ich bin schnell auf dem Finanzamt gewesen und habe mir einen Stapel EinfĂ€rbebestĂ€tigungen besorgt.“ Dabei wies er auf einen Berg Formulare, die er unter seinem Arm trug. „Und nun eile ich hurtig zu Meister Kurzschnitt um rechtzeitig zum FrĂŒhstĂŒck wieder daheim zu sein.“
Er nahm sein unmelodisches Pfeifen wieder auf und entschwand meinem Hörkreis.
Mir war bekannt, wo sich das Finanzamt befindet. Falls irgendjemand nicht genau ĂŒber die Adresse informiert sein sollte, ist es einfach, diesen Ort zu finden.
Man muss zu frĂŒher Stunde nur mit offenen Augen durch die Stadt gehen und sich einem MitbĂŒrger anschließen, der recht sorgenvoll aussieht. Er wird einen unweigerlich und ohne Umwege direkt zu dieser Behörde fĂŒhren.
Als ich die bedrĂŒckend dĂŒstere Eingangshalle des GebĂ€udes betrat, sah ich mich fragend um. FĂŒr mich war die Beschaffung einer solchen Bescheinigung ja neu.
Nirgendwo in diesem Behördenwirrwarr konnte ich einen brauchbaren Hinweis entdecken. Mich wunderte es auch nicht, war doch die Ausschilderung vom gleichen Designer entworfen, der auch die SteuererklÀrungen gestaltet hatte.
Nach einigem Suchen entdeckte ich den Auskunftsschalter.
Dem dort sitzenden Hahn erklĂ€rte ich mein Begehren. Aus seinen kleinen Augen sah er mich an, krĂ€hte dann noch einmal „HaareinfĂ€rbebescheinigung?“ und, als ich nickte, fuhr er sich nachdenklich ĂŒber seinen Kopf und streichelte unbewusst den leuchtendroten Kamm. Er war ihm sichtlich geschwollen, so bedeutungsvoll erschien ihm sein Wirken an dieser verantwortungsvollen Stelle.
„Nehmen Sie die hintere Treppe links, dritter Flur rechts, zweite TĂŒr vorne, vierter Eingang Mitte, Schalter halblinks.“
Dann widmete er sich wieder seinem FrĂŒhstĂŒck und klopfte bedĂ€chtig mit seinem Löffel das weichgekochte Ei auf. Beim Entfernen glaubte ich ihn dabei etwas Ă€hnliches wie „mein Sohn...“ murmeln hören.
Der Gang zur hinteren Treppe war dĂŒster. Auf den Weg dorthin bemerkte ich das große Portrait, das die Stirnseite der Eingangshalle schmĂŒckte. In einen aufwendigen Rahmen eingepasst lĂ€chelte der Hausherr von oben auf alle SteuerbĂŒrger herab.
Die in Öl gehaltene Kastanie schien wirklich eine innere Zufriedenheit auszustrahlen.
„Unser Hansi“ stand auf einem goldfarbenen PlĂ€ttchen unter dem Bildnis.
Auf der ausgetretenen hinteren Treppe kam mir ein Mann entgegen, der unentwegt und nervös ein feuchtes Taschentuch in seinen HĂ€nden zerknĂŒllte.
Er lief mir direkt in die Arme, blickte kurz auf und gestattete mir dabei einen Blick in seine trĂ€nenverschleierten Augen. "„Verzeihung..." murmelte er und schlich mit gesenktem Haupt weiter. Seinen Weg konnte ich anhand der feuchten TrĂ€nenspur zurĂŒckverfolgen. Sie endete vor einer hölzernen BĂŒrotĂŒr, an der ein Emailleschild angeschlagen war. „Veranlagung“ war dort zu lesen.
Die Frage, unter welcher furchterregenden Veranlagung dieser arme Mensch litt, habe ich bedauerlicherweise nicht klÀren können.
Auf dem schmutziggrauen Flur mit der trĂŒben Funzel an der Decke drĂŒckten sich verĂ€ngstigte Menschen dicht an die WĂ€nde.
Mir fiel auf, dass ihre Blicke starr auf irgendwelche imaginÀren Punkte gerichtet waren.
Warum, fragte ich mich, werde diese zur Depression einladenden RĂ€umlichkeiten nicht farbenfroh gestaltet, zum Beispiel rosarot... Sogleich schalt ich mich ob dieser Überlegung aber selbst einen Narren. Das ist nun wirklich nicht der Farbton, der zu diesem Amt passen wĂŒrde.
Ich klopfte vorsichtig an die TĂŒr und öffnete sie einen Spalt.
Der Raum war fast leer. Nur ein großer, sehr bissig aussehender Hund saß hinter dem alten Schreibtisch und knabberte an einem großen Knochen.
Ohne diesen aus dem Mund zu nehmen knurrte er mich scharf an:
„Raus hier! Warten Sie gefĂ€lligst vor der TĂŒr, bis Sie zum Eintritt aufgefordert werden. Sie sehen doch, ich bin beschĂ€ftigt!“
SelbstverstĂ€ndlich wollte ich diesen mit einer verantwortungsvollen Aufgabe betrauten Vertreter der AutoritĂ€t bei der ErfĂŒllung seiner wichtigen GeschĂ€fte nicht stören und schloss leise die TĂŒr von außen.
Ich bewunderte unsere Staatsdiener. Dieser, obwohl ich noch gar nicht dienstlich mit ihm BerĂŒhrung gefunden hatte, schien mir außerordentlich Biss zu haben. Aber, dachte ich mir, wehe dem, der sich nicht gesetzestreu verhĂ€lt. Wenn dieser scharfe Hund erst einmal die Spur aufgenommen hatte, gab es kein Entrinnen mehr.
So reihte ich mich ein in den Kreis der Wartenden und suchte mir eine Stelle an der Wand, an der bereits der Putz abblĂ€tterte, um diese fĂŒr die nĂ€chsten Stunden zu fixieren und es den anderen Wartenden gleich zu tun.
Vielleicht sollte ich die Wartezeit fĂŒr eine kurze ErklĂ€rung nutzen. Vor geraumer Zeit hatte einmal ein bedeutsamer Politiker unseres Landes die Finanzverwaltung als Stall bezeichnet , seitdem sind dort nur noch Tiere beschĂ€ftigt.
Endlich! Nach mehreren Stunden! Ich bekam die Genehmigung, in die Amtsstube eintreten zu dĂŒrfen.
Der arme Hund sah mĂŒde aus. Es ist auch wirklich anstrengend, sich den ganzen Tag das inhaltslose Gerede auskunftsbegehrender BĂŒrger anhören zu mĂŒssen. Seine Ohren hingen schlaf am Kopf herunter, die Zunge hing ihm aus dem Mund heraus; mit mĂŒden Augen knurrte er mich an.
Ich trug mit zaghafter Stimme mein Anliegen vor. Bang sah ich ihn an, im Zwiespalt zwischen der Furcht, er könne mich ablehnend heim schicken und erwartungsfroh, dass dieses gute Wesen mir behilflich sein könnte.
Plötzlich schraken wir beide zusammen. Ein Laut wie Donnerhall erfĂŒllte die Amtsstube. Offensichtlich sind Knochen doch schwerer verdaulich als gemeinhin angenommen.
Sein vorwurfsvoller Blick traf mich unvermittelt. Ich zog schuldbewusst den Kopf zwischen die Schultern, obwohl ich in meinem ganzen Leben noch nie einen Knochen gegessen hatte.
Er öffnete kaum die Lefzen, als er mich leise anknurrte: „Großraum vierundzwanzig, Schalter neun hochkant.“
Dann senkte sich seine Stimme zu einem tiefen Bellen, als er mich mit „jetzt aber ®raus“ verabschiedete.
Ich irrte die dunklen GĂ€nge entlang, die einem Labyrinth nicht unĂ€hnlich waren. Immer weiter entfernte ich mich vom Publikumsbereich, bis ich mich schließlich verlaufen hatte und mich nicht mehr zurecht fand.
Da huschte ein kleines graues MĂ€uschen an mir vorbei, ja sie drĂŒckte sich förmlich verĂ€ngstigt an die Wand, als sie mich sah.
„Wo finde ich...?“ sprach ich sie an.
ZĂŒchtig schlug sie die Augen nieder, presste die verstaubten Aktendeckel fest gegen ihren mageren Körper und wisperte mir in hastigen Worten zu:
„Ich bin nur eine ganz kleine BĂŒromaus. Versuchen sie es einmal in die Richtung.“ Dabei wies sie mir den Weg. Noch bevor ich ihr danken konnte, war sie wieder in der Dunkelheit des Ganges verschwunden.
Es dauerte noch eine Weile, bis ich jene Stelle fand, die meine nĂ€chste Station auf dem BĂŒrokratenparcours sein sollte. Zuerst hörte ich nur ein leises, gleichmĂ€ĂŸiges GerĂ€usch, das mit jedem Schritt, den ich mich nĂ€herte, anschwoll. Schließlich öffnete ich die TĂŒr, hinter der ein undurchdringliches Stimmengewirr mir verriet, dass dort entscheidende AktivitĂ€ten stattfinden mussten.
Es war ein großer Raum, der durch einen altmodischen Holztresen geteilt wurde.
Vor dem lĂ€nglichen Möbel standen die Antragsteller geduldig in langen Schlangen, wĂ€hrend auf der anderen Seite mehrere Beamte ihren Dienst verrichteten. Ich sah eine heftig schwitzende Nilpferddame, ein im Dienst ergrautes Walross, eine Kuh, den Ochsen dieser Dienststelle sowie eine reizende Elefantendame. Das Hinweisschild ĂŒber dem Schalter verriet mir, dass die letztere fĂŒr mein Anliegen zustĂ€ndig war.
Es ging nur sehr mĂŒhsam voran. Die Warteschlange wurde nicht kĂŒrzer. Nach jedem bearbeiten Antragsteller standen die Beamten auf und verließen fĂŒr eine mehr oder weniger lange Zeitspanne den Raum. Ich konnte es mir nur so erklĂ€ren, dass die mĂŒhevolle Bearbeitung eines einzelnen Bittgesuches sie so erschöpfte, dass sie nach jedem Vorgang eine Erholungspause einlegen mussten.
Langsam taten mir die FĂŒĂŸe weh. Ich war jetzt schon seit mehreren Stunden in diesem Hause unterwegs, um die ersehnte Bescheinigung zu erhalten.
Langeweile ĂŒberkam mich. Ähnlich musste es den armen BeschĂ€ftigten hier in diesem Amt ergehen. Im Unterschied zu mir verbrachten sie schließlich ihr ganzes Leben hier.
An einem separaten Arbeitsplatz, etwas getrennt vom Tresen, bemerkte ich in der Ecke des Raumes eine Giraffe. Gelegentlich streckte sie den Hals empor und warf einen Rundblick durch den ganzen Saal.
Ich vermutete, dass es sich um ein höheres Tier handelte, das in diesem Amtsbereich die Aufsicht fĂŒhrte und bemĂŒht war, den Überblick zu bewahren.
Unfreiwillig wurde ich Zeuge einer lautstark gefĂŒhrten Auseinandersetzung am Nachbarschalter. Ein BĂŒrger war offensichtlich anderer Meinung als die Beamtin hinter dem Tresen.
„Sie haben ja keine Ahnung“, beschwerte sich der Mann.
Der Beamte zuckte mit den Schultern: „Stimmt, sonst wĂ€re ich ja auch nicht hier. Sie haben wiederum keine Vorstellung, wie schwer diese Arbeit ist. BeschĂ€ftigen Sie sich einmal den ganzen Tag mit Dingen, von denen Sie nichts verstehen. Das geht ganz schön an die Substanz.“
Wutentbrannt drehte sich der Antragsteller um und verließ mit einem Ă€rgerlichen „blöde Kuh“ den Raum.
EnttĂ€uschung tat sich beim dienstbeflissenen Beamten auf: „Ich bin doch ein Ochse...“, stammelte dieser und verließ erst einmal seinen Arbeitsplatz, um sich von der eben widerfahrenen anstrengenden Auseinandersetzung zu erholen.
„Sie wĂŒnschen?“ Die junge Elefantendame hatte eine ĂŒberraschen helle Stimme. Mit ihren dunklen Augen und den etwas zu großen Ohren machte sie einen ausgesprochen sympathischen Eindruck auf mich. Charmant bewegte sie sanft ihren langen RĂŒssel hin und her.
Ich war etwas irritiert, fasste mich dann aber und erzÀhlte von meinem Herzenswunsch.
„Oh ja“, flötete sie und erklĂ€rte mir, in welchem Zimmer ich das Antragsformular fĂŒr die HaareinfĂ€rbebescheinigung bekommen wĂŒrde.
Sie war wirklich ein nettes Wesen. Und wenn sie nicht so ein unendlich entstellendes kompaktes Hinterteil gehabt hĂ€tte... Wer weiß, vielleicht hĂ€tte ich sie einmal auf einen Tee eingeladen.
„Wie kommt so ein reizendes Ding zum Finanzamt?“ ĂŒberlegte ich. Doch dann fiel mir ein, dass sie ja ĂŒbermĂ€ĂŸig große Ohren hatte. Die verstand sie zum Vorteil der Steuerbehörde sicherlich auch gut zu nutzen. Und da Elefanten nachsagt wird, sie wĂŒrden nichts vergessen, verfĂŒgte sie ĂŒber alle fĂŒr die Einstellung geforderten QualitĂ€ten.
Es ist wirklich schade, dass so freundliche Wesen wie meine Elefantendame irgendwann einmal in die Abteilung fĂŒr „ErstattungsantrĂ€ge und andere Einlassungen der Steuerzahler“ versetzt werden. Bei dem Fell...
Durch meine stundenlangen Exkursionen in diesem GebĂ€ude gestĂ€hlt fand ich recht zĂŒgig die Amtsstube, in der mir das begehrte Formular ausgehĂ€ndigt werden sollte. Tief unten, im Keller, saß ein alter grauer Esel in einem muffigen Raum.
Sein Aufgabenbereich erschien mir nicht ĂŒbermĂ€ĂŸig groß. Ohne ihn gefragt zu haben, erklĂ€rte er mir, dass immer die Kleinen alles Schwere zu tragen hĂ€tten. Dieses wĂŒrde auch in dieser Behörde zutreffen. Und so hatte man ihn, der schon seit Jahrzehnten treu die ihm aufgetragenen Lasten ĂŒbernommen hĂ€tte, hier in den hintersten Winkel des Kellers versetzt. Dabei waren die Pfade, auf denen sie wandeln mussten, seit langem ausgetreten.
Er hĂ€ndigte mir das Blankoformular aus. ZusĂ€tzlich erhielt ich – in vierfacher Ausfertigung – eine BestĂ€tigung, dass ich ein leeres Blatt erhalten hatte.
Der Esel rĂŒckte seine Brille zurecht und unterzeichnete in seiner akkuraten Schrift: i.A. Der Vorsteher.
„Sind Sie der Vorsteher?“ fragte ich erstaunt. Traurig schĂŒttelte er seinen großen Kopf.
„Nein“, klĂ€rte er mich auf, „ich bin nur i.A.“
Meine lĂ€ngere Anwesenheit in diesem Haus trug jetzt ersten FrĂŒchte. Zielstrebig bewegte ich mich durch die langen Flure, die Halbtreppe hinauf, den zweiten Absatz wieder hinunter, durch das Quergeschoss in den Zentralakt und dann in den Oberflur mitthands.
Ich hatte GlĂŒck, dass vor der TĂŒr, die mein Ziel war, mir keine Warteschlange den Zutritt versperrte. Ich klopfte an und riss im selben Moment auch schon die TĂŒr auf, um erschrocken stehen zu bleiben.
Das Zimmer glich einem tropischen GewĂ€chshaus. Es war ĂŒber und ĂŒber mit GrĂŒnpflanzen zugestellt. Vor lauter Natur konnte ich weder einen Schreibtisch noch AktenschrĂ€nke entdecken. In einer HĂ€ngematte zwischen zwei Palmen schaukelte trĂ€ge ein Ai und sah mich aus mĂŒden Augen an. Dann gĂ€hnte es herzhaft.
„Sie haben sich in der TĂŒr geirrt...“ schnauzte mich das Wesen an und drehte sich bedĂ€chtig zur anderen Seite, ohne mir weitere Beachtung zu schenken.
Zuerst wollte sich Empörung in meiner Brust breit machen, doch sehr schnell kam mir zu Bewusstsein, dass diese fehl am Platze wÀre. Bei diesem Beamten handelte es vermutlich um einen hochverdienten Veteranen dieses Amtes, dem im Unterschied zu seinen Kollegen schon seit Jahren kein Fehler mehr unterlaufen war.
Ich fand kurz darauf das richtige Amtszimmer und wartete noch eine ganze Weile, bis mir der Zutritt gestattet wurde.
Hinter einem mĂ€chtigen Schreibtisch saß der Urvater aller in diesem Amt TĂ€tigen. Mit listigen kleinen Augen sah er mich durchdringend an. Die rosa Borsten waren sauber nach hinten gekĂ€mmt, die Krawatte um den fetten Hals gelockert und die HemdsĂ€rmel an den kompakten Armen hochgerollt.
Zweifelsohne, er war ein prÀchtiges Exemplar seiner Gattung. Ich konnte den Eindruck, den er auf mich machte, nicht verhehlen. Im Unterbewusstsein bemerkte ich, wie ich angesichts seiner respekteinflössenden Gestalt kleiner wurde. Ob ich es wahr haben wollte oder nicht. Dieses Schwein strahlte eine ganz besondere AutoritÀt aus.
„Ich heiße Goethe, weil ich alles besser weiß. Nicht umsonst sind meine PrĂŒfberichte so umfangreich wie ein klassisches Werk meines Namensvetters. Nur, dass ich wesentlich mehr Phantasie in meine epochemachenden StĂŒcke hineinlege. Erst mir ist die Synthese gelungen, Drama und Komödie in einem einzigen Werk zu vereinen.“
Dann schlug das Schwein Goethe mit der Faust auf den Tisch.
„Dichtung und Wahrheit liegen seit meiner Schaffensepoche nicht mehr auseinander. Jetzt gilt nur noch die freie Kraft des Geistes.“
Er grunzte mich an.
„Was wollen Sie?“
Vorsichtig schob ich ihm das Antragsformular zu und deutete dabei eine Art Hofknicks an.
Er setzte eine Halbbrille auf, kratzte sich die Borsten am Hinterkopf, sah auf den Vordruck und widmete dann meinem Haarschopf eine ausfĂŒhrliche Betrachtung.
„Hmmmh!“ knurrte er. „So einfach geht das nicht. Dazu mĂŒssen wir erst einmal eine PrĂŒfung vornehmen.“
Und so mĂŒsste ich zahlreiche Fragen beantworten: Alter, SchuhgrĂ¶ĂŸe, Kinderkrankheiten, Leibspeise, Anzahl der Steckdosen in meinem Badezimmer...
Ich versicherte an Eides Statt, ĂŒber nicht mehr als zehn Finger zu verfĂŒgen, bestĂ€tigte, keine direkte Apanage vom Scheich von Tuvalu zu beziehen und ĂŒber weniger als vierhundert Paar gebrauchte Socken zu besitzen.
Er sah mich ĂŒber den Brillenrand an.
„Was auch immer Sie sagen... Ich glaube es Ihnen nicht! Ich glaube nie etwas! Und ich erschnĂŒffel alle UnregelmĂ€ĂŸigkeiten. Nicht umsonst waren meine Vorfahren hochqualifizierte TrĂŒffelschweine. Schon die haben das Schwarzgold gerochen.“
Weil grundsĂ€tzlich jeder BĂŒrger auf dem Finanzamt die Unwahrheit sagt, gĂ€be es auch nur noch einen einzigen Namenschalter. Man wĂŒrde nur noch den Buchstaben „N“ fĂŒhren fĂŒr „notorischer LĂŒgner“.
Deshalb erteile seine Behörde auch nur noch vorlĂ€ufige HaareinfĂ€rbebescheinigungen, erklĂ€rte er mir, um nicht zu vergessen hinzuzufĂŒgen: „... unter dem Vorbehalt der NachprĂŒfung!“
Ich entrichtete die fĂŒr die Ausstellung des Dokumentes erforderliche GebĂŒhr, unbĂŒrokratisch gleich in bar und bei ihm, und er hĂ€ndigte mir das Dokument aus, nicht ohne mich dabei zu ermahnen, dieses alle sechs Monate erneuern zu lassen.
Beim Verlassen seiner Amtsstube hörte ich ihn zufrieden hinter mir her grunzen. Er fĂŒhlte sich in seiner Amtposition als Mann, als ganzer Kerl. Er war unbestritten ein prĂ€chtiger Eber. Im stillen malte ich mir aus, wie er auf mich gewirkt hĂ€tte, wenn er weiblichen Geschlechts gewesen wĂ€re... HĂ€tte ich dann auch so unbefangen von einem – Ă€hh – weiblichen Eber in dieser Behörde sprechen können?
Mit freudigem Herzen eilte ich ĂŒber den Flur in Richtung Ausgang, als ich schwere Schritte hinter mir vernahm. Erschrocken wich ich zur Seite.
Ein hochgewachsener Ă€lterer Schimmel durchmaß majestĂ€tisch den Gang, wĂŒrdigte mich keines Blickes, und strebte der breiten Pforte zu.
Der Hahn, der am Eingang Dienst tat, sprang hinter seinem Pult hervor, riss unterwĂŒrfig die TĂŒr auf, verneigte sich, bis sein roter Kamm den Boden berĂŒhrte, und krĂ€hte dabei in einer noch nie gehörten devoten Tonlage: „Auf Wiedersehen, Herr Amtsvorsteher! Ich wĂŒnsche Ihnen eine angenehme Nachtruhe, Herr Amtsvorsteher! Auch eine besondere Verehrung an die Frau Gemahlin, Herr Amtsvorsteher!“
Wortlos hatte der Leiter dieses Amtes das Haus verlassen. Jetzt war wirklich Feierabend, wenn der Amtsschimmel zu seiner Stute strebte.
Es war spĂ€te Nacht, als ich endlich heim kam. Meine Frau wollte gerade ansetzen, mir VorwĂŒrfe zu unterbreiten, als ich zu erklĂ€ren begann, wo ich die letzten Tage zugebracht hatte. Ich kam gerade bis: „Ich war heute auf dem Finanz...“ Da unterbrach mich meine bessere HĂ€lfte, sprach mir Trost zu und zeigte VerstĂ€ndnis fĂŒr meine Erschöpfung.
Am Folgetag machte sich Meister Kurzschnitt an die lang ersehnte KĂŒrzung meines wuchernden Haupthaares. Er vergaß auch nicht die altersgerechte EinfĂ€rbung in tĂŒrkis, so wie es die amtliche Zuordnungstabelle vorschrieb.
Zum Entgelt fĂŒr den Figaro entrichtete ich die seit kurzem obligatorische HaarfĂ€rbesteuer. DafĂŒr bekam ich auch eine kleine runde Steuermarke um den Hals gehangen, von der dankbar das Antlitz unseres Finanzministers Kastanie strahlte.
Nur ĂŒber meinen Nachbarn habe ich mich gewundert. Der war sicher nicht wesentlich jĂŒnger als ich, trug aber dennoch einen rosafarbenen Mittelstreifen. Ich studierte die amtliche SchĂ€tztafel und stellte fest, dass sich dort eine unerklĂ€rliche Differenz von mindestens zwanzig Jahren auftat.
... und jeden zweiten Tag wechselte er die Farbe. Dabei erinnerte ich mich, dass ich ihn an jenem Morgen, als ich mich auf meinen mĂŒhseligen Marsch durch die Instanzen aufgemacht hatte, mit einem großen Stapel Blankoformulare vom Finanzamt habe kommen sehen.
Es blieb mir ein RĂ€tsel – bis zu jenem Tage, als ich ihn noch vor Tagesanbruch dabei erwischte, wie er mit einer großen Schubkarre voll Heu zum Hintereingang des Finanzamtes unterwegs war. Unter TrĂ€nen gestand er mir, dass er den Amtsschimmel persönlich kennen wĂŒrde...

__________________
Hannes Nygaard

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Zerok
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Hallo Hannes!

"Oh mein Gott" war mein erster Eindruck: Hier wird ja kein Klischee ausgelassen - eine Geschichte ĂŒber BĂŒrokratie und das "verhasste" Amt wie es sie zu Tausenden gibt!

Okay: Das mit den Klischees Ă€ndert sich zwar bis zum Ende der Geschichte nicht, aber je weiter ich las, desto besser gefiel mir das Werk. Vor allem Dank Deiner "animalischen" Idee und Deines gefĂ€lligen Schreibstils. "Großraum vierundzwanzig, Schalter neun hochkant." ist ein Highlight.

Allerdings muss ich sagen: Das mit dem "Scheich von Tuvalu" hÀtte ich an Goethes Stelle auch nicht geglaubt. *grunz* Schlecht recherchiert!

Darf ich fragen, welche Erfahrungen Du persönlich mit dem Finanzamt gemacht hast? Ich habe den Eindruck, dass Du selber dort arbeitest, gearbeitet hast oder jemanden gut kennt, der dort beschÀftigt ist.

Viele GrĂŒĂŸe
Zerok

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Hannes Nygaard
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Hallo Zerok,

herzlichen Dank fĂŒr Deine kritischen Anmerkungen.
NatĂŒrlich triffst Du das Zentrum, wenn Du eine ganze Reihe von Klischees wieder entdeckst. Satire bedarf der Überzeichnung. Bei der von mir gewĂ€hlten inhaltlichen Richtung sind es die Tiere, die (auch Klischee) fĂŒr uns Menschen bestimmte Sinnbilder verkörpern (Schwein, Hund, Esel etc.).
Aber nur ĂŒber dieses "Transportmittel" gelingt der Fingerzeig auf das, was dem Autor am Herzen liegt. Endlose BĂŒrokratie, sinnlose Vorschriften, nicht ĂŒbersehbare Verfahren und letztlich auch noch ein Hauch von Korruption. Mit Ausnahme des letzten Punktes sind uns die anderen Dinge doch schon oft im alltĂ€glichen Umgang mit der "Obrigkeit" begegnet, oder?
Wer hat nicht selbst die Erfahrung gemacht, dass die "öffentliche Administration" in manchen Punkten zum Selbstzweck degeneriert?
Ansonsten bin ich kein Insider, sondern ausschließlich (König???) Kunde bei Ämtern und öffentlichen Verwaltungen. Mein persönliches UnverstĂ€ndnis ĂŒber die Unlogik und weltfremde AbgerĂŒckheit mancher Interpretationen ist sicher ein anderes Thema. Aber wer versteht schon die Steuergesetze? Und wenn es Bedienstete des öffentlichen Sektor geben sollte, die beim Lesen dieser Story glauben, in einen Spiegel zu schauen, dann hĂ€tten wir einen kleinen Efolg erzielt.
Mit einem lieben Gruß aus MĂŒnster
Hannes


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Hannes Nygaard

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