Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92236
Momentan online:
405 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Foto meiner Mutter
Eingestellt am 21. 02. 2005 14:33


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Devika
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2005

Werke: 12
Kommentare: 20
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Devika eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das Foto meiner Mutter

Als ich in Varanasi das Flughafengeb├Ąude verlie├č, atmete ich tief durch. Ich atmete die trockene Hitze und den Staub der Vormonsunzeit ein.
„Taxi! Taxi!“ Ein junger Mann im T-Shirt winkte mir zu.
„Hotel Sri Nagar“, sagte ich knapp. Mir war nicht nach Reden zumute, wenngleich ich argw├Âhnte, dass der Taxifahrer sicher gerne mit mir geplaudert h├Ątte. Ich kurbelte die Scheibe des alten Maruti herunter und sog den herben Geruch der n├Ąher kommenden Stadt in mich hinein. Das war Indien. Abgase vermischten sich mit dem Duft der Gark├╝chen, angez├╝ndete M├╝llhaufen mit dem Geruch von R├Ąucherst├Ąbchen und frischen Bl├╝ten der kleinen Schreine am Stra├čenrand. Das allgegenw├Ąrtige Hupen, das Rufen der Stra├čenh├Ąndler, die von Fahrr├Ądern aus Obst, Gem├╝se und Snacks verkauften, beruhigten mich seltsam.

Ich betrat den kleinen, dunklen Hinterhof und blickte mich um. Zwei Kinder lugten hinter einer zerschlissenen Gardine hervor.
„Hallo, do you know Meena Karmacharya?“ Die beiden Kinder kicherten und verschwanden vom Fenster. Nach einer Weile trat eine junge Frau in den Hof. Sie fragte mich auf Englisch, was ich von Meena Karmacharya wolle. Ich wusste es selbst nicht. Ihr ein Foto bringen, war meine Antwort. Ich wurde ins Haus gebeten und bekam Milchtee serviert.
„Sind Sie eine Freundin von Meena?“, fragte mich die junge Frau. Ich wusste, es war klug, mich in Geduld zu ├╝ben. Es w├╝rde keinen Zweck haben, sie zu dr├Ąngen. In Indien ticken die Uhren anders.
„Nein, aber ich habe ein Foto von ihr, das ich ihr gerne geben w├╝rde.“ Ich kramte das Bild aus meinem Rucksack heraus. Die Frau blickte auf die Schwarz/Wei├č-Fotografie und legte die Stirn in Falten.
„Das ist schon sehr lange her. Wer ist die andere Frau auf dem Bild?“
Ich schluckte schwer. „Meine Mutter.“
Die junge Frau l├Ąchelte mich an. Sie deutete auf die Frau, die neben meiner Mutter auf dem Bild stand. „Das ist meine Mutter.“ Unsere Blicke trafen sich. Ich nahm einen gro├čen Schluck Tee.
„Wie sind Sie jetzt zu diesem Foto gekommen?“
„Meine Mutter... sie ist gestorben...“ Wieder nahm ich einen Schluck Tee.
„Bei der Durchsicht ihrer Sachen fand ich einen Karton mit Briefen und Bildern. Auf den Bildern war meine Mutter zu sehen und eine andere Frau. Ich dachte, es sei eine ihrer vielen Bekannten von ihren Reisen nach Indien und Pakistan. Die Briefe waren in Hindi, ich habe sie ├╝bersetzen lassen. Es waren Briefe von Meena an meine Mutter. Offenbar standen die beiden sich sehr nahe.“
Ich rutschte nerv├Âs auf dem harten Holzstuhl hin und her. Ob es klug war, das auszusprechen, was ich wirklich dachte? Dass Meena Karmacharya und meine Mutter sich geliebt haben, vielleicht sogar ein Paar waren?
„Meine Mutter hat mir nie etwas davon erz├Ąhlt. Als ich noch ein Kind war, waren wir zweimal in Indien. Wir haben Freunde von ihr besucht. Aber nie waren wir hier im Norden, in Varanasi. Als meine Mutter krank wurde, bin ich einmal alleine nach Sri Lanka gereist. Auf dem R├╝ckweg habe ich Freunde von ihr in Madras besucht. Aber nie hat sie mir von Varanasi erz├Ąhlt.“
Die junge Frau sah mich die ganze Zeit aufmerksam an.
„Meine Mutter ist in Madras geboren. Erst als sie mit unserem Vater verheiratet wurde, kam sie nach Varanasi.“

Die ├Ąltere Frau nahm einen herzhaften Zug von der selbst gedrehten Zigarette und musterte mich. Nach einer halben Ewigkeit hatte sie das Foto zwischen etliche Stoffbahnen geschoben, die wie ein breiter G├╝rtel um ihre Taille gewickelt waren.
„Ich habe mich immer gefragt, ob Elisabeths Tochter so blonde Locken hat wie sie selbst.“
Wir sa├čen auf dem Boden der K├╝che, lehnten mit dem R├╝cken an der k├╝hlen Wand, die Knie angezogen, wie zwei Hausfrauen, und schwiegen. Sie die indische Agraringenieurin und ich die Europ├Ąerin.
„Ich habe deine Mutter an der Universit├Ąt kennen gelernt. Es war unausweichlich. So viele Frauen gab es damals noch nicht an indischen Universit├Ąten und noch weniger Ausl├Ąnder.“ Meena grinste schief.
„Hier in Indien ist alles viel komplizierter als bei euch. Als mein Vater mir Kamal vorstellte, konnte ich nicht nein sagen. Damals war es nicht so leicht, einen Mann zu finden, der bereit war, eine studierte Frau zu heiraten, auch in Madras nicht. Kamal war gut zu mir und den Kindern. Ich konnte arbeiten, als sie gr├Â├čer waren.“ Sie schwieg kurz und betrachtete mich eingehend.
„Du legst den Kopf so zur Seite wie deine Mutter.“ Meena lachte kehlig und blies eine Rauchwolke in den Raum.
„25 Jahre ist eine lange Zeit.“ Sie schnippte Zigarettenasche ins Herdfeuer.
„Wann ist Elisabeth gestorben?“
Ich sp├╝rte, wie sich meine Kehle zuzog. „Im Februar dieses Jahres.“
„Ich habe Elisabeth zu meiner Hochzeit eingeladen. Sie ist nicht gekommen. Damals konnte ich ihr nicht verzeihen. Was waren wir beide dumm. Wussten nicht, was aus uns werden sollte.“
Meena seufzte leise, fast unmerklich. Dann st├╝tzte sie sich auf meinem Knie ab, um aufzustehen.
„Hoffentlich hast du Zeit f├╝rs Essen mitgebracht.“ Sie l├Ąchelte mich an.
Ich nickte nur. Sagen konnte ich nichts.
„Ich dachte immer, wenn meine Kinder aus dem Haus sind, dann besuche ich Europa und Elisabeth“, sagte sie, ohne mich anzusehen, w├Ąhrend sie frische Holzscheite in den Herd schob.
Ich l├Ąchelte in mich hinein. „Europa kannst du immer noch besuchen.“

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 2
Kommentare: 497
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Monfou Nouveau eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Devika!

Sch├Ân zu lesen. F├╝r mich ein weitgehend einwandfreier Text. Etwas fragmentarisch vielleicht, ich meine, es wirkt auf mich wie ein Ausschnitt. Die eigentliche Geschichte beginnt doch erst, wenn der Text aufh├Ârt. Angefangen vom Essen bis zum weiteren Aufenthalt in Indien. Oder die Geschichte geschah, ehe die vorliegende Szene anf├Ąngt. Und m├╝sste episch nachgetragen werden. Es k├Ânnte Kapitel eines Romans sein, der dann aus Sicht der Tochter die Muttergeschichte erz├Ąhlt, zumal sie Mutter eben erst gestorben ist. Die geschilderte Begegnung ist ja nur der Angelpunkt. Das ist mein Gef├╝hl. Aber nat├╝rlich kann der Text auch so, als farbige Szene, dastehen.

Stimmung, Atmosph├Ąre, Dialoge ÔÇô sehr sicher. Beim ersten Lesen ein ausgezeichneter Eindruck. Ich will dich eigentlich nicht damit behelligen, dass ich nie ÔÇ×Schwarz/Wei├č-FotografieÔÇť schreiben w├╝rde. Es hei├čt Schwarzwei├č-Fotografie. Nach der neuen Regelung gibt es allerdings noch mehr Varianten. Auch: Schwarz-Wei├č-Fotografie. F├╝r mein Gef├╝hl sind ein paar veraltende Begriffe drin, jedenfalls eine etwas anheimelnde Sprache stellenweise: gerne statt gern; lugten ist f├╝r mich ein Schulaufsatzwort oder Zwangsynonym, dabei finde ich es am Anfang so prima, dass zweimal das Atmen kommt.

ÔÇ×Hotel Sri NagarÔÇť, sagte ich sehr knapp. Ist das ÔÇ×sehrÔÇť nicht verzichtbar?

So oder so, atmosph├Ąrisch sehr dichter Text. Gern gelesen!!! Vor allem hat man den Eindruck, die Autorin wei├č, wovon sie schreibt!

Viele Gr├╝├če

Monfou

Bearbeiten/Löschen    


Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

Werke: 16
Kommentare: 122
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arezoo eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Devika,

sehr dicht und fl├╝ssig erz├Ąhlt! Stimmungsvoll.
Trotzdem bleibt es mir zu angerissen, um eine eigene Kurzgeschichte zu sein.
Zu offen das Ende und auch der Anfang. Eher wie ein Ausschnitt aus etwas Gro├čem.
Eindrucksvoll finde ich in wie wenigen Worten du Indien beschreibst und ich mich wieder zur├╝ckerinnern kann.

Liebe Gr├╝├če,
Arezoo
__________________
Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertr├Ąumte.
Schim'on Peres

Bearbeiten/Löschen    


Devika
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2005

Werke: 12
Kommentare: 20
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Devika eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ja ich streiche das sehr.
Ja der Anfang ist etwas seltsam und abgehackt, das stimmt.
Nein ich will hier nicht konkreter werden, Fragen beantworten. Es ging mir um Stimmung und Gef├╝hle. Danke ├╝brigens f├╝r die Empfehlung.

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!