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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Fußballspiel
Eingestellt am 13. 09. 2003 13:14


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neve
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Registriert: Jun 2003

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Das Fußballspiel



....30 Minuten vor Spielbeginn:
Das nicht gerade billige isotonische Getränk leert er mit vielen kleinen Schlucken genau 30 Minuten vor Spielbeginn, so wie es in der Werbebroschüre empfohlen wird. Reinhard Forn kauft sich auch stets die neuesten Fußballschuhe (sogar ein Ersatzpaar, falls eines während des Spiels beschädigt werden sollte), deren überteuerter Preis natürlich in keinem vernünftigen Verhältnis zu seinem geringen lumpenproletarischen Lohn steht. Seine fußballbedingten finanziellen Eskapaden muss er aber schon längst nicht mehr vor seiner verbitterten Frau rechtfertigen. Die Ehe liegt brach, aber Scheidung einreichen kommt von beiden Seiten nicht in Frage. Was würde das wohl für Gemauschel im Dorf geben? Und was das alles kosten würde...
Während die anderen Spieler erst langsam und zum Großteil restalkoholisiert vom Feuerwehrfest am letzten Abend in die Kabine schlapfen, wärmt er bereits ordentlich beschützt durch teure Schienbeinschoner und bewaffnet mit frischem Schweißband, gewaschenen Schuhen und atmungsaktivem Nasenpflaster am Spielfeldrand auf.
Sein Leben: Tristesse royale und Demütigung galore! Aber am Wochenende müssen sämtliche Doktoren, Bankdirektoren und Studenten im gegnerischen Hobbyteam stellvertretend für alle die Reinhard im real life arrogant demütigen ihre Schienbeine herhalten. Und sogar die paar Zuseher des Dorfklubs applaudieren dem Hilfsarbeiter am Wochenende, obwohl sie ihm in den restlichen 9990 Minuten der Woche souverän aus dem Weg gehen und soziale Kontakte mit Reinhard flach halten. Der Name unseres Protagonisten hier sei Reinhard Forn! Der könnte aber auch Jiri Brzenicka, David Logghead oder Paolo Galinda, ja zB sogar Urs Briggli oder auch wieder Lars Bringstrom heißen. Denn die Arbeiterklasse dieser Welt besteht aus Millionen verzweifelter Reinhard Forns, die nur einmal in der Woche am Sportplatz tief Luft holen, und ihre geteerten Lungen auffüllen um die restlichen 6 Tage mit schwerem Atem zu überstehen!


....Anpfiff:
Der viel zu dicke Schiedsrichter startet das Spiel. Reinhard deckt Mann.

„Hallo. Wir haben 2 Stunden Zeit.“, sie öffnet die Türe und ihren Schalke 04–BH (Geld für Einkäufe bekommt sie keines von Reinhard, und so muss sie stets Fanware anziehen, welche ihr Mann ihr kauft) und greift dem Fremden der an der Tür steht auf die Eierausbuchtungen in seiner schwarzen Lederhose. Er wirft die Schalke-Bettdecke von der Matratze, während sie bereits ihre krampfadrigen Beine spreizt.
Wenig später klingelt das Telefon, aber orgasmusbetäubt geht sie nicht ran...

Er stellt den Motor ab, öffnet den Kofferraum und schnappt sich die nächste Flasche. Zu Hause hätte er es nicht ertragen, im Nebenzimmer, während seine Mutter einen dreckigen Spießer vögelt. Nein, dann lieber irgendwo aufs Land fahren und sich in Ruhe betrinken. Wann hatte das eigentlich begonnen? Das heimliche trinken? Als er entdeckte, dass seine Mutter in den einschlägigen Zeitschriften die er unter seinem Bett versteckt als Hobbyhure inseriert, oder voriges Jahr, als ihn sein Vater mehr oder weniger verstieß, da er sich weigerte mit ihm in der selben Mannschaft zu spielen, und eigentlich und überhaupt gar nicht mehr Fußball spielen wollte? Was für eine blöde Frage eigentlich....mit wem sonst sollte er sich denn betrinken, wenn nicht alleine? Mit seinen Freunden die er nicht hat? Wer will denn schon mit einem 19 jährigen Arbeitslosen ausgehen, der nicht nur aus einer von der Gesellschaft gepeinigten Arbeiterfamilie stammt, sondern auch noch potthässlich und dumm ist? Ein großer Schluck folgt diesem Gedankengang...

„Forn, Reinhard“, liest er in Gedanken vor sich hin. Forn führt die Liste unangefochten an. Das kann so nicht weitergehen. Da muss man was unternehmen, am besten gleich jetzt. Er ruft bei den Forns an, aber da hebt niemand ab. Vielleicht sollte er hinfahren? Ist zwar fast eineinhalb Stunden entfernt, aber schließlich geht’s ums Geschäft ....


17. Spielminute:
Reinhard Forn trifft die Stange. Die Zuseher loben den gewagten aber gelungenen Schuss aus der Ferne. Reinhard kann jeden Zuschauer einzeln hören. Nach dem Spiel wird ihm der Bürgermeister bestimmt gratulieren. Vielleicht sogar ein Foto in der Gemeindezeitung für sein Erinnerungsalbum? Forn ist wieder einmal der beste Spieler am Platz.

Das von einem blau-weißen Fan-Schal halb bedeckte Hochzeitsbild an der Wand wackelt rhythmisch gemeinsam mit den Fickstößen des auf ihr liegenden Spießers. Sie weint.
Reinhard nimmt aus Angst, sie könnte sein Geld, welches er ausschließlich für sein Hobby verwendet, heimlich stehlen und ausgeben, dieses sogar zu den Fußballspielen mit.
Warum sie? Schulabschluss, aussichtsreicher Job gleich mit 18. Und jetzt das. Aber so waren die Zeiten früher eben. Wer schwanger war, wurde verheiratet. Sie hasste ihren Sohn.

Das Auto seines Vaters, welches er sich jeden Sonntag ausleiht, um ins „Kino“ oder mit „Freunden“ in die „Stadt“ zu fahren stank nach Alkohol und er drehte nun betrunken das Radio auf volle Lautstärke. Die Zwischenstände der Bundesliga wurden durchgegeben. Er drehte wieder ab. Fußball. Andere Kinder bekamen zum Geburtstag Besuche im Vergnügungspark oder Action-Figuren geschenkt, er aber musste als kleiner Junge stets auf den Fußballplatz, obwohl er keinerlei Interesse hatte, und bekam zu Weihnachten ein Jahresabo auf Schalke. Gut kann er sich noch heute daran erinnern, wie er unter dem Weihnachtsbaum von seinem Vater verdroschen wurde, weil er aus kindlicher Wut, dass es Eintrittskarten und keine Videospiele waren, das Abo zerriss....

Ja, er wird hinfahren. Gleich jetzt. Er steigt ins Auto und überlegt sich wie er es am dezentesten formulieren könnte. Viel fällt ihm nicht ein, aber es wird ja noch eine Weile dauern, bis er bei den Forns angekommen ist.....



45. Spielminute – Halbzeit:
0:0; Reinhard geht enttäuscht in die Kabine. Wenn sie heute gewinnen, sind sie Meister und steigen auf. Dann würden sie endlich rauskommen aus der untersten Spielklasse im ganzen Land. Sicherlich würde man ihm auf der Meisterfeier gratulieren. Wann wurde er eigentlich das letzte Mal zu einer Feier eingeladen? Heute müssen sie gewinnen. Reinhard schnappt sich einen Ball und geht auf das Spielfeld zurück, um sich in der Pause etwas warm zu halten.

„Und jetzt in den Arsch du Schlampe.“, alkoholgetränkter Schweiß perlt auf seiner alten Haut. „Nein, Nein, es ist besser du gehst jetzt.“, sie beginnt laut zu schreien....

Die Bierflasche klemmt zwischen seinen Beinen und schlägt andauernd ans Lenkrad, wenn er in eine Rechtskurve einfährt. Die Waffe hatte er schon vorher aus dem Kofferraum geholt. Sein Mut wächst proportional zur Menge Alkohol die er in sich hineinschüttet.....



76. Spielminute
Immer noch 0:0. Forn weiß, dass sie jetzt einen Gang zulegen müssen. Nur noch knapp 15 Minuten Zeit für ein Tor. Bei einem gefährlichen Lufttackling erwischt er seinen Gegner unglücklich. Der sackt zusammen. Spielunterbrechung. Der Schiri zeigt ihm die gelbe Karte. Beide sind hart eingestiegen. Der am Boden liegende rührt sich nicht. Die Rettung wird geholt. Der Verletzte abtransportiert. Forns Knie schmerzt ein wenig. Hoffentlich nichts Ernstes. Heuer hatte er bereits 4 Wochen Liegegips und einige andere kleine Sachen. Aber jetzt wieder volle Konzentration aufs Spiel und die Schmerzen für ein paar Minuten vergessen....

Aufregung am Spielfeld. Alle Spieler und Zuseher sehen gebannt auf den Rettungswagen. Jetzt muss er die Gelegenheit ergreifen. Unbemerkt steigt er durch ein Fenster in die Kabinen ein und durchsucht die Taschen der Spieler. Dort, dort drüben. Teure Sporttasche, leere Isotonic-Flaschen und sogar ein zweites Paar Fußballschuhe; sieht ziemlich reich aus. Tatsächlich. Was ist denn das? Mehr als 3000 Euro Bargeld und eine Kreditkarte! Schnell verlässt er die Kabinen, mischt sich noch eine Weile unter die Gästefans und verschwindet anschließend.....

Forn wird es verstehen. Mit Sicherheit. Ob es nicht doch besser gewesen wäre, es ihm am Montag in der Firma zu sagen, und nicht am Wochenende die Nachricht persönlich zu überbringen? Nein, Nein, das ist schon in Ordnung so. Bloß nicht vor all den Kollegen in der Arbeit. „Reinhard, was soll ich mit dir machen? Du hast mit Abstand die meisten Tage Krankenstand in unserem Unternehmen. Du weißt ja, wir Arbeitgeber haben es auch nicht mehr so dick, jetzt mit dem ganzen Rationalisieren und so.“, ja genau, so wird er es ihm beibringen.....

Er stellt das Auto ab, nimmt seine Waffe und die nächste Flasche zur Hand. Gleich, gleich......

Aus der Nase blutend liegt sie schluchzend aber wehrlos auf dem Bett, während er qualvoll ihren Arsch bearbeitet.....

.....“Sieht sehr übel aus. Bei einem Kopfballduell hat er das angestellt?“........



91. Spielminute – Nachspielzeit
Fast 90 Minuten Fahrt vorbei. Er läutet jetzt an der Tür der Forns – Die Waffe wird entsichert. Er steigt die Treppen hoch. – Die Sirene heult. „Wir verlieren ihn, Herr Doktor, schnell. Der Fußballer liegt regungslos im Wagen“ – Das Blut klebt auf der blau-weißen Bettwäsche. Sie zittert am ganzen Körper. – Niemand öffnet. Ach, die Tür ist ja offen. „Herr Forn, sind sie zu Hause Herr Forn, ich bins, ihr Chef. – „Kein Lebenszeichen mehr.“ – „Foul, Foul“. Der Schiedsrichter zeigt auf den Elfmeterpunkt. Reinhard legt sich den Ball zurecht. – Besoffen und mit der Waffe in seiner Hand kann er den Schlüssel nicht...was ist denn das? Warum ist denn hier geöffnet? – Der Freier macht seine Hose zu, schlägt ihr nochmals ins Gesicht und möchte gehen, als er bemerkt, wie ein Mann im Anzug verdutzt in der Wohnung steht und wenige Meter dahinter ein Jugendlicher torkelnd mit einer Waffe.....TOR!!!!! Reinhard Forn verwandelt den Elfmeter. Aufstieg! Herrlich!

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Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2002

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Hallo neve,

erinnert mich an den Film "American Beauty". Hat mir eigentlich gut gefallen. Aber gegen Ende läßt du nach, versuchst zu viel Tempo hereinzubringen, ist eher verwirrend. Den Schluß solltest du nochmal ausführen, bearbeiten, wäre schade um die tolle Geschichte.

Bis bald,
Michael

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