Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95221
Momentan online:
475 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Ge'eimnis der Liebe
Eingestellt am 20. 03. 2015 18:06


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Mark Sternwaldt
Autorenanwärter
Registriert: Mar 2015

Werke: 2
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Mark Sternwaldt eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Nennt mich \'enri. Meine Eltern wollten es so. Geboren wurde ich in einem kleinen Vorort von Paris. Ich bin also sozusagen ein Landsmann Gottes und diese Vorliebe des Sch√∂pfers f√ľr unsere nation ist vielleicht auch der Grund daf√ľr, dass die Liebe in unserem Land eine besondere Rolle spielt. Sagen manche. Gesehen \'abe ich Gott, wie ich zugeben muss, aber noch nie. Und auch was die Liebe angeht, muss man sagen, dass die Franzosen in dieser \'insicht durchaus geteilter Meinung sind.

Da sind die einen, die an die Liebe glauben. Nat√ľrlich, sagen sie. Woran sollen wir sonst glauben? Kann man schlie√ülich an etwas Sch√∂neres und Edleres glauben als an die Liebe? Bon. Die anderen be\'aupten aber, das ist doch alles \'umbug. Die Liebe ist nichts weiter als eine Illusion. Ein Trick der Natur, dazu gemacht, M√§nnlein und Weiblein zusammenzubringen zum Zwecke der Vermehrung. Sobald die Kinder geboren und ein paar Jahre vergangen sind, beginnt die Liebe abzuk√ľhlen und zu verwelken.

Die Liebe ist jedenfalls ein großes Rätsel. Man könnte meinen, dass wenigstens die Franzosen wissen, was das Ge\'eimnis der Liebe ist, aber die meisten \'aben keine Ahnung. Unter den Franzosen gibt es in der Liebe nicht seltener Enttäuschungen, Streit, Dramen, Scheidungen und Gerichtsprozesse als bei anderen Völkern auch und manchmal wird das, was als große Liebe begann, zu etwas, das von \'ass nicht mehr weit entfernt ist.

Nur wenige wissen, was das Gro√üe der Liebe wirklich ausmacht. Ich ge\'√∂re zu den wenigen Auserw√§hlten. Ich \'abe es \'erausgefunden. Wie ich das gemacht \'abe? Ganz einfach. Indem ich mich dumm angestellt \'abe. Ich bin durch Versuch und Irrtum darauf gekommen. Ich \'abe versagt. Jetzt bin ich kl√ľger, aber ungl√ľcklich.

Vermutlich \'√§tte ich es nie erfahren, \'√§tte mich mein beruflicher Weg nicht ins Ausland gef√ľhrt, wo ich Rhea kennen lernte. Sie war ein wenig undefinierbar, k√∂nnte man sagen, aber sie \'at mich vom ersten Augenblick an fasziniert ‚Äď schon wegen ihrer braunen Locken, die jedoch von der Farbe \'er nicht ein\'eitlich waren, sondern verschiedene Braunt√∂ne aufwiesen, die unregelm√§√üig √ľber ihren \'aarschopf verteilt waren. Sie f√§rbte ihre \'aare, aber sie machte es so geschickt, dass es √ľber\'aupt nicht k√ľnstlich aussah, sondern wie eine Laune der Natur.

Sie \'atte diese kreative Energie, die Fä\'igkeit, sich etwas Neues auszudenken und in die Tat umzusetzen. Des\'alb war sie auch Modedesignerin geworden. Aber sie entwarf nicht das nutzlose Zeug, das man so \'äufig in den Läden findet, sondern Klamotten, die praktisch brauchbar und trotzdem nicht ohne Stil waren.

Gemeinsam \'atten wir einen wunderbaren Sohn, den wir auf den Namen Bernard getauft \'atten. Mon dieu. Ich war sehr stolz auf Bernard. Er war ein cleveres Kerlchen, das muss man sagen. Manchmal vielleicht sogar ein wenig zu clever f√ľr meinen Geschmack. Eines Abends sa√üen wir drei in der K√ľche beim Essen beisammen, als Bernard mich fragte:

‚ÄěPapa, was sind eigentlich Gene?‚Äú.

‚ÄěAlors‚Äú, sagte der Papa, ‚Äědie Gene, das sind unsere Erbanlagen. Sie bestimmen, was wir f√ľr Eigenschaften \'aben, also wie wir aussehen, was wir f√ľr Begabungen besitzen, zum Teil vermutlich auch, was wir f√ľr einen Charakter \'aben. Und so weiter.‚Äú

‚ÄěUnd ich \'abe meine Erbanlagen also von euch?‚Äú, bohrte Bernard weiter.

‚ÄěNa klar‚Äú, sage ich.

‚ÄěAber Papa‚Äú, meint Bernard, ‚Äěwieso \'abe ich dann gar keine √Ąhnlichkeit mit dir?‚Äú.

‚ÄěDas kommt noch‚Äú, sage ich. ‚ÄěDu bist ja noch ein Kind, da kannst du schlie√ülich nicht ausse\'en wie ein Erwachsener. Wenn du erst gro√ü bist, wirst du sicher so √§hnlich ausse\'en wie ich jetzt.‚Äú

Damit gab er sich vorl√§ufig zufrieden. Allerdings war er, wie ich zugeben muss, nicht der Erste, der mir diese Frage gestellt \'atte. Um ganz ehrlich zu sein, \'atte eigentlich noch nie jemand be\'auptet, Bernard w√ľrde mir wie aus dem Gesicht geschnitten se\'en. Dazu kam vielleicht noch, dass bei ihm wirklich eine Laune der Natur zugeschlagen \'atte. Weder Rhea noch ich \'atten von Natur aus blonde \'aare ‚Äď Bernard dagegen schon. Nicht, dass ich mir dar√ľber viele Gedanken machte. Immer\'in \'atte es unter meinen Vorfahren einige blonde Personen gegeben, au√üerdem \'atte man mir gesagt, dass es ganz normal w√§re, wenn ein Kind mit blonden \'aaren zur Welt k√§me. Sie w√ľrden mit der Zeit vermutlich ganz von selbst dunkler werden.

Allerdings wurden sie nicht dunkler und es gab in meinem Bekannten- und Kollegenkreis ein paar Leute, die sich einen Spa√ü daraus machten, \'inter meinem R√ľcken, aber durchaus in meiner Anwesen\'eit, Bemerkungen √ľber die angeblich mangelnde √Ąhnlichkeit zwischen mir und meinem Sohn fallen zu lassen. Es w√§re ja immer\'in m√∂glich, dass Bernard nicht, wie man sagt, vom Storch, sondern vom Kuckuck gebracht worden w√§re. Ich sagte ihnen, wenn sie derartige Bef√ľrchtungen \'√§tten, dann sollten sie das gef√§lligst mit Rhea abmachen, die w√ľrde ihnen schon sagen, was sie von solchen Verd√§chtigungen \'ielt. Aber das taten sie nat√ľrlich nicht. Statt dessen stichelten und stichelten sie, vermutlich weil sie es nicht ertragen konnten, dass ich mir der Treue Rheas so verdammt sicher war.

Einmal, auf einer Betriebsfeier, als wir alle nicht mehr ganz n√ľchtern waren, sagte jemand, wenn ich mit solcher Sicher\'eit w√ľsste, dass Bernard mein eigener Sohn sei, dann br√§uchte ich ja keine Angst davor zu \'aben, einen Vaterschaftstest machen zu lassen. Sie sagten, wenn ich tats√§chlich Bernards Vater w√§re, dann w√ľrden sie zusammenlegen und ich br√§uchte keinen einzigen Cent f√ľr den Test zu bezahlen. Wenn ich dagegen nicht der Vater w√§re, dann sollte ich selbst f√ľr die Kosten aufkommen.

Nun war es leider verboten, einen solchen Test \'eimlich und ohne die Zustimmung seines Kindes durchf√ľhren zu lassen. Aber wie es der Teufel wollte, \'atte einer von den Kollegen einen Bekannten, der in einem solchen Labor arbeitete und gegen ein angemessenes Bestechungsgeld solche Tests auch \'eimlich durchf√ľhrte. Und da ich \'ier die Chance \'atte, meinen Kollegen eins auszuwischen und sie daf√ľr auch noch bezahlen zu lassen, stimmte ich schlie√ülich zu.

Als ich abends nach \'ause kam, ging ich zu Bernard, der bereits im Bett lag und noch ein Buch las, und bat ihn, mir bei Gelegen\'eit einige seiner \'aare zu √ľberlassen, die ich angeblich f√ľr einen Talisman ben√∂tigte. Ich br√§uchte die \'aare aber vollst√§ndig mit ihren Wurzeln, weil sonst der Talisman wirkungslos w√§re.

Rhea war nicht begeistert, als ich ihr erz√§hlte, was ich besoffen verzapft \'atte, aber ich konnte nun nicht mehr zur√ľck und sie sagte schlie√ülich, mit dem Test w√§ren dann wohl endg√ľltig alle Spekulationen vor√ľber, also \'√§tte die Sache auch ihr Gutes.

Am n√§chsten Tag brachte Bernard mir die versprochenen \'aare. Anstatt aber einen Talisman daraus zu machen, stopfte ich sie in ein steriles Glasr√∂hrchen und √ľbergab es pers√∂nlich an den Mann, der den Test durchf√ľhrte. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich den Umschlag mit dem Ergebnis in Rheas Gegenwart mit betonter Gleichg√ľltigkeit √∂ffnete.

Wir wohnten in einem alten \'aus, das Rhea so gut gefallen \'atte und das viel sch√∂ner war als die modernen \'√§user von \'eute. Das \'aus \'atte uns zwar die Feindschaft einer gr√ľnen Nachbarin eingebracht, die ein paar \'√§user weiter wohnte, weil wir noch Kohle\'eizung \'atten, weil die Fenster nicht isoliert waren und das \'aus auch sonst eine umwelttechnische Katastrophe war, aber daf√ľr wurden wir nie krank und \'atten als Untermieter Spinnen, V√∂gel, Flederm√§use und andere n√ľtzliche Tiere, die die Insekten wegfingen. Rhea lag im Garten, den sie selbst angelegt \'atte und an dem manchmal Passanten ste\'en blieben und sich √ľber ihn wunderten, denn er war voller bunter Blumen und \'o\'er Gr√§ser und Str√§ucher und genau wie bei ihren \'aaren konnte man nicht sagen, ob die Blumen von Natur aus so gewachsen oder ob sie absichtlich dort gepflanzt worden waren.

Sie lag dort also auf einer \'√§ngematte und schaukelte sachte vor sich \'in, die \'√§nde \'inter dem Kopf verschr√§nkt. Sie \'atte ihre Bluse nicht zugekn√∂pft, sondern die Enden √ľber dem Bauch zusammengeknotet, so dass man ihren Bauchnabelstern sah, der neben ihren Ohrringen fast ihr einziger Schmuck war. Er war aus Silber und auf jedem Strahl sa√ü ein winziger bunter Edelstein, jeder von einer anderen Farbe. Die Farben bedeuteten etwas, aber ich \'atte nicht ganz verstanden, was es war. Als ich nun den Umschlag √∂ffnete und das Ergebnis las, \'atte ich das Gef√ľhl, eine kr√§ftige Faust w√ľrde mir mitten in das Gesicht schlagen, denn dort stand, dass ich mit 99,99-prozentiger Sicher\'eit nicht Bernards Vater w√§re.

Auch Rhea war best√ľrzt und versicherte mir, es m√ľsse ein Irrtum vorliegen und es gebe ganz bestimmt nur einen Mann, der Bernards Vater sein k√∂nnte, es sei denn, der \'eilige Geist \'√§tte auf ge\'eimnisvolle Weise eingegriffen. Nat√ľrlich ging ich zu dem Mann, der den Test durchgef√ľhrt \'atte und sagte ihm, er m√ľsse einen Fehler gemacht \'aben, denn das Testergebnis war falsch. Der Mann war v√∂llig verdattert und ich sah, dass er mir nichts vormachte. Er sagte, das Ergebnis k√∂nne nicht falsch sein, aber wenn ich wollte, k√∂nnte er den Test noch einmal durchf√ľhren. Ich musste ihn dann zwar noch einmal bezahlen, aber das war mir in diesem Moment egal. Ich \'atte noch ein paar \'aare von Bernard √ľbrig und der Test wurde noch einmal durchgef√ľhrt. Doch zu meinem Entsetzen war das Ergebnis wieder dasselbe. Ich war eindeutig nicht Bernards Vater.

Rhea versicherte mir nach wie vor, dass sie mich niemals betrogen \'atte, aber ich tat das, was ihr in dieser Situation vermutlich auch getan \'√§ttet. Ich sagte zur ihr: Ein Mensch kann l√ľgen; ein wissenschaftlicher Test nicht, n\'est-ce pas? Dann packte ich das N√∂tigste zusammen und verlie√ü meine wunderbare Lebensgef√§hrtin ohne Abschiedsgru√ü.

Mit Bernard traf ich mich noch regelm√§√üig. Er war sicher nicht gl√ľcklich dar√ľber, dass die intakte Familie, die wir bis\'er gewesen waren, auseinandergebrochen war, und ich war mir nicht sicher, ob er wirklich verstand, was gesche\'en war. Es blieb mir nichts weiter √ľbrig, als ihm zu sagen, dass ich mich geirrt \'atte, und wenn er wissen wolle, wer sein wirklicher Vater war, m√ľsse er sich an seine Mutter wenden.

Es dauerte ein Jahr, bis Bernard die Zusammen‚Äė√§nge richtig verstanden \'atte, und dann dauerte es noch eine Weile, bis er sich traute, die Wahr\'eit zu sagen. Eines Tages bekam ich einen Brief von Rhea, in dem sie mir berichtete, dass die \'aare, die Bernard mir gegeben \'atte, gar nicht von ihm stammten, sondern von einem Freund, der zuf√§llig auch blond war. Er \'atte ja geglaubt, ich br√§uchte die \'aare f√ľr einen Talisman, und da er einen gut entwickelten \'umor \'atte, \'ielt er es offenbar f√ľr eine besonders lustige Idee, mir die \'aare eines anderen zu geben, um zu se\'en, ob ich einen Unterschied bemerken w√ľrde. Da war es nat√ľrlich kein Wunder, dass der Gentest meine Vaterschaft nicht best√§tigen konnte.

Ich rief Bernard an und sagte ihm, dass ich ihm nicht b√∂se w√§re, schlie√ülich war es ja meine Schuld, dass ich ihm, was den Verwendungszweck der \'aare anging, nicht die Wahr\'eit gesagt \'atte. Und ich fragte Rhea, ob sie mir noch einmal verzei\'en w√ľrde und wir wieder eine richtige Familie werden k√∂nnten. Aber sie verzieh mir nicht, sondern bezeichnete mich als Verr√§ter, weil ich ihr nicht geglaubt \'atte. Schlie√ülich \'atte der Gentest nur mit 99,99-prozentiger Wahrscheinlichkeit ausgesagt, dass Bernard einen anderen Vater \'atte, sie aber \'√§tte mit \'undertprozentiger Sicher\'eit gewusst, dass ich der Vater war. Und \'undert Prozent sind zweifellos mehr als 99,99 Prozent.

Und des\'alb: Wenn ihr einmal in einer ähnlichen Lage seid wie ich, dann glaubt nicht einem verdammten wissenschaftlichen Test, sondern dem Menschen, der euch liebt. Andernfalls \'abt ihr seine Liebe nicht verdient.
__________________
sternwaldt

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


DocSchneider
Foren-Redakteur
Häufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 137
Kommentare: 2459
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Mark Sternwaldt, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken

Angene'm zu lesende Geschichte. :) Nach großer Spannung verpufft nur das Ende ein wenig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein weiteres reibungsloses Zusammenleben gibt. Vielleicht kannst Du das noch ein bisschen dramatisieren.

F√ľr die Lesbarkeit w√§re die Entfernung der Schr√§gstriche von Vorteil.


Viele Gr√ľ√üe von DocSchneider

Redakteur in diesem Forum

Bearbeiten/Löschen    


Zur√ľck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Werbung