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Leselupe.de > Horror und Psycho
Das Gefühl Nr. 108
Eingestellt am 15. 01. 2010 21:36


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a.lipschitz
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Das Gefühl Nr. 108


Ich bin nicht von hier. Mich verbindet nur wenig mit den Anderen. Aber der Hauptmann, der im Jahr 2028 aus Südamerika zurück gekommen ist, wo es ganz arg zugegangen war, redete mir zu, nachdem er mich kennen gelernt hatte und sah, dass ich nützlich sein könnte. Er wollte, dass ich mitmache. Fast war ich stolz darauf.
Der Hauptmann ergriff die Initiative. Es hat ihn Jahre gebraucht, uns zu dem zu machen, was wir heute sind: Ein bunt zusammengewürfelter und immer noch relativ unkoordinierter Haufen. Diejenigen, die nicht mehr können, verlassen die Gruppe, immer seltener stoßen neue dazu. Aber es gibt uns noch.
Wenn etwas passiert und wir davon erfahren, sucht der Hauptmann die Leute aus, die er braucht. Einige ehemalige Söldner sind für das Grobe zuständig. Mich setzt er ein, um zu verstehen, was vor sich ging. Ich sehe vieles und vieles kann ich mit Worten wiedergeben. Längst nicht alles. Ich berichte dem Hauptmann und er der Gerichtsbarkeit.

Mit dem Nationalstaatenprinzip wurde auch die staatliche Strafverfolgung aufgegeben. Zu groß und nicht mehr handhabbar waren die Vielvölkereinheiten, die die gesamteuropäische und die pan-amerikanische Institution zu verwalten und zu kontrollieren hatten. Zu häufig wurden zudem die Gesetze übertreten, als dass die Institution ihre Einhaltung noch faktisch durchsetzen konnte.
So wurden wir beinahe zu Rebellen, die wir doch einst ein Teil jener Bürgerlichkeit waren, die es nicht mehr gibt. Wir sind verstreute Splitter, die sich selbst organisieren. Die Institution toleriert uns, so wie sie fast alles toleriert, und die Menschen betrachten uns mit Argwohn. Wir halten die Augen offen, bekommen Hinweise von den wenigen, die uns unterstützen, denen wir nachgehen. Mal finden wir etwas, oft ist es falscher Alarm. Das meiste was passiert, finden wir wahrscheinlich nicht.
Dafür habe ich heute gleich zweimal hintereinander die volle Ladung abbekommen.

Es ist kurz vor dem Mittag und die Kennung des Hauptmanns erscheint auf meinem Computer, den ich am Handgelenk trage und fast nie ablege. Er sendet lediglich zwei Koordinaten, was bedeutet, dass er mich an diesem Ort zu sehen wünscht, weil ich mir etwas ansehen soll. Das verheißt an sich schon nichts Gutes und in weiser Voraussicht nehme ich mir den Nachmittag frei. Ich arbeite beim Nahverkehr und entwickle den Busfahrplan für das Liniennetz in der Innenstadt.
Er übermittelt mir eine Straße im 40. Bezirk, keine gute Adresse, und mit einem Taxi lasse ich mich zu der angegebenen Position chauffieren. Es ist ein großer Wohnblock mit 15 Stockwerken. Ich muss in den 8. Ich nehme die Treppe, denn ich traue den alten Aufzügen nicht. Den neuen auch nicht.
Unser Tippgeber ist ein Lieferant, der für uns arbeitet. Ein wertvoller Mann, denn er kommt viel herum. Er bringt eine Bestellung, keiner öffnet ihm auf sein Klingeln, er sieht, dass das Türschloss beschädigt ist und verständigt den Hauptmann. Der Mann hat einen 6. Sinn. Er liegt nur selten falsch. In der Hand hält er heute ein Päckchen von der Apotheke, das seinen Empfänger nicht erreicht hat. Der Hauptmann war schon in der Wohnung als ich ankomme, denn er geht grundsätzlich zuerst rein, bevor er einen von uns schickt.
"Sieht übel aus da drin", sagt er und blickt mich ernst und prüfend an.
Ich habe nichts anderes erwartet. Und dann bin ich am Zug.

Ich betrete das billige 1-Zimmer-Appartement, eins von mindestens 10 auf dieser Etage, und beginne mich umzusehen, so wie nur ich mich umsehen kann.
Das ist, was ich sehe:
Durch den Flur, von dem nach links ein Badezimmer abgeht, gelangt man in den Wohnraum. Eine winzige Küche liegt ebenfalls zur linken. Auf dem Fensterbrett stehen drei gepflegte Blumentöpfe, in denen Pflanzen mit rosafarbenen Blüten wachsen. Ich weiß nicht, wie man sie nennt. Eine große Holzkiste steht auf dem Boden in der rechten Ecke gleich neben dem Sofa. Darin ist Sand und verschiedene andere Pflanzen. Ich sehe eine Schrankwand mit zwei Glastüren. Auf einem Bord stehen etwa 20 Porzellanfiguren, das meiste sind Tiere. In einer durch einen Vorhang vom Wohnraum abgetrennten Schlafnische befindet sich ein Bett. Es hat einen dunklen Holzrahmen und ist am Kopfende verziert. So etwas muss schon sehr alt sein. Ein Nachttischschrank mit einer Lampe ist daneben, eine starke Brille liegt darauf und in der oberen Schublade ein Buch, das von alten Zeiten handelt. Ich weiß, ich habe den Titel schon einmal gehört. Ein Foto von einem Mann mit einem etwa 12-jährigen Jungen steht ebenfalls auf dem Nachttisch. Der Junge trägt eine Art Schuluniform. Es ist sorgfältig unter Glas eingerahmt. Der Hauptmann sagt immer, ich bin auf Fotos konditioniert. Aber man sieht mitunter wirklich sehr viel auf ihnen. Im unteren Fach befindet sich eine Schmuckschatulle.
Das ist, was ich jetzt sehe:
Entlang der Schrankwand ist der Boden voller Scherben. Alles wurde heraus und hinunter geworfen. Eine der Glastüren, das wenige Geschirr, die Porzellanfiguren, was sich kaputt machen ließ, das wurde kaputt gemacht. Die Sofakissen wurden herum geworfen, als hätten sich ein paar Wahnsinnige eine Kissenschlacht geliefert. Der Tisch liegt auf der Seite, jemand hat ihn umgekippt, um darunter zu sehen. Das Sofa wurde nach vorn geschoben, es galt ebenfalls als mögliches Versteck. Die komische Holzkiste wurde hingegen nicht untersucht, sondern einfach nur eingetreten. Auch in den Blumentöpfen war nichts zu finden, sie wurden mit Schwung von der Fensterbank gewischt. Einer flog bis vor die Küche. Der Vorhang vor der Schlafnische hängt in Fetzen, die Schubladen des Nachttischs sind auf den Boden geworfen, das Buch ist zerrissen, die Brille zersplittert, ebenso das gerahmte Foto. Die Matratze liegt neben dem Bettrahmen, jemand hat auch darunter gesehen. Die Lampe wurde so heftig vom Nachttisch gefegt, dass das Kabel hinter dem Stecker abgerissen ist. Der Stecker blieb in der Dose. Und dann die Schmuckschatulle. Zuletzt wurde auch sie geöffnet.

Noch halb in der Schlafnische und halb im Wohnraum liegt auf dem Fußboden die fast vollständig entblößte Leiche einer 91-jährigen Frau. Es waren mehrere, die das gemacht haben. Sie hätten es dabei bewenden lassen können, den Schmuck mitzunehmen, aber sie haben die alte Frau noch mindestens eine halbe Stunde lang misshandelt. Sie haben sie liegen lassen für mich. Der Hauptmann sagt, ich müsste sie sehen. Ich weiß, dass ich muss.
Sie hat im Bett gelegen, sie versuchte zu schlafen, als sie zu dritt hereinkamen. Das Türschloss zu knacken war keine Kunst. Ich frage mich, warum ausgerechnet hier. Was ist das Besondere an dieser Wohnung? Aber vielleicht braucht es auch gar nichts Besonderes mehr, damit etwas wie das hier geschieht. Ich sehe, was passiert, aber ich verstehe nicht das Warum. Und ich bin froh, dass mir die Motive verborgen bleiben. Niemals will ich sie auch nur im Ansatz erkennen oder gar begreifen.
Sie hat nicht geschrien. Sie sah nur vom Bett aus durch den halb geschlossenen Vorhang hinüber, wie der Wohnraum verwüstet wurde. Vielleicht hat sie zuerst gar nicht begriffen, was vor sich ging. Sie gaben sich keine Mühe, leise zu sein oder unentdeckt zu bleiben, als hätten sie nicht das Geringste zu befürchten.

Dann kamen sie in die Schlafnische. Ich sehe für einen Sekundenbruchteil das Gesicht der Frau vor mir, als sie sie aus dem Bett gezerrt haben, einer am Arm, einer an den dünnen Haaren, und sie zu Boden warfen, wobei sie sich ein Bein knapp unterhalb des Beckens gebrochen hat. Es liegt noch jetzt in einem unnatürlichen Winkel abgespreizt da. Ich widerstehe der Versuchung, es gerade zu rücken. Sie sahen unter die Matratze, dann nahmen sie das Nachtkästchen auseinander. Sie fanden den Schmuck, ein paar goldene Ringe, zwei Ketten mit einigen bunten Steinen verziert, eine vergoldete Brosche, nichts davon wertvoll. Jedenfalls nicht für sie.
Dann ist knapp eine Minute lang nichts passiert. Ich kann nur vermuten, dass sie die Frau nach dem Bargeld gefragt haben, aber es ist keins da. Sie glauben ihr nicht. Außerdem kommen sie überein, dass sie ohne einen Zeugen sehr gute Chancen haben, also fangen sie an, zu dritt auf sie einzutreten, bis Brust und Unterleib nur noch ein einziges bläulich-schwarzes Hämatom sind. Aber sie stirbt nicht. Einer nimmt den Gehstock, der neben dem Bett steht und schlägt ihr auf den Kopf, zweimal, dreimal, aber sie stirbt nicht. Ihre rechte Hand hat sie während dessen immer wieder nach etwas ausgestreckt, aber ich kann nicht sagen, nach was. Dann sprachen sie über unsägliche Dinge, für was der Gehstock noch benutzt werden könnte, damit sie ihnen doch noch das Geldversteck preisgebe.
Von dem Leichnam geht ein stechender Gestank aus. Zuletzt haben sie auf sie uriniert, da lag sie schon im Sterben. Sie hatte einen Herzinfarkt und dann endlich, endlich verlor sie das Bewusstsein und die selige Dunkelheit löschte sie zusammen mit dem Grauen aus. Man hätte ihr gewünscht, dass es schnell gegangen sein mochte, aber das tat es nicht. Es ging lange. Es ging länger als ein ganzes Leben, das in nur einer halben Stunde ad absurdum geführt wurde.

Ich stelle mich an das offene Fenster, das einzige Glas, das nicht zerbrochen ist, und versuche Luft zu bekommen. Mein Gesicht brennt wie Feuer und mein Blick fällt zu Boden. Wenn ich jemals von einer Ahnung heimgesucht wurde, dann jetzt von der, dass es noch nicht vorbei ist, denn auf dem Fußboden neben dem Fenster liegt etwas Merkwürdiges, das ich überhaupt nicht einordnen kann. Es ist länglich, etwas dicker als mein Daumen, grau und wirkt irgendwie ledrig. Ich halte es zunächst für getrocknete Exkremente. An einem Ende ist es blutig verschmiert. Und dann begreife ich, dass das Ding Augen hat, kleine schwarze Augen, wie Stecknadelköpfe, und eine schnabelartige Mundöffnung. Ich sehe wieder in die Ecke, wo die Holzkiste stand, die Reste der Pflanzen, der Sand, ich sehe ein paar Salatblätter und eine kleine Plastiktränke in dem ganzen Durcheinander und dann fliegt mir alles gleichzeitig um die Ohren. Das Gefühl Nr. 108 überrennt mich zusammen mit der Erkenntnis: Die alte Frau hat eine Schildkröte gehabt und sie haben ihr den Kopf aus dem Panzer herausgerissen. Es hat einige Kraft gekostet, einer hat festgehalten, der andere hat gezogen. Sie hat versucht, sich in ihren Panzer zurückzuziehen. Einer hat den Kopf gepackt und gedreht, gezerrt, gerissen, bis es ein schmatzendes Geräusch gab. Eine Schildkröte kann nicht schreien. Sie hat keine Mimik. Sie lässt sich nichts anmerken.
Den leblosen Panzer haben sie dann gegen die Wand über dem Sofa geschleudert. Jetzt verstehe ich, warum der Putz an dieser Stelle abgebröckelt ist. Ich muss mir den Panzer ansehen, der hinter dem Sofa liegt, so wie ich mir alles ansehen muss. Ich beuge mich darüber, zwei Minuten konzentriere ich mich darauf und ertrage es, bis Nr. 108 nachlässt.
Als ich mich aufrichte ist mir schwindlig und ich sehe kleine Lichtpunkte, die vom äußeren Rand meines Gesichtsfeldes ins Zentrum laufen und dort verlöschen. Dem Hauptmann sage ich, ich müsste meinen Job auf diese Weise machen und er soll jetzt keine Fragen stellen.

Wir lehren uns selbst den Umgang mit Gefühl Nr. 108. Ich war damals noch sehr jung - nach den Maßstäben dieser Welt - und es passierte auf dem Schulweg zum ersten Mal in voller Intensität. Es war eigentlich banal, nur Sachschaden. Ich sah zuerst die Kohlköpfe, viele Kohlköpfe, einen ganzen Berg von Gemüse und andere Waren, die nach einem Brand in einem Lebensmittelladen völlig schwarz und verrußt waren. Sie lagen auf der Straße zusammen mit dem ganzen Schutt und Müll, der übrig geblieben war. Zum Glück war ich allein, als es kam. Ich war schon damals klug genug, zu schweigen. Es hat fast den ganzen Tag gedauert bis es nachließ, was ich heute in zwei Minuten schaffe, aber ich schwieg. Es hätte gefährlich werden können. Noch gefährlicher, als es ohnehin schon ist, in dieser Welt so zu sein, wie ich bin.
Ich beherrsche mittlerweile vier Menschensprachen sehr gut und verstehe noch ein paar andere zumindest in ihren Grundzügen. In keiner von ihnen gibt es einen Begriff für diesen Gedanken, für dieses Gefühl, das in meiner Klassifikation die Nr. 108 trägt. Ich erzähle eine Geschichte, ich versuche mich an einer Umschreibung oder einer Metapher, aber es sind bloß Worte, die doch immer unzureichend bleiben. Es selbst ist nicht mit Worten zu fassen. Ich habe schon mit einigen Menschen in meinem Leben gesprochen, hier und da eine Andeutung gewagt, auf eine Antwort gewartet, die nicht kam. Ich glaube, es ist bei ihnen einfach nicht vorhanden.
Ich verfüge über 155 verschiedene Grundarten von Gefühlen und Bewusstseinseindrücken, die ich ähnlich wie im periodischen System der Elemente kategorisiere. Bis zur 90er Klasse haben auch Menschen offenbar diese oder doch zumindest vergleichbare Gefühle und man kann sich in einem gewissen Grad mit ihnen darüber austauschen. Mit allem, was nach Nr. 96 kommt, bin ich allein.
Als ich die alte Frau fand war es Mitleid und Wut, Verzweifelung und so vieles andere, wenn man Dinge wie das hier zu sehen bekommt, aber es war die Schildkröte, die das Unaussprechliche, die Gefühl Nr. 108 ausgelöst hat. Ich werde es niemals erklären können. Keinem Menschen.

Der Hauptmann will was hören und ich erstatte einen militärisch-sachlich einwandfreien Bericht, der es ihm ermöglichen könnte, die Täter aufzuspüren und die Tat bei der Gerichtsbarkeit anzuklagen. Und das, obwohl ich niemals beim Militär war. Auch in Südamerika war ich nicht dabei. Aber ich bin immer im Krieg und der schwerste Kampf dabei ist der gegen mich selbst.
Er lässt mich zu Ende erzählen und dann sagt er: "Wir haben gerade wieder einen bekommen, nicht weit von hier. Und ja, du musst mit."
Ich glaube, ich muss schlecht ausgesehen haben, als ich aus der Wohnung kam, denn für jemanden, der den Hauptmann gut kennt, klingt in dem Befehl fast so etwas wie eine Bitte mit an. So als hätte ich wirklich eine Wahl.

Es beginnt zu nieseln, als wir ankommen. Ich sehe schwere Wolken heraufziehen. Es wird wohl noch stärker werden. Ich bin nicht gern unterwegs, wenn es regnet, es sei denn, ich renne.
Wir hätten das Haus im Hinterhof nicht gefunden, wenn nicht Martha draußen gestanden hätte.
Sie sagt: "Dritter Stock."
"Was ist es?", fragt der Hauptmann.
Martha sagt, sie wisse es nicht.
Er deutet uns an, hier zu bleiben und geht zunächst wie üblich allein hinauf. Er war ab dem Frühjahr 2027 in Südamerika gewesen. Der Hauptmann hat Dinge gesehen, die man hier nicht gesehen hat, noch nicht gesehen hat. Holocaust II hat er einmal dazu gesagt. Nur nicht ganz so viele Opfer. Aber schon ein paar Jahre später war es dort nicht viel besser, wo sich früher einmal Frankreich befand, seit die Staaten aufgelöst und alles einheitlich gemacht wurde.
Dann kommt jemand aus dem Haus, den ich noch nicht kenne, aber Martha scheint zu wissen, wer es ist und ich entspanne mich nur langsam wieder, bis sich kurz darauf mein Handcomputer wieder einschaltet. Er sendet nur "Komm allein".
Ich gehe durch die Haustür, Martha folgt mir auf dem Fuß.
Ich sage: "Du nicht."
Sie schaut mich fragend an. Ich sage, dass der Hauptmann ihr verboten habe, das Haus zu betreten.
"Ich mach das auch nicht zum ersten Mal."
Aber sie ist erleichtert. Mehr als das, ihr fällt ein Stein vom Herzen, denn der andere sieht aus, als habe er ein Gespenst gesehen. Und ich bezweifle, dass er die Dinge so sieht, wie ich sie sehe.

Ich steige hinauf in den dritten Stock. Hier gibt es keinen Aufzug und das Treppenhaus ist stickig. Es stinkt nach Erbrochenem. Und dann sehe ich etwas, was ich so auch nicht kannte. Er sitzt auf der obersten Stufe, hat die Ellbogen auf den Beinen aufgestützt und hält seinen Kopf in den Händen. Er blickt auf, als ich vor ihm stehen bleibe und schüttelt nur langsam den Kopf in einer Geste, die Resignation, Ungläubigkeit oder einfach nur totale Erschöpfung bedeuten könnte. Ich kann die Gesten von Menschen noch immer nicht richtig deuten. Ich sehe, dass ihm Tränen in den Augen stehen und dass er es war, der ins Treppenhaus gekotzt hat. Die Lache ist zwischen seinen Füßen. Etwas ist an sein Hosenbein gespritzt. Ich weiß nun, dass es diesmal wirklich schlimm sein muss.
"Geh da nicht rein", sagt er mit belegter Stimme. "Geh nicht in die Küche."
Ich nicke und bleibe einen kurzen Moment vor der angelehnten Wohnungstür stehen. Ich versuche, den Boden unter mir nicht mehr zu spüren. Ich versuche zu schweben. Und dann gehe ich rein, denn einer muss reingehen. Einer muss noch dagegen halten, darf es nicht akzeptieren. Ich will aufgeben und kann doch nicht, oder ich könnte und will es nicht, und vielleicht ist das der größte Fluch all dessen, in das ich hier reingeraten bin.

Der Flur ist schmal und dunkel. Nach rechts geht es ins Bad. Da ist nichts, aber ich schaue trotzdem hinein. Dann geradeaus in ein Wohnzimmer, links das Schlafzimmer, rechts die Küche. Ich meide die Küche, gehe stattdessen im Wohnzimmer auf und ab und sehe mir die Babyfotos an, die über einer zerbrechlich wirkenden Anrichte mit einer Reißzwecke an die Wand geheftet sind. Es ist ein etwa 5 Monate altes Mädchen darauf. Sie heißt Helene. Auf einem der Bilder, das noch keine zwei Wochen alt ist, lacht sie. Sie sieht aus, als freue sie sich auf ihr Leben.
Ich will nicht in die Küche gehen, aber meine Beine bewegen sich automatisch in diese Richtung. Meine Beine wissen, was zu tun ist. Im Geist pfeife ich den Song vor mich hin, den ich gestern gehört habe. Ich tue es schon den ganzen Tag über, wie ich gerade überrascht feststelle. Da ist Blut, so viel Blut. Und noch andere Dinge.
Ich kann nur die Symptome benennen, nicht das Phänomen in seinem Wesen. Es kommt langsam von unten herauf und über mich. Zuerst ist es im Magen, dann zerreißt es dir wie von innen heraus die Brust, dann ist es unter dem Gesicht, direkt unter der Stirn und zum Schluss erfüllt es deinen ganzen Kopf, und du schiebst es von dir weg, versuchst es von außen zu betrachten, du sagst dir: Da ist es wieder, du kennst es, du weißt damit umzugehen, es ist alles wie immer. Aber du willst nicht, dass es wie immer ist. Es ist einzigartig und auf eine eigentümliche Art willst du es sogar auskosten, ihm die größte und schwerste Bedeutung beimessen, die es gibt. Du sagst dir: Weil ich jetzt hier bin, weil ich es so will. Du willst hinsehen, saugst es regelrecht in dich auf, damit es dir selbst beinahe körperliche Schmerzen verursacht und lässt es sich in deinem Inneren austoben, bis es schwächer und leiser und stumpfer wird.
Heute war kein guter Tag, wird der Hauptmann am Abend sagen. Kein guter, aber ein erfolgreicher. Wir haben wieder zwei gefunden, die alte Frau und das hier. Wieder zwei, gegen die wir angehen können. Wahrscheinlich nur zwei von 10, weil die meisten nicht verfolgt werden. Was, wenn es nur zwei von 100 oder gar von 1000 sind? Es weiß doch keiner mehr, was wirklich alles passiert. Dann sind es immer noch diese zwei, würde der Hauptmann sagen.
Es passiert tausendfach und immer wieder, bis irgendwann keiner von den Menschen mehr da ist, bis die Sonne verlöscht, bis die Erde und das ganze Sonnensystem in einem kosmischen Wirbel untergehen, bis es keinen mehr gibt, der darüber nachdenken kann - auch uns gibt es dann schon lange nicht mehr -, bis es gar nichts, wirklich gar nichts mehr gibt, und daraus wieder etwas Neues entsteht. Dieses Baby wird wieder in diese Welt geboren werden und es wird wieder auf diese Weise sterben, und in einer anderen Welt wird es leben, in der ich schon längst gestorben bin. Und in vielen Welten wird es viele Leben führen, alle Leben, die man führen kann, die ganz guten und die ganz schlechten.
Aber es ist nicht egal, weil ich jetzt hier bin und es sehe, und in einer anderen fernen Welt könnte ich mit jemandem darüber reden, über Gefühl Nr. 108 und die ganze 100er Klasse, vielleicht sogar über das, was nach 140 kommt und was meist nur in meinen Träumen gegenwärtig ist, wenn sie gegen Morgen kommen. In einer ganz anderen Welt, denn worüber Ihr nicht sprechen könnt, davon muss auch ich schweigen.

"Wer tut bloß so etwas?"
Ich fahre herum. Der Hauptmann ist herein gekommen und steht vor der Küchentür. Er blickt starr geradeaus, vermeidet es, die Dinge auf dem Tisch und dem Fußboden zu sehen. Es widerstrebt ihm, die Küche noch einmal zu betreten. Er, der in Kriegen gekämpft hat, erscheint mir in diesem Moment wie ein ängstliches verwirrtes Kind, das vor der Dunkelheit eines Kellers oder eines Dachbodens zurück scheut.
"Solch eine Brutalität. Los, sag was!" Er schnauzt mich regelrecht an, was er sonst nur bei den Söldnern, aber nicht bei mir macht. Ich antworte wie ein Tonband, das man auf Knopfdruck abspielt, so wie bei der alten Frau mit ihrer Schildkröte.
"Es gibt eigentlich nur zwei plausible Erklärungen. Entweder jemand, der einen grenzenlosen Hass auf dieses Baby hatte, oder geistige Unzurechnungsfähigkeit, pathologisch oder temporär, zum Beispiel in Folge von religiösem Wahn oder Drogenmissbrauch."
"Was jetzt?" presst er ungeduldig hervor.
"Letzteres."
"Wie sicher?"
"99%. - Ich glaube sogar, es war die Mutter."
"Ich bin so alt", sagt der Hauptmann, so wie man einen simplen Sachverhalt erklärt, der eigentlich selbstverständlich ist. "Ich bin so schrecklich alt."
Und dann macht er kehrt, verlässt die Wohnung im dritten Stock für immer und steigt langsam und bedächtig die knarrenden Holzstufen hinab, ohne mich noch weiter zu beachten.
Was schon in meinem Kopf ist, dokumentiere ich noch mit meiner Fotokamera. Ich mache das Licht in der Küche aus. Dann gehe auch ich. Ich weiß nicht, wer hier aufräumen wird. Einmal habe ich einen Leichnam mitgenommen, eine junge Frau, die gleich hinter dem W-Park wie ein Stück Müll in den Straßengraben geworfen worden war. Ich habe sie beerdigt, auf die selbe Art, wie ich es vor sehr langer Zeit zu Hause einmal gesehen habe, bei einem Mann, der mein Lehrer war und der einen Freund begraben hat. Ich habe es auch so gemacht, weil ich es nicht besser wusste. Ich war damals noch nicht lange dabei. Es war einer meiner ersten Jobs.
Es ist ein seltsames Gefühl, Worte wie "zu Hause" zu denken. Noch eins, das ich nicht beschreiben kann.

Es gießt mittlerweile in Strömen. Der Hauptmann steht rauchend im Hauseingang, was er selten tut. Der andere, der heute dabei ist, dessen Namen ich nicht kenne und der bewaffnet ist, blickt wie paralysiert in den Regen hinaus. Martha hat das Haus wie befohlen nicht betreten. Sie ist völlig durchnässt.
"Sie ist noch nicht weit", sage ich.
Die Zigarette fliegt augenblicklich weg. Auch der andere, der Bewaffnete, schreckt aus seinem Tagtraum auf.
"Und das sagst du erst jetzt. Zu den Autos zurück, schnell!" befiehlt der Hauptmann.
"Brauchen wir nicht", sage ich. Aber gleich darauf korrigiere ich mich: "Na ja, Ihr schon."
Und ich vollbringe meine größte Leistung des Tages, indem mir der Anflug eines Lächelns gelingt.

Ich muss nur davor weglaufen, so wie sie, ohne einen Plan in irgendeine Richtung. Aber ich bin schneller als sie und auch schneller als der Hauptmann im Auto, denn ich komme fast überall durch. Erst laufe ich zweimal um den Block, beim zweiten Mal habe ich den Regen vergessen. Mein Handcomputer unter dem Ärmel ist eingeschaltet und sendet ständig meine Position, so dass sie mich verfolgen können. Sollen sie. Was ich noch tun sollte, kann erst einmal warten. Einfach nur davonlaufen, nach rechts in eine Straße hinein, es ist nicht viel los bei dem Wetter, ich kann Tempo machen ohne große Gefahr, jemanden umzulaufen. Wieder nach rechts in eine schmale Gasse, Müllcontainer, hohe Mauern zu beiden Seiten, die engen Gassen, die mir Unbehagen verursachen wenn ich langsam gehe, aber nicht wenn ich renne. Jedenfalls nicht so viel. Ich weiß nicht, ob es auf der anderen Seite wieder hinausgeht, aber das ist egal, denn ich laufe ohne Ziel wieder nach rechts. Ich ahne, dass ich den Block jetzt schon zum dritten Mal sinnlos umkreise, aber auch das ist egal. Zur Abwechslung mal nach links. Wer nur selten läuft, wird schwächer, je länger und je schneller er läuft, wer es so oft macht wie ich, wird mit jedem Kilometer besser. Ich laufe jetzt auf der Straße, ich brauche Platz, ein Auto hinter mir hupt, aber ich bin schon wieder abgebogen, ihr könnt mich doch nicht kriegen. Nicht heute, nicht hier.
Ich kann nichts mehr für euch tun und darum werde ich jetzt aus dieser Stadt hinaus laufen, durch Wald und über kahle Felder, über denen zu dieser Jahreszeit schon die Krähen ihre Kreise ziehen. Dort riecht der Regen anders und dort sind keine Menschen, die mir im Weg stehen, wie die Frau, die quer über die Straße torkelt. Sie ist völlig erschöpft und wird gleich umkippen. Was kümmert es mich. Sie schaut sich um, als habe sie jede Orientierung verloren. Sie sieht mich kommen. Ich laufe einen Bogen, gehe dabei nicht näher als 5 Schritte an sie ran, so dass ich jederzeit die Flucht ergreifen kann. Ich umklammere meinen Handcomputer und vergewissere mich, ob er noch an ist. Ist er. Komm, Hauptmann, komm, ich bin genau hier. Wo bleibst du so lange, alter Mann, sie hat das Blut noch an ihrer Kleidung, das auch der Regen nicht abwäscht, und ist wahrscheinlich auf PCP, das es an jeder Ecke zu kaufen gibt.
Sie leistet keine Gegenwehr, als Martha sie zum Auto bringt, und ich kann meinen Pulsschlag bis im Gehirn spüren.

Ich arbeite bis weit nach 20 Uhr an meinem Bericht. Ich bleibe so lange, bis sie wieder einigermaßen klar und vernehmungsfähig ist. Bevor sie morgen dem Gericht überstellt wird, muss noch jemand zu ihr rein und sie befragen. Der Hauptmann sträubt sich dagegen, als ich sage, dass ich das machen könne. Sein Verstand sträubt sich, aber sein Gefühl gibt es zu. So gut glaube ich ihn zu kennen.
Ich sitze ihr an einem kleinen Tisch gegenüber, der gerade Platz für zwei Personen bietet. Sie ist 33 Jahre alt und hat sogar einen Job. Sie wirkt untypisch auf mich. Ich zeige ihr das Bild, das über der Anrichte hing - das, auf dem das Baby lacht.
"Ist das ihre Tochter?" frage ich. Sie antwortet nicht, aber an der Art wie sie zusammenzuckt erkenne ich, dass es so ist.
Ich habe dann die Fotos aus der Tasche geholt, die ich in ihrer Küche gemacht habe. Es sind 16 Stück. Nach dem fünften schreit sie nur noch hysterisch und reißt sich an den Haaren, bis ihre Kopfhaut aufplatzt und ihr das Blut in einem breiten Tropfen über die Stirn rinnt.
Ich spreche mehr zu mir, als zu ihr, als ich ihr Foto Nr. 6 hinüber schiebe.
"Nicht lange und du wirst es beenden wollen, aber sie werden dich nicht lassen. Sie bewachen dich Tag und Nacht, weil ich ihnen sage, dass du suizidgefährdet bist."
Noch ein Foto. Sie schlägt danach.
"Sie werden dich nicht sterben lassen, die Todesstrafe ist abgeschafft, und so soll das Leben deine Strafe sein."
Und noch ein Foto.
"Nur einen einzigen meiner Albträume wirst du von jetzt an mit mir teilen. Du glaubst, dass du dafür in die Hölle kommst, aber du bist schon drin. Denn die Hölle ist da, wo du bist, du und deinesgleichen. Denn was könnte schlimmer sein als du."
Und zum Beweis noch ein weiteres Foto. Sie sieht es nicht mehr. Sie tobt. Ist total ausgerastet.
"Was zum Teufel ist los mit dir", fragt der Hauptmann, als man sie wegbringt, schreiend, um sich schlagend. Ich habe die Fotos vom Tisch wieder eingesteckt, aber die auf dem Boden muss er gesehen haben.
"Wir sind nicht die Gerichtsbarkeit."
"Ich schon," sage ich und versuche dabei eiskalt zu wirken. "Ich bin nicht der Vollstrecker, aber ich ziehe die Grenze. Ich mache den Unterschied. Nur darum arbeite ich für dich."
"Wer kann schon über Gut und Böse richten?" fragt er mich, aber ich sehe ihm an, dass er heute eigentlich keine Diskussionen mehr führen will.
"Einer, dem noch nicht alles egal ist", ist meine Antwort. Ich weiß, dass ich ihn damit wütend mache.
"Geh jetzt nach Hause."
Ich befolge diesen Befehl nur allzu gern.

Die Vergangenheit, das sind die Dämonen, die wir schon besiegt haben. Die Zukunft sind die, mit denen uns der Kampf noch bevorsteht. Ich habe dieses Sprichwort geprägt, denn es hat mich geprägt in all den Jahren, die ich schon hier bin.
Ich habe den Handcomputer abgelegt. Er liegt jetzt auf meinem Nachttisch, neben einem Buch, das von alten Zeiten handelt. Ich besitze keine gerahmten Bilder, keinen Schmuck, aber eine kleine halbautomatische Plasma-MP, von deren Existenz selbst der Hauptmann nichts ahnt. Sie war ein Geschenk von jemandem, der ebenso unerkannt bleiben will, wie auch ich gerne bleiben würde, bis es vorbei ist.
´Weg hinauf, hinab, der selbe.´ Woher kommt mir gerade heute dieses rätselhafte Wort des Heraklit wieder in den Sinn, als wäre es die Antwort auf eine Frage, die ich noch nicht gestellt oder gar verstanden habe. Weg hinein, hinaus, ist auch dieser Weg der selbe? Hinein in eine Welt, die mir jeden Tag ein Stück weiter zu entgleiten droht.
Aber es ist genug. Ich habe das Licht gelöscht und werde nun versuchen zu schlafen, tief und bewusstlos, so werde ich versuchen mich in die Nähe jenes Ortes zurückzuziehen, der nicht von dieser Welt ist, so wenig wie das Gefühl Nr. 108. Und so wie die Menschen ein Gebet sprechen, so wiederhole ich im Geiste mein allabendliches Mantra:
"Auf dass ich keine Albträume haben werde.
Keine Albträume mehr...
Keine Albträume..."

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