Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5624
Themen:   97207
Momentan online:
446 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Horror und Psycho
Das Geheimnis der Kerze
Eingestellt am 27. 11. 2006 19:05


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
knudknudsen
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2006

Werke: 2
Kommentare: 3
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um knudknudsen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das Geheimnis der Kerze

Traurige Ereignisse zwangen mich, nach jahrzehntelanger Abwesenheit an den Ort meiner Kindheit zur√ľckzukehren. Das Lebenslicht der letzten Anverwandten meiner Familie, Gro√ütante Agatha, war mit 94 Jahren erloschen. Meine Erinnerungen an sie sind nur schemenhaft. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass sie mich von allen Kindern am ehesten in ihr Herz geschlossen hatte. Jedenfalls bildete ich mir das ein. Aber die Erinnerung an die Vergangenheit, l√§sst dieselbe oft in verkl√§rtem Lichte erscheinen. Im Laufe der Jahre wurde unsere Familie durch tragische Schicksalsschl√§ge stark dezimiert, so dass ich am Ende als einziger √ľbrig blieb.
So hatte es zur Folge, dass ich einen Brief von einem Notar namens Jefferson erhielt. Hierin bat er mich zum Anwesen der Verstorbenen, in der N√§he von Newcastle/England zu kommen, um sich √ľber das weitere Vorgehen im Umgang mit dem Nachlass zu verst√§ndigen. Da es im Augenblick nicht viel zu tun gab, entschloss ich mich umgehend, den Weg aufs Land anzutreten.

Am Zielort angekommen, quartierte ich mich zun√§chst in einer kleinen Pension ein, um wenig sp√§ter mit einem Taxi am Haus der Tante aufzuschlagen. Am gr√ľnlich vergilbten Gartentor begr√ľ√üte mich Jefferson, indem er mir sein Beileid aussprach und mich bat, ihm ins Haus zu folgen. Der Garten, den wir betraten, glich dem Dschungel Brasiliens und stellte eine Beleidigung f√ľr alle gut situierten konservativen englischen Familien dar, die versuchten, sich gegenseitig in der akkuraten Schnittweise der Pflanzenwelt ihrer G√§rten zu √ľbertreffen. Mit dem Ziel, irgendwann mal einen der begehrten Preise zu erheischen, die in diversen Gartenzeitschriften ausgelobt wurden. Wir n√§herten uns auf einem kleinen Weg mit Kieselsteinen, der gr√∂√ütenteils mit Unkraut √ľberwuchert war, dem alten zweist√∂ckigen Haus, das noch heruntergekommener war als der Garten rings um das Geb√§ude. Fensterl√§den hingen lose an den Verankerungen im backsteinroten Mauerwerk. Die vergilbten, von starker Erosion gepr√§gten Steine wurden von stark verzweigten Ranken √ľberwuchert, die das Haus schon seit geraumer Zeit in Besitz genommen hatten. Zumindest an der Frontseite waren alle Fenster ohne erkennbare Sch√§den.
F√ľr einen Augenblick hielt ich inne. Ein unangenehmes fr√∂steln glitt √ľber meine Haut. Ich glaubte, schemenhaft ein Gesicht hinter einem der schmutzigen Fenster im oberen Stockwerk gesehen zu haben, unterrichtete aber Jefferson nicht von meiner Beobachtung.
Wir traten vor eine riesige Eichent√ľr an der zwei m√§chtige T√ľrklopfer angebracht waren. Es handelte sich um L√∂wenk√∂pfe aus Messing, denen jeweils ein gro√üer Ring aus dem Maul herab hing. Mir schien, als h√§tten sie irgend etwas d√§monisches, als w√ľrden sie mich im Augenblick eines Wimpernschlages anspringen und mir die Eingeweide herausrei√üen wollen. Wieder fr√∂stelte ich.
Der Anwalt kramte einen Schl√ľssel aus seiner Jackentasche. Das Schloss knackte und die Eichent√ľr wurde unter Begleitung eines lauten Knarzens nach innen aufgeschoben. Ein muffiger Geruch nach Tod und Verwesung stieg uns in die Nase und bahnte sich seinen Weg ins Freie. Mir schien, als ob gleichzeitig mit dem Entweichen des moderigen Geruches ein St√∂hnen dem Gem√§uer drang, welches ebenfalls hinaus in den verwilderten Garten dr√§ngte.
Wir standen im Korridor des Erdgeschosses. Vor uns f√ľhrte eine dunkelbraune Holztreppe in den oberen Wohnbereich. Die T√ľr neben der Treppe im hinteren Bereich des Erdgeschosses f√ľhrte nach Auskunft des Anwaltes in die K√ľche. Schemenhaft, aus den Erinnerungen der Kindheit heraus, r√ľckte mir die r√§umliche Anordnung des Geb√§udes wieder in das Bewusstsein. In einem gro√üen rechteckigen Raum auf der linken Seite der Diele befand sich die ehemalige Bibliothek. Aber alles Mobiliar wurde schon vor l√§ngerer Zeit aussortiert. Meine Gro√ütante hatte alles der Wohlfahrt vermacht. Wie mir mein Begleiter mitteilte, war dies auch in den oberen Stockwerken der Fall. Mr. Jefferson bat mich in den Raum rechts vom Eingang, den Wohnraum. Zielgerichtet ging er auf den gro√üen Kamin an der den Fenstern gegen√ľberliegenden Wand zu. Ich folgte ihm √ľber staubbedeckte Fu√übodenbretter.
Auf dem Kamin stand eine wei√üe, w√ľrfelf√∂rmige, etwa zwanzig Zentimeter hohe Kerze. Jefferson erkl√§rte mir, dass dies das einzige sei, was ich aus dem Nachlass bekommen w√ľrde. Das Geb√§ude nebst Grundst√ľck war noch zu Lebzeiten der Tante, wegen finanzieller Schwierigkeiten, verkauft worden. Eine Kerze. Das sollte alles sein? Und deswegen habe ich den weiten Weg auf mich genommen? Mr. Jefferson hatte nur ein Schulterzucken √ľbrig. So nahm ich tief entt√§uscht die Kerze an mich, verabschiedete mich am Gartentor von Mr. Jefferson und fuhr in die Pension zur√ľck.

Nach dem Abendessen nahm ich mir vor, auf meinem Zimmer noch ein bisschen zu lesen. Da ich keine Lust hatte, mich dem grellen Licht des Raumes auszusetzen, z√ľndete ich die Kerze an. Nach einigen Stunden fiel mir auf, dass merkw√ľrdige St√§be, an den Ecken der Kerze, vom Wachs freigegeben wurden. Bei n√§herer Betrachtung entpuppten sich diese als Metallst√§be. Ich schaltete das Licht ein, l√∂schte die brennende Kerze und befreite jene vier St√§be mittels eines Messers vom Wachs.
Nun lagen sie vor mir, mattgold ohne erkennbare Zeichen. Nach n√§herer Untersuchung stellte ich fest, dass diese St√§be individuell abgewinkelt werden konnten. \'Ein Puzzle also\', durchfuhr es mich. Ich versuchte einzelne Glieder miteinander zu kombinieren. Es schien fast unm√∂glich. Nach mehreren Stunden, es d√§mmerte bereits, hatte ich sie soweit zusammengef√ľgt, dass das Ergebnis aus einem gr√∂√üeren Stab mit einem Griff resultierte. \'Was soll das darstellen? Eine Art Spazierstock? Vielleicht f√ľr Liliputaner.\' Ich untersuchte noch einmal das dem Griff entgegengesetzte St√ľck und entdeckte eine Stelle, die sehr kunstvoll, fast unsichtbar eingearbeitet, einem Druckschalter glich. Durch einen sanften Druck glitt ein fast rechtwinkliges mit L√∂chern durchsetztes Metallst√ľck aus dem Stab. \'Das ist es!\' Ich betrachtete den Stock jetzt im Ganzen. Ja. Es war ein Schl√ľssel. Pl√∂tzlich erinnerte ich mich daran, wie uns als Kindern immer von einem geheimen Zimmer im Kellergescho√ü des Hauses erz√§hlt wurde und dass es darin nicht mit rechten Dingen zugehen w√ľrde. Doch das waren nur Ger√ľchte, um uns vom Gespenster spielen im Keller abzuhalten - glaubte ich.
Ohne zu z√∂gern lie√ü ich ein Taxi bestellen und mich zum Anwesen fahren. Den Taxifahrer schickte ich wieder zur√ľck. Ich w√ľrde zur√ľck laufen, auch wenn ich dazu eine geraume Zeit einplanen musste.
Da ich die T√ľr nicht √∂ffnen konnte warf ich ein Fenster ein, √∂ffnete es und stieg hindurch. Fast automatisch lief ich den Korridor entlang, an der Treppe vorbei zur Kellert√ľr, die ich umgehend √∂ffnete. Ein Geruch feuchten Grabes stieg mir in die Nase. Da mein pers√∂nlicher Schl√ľsselbund eine kleine Taschenlampe beherbergte, schaltete ich sie sofort ein. Das sp√§rliche Licht zeigte mir den Weg nach unten.
Stufe um Stufe n√§herte ich mich dem Kellerraum. Es dauerte seine Zeit, bis ich mich in der Weite des Raumes zurechtfand. Der riesige rechteckige Raum war von steinernen St√ľtzpfeilern gepr√§gt, auf denen die Last des Hauses ruhte. Bis auf einige leere von Spinnweben behangene Regale mitten im Raum und an den W√§nden, war auf den ersten Blick nichts weiter zu sehen. Da entdeckte ich auf der oberen Ablage eines der Regale, eine lange Eisenstange, die ich augenblicklich an mich nahm.
Mich langsam vorw√§rts tastend n√§herte ich mich der gegen√ľberliegenden Wand. Da nur hinter diesen Steinen jenes geheimnisvolle Zimmer sein konnte, ging ich systematisch vor und kippte ein Regal nach dem anderen von der Wand weg auf den staubbedeckten Kellerboden. Das sp√§rliche Licht der Lampe huschte √ľber moosbedecktes Gem√§uer. Einige Spinnentierchen und anderes Getier wuselte aufgeschreckt aus dem Lichtkegel, heraus um in der n√§chsten Mauerfuge Unterschlupf zu finden.
Ich trat n√§her an die Wand und klopfte mit der Eisenstange gegen die Ziegelsteine. So schritt ich St√ľck f√ľr St√ľck die Mauer ab und stoppte abrupt, als ein Stein nachgab, der sofort nach hinten herunterfiel. Verwesungsgeruch wie aus tausend Gr√§bern drang mir durch die √Ėffnung entgegen. Da mir etwas √ľbel wurde hielt ich mir ein Taschentuch vor die Nase. Aufgew√ľhlt begann ich, das Loch in der Wand zu vergr√∂√üern. Ein Gro√üteil der Steine gab nach, worauf die Wand an dieser Stelle in sich zusammen st√ľrzte. Der aufgewirbelte Dreck zwang mich zu einem Hustenanfall und der, fast schon hochkonzentriert zu nennende Leichengeruch, traf mich nun mit voller Wucht.
Ich erblickte eine h√∂lzerne T√ľr, aus deren gro√üen T√ľrschloss jener bestialische Gestank quoll. Schnell lie√ü ich die Eisenstange fallen und nahm den Schl√ľssel der Kerze, den ich an meinem G√ľrtel angebracht hatte, in meine Hand und steckte ihn mit zitternden Fingern in das Schloss. Es knackte. Ich bet√§tigte die T√ľrklinke. Die T√ľr schien zu klemmen. Deshalb lehnte ich mich mit aller Gewalt dagegen und schob sie unter einem schrillen Knarren auf.
Ich schritt, etwas √§ngstlich, durch die ge√∂ffnete T√ľr und begann damit, den Raum abzuleuchten. Der Raum war nur etwa vier Meter breit, schien sich aber um einiges in die L√§nge zu ziehen. Soweit ich es sehen konnte, war dieser Ort leer. Als pl√∂tzlich ein furchtbares St√∂hnen den Eindruck der Leere zerst√∂rte. Es kam aus dem hinteren Bereich, auf welchen ich umgehend den Strahl meiner Lampe ausrichtete. Langsam tastete sich der Lichtkegel durch die Dunkelheit.
Da, schlagartig, im √§u√üersten Sichtfeld meines rechten Auges, blitzten zwei kleine rote Lichter auf. Ich lie√ü die Lampe sinken. \'Augen\', durchfuhr es mich. \'Ja, das waren Augen.\' Mit zittrigen Fingern hielt ich den d√ľnnen Lichtstrahl direkt in jene Richtung. Was ich sah, lie√ü mir das Blut in den Adern gefrieren. Die Augen geh√∂rten einem alten, mit grauer Haut bespanntem K√∂rper. Die Haut schien nicht ausreichend f√ľr diesen K√∂rper, ragten doch √ľberall Knochen sichtbar hervor. Dieser Leib geh√∂rte einem Mann mit grauen Haarstr√§hnen, einem eingefallenen Totenkopf √§hnlichen Gesicht nebst zahnlosem Mund und eben jenen roten Augen, die tief in ihren H√∂hlen lagen. Der Alte sa√ü auf einem Holzstuhl und blickte mir gierig und voller Hass entgegen. Langsam hob er seinen linken Arm, streckte ihn dabei aus und deutete mit seinem kn√∂chernen Zeigefinger auf mich.
‚ÄěDu-Du! Furchtbares Weib. Bist du also zur√ľckgekommen, um das Werk deiner sch√§ndlichen Tat zu betrachten? Dachtest du, dein Mann sei tot? Vom Teufel geholt?‚Äú Ein d√§monisches Lachen entfuhr dem Alten.
Offenbar verwechselte er mich mit Großtante Agatha.
‚ÄěJahre‚Äú, fuhr er fort, ‚Äěhab ich hier gesessen und mich von Ratten und deren Blut ern√§hrt, mit der Angst, hier eines Tages elend zu krepieren. Jahre habe ich auf diesen Augenblick gewartet. Mit unmenschlicher teuflischer Kraft habe ich diesen Moment herbeigesehnt. Und nun, Alte ‚Äď stirb!‚Äú
Mit diesen Worten sprang er beh√§nde wie eine Katze von seinem Stuhl auf und direkt auf mich zu. Ich schlug ihm die Eisenstange vor den Kopf. Aber dieser Schlag war wirkungslos. Er entwand mir die Stange baute sich mit seinem mickrigen K√∂rper, der mir nun riesig vorkam, vor mir auf, nahm die Stange zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und zerbrach sie wie ein Streichholz. Mein entsetzter Gesichtsausdruck musste ihn doch in verz√ľcken versetzt haben, da pl√∂tzlich ein tiefes hallendes Lachen seiner Kehle entwich.
Flugs drehte ich mich um, lief durch die T√ľr, seinen Atem im Nacken, rannte die Kellertreppe hinauf, stolperte, f√ľhlte den eisernen Griff seiner kn√∂chernen Finger, die mein rechtes Fu√ügelenk umschlossen, ri√ü mich mit einem Tritt los und hastete den Korridor entlang, durch den Garten auf die Stra√üe. Als ich mich umdrehte, war nichts zu sehen von dem Alten. Offenbar scheute er das Tageslicht. Dessen nicht ganz sicher rannte ich weiter die Stra√üe entlang, bis ein Wagen vorbeifuhr, der mich zur√ľck in die Pension brachte.

Dass Agatha vor Jahren ihren eigenen Mann lebendigen Leibes eingemauert hatte, auf diese Idee ist damals niemand vom Rest der Familie gekommen. Da er als Kaufmann, viel in der Welt unterwegs war, ging das Ger√ľcht, das Schiff auf dem er unterwegs war, sei w√§hrend der √úberfahrt nach Brasilien mit Mann und Maus gesunken. Dass dies nicht so war, habe ich auf schreckliche Weise erfahren. Aber ich habe einen Fehler begangen. Ich lie√ü das Tor zur Welt f√ľr den Alten offen. Wei√ü der Teufel, wo er sich im Augenblick aufh√§lt.
Selbst jetzt, Monate nach diesem Ereignis, lausche ich gespannt jedem Ger√§usch, das vom Treppenhaus an meine Ohren dringt, und erwarte voller Grauen, dass eines Tages ein Klopfen an meiner T√ľr erklingt. Ein monotones, langsames Klopfen.

ENDE
__________________
Dumm sein und Arbeit haben-das ist das Gl√ľck. - Gottfried Benn

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur√ľck zu:  Horror und Psycho Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Werbung


Ausschreibung