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Leselupe.de > Horror und Psycho
Das Geheimnis der Kerze
Eingestellt am 27. 11. 2006 19:05


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knudknudsen
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Das Geheimnis der Kerze

Traurige Ereignisse zwangen mich, nach jahrzehntelanger Abwesenheit an den Ort meiner Kindheit zur├╝ckzukehren. Das Lebenslicht der letzten Anverwandten meiner Familie, Gro├čtante Agatha, war mit 94 Jahren erloschen. Meine Erinnerungen an sie sind nur schemenhaft. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass sie mich von allen Kindern am ehesten in ihr Herz geschlossen hatte. Jedenfalls bildete ich mir das ein. Aber die Erinnerung an die Vergangenheit, l├Ąsst dieselbe oft in verkl├Ąrtem Lichte erscheinen. Im Laufe der Jahre wurde unsere Familie durch tragische Schicksalsschl├Ąge stark dezimiert, so dass ich am Ende als einziger ├╝brig blieb.
So hatte es zur Folge, dass ich einen Brief von einem Notar namens Jefferson erhielt. Hierin bat er mich zum Anwesen der Verstorbenen, in der N├Ąhe von Newcastle/England zu kommen, um sich ├╝ber das weitere Vorgehen im Umgang mit dem Nachlass zu verst├Ąndigen. Da es im Augenblick nicht viel zu tun gab, entschloss ich mich umgehend, den Weg aufs Land anzutreten.

Am Zielort angekommen, quartierte ich mich zun├Ąchst in einer kleinen Pension ein, um wenig sp├Ąter mit einem Taxi am Haus der Tante aufzuschlagen. Am gr├╝nlich vergilbten Gartentor begr├╝├čte mich Jefferson, indem er mir sein Beileid aussprach und mich bat, ihm ins Haus zu folgen. Der Garten, den wir betraten, glich dem Dschungel Brasiliens und stellte eine Beleidigung f├╝r alle gut situierten konservativen englischen Familien dar, die versuchten, sich gegenseitig in der akkuraten Schnittweise der Pflanzenwelt ihrer G├Ąrten zu ├╝bertreffen. Mit dem Ziel, irgendwann mal einen der begehrten Preise zu erheischen, die in diversen Gartenzeitschriften ausgelobt wurden. Wir n├Ąherten uns auf einem kleinen Weg mit Kieselsteinen, der gr├Â├čtenteils mit Unkraut ├╝berwuchert war, dem alten zweist├Âckigen Haus, das noch heruntergekommener war als der Garten rings um das Geb├Ąude. Fensterl├Ąden hingen lose an den Verankerungen im backsteinroten Mauerwerk. Die vergilbten, von starker Erosion gepr├Ągten Steine wurden von stark verzweigten Ranken ├╝berwuchert, die das Haus schon seit geraumer Zeit in Besitz genommen hatten. Zumindest an der Frontseite waren alle Fenster ohne erkennbare Sch├Ąden.
F├╝r einen Augenblick hielt ich inne. Ein unangenehmes fr├Âsteln glitt ├╝ber meine Haut. Ich glaubte, schemenhaft ein Gesicht hinter einem der schmutzigen Fenster im oberen Stockwerk gesehen zu haben, unterrichtete aber Jefferson nicht von meiner Beobachtung.
Wir traten vor eine riesige Eichent├╝r an der zwei m├Ąchtige T├╝rklopfer angebracht waren. Es handelte sich um L├Âwenk├Âpfe aus Messing, denen jeweils ein gro├čer Ring aus dem Maul herab hing. Mir schien, als h├Ątten sie irgend etwas d├Ąmonisches, als w├╝rden sie mich im Augenblick eines Wimpernschlages anspringen und mir die Eingeweide herausrei├čen wollen. Wieder fr├Âstelte ich.
Der Anwalt kramte einen Schl├╝ssel aus seiner Jackentasche. Das Schloss knackte und die Eichent├╝r wurde unter Begleitung eines lauten Knarzens nach innen aufgeschoben. Ein muffiger Geruch nach Tod und Verwesung stieg uns in die Nase und bahnte sich seinen Weg ins Freie. Mir schien, als ob gleichzeitig mit dem Entweichen des moderigen Geruches ein St├Âhnen dem Gem├Ąuer drang, welches ebenfalls hinaus in den verwilderten Garten dr├Ąngte.
Wir standen im Korridor des Erdgeschosses. Vor uns f├╝hrte eine dunkelbraune Holztreppe in den oberen Wohnbereich. Die T├╝r neben der Treppe im hinteren Bereich des Erdgeschosses f├╝hrte nach Auskunft des Anwaltes in die K├╝che. Schemenhaft, aus den Erinnerungen der Kindheit heraus, r├╝ckte mir die r├Ąumliche Anordnung des Geb├Ąudes wieder in das Bewusstsein. In einem gro├čen rechteckigen Raum auf der linken Seite der Diele befand sich die ehemalige Bibliothek. Aber alles Mobiliar wurde schon vor l├Ąngerer Zeit aussortiert. Meine Gro├čtante hatte alles der Wohlfahrt vermacht. Wie mir mein Begleiter mitteilte, war dies auch in den oberen Stockwerken der Fall. Mr. Jefferson bat mich in den Raum rechts vom Eingang, den Wohnraum. Zielgerichtet ging er auf den gro├čen Kamin an der den Fenstern gegen├╝berliegenden Wand zu. Ich folgte ihm ├╝ber staubbedeckte Fu├čbodenbretter.
Auf dem Kamin stand eine wei├če, w├╝rfelf├Ârmige, etwa zwanzig Zentimeter hohe Kerze. Jefferson erkl├Ąrte mir, dass dies das einzige sei, was ich aus dem Nachlass bekommen w├╝rde. Das Geb├Ąude nebst Grundst├╝ck war noch zu Lebzeiten der Tante, wegen finanzieller Schwierigkeiten, verkauft worden. Eine Kerze. Das sollte alles sein? Und deswegen habe ich den weiten Weg auf mich genommen? Mr. Jefferson hatte nur ein Schulterzucken ├╝brig. So nahm ich tief entt├Ąuscht die Kerze an mich, verabschiedete mich am Gartentor von Mr. Jefferson und fuhr in die Pension zur├╝ck.

Nach dem Abendessen nahm ich mir vor, auf meinem Zimmer noch ein bisschen zu lesen. Da ich keine Lust hatte, mich dem grellen Licht des Raumes auszusetzen, z├╝ndete ich die Kerze an. Nach einigen Stunden fiel mir auf, dass merkw├╝rdige St├Ąbe, an den Ecken der Kerze, vom Wachs freigegeben wurden. Bei n├Ąherer Betrachtung entpuppten sich diese als Metallst├Ąbe. Ich schaltete das Licht ein, l├Âschte die brennende Kerze und befreite jene vier St├Ąbe mittels eines Messers vom Wachs.
Nun lagen sie vor mir, mattgold ohne erkennbare Zeichen. Nach n├Ąherer Untersuchung stellte ich fest, dass diese St├Ąbe individuell abgewinkelt werden konnten. \'Ein Puzzle also\', durchfuhr es mich. Ich versuchte einzelne Glieder miteinander zu kombinieren. Es schien fast unm├Âglich. Nach mehreren Stunden, es d├Ąmmerte bereits, hatte ich sie soweit zusammengef├╝gt, dass das Ergebnis aus einem gr├Â├čeren Stab mit einem Griff resultierte. \'Was soll das darstellen? Eine Art Spazierstock? Vielleicht f├╝r Liliputaner.\' Ich untersuchte noch einmal das dem Griff entgegengesetzte St├╝ck und entdeckte eine Stelle, die sehr kunstvoll, fast unsichtbar eingearbeitet, einem Druckschalter glich. Durch einen sanften Druck glitt ein fast rechtwinkliges mit L├Âchern durchsetztes Metallst├╝ck aus dem Stab. \'Das ist es!\' Ich betrachtete den Stock jetzt im Ganzen. Ja. Es war ein Schl├╝ssel. Pl├Âtzlich erinnerte ich mich daran, wie uns als Kindern immer von einem geheimen Zimmer im Kellergescho├č des Hauses erz├Ąhlt wurde und dass es darin nicht mit rechten Dingen zugehen w├╝rde. Doch das waren nur Ger├╝chte, um uns vom Gespenster spielen im Keller abzuhalten - glaubte ich.
Ohne zu z├Âgern lie├č ich ein Taxi bestellen und mich zum Anwesen fahren. Den Taxifahrer schickte ich wieder zur├╝ck. Ich w├╝rde zur├╝ck laufen, auch wenn ich dazu eine geraume Zeit einplanen musste.
Da ich die T├╝r nicht ├Âffnen konnte warf ich ein Fenster ein, ├Âffnete es und stieg hindurch. Fast automatisch lief ich den Korridor entlang, an der Treppe vorbei zur Kellert├╝r, die ich umgehend ├Âffnete. Ein Geruch feuchten Grabes stieg mir in die Nase. Da mein pers├Ânlicher Schl├╝sselbund eine kleine Taschenlampe beherbergte, schaltete ich sie sofort ein. Das sp├Ąrliche Licht zeigte mir den Weg nach unten.
Stufe um Stufe n├Ąherte ich mich dem Kellerraum. Es dauerte seine Zeit, bis ich mich in der Weite des Raumes zurechtfand. Der riesige rechteckige Raum war von steinernen St├╝tzpfeilern gepr├Ągt, auf denen die Last des Hauses ruhte. Bis auf einige leere von Spinnweben behangene Regale mitten im Raum und an den W├Ąnden, war auf den ersten Blick nichts weiter zu sehen. Da entdeckte ich auf der oberen Ablage eines der Regale, eine lange Eisenstange, die ich augenblicklich an mich nahm.
Mich langsam vorw├Ąrts tastend n├Ąherte ich mich der gegen├╝berliegenden Wand. Da nur hinter diesen Steinen jenes geheimnisvolle Zimmer sein konnte, ging ich systematisch vor und kippte ein Regal nach dem anderen von der Wand weg auf den staubbedeckten Kellerboden. Das sp├Ąrliche Licht der Lampe huschte ├╝ber moosbedecktes Gem├Ąuer. Einige Spinnentierchen und anderes Getier wuselte aufgeschreckt aus dem Lichtkegel, heraus um in der n├Ąchsten Mauerfuge Unterschlupf zu finden.
Ich trat n├Ąher an die Wand und klopfte mit der Eisenstange gegen die Ziegelsteine. So schritt ich St├╝ck f├╝r St├╝ck die Mauer ab und stoppte abrupt, als ein Stein nachgab, der sofort nach hinten herunterfiel. Verwesungsgeruch wie aus tausend Gr├Ąbern drang mir durch die ├ľffnung entgegen. Da mir etwas ├╝bel wurde hielt ich mir ein Taschentuch vor die Nase. Aufgew├╝hlt begann ich, das Loch in der Wand zu vergr├Â├čern. Ein Gro├čteil der Steine gab nach, worauf die Wand an dieser Stelle in sich zusammen st├╝rzte. Der aufgewirbelte Dreck zwang mich zu einem Hustenanfall und der, fast schon hochkonzentriert zu nennende Leichengeruch, traf mich nun mit voller Wucht.
Ich erblickte eine h├Âlzerne T├╝r, aus deren gro├čen T├╝rschloss jener bestialische Gestank quoll. Schnell lie├č ich die Eisenstange fallen und nahm den Schl├╝ssel der Kerze, den ich an meinem G├╝rtel angebracht hatte, in meine Hand und steckte ihn mit zitternden Fingern in das Schloss. Es knackte. Ich bet├Ątigte die T├╝rklinke. Die T├╝r schien zu klemmen. Deshalb lehnte ich mich mit aller Gewalt dagegen und schob sie unter einem schrillen Knarren auf.
Ich schritt, etwas ├Ąngstlich, durch die ge├Âffnete T├╝r und begann damit, den Raum abzuleuchten. Der Raum war nur etwa vier Meter breit, schien sich aber um einiges in die L├Ąnge zu ziehen. Soweit ich es sehen konnte, war dieser Ort leer. Als pl├Âtzlich ein furchtbares St├Âhnen den Eindruck der Leere zerst├Ârte. Es kam aus dem hinteren Bereich, auf welchen ich umgehend den Strahl meiner Lampe ausrichtete. Langsam tastete sich der Lichtkegel durch die Dunkelheit.
Da, schlagartig, im ├Ąu├čersten Sichtfeld meines rechten Auges, blitzten zwei kleine rote Lichter auf. Ich lie├č die Lampe sinken. \'Augen\', durchfuhr es mich. \'Ja, das waren Augen.\' Mit zittrigen Fingern hielt ich den d├╝nnen Lichtstrahl direkt in jene Richtung. Was ich sah, lie├č mir das Blut in den Adern gefrieren. Die Augen geh├Ârten einem alten, mit grauer Haut bespanntem K├Ârper. Die Haut schien nicht ausreichend f├╝r diesen K├Ârper, ragten doch ├╝berall Knochen sichtbar hervor. Dieser Leib geh├Ârte einem Mann mit grauen Haarstr├Ąhnen, einem eingefallenen Totenkopf ├Ąhnlichen Gesicht nebst zahnlosem Mund und eben jenen roten Augen, die tief in ihren H├Âhlen lagen. Der Alte sa├č auf einem Holzstuhl und blickte mir gierig und voller Hass entgegen. Langsam hob er seinen linken Arm, streckte ihn dabei aus und deutete mit seinem kn├Âchernen Zeigefinger auf mich.
ÔÇ×Du-Du! Furchtbares Weib. Bist du also zur├╝ckgekommen, um das Werk deiner sch├Ąndlichen Tat zu betrachten? Dachtest du, dein Mann sei tot? Vom Teufel geholt?ÔÇť Ein d├Ąmonisches Lachen entfuhr dem Alten.
Offenbar verwechselte er mich mit Gro├čtante Agatha.
ÔÇ×JahreÔÇť, fuhr er fort, ÔÇ×hab ich hier gesessen und mich von Ratten und deren Blut ern├Ąhrt, mit der Angst, hier eines Tages elend zu krepieren. Jahre habe ich auf diesen Augenblick gewartet. Mit unmenschlicher teuflischer Kraft habe ich diesen Moment herbeigesehnt. Und nun, Alte ÔÇô stirb!ÔÇť
Mit diesen Worten sprang er beh├Ąnde wie eine Katze von seinem Stuhl auf und direkt auf mich zu. Ich schlug ihm die Eisenstange vor den Kopf. Aber dieser Schlag war wirkungslos. Er entwand mir die Stange baute sich mit seinem mickrigen K├Ârper, der mir nun riesig vorkam, vor mir auf, nahm die Stange zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und zerbrach sie wie ein Streichholz. Mein entsetzter Gesichtsausdruck musste ihn doch in verz├╝cken versetzt haben, da pl├Âtzlich ein tiefes hallendes Lachen seiner Kehle entwich.
Flugs drehte ich mich um, lief durch die T├╝r, seinen Atem im Nacken, rannte die Kellertreppe hinauf, stolperte, f├╝hlte den eisernen Griff seiner kn├Âchernen Finger, die mein rechtes Fu├čgelenk umschlossen, ri├č mich mit einem Tritt los und hastete den Korridor entlang, durch den Garten auf die Stra├če. Als ich mich umdrehte, war nichts zu sehen von dem Alten. Offenbar scheute er das Tageslicht. Dessen nicht ganz sicher rannte ich weiter die Stra├če entlang, bis ein Wagen vorbeifuhr, der mich zur├╝ck in die Pension brachte.

Dass Agatha vor Jahren ihren eigenen Mann lebendigen Leibes eingemauert hatte, auf diese Idee ist damals niemand vom Rest der Familie gekommen. Da er als Kaufmann, viel in der Welt unterwegs war, ging das Ger├╝cht, das Schiff auf dem er unterwegs war, sei w├Ąhrend der ├ťberfahrt nach Brasilien mit Mann und Maus gesunken. Dass dies nicht so war, habe ich auf schreckliche Weise erfahren. Aber ich habe einen Fehler begangen. Ich lie├č das Tor zur Welt f├╝r den Alten offen. Wei├č der Teufel, wo er sich im Augenblick aufh├Ąlt.
Selbst jetzt, Monate nach diesem Ereignis, lausche ich gespannt jedem Ger├Ąusch, das vom Treppenhaus an meine Ohren dringt, und erwarte voller Grauen, dass eines Tages ein Klopfen an meiner T├╝r erklingt. Ein monotones, langsames Klopfen.

ENDE
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Dumm sein und Arbeit haben-das ist das Gl├╝ck. - Gottfried Benn

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