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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Geheimnis der Vektoren
Eingestellt am 05. 06. 2004 10:52


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Cirias
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D A S G E H E I M N I S D E R V E K T O R E N




Der Staubfaden des Lichts hatte sich auf die brachen Felder gelegt. Rauch stieg ├╝ber die Flucht der H├╝gel. Dahinter lag der Steinbruch, auf dessen Grund der Wagen zerschellt war.

Kev setzte ein zufriedenes Gesicht auf. Er schwang sich auf seine alte Kreidler und fuhr durch die Schatten der Ger├Âllhalden, die die Sonne jenseits der Schotterpiste aus dem Licht gepresst hatte. Nach wenigen Minuten waren seine langen dunklen Haare ergraut. Das Rot seiner Kreidler verschwand unter einer z├Ąhen Staubschicht. Der Schotterweg endete. Das Asphaltband der Fernstra├če verschwand im Mittagshimmel. In den verdorrten Str├Ąuchern scharrte der Sonnenwind. Kev lehnte die Kreidler an ein Holzgatter. Ohne jede Eile trottete er ├╝ber den Asphalt. Er schraubte die Schilder, die er auf einer L├Ąnge von tausend Metern am Stra├čenrand aufgestellt hatte, auseinander. Die Betonf├╝├če und Stahlrohre schaffte er in die Senken der Ger├Âllw├╝ste. Nur die Schilder sammelte er unter seinen Armen. Gelbe Pfeile auf hellem Grund, Entfernungs- und Richtungsangaben, die er im Laufe der Zeit akribisch zusammengetragen hatte. An dem Abzweig zur Schotterpiste zerrte er die Barriere von der Stra├če und lie├č sie unter einer d├╝rren Heckenwand unter dem Sand verschwinden. Schwer atmend trat er auf den Asphalt. Hitzes├Ąulen standen ├╝ber der Stra├če. Aufgeschlitzt vom Horizont versiegte die Luft.
Es gab nur wenige, die sich in diese Gegend verirrten. Erst zweimal waren Fremde bei ihm gewesen. Sie fragten ihn nach den verschwundenen Autos. Niemand von ihnen war dem Schotterweg je bis ans Ende gefolgt, dort wo er der Pfeilrichtung ├╝ber eine steile Anh├Âhe ins Nichts folgte. Das konnten sie auch nicht, weil der Weg an seinem Haus endete und der Wind l├Ąngst alle Spuren gel├Âscht hatte. Wenn er es wollte, wurde die Vegetation unsichtbar, verschwand das Ger├Âllbett und die verblichene Werbetafel, auf der unter einem Tor, hinter dem sich das endlose Band einer Stra├če in den blauen Horizont hinein ├Âffnete, das Logo einer Bank prangte: `Wir machen den Weg frei┬┤.

Kev brachte die Schilder in seine Behausung, eine zweigeschossige Bauruine mit offenen Fensterh├Âhlen und einem Wellblechdach. Eigentlich war es nur eine Art Lagerschuppen, erbaut von jemandem, der vielleicht einen Traum gehabt hatte und ihn dann verloren gab. Der ganze Raum war voll von Schildern, Verkehrstafeln, die Bewegungen und Richtungen vorgaben, Rauten und Trapezen mit Kilometerangaben, Quadraten mit Ortsnamen und Richtungspfeilen. An den W├Ąnden stapelten sich Betonf├╝├če und Sperrgitter. Leuchtbaken und Warndreiecke t├╝rmten sich bis zur Decke. Kev lie├č sich auf das Sofa fallen. Er wischte sich den Schwei├č von der Stirn und setzte eine Flasche Schnaps an seine ausgetrockneten Lippen.
Seitdem er aus dem Knast war und gesehen hatte, dass es dort drau├čen keine Richtung mehr gab f├╝r sein Leben, genoss er jeden dieser Momente. Er schloss die Augen. Pfeilspitzen schossen ├╝ber seine Netzhaut. Zwischen den kr├Ąftigen Schl├╝cken, die er nahm, sp├╝rte er die Bewegung im Raum, etwas das ihn trug und zog, bis er selbst wie in einem Flugsimulator einer Eigenbewegungsillusion verfiel und sich wie ein Pfeil in immer neue visuelle Reize bef├Ârderte, dorthin wo es kein Ziel mehr gab.

Als er erwachte, war es Morgen. Er hatte fast sechzehn Stunden geschlafen. Seine F├Ąuste rieben die Augen wund. ├ťber den Steinen lag roter Staub. Der Himmel blutete.
Die Kreidler sprang nicht an. Durch das ausgetrocknete Flussbett stieg er zum Steinbruch. Es war noch k├╝hl, die Luft noch nicht verbrannt. Vom Felssims aus starrte er hinab in die karstige Tiefe. Er z├Ąhlte sieben Autowracks. Es roch nach Benzin und Verwesung. Das letzte Auto hatte sich in einen roten Van gebohrt.
Der Rumpf des Fahrers hing in den Gurten. Auf einem Felsvorsprung lagen die zerfetzten Leichen eines ├Ąlteren Ehepaars. Kev erinnerte sich. Das war vor zwei Tagen. Ihre leeren Augenh├Âhlen starrten ihn an. Tiefer unten hingen die zerkr├╝mmten Glieder einer Frau in dem Wipfel eines abgestorbenen Baums.
Kev l├Ąchelte zufrieden. Die Limousine ganz unten hatte er selbst auf dem Grund des Steinbruchs zerschellen sehen. Das Auto war mit hoher Geschwindigkeit ├╝ber die Bruchkante gefahren. Einen Augenblick lang behielt es die Richtung. Er konnte das Aufheulen des Motors h├Âren, dann st├╝rzte es sich ├╝berschlagend in die Tiefe, scheinbar richtungslos und doch nur einer Richtung folgend. Kev wartete stets einen halben Tag. Dann lie├č er sich an einem Seil hinab in die Tiefe. Er behielt nur was er wirklich brauchen konnte.
Einmal hatte eine Frau fast zwei Tage zum Sterben gebraucht. Nachts glaubte er ihre Schreie in seinem Bett, das inmitten des Schilderwalds stand, zu h├Âren.

F├╝r heute hatte er genug gesehen. F├╝r ein einziges Auto war ihm der Abstieg zu riskant. Er blinzelte in den fahlen Himmel. Es war ein guter Tag zum Jagen. Nachdem er die Kreidler wieder zum Laufen gebracht hatte, fuhr er mit einer Handvoll Schildern zur Stra├če. Auf den Einfall mit der Umleitung war er erst vor ein paar Wochen gekommen. Da lebte er schon seit einem Jahr in der Ruine. An den Tagen, an denen er sich nicht betrank, fuhr er manchmal Hunderte von Kilometern f├╝r ein oder zwei Stra├čenschilder. Er folgte keiner Richtung.

Nachts leuchteten die Metallfl├Ąchen der Schilder in einem unwirklichen Licht. Die Pfeile wanderten in alle Richtungen. Ihre Spitzen schimmerten wie Silberglas. Es klang wie ein Fl├╝stern, aber er konnte nichts verstehen. Ihr Geheimnis blieb stumm. Es gab Menschen, die verstanden es, allem eine Richtung zu geben. Dennoch folgten sie den Pfeilen ins Ungewisse, weil sie ihr Ziel kannten, nicht aber ihr Geheimnis. Jeder Pfeil, der in die fernste Richtung wies, erz├Ąhlte davon.

Er sah auf die Flucht der H├╝gel. Ein Polizeiauto kroch wie ein gro├čes blaues Insekt durch die Senken. Ein L├Ącheln flog ├╝ber sein Gesicht. Seine Welt war vollkommen gewesen. Der Himmelsbogen schien erstarrt. Die Wolken glitten wie Pfeile ├╝ber die hellen Spiegelfl├Ąchen des Himmels auf das Polizeiauto zu.

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Lotte Werther
Guest
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An Cirias,

Als Erstes m├Âchte ich an dieser Kurzgeschichte den Text w├╝rdigen. Er ist gut geschrieben.

S├Ątze wie diese hier, haben mich auch nach mehrmaligem Lesen immer wieder ins Stocken gebracht, positiv gemeint:

In den verdorrten Str├Ąuchern scharrte der Sonnenwind.

Aufgeschlitzt vom Horizont versiegte die Luft.

Pfeilspitzen schossen ├╝ber seine Netzhaut.

Die Wolken glitten wie Pfeile ├╝ber die hellen Spiegelfl├Ąchen des Himmels auf das Polizeiauto zu.


Einen Satz gibt es, der umst├Ąndlich formuliert ist, und den du ├╝berdenken solltest:

Wenn er es wollte, wurde die Vegetation unsichtbar, verschwand das Ger├Âllbett und die verblichene Werbetafel, auf der unter einem Tor, hinter dem sich das endlose Band einer Stra├če in den blauen Horizont hinein ├Âffnete, das Logo einer Bank prangte: `Wir machen den Weg frei┬┤.

Zum Inhalt nun. Ich habe beim Lesen alles wie auf einer B├╝hne gesehen. Filmsequenzen liefen vor meinen Augen ab. Und so gesehen, liest sich der Text wie ein Drehbuch. Leidenschaftslos, ohne Gef├╝hl. Es gibt ja auch kein Leben darin. Auch bei Kev nicht. Er selbst ist Marionette, Sklave seiner eigenen Richtungslosigkeit, in einer Welt aus Ger├Âll, Staub, Schotter, verdorrter Vegetation und ausgetrocknetem Flusslauf.

In dieser Welt gibt es auch f├╝r den Leser keine Zuflucht und keinen Platz f├╝r Mitleiden mit den Toten. Sie geh├Âren zur Dekoration, sind Requisite in Kevs St├╝ck.
Wie das Polizeiauto, das er sich soeben als n├Ąchstes Jagdziel auserkoren hat.

Fast sehe ich ihn, Chamissos Riesenfr├Ąulein gleich, auf dem H├╝gel stehen, und den Bauern wie ein Spielzeug in die Sch├╝rze nehmend und nach Hause tragend.

Der Bauer allerdings hat Gl├╝ck gehabt. Der Riesenvater kannte die Richtung.

Lotte Werther

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Cirias
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Hallo Lotte,
danke f├╝r deine einf├╝hlsame und ausf├╝hrliche Kommentierung. Du hast den Text in seinem Wesenskern erfasst- genau die Wirkung hatte ich beabsichtigt. Mit dem Satz hast du ├╝brigens v├Âllig recht- ich werde ihn auf jeden Fall ├╝berarbeiten und verst├Ąndlicher machen.
Recht herzlichen Dank, Cirias

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