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Leselupe.de > Kindergeschichten
Das Geheimnis der alten Kate
Eingestellt am 29. 03. 2006 15:40


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Märchentante
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Das Geheimnis der alten Kate

Sie waren seit Jahren dicke Freunde, Janni, Edwin, Rainer und Lotte, die eigentlich Christiane hieß. Sie war das einzige Mädchen unter ihnen und niemand wusste so genau, warum jeder sie Lotte rief. Regelmäßig trafen sie sich an ihrem Lieblingsplatz, dem Dorfweiher. Er lag etwas abseits, umgeben von alten Bäumen und dichtem Strauchwerk. Oft hatten die vier ihre Angelruten mit dabei und einen Eimer für die gefangenen Fische. Enten schwammen auf dem Wasser und ein Reiherpaar hatte sein Nest in einem der hohen Bäume gebaut. Ab und an nahm einer der Freunde auch mal seinen Hund mit zum Treffpunkt. Meist wurde es dann nichts mit dem Angeln. Kein Fisch beißt nämlich an, wenn ein Vierbeiner im Wasser herumpaddelt und die verschreckt schnatternden Enten jagt. Den Kindern machte es aber nichts aus, sie hatten sich immer viel zu erzählen. So auch heute. Diesmal ging es um die verlassene Kate am Dorfrand, die schon lange unbewohnt war.

Ihr Besitzer war eines Tages plötzlich mit Sack und Pack verschwunden. Er soll ein komischer alter Kauz gewesen sein, erzählte man sich im Dorf. Ein ständig mürrischer Mensch, der mit keinem Nachbarn etwas zu tun haben wollte. Niemand im Dorf wusste, wer er war und woher er vor einigen Jahren kam. Sobald es dunkelte, schloss der alte Mann die Fensterläden an seinem Haus und verriegelte Tür und Tor. Im Laufe der Zeit gewöhnten sich die Bewohner an ihn, und da er keine Gesellschaft wünschte, gingen ihm alle aus dem Weg. Freunde oder Verwandte schien er nicht zu haben, man sah ihn stets nur alleine. Ab und an, im Schutz der Dunkelheit, kam allerdings ein seltsamer Fremder zu ihm. Nach kurzer Zeit hörte man die beiden dann laut streiten. Der Besucher verließ jedes Mal wütend das Haus. Sein langer Mantel wehte im Abendwind, wenn er mit eiligen Schritten, seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, in die Nacht lief, die ihn bald darauf förmlich verschluckte. Die Leute fanden das Ganze ziemlich unheimlich. Als der alte Mann dann eines Tages so sang und klanglos verschwand, weinte ihm keiner eine Träne nach. Man hörte bis auf den heutigen Tag nichts mehr von ihm. Auch der Fremde wurde hier nie wieder gesehen.

Kein Mensch kĂĽmmerte sich um das verlassene Haus am Dorfrand. Nun also war es Mittelpunkt der Unterhaltung zwischen den Freunden.
„Was meint ihr“, fragte ihr Anführer, Janni, in die Runde, „wollen wir uns die Kate nicht mal genauer ansehen? Vielleicht könnte sie unser neuer Versammlungsort werden. Es interessiert sich doch eh niemand dafür. So könnten wir uns bei jedem Wetter treffen.“
Seine drei Freunde sahen ihn entgeistert an. „Mensch Janni“, sagte Lotte, „Wir können nicht einfach so mir nichts dir nichts das Haus in Beschlag nehmen. Bestimmt gibt es mit den Erwachsenen im Dorf Ärger, wenn sie dahinter kommen.“
Die beiden anderen aber waren wie elektrisiert von der Idee.
„Typisch Mädchen“, rief Rainer, immer Schiss.“
Und Edwin sagte begeistert: „ Mann, das wäre eine tolle Sache, ich bin dafür. Die Erwachsenen werden schon nichts dagegen haben.“
„Ja“, stimmte auch Rainer zu, „ich finde die Idee super. Wenn wir vorsichtig sind und aufpassen, kriegen die Leute es erst gar nicht mit.“
„Na gut“, lenkte Lotte ein, „ich bin auch dabei, manchmal ist es wirklich unangenehm am Weiher, wenn es regnet und kalt ist.“
Natürlich wollte sie nicht, dass die Jungens dachten, sie sei feige. Die Sache war also beschlossen. Die Freunde verabredeten sich für einen der nächsten Abende, um die Hütte näher in Augenschein zu nehmen.
Als es dann soweit war, schlich Janni bei Einbruch der Dämmerung als erster durch das schief in den Angeln hängende Gartentor. Da es leise quietschte, hielt er die Luft an. Kurze Zeit später trafen Lotte und Edwin ein, und wieder quietschte das Tor.
“Das müssen wir umgehend ändern“, sagte Janni leise, „das Gequietsche muss aufhören, sonst kommen uns die Leute schnell auf die Schliche.“
Die Minuten vergingen, Rainer war immer noch nicht in Sicht. Gerade wollten sie ohne ihn hineingehen, als er atemlos um die Ecke bog.
„Tut mir leid, Leute“, japste er, „ich musste mal wieder den Hund meiner Tante einfangen, immerzu büxt er aus.“
„Macht nichts“, sagte Janni, die anderen beiden grinsten, „jetzt bist du ja da, kommt.“
Er zog eine Taschenlampe aus seiner Jackentasche und ging voran. Die TĂĽr war unverschlossen. Lotte sah ihn bewundernd von der Seite an. Janni dachte eben an alles. Nicht einer von ihnen war auf die Idee gekommen, irgendetwas zum Leuchten mitzunehmen. Er hatte stets die besten Ideen und wusste Rat in allen Lebenslagen.

Es roch sehr muffig in dem dunklen Haus. Vorsichtig begutachteten die Freunde das Innere der Räume. Bis auf ein paar alte Stühle, einem wackeligen Tisch und einer Kommode, die nur noch auf drei Beinen stand, waren sie alle leer. Eine schmale, knarrende Treppe führte hinauf auf einen stickigen Dachboden, der vollgestopft war mit altem Trödel. Vergilbte Zeitungen, Kisten und allerlei anderer Unrat lagen auf dem Boden herum. Ein Rascheln ließ sie plötzlich herumfahren. Im Lichtkegel der Taschenlampe entdeckten sie eine Mäusefamilie, die erschreckt in das Licht starrte. Sie hatte es sich in dem Durcheinander gemütlich gemacht. Die Freunde sahen sich an und lachten. Ja, dieses hier wäre ein prima Treffpunkt. Den Dachboden könnten sie nach und nach weiter in Augenschein nehmen, vielleicht würden sie das ein oder andere Interessante unter dem ganzen Gerümpel finden. Als sie das Haus wieder verließen, waren sie sich einig.
Da niemand von den heimlichen Besuchen wissen sollte, ließen sie bei ihren Treffen die Fensterläden stets zu. Lotte brachte ein Windlicht und einen kleinen Karton Kerzen mit, von denen sie dann jeweils eine anzündeten, um besser sehen zu können. Gewissenhaft überzeugten sie sich jedes Mal vor ihrem Weggehen, dass diese auch gelöscht wurde.

Wochen später. Die Kinder waren auf dem Weg zu ihrem Treffpunkt, als sie eine dunkle, offenbar männliche Gestalt sahen, die neugierig um das Haus schlich. Als sie die vier Freunde erblickte, lief sie mit eiligen Schritten davon, geradewegs zum Dorf hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen.
„Merkwürdig“, sagte Edwin, „habt ihr den gesehen? Warum der wohl hier herumschleicht?“
„Ja“, meinte Rainer, „schon komisch, er hatte seinen Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass man ihn nicht erkennen konnte.“
„Und dieser lange wehende Mantel“, flüsterte Lotte, „richtig unheimlich.“
Janni überlegte: „Der sah genau aus wie der geheimnisvolle Besucher von dem komischen Alten, der früher hier wohnte. Warum taucht der Kerl plötzlich wieder auf? Und wo ist eigentlich der Alte abgeblieben? Habt ihr gesehen, wie schnell der Mann abgehauen ist, als er uns sah?“
„Es schien, als suche er etwas“, bemerkte Edwin, „sicher fühlte er sich durch uns gestört.“
„Du hast Recht“, pflichtete Rainer ihm bei. „Ob er auch ins Haus wollte? Wir sollten zur Sicherheit ein Schloss anbringen.“
„Der Meinung bin ich auch“, meinte Janni, „wer von uns könnte das bis morgen besorgen?“
„Ich mach`s“, rief Edwin. „Mein Vater hat ausrangierte Schlösser in seiner Werkstatt, da ist sicher noch ein brauchbares bei.“

Am nächsten Abend brachten sie zuerst das Schloss an. Anschließend entzündete Lotte eine Kerze. Da ihre Mutter gebacken hatte, brachte sie für jeden ein Stück Kuchen mit. Leise unterhielten sich die Freunde über allerlei Wichtiges. Hauptthema war natürlich der unheimliche Fremde. Plötzlich hörten die Kinder ein Geräusch über sich. Es war, als ob dort jemand hin und her lief. Lotte blieb der Bissen fast im Halse stecken. Sie sahen sich an.
„Was war das?“, flüsterte Rainer.
„Pssst“, machte Edwin, „still.“
Da, schon wieder dieses Geräusch. Sie lauschten angespannt und wagten kaum zu atmen. Ob dieser fremde Kerl da oben war? Und wenn, was suchte er auf dem Boden? Er müsste sich, ehe sie gekommen waren, hineingeschlichen haben.
“Kommt, wir sehen einfach mal nach, was da los ist“, schlug Edwin vor und schluckte.
Leise schlichen sie die Treppe hinauf, bemüht die knarrenden Stufen auszulassen. Mit klopfendem Herzen stieß Janni die Türe auf. Nun sahen sie den Urheber des Lärms, der nun ganz erschrocken zum geöffneten Dachfenster hinaussprang. Ein Waschbär! Schon wieder hatten sie sich von einem Tier in Panik bringen lassen! Erleichtert atmeten sie auf und lachten, denn der hektisch flüchtende Waschbär war wirklich lustig anzusehen.
Bei ihrer letzten Zusammenkunft hatten sie also das Bodenfenster offen gelassen. In Zukunft mussten sie besser aufpassen, so etwas durfte nicht noch einmal passieren. An der Tür befand sich jetzt zwar ein Schloss, doch was nutzte es, wenn sie vergaßen, eines der Fenster zu schließen. Jeder, der wollte, könnte so ins Haus gelangen. In dem Augenblick fiel den vieren wieder der Unheimliche ein. Herumgeschlichen war er hier draußen ja schon. Den Kindern wurde ein wenig mulmig zu Mute. Von nun an würden sie vor jedem Weggang die Fenster kontrollieren.
Auf dem Weg zurück ins Dorf, trafen die Freunde den langen Sven. Er trug diesen Spitznamen, weil er alle Gleichaltrigen um Haupteslänge überragte. Wegen seiner zurückhaltenden Art, galt er als Einzelgänger. Mit den anderen Kindern sprach er nur das Nötigste. In der Schule war Sven einer der Besten und hilfsbereit anderen Mitschülern gegenüber, die es nicht so leicht mit dem Lernen hatten. Wurden die Kleinen in der Pause gelegentlich von den Älteren drangsaliert, so half er ihnen stets. Der Junge war ein Stadtkind. Erst vor kurzer Zeit zog er mit seiner Mutter hierher. Am Anfang suchten die Dorfkinder seine Freundschaft. Sie luden ihn ein zum Angeln am Weiher, zu ihren Geburtstagsfeiern, zum Toben durch Wald und Feld, zum Hütten bauen und natürlich auch zum Streiche spielen. Doch von alledem wollte Sven nichts wissen, er blieb lieber alleine. Irgendwann gaben sie ihre Bemühungen um ihn auf und gewöhnten sich an seine Eigenbrötlerei. Sie ließen ihn einfach in Ruhe. Es war, als würde er eigentlich gar nicht bei ihnen leben. Nur, wenn sie ihn zufällig trafen, redeten sie ein wenig über dieses und jenes, und gingen wieder ihrer Wege.


An diesem Abend war es anders. Er machte auf die vier Freunde einen sehr aufgeregten Eindruck, was bei seiner ruhigen Art höchst ungewöhnlich war.
„Hallo Sven“, begrüßten sie ihn, „wie geht’s?“
Er ging gar nicht erst auf ihre Frage ein, sondern antwortete stattdessen: „Oh man, Leute, ich habe mich tierisch erschrocken. Stand doch gerade, als ich um die Ecke bog, ein unheimlicher Kerl vor mir. Ganz dunkel gekleidet war der, mit einem langen Mantel und einem Hut, unter dem man sein Gesicht nicht erkennen konnte. Auch er erschrak ganz offensichtlich, als er so plötzlich vor mir stand, und rannte dann Richtung Dorfende davon.“
Sprachlos sahen die Kinder sich an. Der Fremde schon wieder? Wen oder was suchte er? So langsam wurde es spannend. Sie erzählten Sven von ihrer eigenen Begegnung mit ihm.
„Eigenartig“, meinte Lotte nachdenklich, „es muss einen Grund dafür geben, dass er immer wieder hierher kommt.“
„Ja“, sagte Janni grübelnd, „ob es mit unserer Kate zu tun hat?“
„Aber da ist nichts zu holen“, entgegnete Edwin zweifelnd und Rainer bemerkte: „Und wenn doch? Wir sollten der Sache nachgehen und den Kerl beobachten.“
„Wie wollt ihr das machen“, fragte Sven, „ihr wisst ja nicht wann er wiederkommt, falls er sich überhaupt noch mal blicken lässt.“
„Stimmt, das ist schon schwierig“, sagte Janni, „wir besprechen das auf unserer nächsten Versammlung ausführlich. Was meint ihr, wollen wir uns morgen Abend zusammensetzen?“
Als seine Freunde nickten, fragte er den langen Sven: „Wie ist es, möchtest du nicht mitkommen?“
Die anderen sahen sich ungläubig an. Der würde doch nie mitmachen.
Zum Erstaunen aller meinte er aber: „ Wenn ihr mich wirklich dabei haben wollt, dann komme ich sehr gerne.“
„Abgemacht“, sagte Janni, „wir sehen uns.“

Es stürmte an diesem Abend fürchterlich. Die klapprigen Fensterläden des Hauses schlugen hin und her. Der Wind pfiff heulend durch die Ritzen und brachte das Windlicht mehrmals fast zum Erlöschen. Draußen im Garten rauften sich zwei Kater mit lautem Geschrei. In der mächtigen Eiche neben dem Haus rief ein Käuzchen. Irgendwie hatten die Freunde das Gefühl, dass die Situation fast schon gespenstisch war.
„Und“, fragte Lotte, „wie soll es weitergehen, hat jemand eine Idee?“
Noch ehe einer von ihnen einen Vorschlag machen konnte, setzte sich der lange Sven plötzlich kerzengerade auf.
„Habt ihr das auch gehört?“, flüsterte er. Die kleine Gruppe erstarrte.
„Was?“ wisperten die anderen zurück.
„Na, dieses Geräusch über uns.“
„Da ist doch nur der Dachboden“, hauchte Lotte, „da kommt doch keiner rauf, das Schloss an der Tür war auch fest zu.
„Bist du sicher?“, fragte Edwin leise.
Alle starrten zur Decke. Tatsächlich! Nun hörten sie es auch. Es schlich jemand oder etwas da oben herum. Sie atmeten kaum.
Rainer sagte mit gedämpfter Stimme: „Leute, das ist sicher irgendein Tier, wie bei den letzten beiden Malen. Bestimmt haben wir wieder vergessen, das Dachfenster zu schließen.“ Sehr überzeugend klang das aber nicht.

„Kommt, lasst uns nachsehen“, meinte der lange Sven, „hat einer von euch eine Taschenlampe mit dabei?“
„Ja ich“, flüsterte Janni, „ich habe immer eine bei mir.“
Ihnen war ein wenig unwohl bei dem Gedanken, jetzt dorthinauf zu gehen. Was, wenn es kein Tier ist, sondern… Oh, man bloß nicht den Gedanken weiterspinnen!
Gerade an der Treppe angekommen, öffnete sich zum Schrecken der Freunde die Dachbodentür. Mit lautem Knall flog sie gegen die Wand. Eine Gestalt mit Hut und langem Mantel stürmte die Treppe hinunter an ihnen vorbei, riss die Haustür auf und verschwand. „Na, das war aber kein Tier“, bemerkte Edwin trocken.
„Das war Er wieder“, hauchte Lotte mit versagender Stimme, ihre Knie schlotterten.
„Ja genau, das war Er“, bemerkte auch Rainer verdattert, denn ihm fiel nichts Besseres ein und seine Ohren wackelten. Das taten sie immer, wenn er besonders aufgeregt war.
Nachdem die Kinder sich einigermaĂźen beruhigt hatten, schlossen sie die noch offen stehende TĂĽr.
„Wenn wir nur wüssten, wonach der sucht“, meinte Sven, „auf alle Fälle muss es etwas mit dem Haus zu tun haben. Wir sollten uns in den nächsten Tagen den Krempel da oben mal genauer ansehen.“

„Da gehe ich so schnell nicht mehr rauf“, brüllte Lotte.
Die anderen starrten sie entgeistert an. „Bitte“, flehte sie etwas leiser werdend, „können wir uns beim nächsten Mal nicht wieder am Weiher treffen?“
Sie versuchten, ihre Freundin zu beruhigen.
„Na gut, Lotte“, sagte Janni, „wenn die anderen auch damit einverstanden sind.“ Er sah sich im Kreis um. Die Freunde nickten. Lotte hatte wirklich oft starke Nerven bewiesen, und sie wussten, dass sie sich stets auf sie verlassen konnten. Doch das hier hatte sie offenbar überfordert. Bald würde sie sich beruhigt haben, und dann über ihre Ängstlichkeit lachen, so war sie eben.

Als die Kinder das Haus verließen, wütete der Sturm noch unvermindert. Wolkenfetzen jagten über den dunklen Himmel und der Mond zeigte sich nur hin und wieder. In den Bäumen und Sträuchern sauste und brauste es. In der Ferne hörte man bereits Donnergrollen. Jetzt aber nichts als nach Hause.
Die Freunde verabschiedeten sich von Sven, der zum Erstaunen aller fragte: „Darf ich auch zu eurer Verabredung kommen?“
„Na klar“, sagte Janni, „wir treffen uns morgen, denn nun ist Eile geboten. Schließlich spaziert dieser Kerl schon im Haus herum.“
Die vier sahen Sven noch einen Moment hinterher. Im Grunde war er eigentlich ein ganz netter Junge.

Ihr Treffen wäre beinahe buchstäblich ins Wasser gefallen. Nach dem gestrigen Sturm regnete es nun schon seit den frühen Morgenstunden in Strömen. Gegen Abend beruhigte sich das Wetter aber allmählich. Langsam wurde es still am Weiher. Das Prasseln des Regens wurde immer leiser, bis es schließlich ganz aufhörte. Im Schilf schnatterten noch ein paar Enten, und in den Zweigen der alten Bäume stimmte bereits eine Nachtigall ihr Abendlied an. Frösche quakten und die ersten Fledermäuse jagten lautlos nach Insekten.

Nach und nach waren die Kinder an dem Gewässer eingetroffen. Auch der lange Sven kam tatsächlich. Sie unterhielten sich sehr leise, da vom anderen Ufer Stimmen zu hören waren. Sicher Angler, die sich ihr Abendbrot fischten. Ab und an flogen Wortfetzen herüber. Erkennen konnten die Freunde aber niemanden, weil das Schilf ihnen den Blick versperrte. Plötzlich wurden die Stimmen lauter, es handelte sich um zwei Männer.

„Habe ich dir bisher nicht genug gezahlt? Es ist an der Zeit, dass ich auch mal etwas für mein Geld bekomme“, hörten sie den einen aufgebracht reden.
Gereizt antwortete der andere: „Ach, du hast keine Gegenleistung bekommen für deine paar Kröten? Schließlich habe ich den Alten doch ausfindig gemacht. Ich habe ihn für dich aus dem Verkehr gezogen, damit du freie Bahn hast, falls du das vergessen haben solltest. Kann ich etwas dafür, dass die Gören dich entdeckt haben? Es ist deine eigene Dummheit, dass du nicht mehr in Ruhe suchen kannst. Vorsicht ist halt die Mutter der Porzellankiste, du Esel.“
„Dann tu gefälligst was dagegen, Mensch“, der andere schrie fast, „und werde bloß nicht frech. Meine Geduld ist am Ende, lange genug habe ich darauf gewartet, mir das zu holen, was mir nach dem Tod meines Vaters zusteht. Sieh zu, dass du mir diese Gören vom Leib hältst, egal wie.“
„Und wie stellst du dir das vor?“, fragte sein Kumpel, jetzt auch lauter werdend.
„Das ist deine Sache, dafür bezahle ich dich schließlich“, kam es wütend zurück, „bin ich erst am Ziel, soll es dein Schaden nicht sein.“
„Ich glaube, du würdest über Leichen gehen, um dieses Ziel zu erreichen“, bekam er zur Antwort, „du bist genau wie dein Vater. Nie hätte ich mich auf das faule Ding einlassen sollen.“
„So?“, schrie der andere, „die Einsicht kommt aber ziemlich spät. Du steckst mitten drin. Das Geld hast du auch gerne genommen. Du bist doch sonst nicht so zimperlich. Halte jetzt also dein Jammermaul und tu gefälligst, was ich von dir verlange.“
Den Kindern stockte der Atem. Hatten sie richtig gehört? War das der Fremde, der sich da mit einem anderen stritt?

Als irgendwo ein Ast knackte, hielten die Männer für einen Augenblick inne und wurden wieder leiser.
„Komm, wir hauen ab, sonst hört uns noch einer bei deinem Gebrüll“, sagte das Jammermaul, „ich werde tun was ich kann, aber nach dieser Geschichte hier trennen sich unsere Wege. Ich schlage vor, dass wir uns in drei Tagen um die gleiche Zeit wieder hier treffen. Vielleicht hast du die Schatulle bis dahin gefunden. Ich bin froh, wenn die Sucherei endlich vorbei ist. Bisher ist mir niemand auf die Schliche gekommen, aber das kann sich manchmal schnell ändern. Man soll es mit dem Glück nicht übertreiben. Du glaubst doch wohl, dass ich geliefert bin, wenn sie mich erwischen.“

Es raschelte gegenüber im Schilf. Die Freunde, die sich inzwischen vorsichtig in ein Gebüsch zurückgezogen hatten, sahen, wie die beiden Fremden den Teich verließen. Zu ihrem Schrecken war einer davon tatsächlich der unheimliche Kerl. Mittlerweile war es fast dunkel, doch sie erkannten deutlich den Hut und den langen Mantel. Den anderen, der ein ganzes Stück kleiner war und ziemlich dick, kannten sie nicht. Die beiden entfernten sich mit raschen Schritten. Den Kindern fiel auf, dass der Kleinere einen auffälligen Watschelgang hatte.
Noch ganz unter dem Eindruck des gerade gehörten, kamen sie aus ihrem Versteck.
„Was läuft hier ab? Und was ist das für eine Schatulle die sie suchen?“, fragte Sven, „sollten wir nicht langsam mal die Polizei einschalten? Wer weiß, was sie mit dem alten Mann gemacht haben, und uns wollen sie auch an den Kragen.“

Nachdenklich schauten die Freunde sich an und ĂĽberlegten. Wenigstens wussten sie jetzt, wonach die finsteren Gestalten so fieberhaft suchten.
„In drei Tagen treffen sie sich wieder hier“, ergriff Janni das Wort, „ob wir es schaffen, bis dahin Licht ins Dunkel zu bringen, was meint ihr? Ich würde sagen, wir durchsuchen erst den Dachboden noch einmal gründlich, wie Sven gestern vorgeschlagen hat, ehe wir zur Polizei gehen. Eine Schatulle wird doch nicht so schwer zu finden sein.“
„Na, ich weiß nicht“, zweifelte Rainer, „ich glaube, es wird jetzt zu gefährlich für uns.“
Wie wäre es“, meldete sich Edwin, „wenn wir eine Wache aufstellen, wenn wir den Boden unter die Lupe nehmen?“
„Guter Vorschlag“, meinte Janni, „wer meldet sich freiwillig?“
Alle Augen ruhten auf Lotte. Ihr sträubten sich bei dem Gedanken zwar die Nackenhaare, doch sie ließ es sich nicht anmerken. Leichthin sagte sie: „Klar Jungs, mach ich. Wenn ich etwas Verdächtiges bemerke, werde ich laut pfeifen.“
„Du kannst ja gar nicht pfeifen“, grinste Rainer.
„Na und, dafür sind Trillerpfeifen gut“, lachte sie, obwohl ihr wirklich nicht danach war.
„Gut, Leute, machen wir es so“ sagte Janni. „Wir müssen jetzt nach Hause gehen, es ist fast stockfinster. Morgen sehen wir uns alle an dieser Stelle.“

Der lange Sven war am nächsten Tag der Erste am Treffpunkt. So etwas Spannendes hatte er nämlich noch nie erlebt! Sein Leben war bisher ziemlich langweilig verlaufen. Es war ihm bewusst, dass er selbst die Schuld daran trug, weil er sich von den anderen Kindern absonderte. Er verkroch sich lieber mit seinen Büchern. Außerdem war der Junge es gewohnt, allein zu sein. Seine Mutter musste viel arbeiten, um sie beide durchzubekommen. Geschwister hatte Sven nicht. Der Vater verließ seine kleine Familie als er, Sven, noch ein Baby war. Bei Janni und seinen Freunden fühlte er sich zum ersten Mal richtig wohl.

Tief in Gedanken versunken bemerkte Sven nicht, dass plötzlich ein Mann vor ihm stand.
„He du“, polterte der los, „was machst du hier? Wollt ihr wieder in dieses Haus einbrechen? Du wartest sicher auf deine Kumpane. Das könnte euch so passen. Verzieh dich ganz schnell oder ich werde dir Beine machen. Lass dich hier nicht wieder in der Nähe sehen. Das gilt auch für den Rest deiner Bande. Ich beobachte euch schon eine geraume Zeit.“
Erschrocken blickte Sven auf. Ein Polizist stand vor ihm.
„Aber, aber“, stammelte er.
“Nichts aber“, schimpfte der Polizist grob weiter. Er ließ den Jungen nicht zu Wort kommen. „Dies ist nicht euer Haus, ihr habt kein Recht, hier unerlaubt einzudringen. Wer weiß, was alles passieren kann, wenn ihr mal vergesst, die Kerze auszublasen. Und merke dir, Bürschchen“, zischte er böse, „wenn ich euch hier noch einmal erwische, greife ich durch, glaube mir. Es passieren manchmal die merkwürdigsten Unfälle.“ Gemein grinsend entfernte er sich.

Als Janni und seine Freunde gerade um die Ecke biegen wollten, bekamen sie die letzten Worte des Polizisten mit. Geistesgegenwärtig huschten sie hinter eine Hecke und verharrten dort regungslos. Sie sahen sich fragend an. In dem Moment ging dieser unfreundliche Mensch hastig an ihnen vorbei, ohne sie jedoch zu sehen. Sprachlos blickten sie ihm nach. Er war klein, dick und watschelte auffällig.
Die vier liefen zu Sven, der immer noch wie zur Salzsäule erstarrt vor dem Haus stand. Er erzählte ihnen den ganzen Hergang. Zum Schluss bemerkte er, dass dieser Polizist eine große Ähnlichkeit mit dem Mann am Weiher hatte, der mit dem Unheimlichen zusammen war.
„Ja, merkwürdig“, meinte Edwin, „wir haben ihn auch gesehen, als er an uns vorbei ging.“
„Aber er ist doch ein Polizist“, beeilte sich Lotte zu sagen, „vielleicht bilden wir uns das nur ein und die Ähnlichkeit ist rein zufällig.“
“Auch Polizisten sind nur Menschen“, bemerkte Rainer und seine Ohren wackelten, „wir sollten vorsichtig sei, schließlich haben wir nicht gemerkt, dass er uns beobachtet. Woher weiß er denn sonst, dass wir bei unseren Treffen immer eine Kerze anstecken?“

„Lotte, hast du deine Trillerpfeife dabei?“, fragte Janni.
„Sicher“, antwortete das Mädchen, „wenn ihr jetzt reingeht, klettere ich in die Eiche. Von dort oben habe ich eine gute Aussicht. Sobald sich jemand nähert, pfeife ich drei Mal.“
Die Jungen eilten ins Haus und begaben sich sofort auf den Boden. Wo sollten sie bloß mit Suchen anfangen? Sie hatten so gar keinen Anhaltspunkt. Zunächst räumten sie den ganzen Plunder von der einen auf die andere Seite, durchwühlten Kisten und Kartons. Außer viel unnutzem Kram fanden sie nichts. Erschöpft setzten sie sich mitten in dem Durcheinander auf die Erde.
„Was machen wir nun?“, fragte Janni. Die anderen zuckten resigniert die Schultern.
Mit dem Fuß schob er die vergilbten Zeitungen hin und her, die zuhauf dort herum lagen. Plötzlich blieb sein Blick an einer von ihnen hängen. Neugierig fischte er sie mit seinen Fingern heraus. „Ach, sieh mal einer an“, sagte er und pfiff leise durch die Zähne, „hört zu, ich lese euch jetzt mal was vor.“ Gespannt spitzten seine Kameraden die Ohren, um nur ja nicht auch nur ein Wort zu verpassen.

Als Janni endete, wurde es mucksmäuschenstill auf dem Boden. Und dann, wie auf Kommando, redeten alle aufgeregt durcheinander.
„Ruhe“, rief Janni, „wir wissen jetzt endlich, worum es geht. Nun gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren, lasst uns genau überlegen.“
“Recht hat er“, meldete sich der lange Sven, „wir sollten alles noch einmal von Anfang an durchgehen.

Er fasste die bisher gewonnenen Erkenntnisse zusammen: „Also, der alte Mann kam vor Jahren ins Dorf. Niemand wusste, wer er war, oder woher er kam. Er lebte total zurückgezogen und wollte mit keinem Menschen etwas zu tun haben. Sein einziger Besucher war dieser merkwürdige Kerl, der ab und an kam, um sich mit ihm zu streiten. Ganz plötzlich verschwand der Alte bei Nacht und Nebel genauso geheimnisvoll, wie er gekommen war. Nach langer Zeit taucht jetzt der Fremde wieder auf. Ständig schleicht er um dieses Gemäuer herum. Selbst auf dem Dachboden war der unheimliche Kerl. Dann das Zusammentreffen mit dem kleinen Dicken am Weiher neulich. Ihr habt ja ihren Streit gehört, bei dem es um die geheimnisvolle Schatulle ging.

Jetzt haben wir einen alten Zeitungsbericht gefunden, aus dem hervorgeht, dass vor vielen Jahren eines Nachts die Bank in der Stadt ausgeraubt wurde. Die Räuber sollen zu zweit gewesen sein. Einen fasste die Polizei. Für lange Zeit wanderte der ins Gefängnis. Der andere entkam und blieb samt Beute spurlos verschwunden. Der Eingesperrte schwieg während seiner Haft beharrlich über den Verbleib des Geldes und seines Komplizen. Nachdem er seine Strafe abgesessen hatte, ging er in ein Altersheim. Dort starb er nach ein paar Monaten. Von dem noch flüchtigen Bankräuber und der verschwundenen Beute hörte man nie wieder etwas. Man nahm an, dass die beiden einen weiteren Kumpan hatten. Dieser kannte sich wahrscheinlich bestens mit Alarmanlagen aus und gab ihnen einen Tipp. Soll ich euch was sagen? Dieser Fremde und der Dicke suchen das Geld von dem Bankraub. Ich nehme an, dass es genau in dieser besagten Schatulle versteckt ist.“

Atemlose Stille herrschte unter den Freunden. „Mensch, was für ein Ding“, flüsterte Rainer, und seine Ohren wackelten heftig. „Ist denn das zu fassen? Jetzt müssen wir die Polizei einschalten. Wahrscheinlich ist der mit dem Entengang tatsächlich kein echter Polizist, was meint ihr? Und was ist mit dem alten Mann geschehen? Ist er wirklich aus dem Weg geräumt worden? Ich meine jetzt, gekillt oder so?“, er schüttelte sich.
„Was?“, rief Edwin entrüstet, „meinst du echt, die haben ihn…, aber warum?“ Seine Augen traten fast aus den Höhlen. Das war ja schauerlich.
„Ich weiß es nicht“, sagte Rainer, „doch zutrauen würde ich es ihnen. Der alte Kauz war sicher einer der Bankräuber. Die Kassette mit der Beute befindet sich bestimmt hier irgendwo im Haus. Auf dem Boden scheint sie aber nicht zu sein, dort haben wir ja jeden Winkel abgesucht.“
„Aber sie muss hier sein“, beharrte Janni, „die Gangster suchen ja immer noch nach ihr.“

Von draußen hörten sie drei scharfe Pfiffe. Lotte! Gefahr war im Anzug, nichts wie weg. Die Jungen rasten die Treppe hinunter und flitzten durch den Wohnraum in Richtung Haustür. Auf ihrer Flucht rissen sie einige Stühle um. Der lange Sven flog sogar quer über die alte, dreibeinige Kommode. Er brüllte auf, denn er hatte sich an einer Ecke sein Bein verletzt. Erschrocken blieben die anderen stehen und sahen sich nach ihm um.
„Alles klar, alles in Ordnung, lasst uns abhauen!“, rief Sven ihnen zu. Schmerzhaft verzog er sein Gesicht. Es war zwar nur ein tiefer Kratzer, doch der brannte höllisch. In dem Moment sah Janni, dass neben dem altersschwachen Möbelteil eine Holzschatulle lag.
„Hey, Leute“, sagte er atemlos, „schaut mal, was wir hier haben.“
Gebannt starrten die Freunde das Fundstück an. Wo kam das denn so plötzlich her?
„Oh, Mann“, der lange Sven konnte es nicht fassen, „sicher war sie in der Kommode versteckt und ist herausgefallen, als ich das alte Möbelstück umstieß.“
Wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“, brüllte Edwin, „Los, nehmen wir sie mit und nix wie weg.“

Mittlerweile war Lotte vom Baum gestiegen. Ungeduldig wartete sie auf ihre Freunde. „Macht schon!“, rief sie, „die beiden Kerle kommen wieder.“
Sie rannten zum Weiher. Aus der Puste gekommen erzählten die Jungen Lotte dort von all dem, was sie in Erfahrung gebracht hatten. Fassungslos hörte sie ihnen zu. Dann fiel der Blick des Mädchens auf die alte Schatulle in Jannis Arm.
„Und ihr meint, da ist das geklaute Geld drin?“, fragte sie neugierig.
„Das werden wir gleich wissen“, antwortete Janni und stellte die Schatulle auf die Erde. Eilig öffnete er die Schachtel. Nachdem er mehrere Lagen Packpapier und Klebeband entfernt hatte, starrten alle auf den Inhalt. Geld! Ganz viel Geld! Soviel hatten sie noch nie auf einen Haufen gesehen. Meine Güte, ob es sich wirklich um die Beute von dem Bankraub handelt? Es war also nicht auf dem Dachboden versteckt, wie die Ganoven vermuteten, sondern in dieser uralten, wackeligen Kommode. Ganz schön schlau, darauf muss erst mal einer kommen!
„Was machen wir denn jetzt?“, fragte Lotte. Ihr Gesicht war vor Aufregung ganz rot. „Wir müssen die Schatulle bei der Polizei abgeben und ihnen alles erzählen, da bleibt uns gar nichts anderes übrig.“

„Das stimmt“, pflichtete Janni ihr bei, „nun wird es wirklich zu gefährlich. Nicht das uns diese Halunken auch noch um die Ecke bringen.“
Er grinste, als er das Entsetzen in Lottes Augen sah.
„Vielleicht vermuten sie schon ihre Beute bei uns und eröffnen die Jagd“, meinte Edwin, dem gar nicht wohl in seiner Haut war. „Sicher haben sie uns beim Weglaufen gesehen, es war ganz schön knapp. Je eher wir zur Polizei gehen, desto besser.“ Vorsichtig schaute er sich um.
„Genau der gleichen Meinung bin ich auch, Leute“, beeilte sich Rainer zu sagen. „Los, lasst uns gehen. Aber es könnte vielleicht nicht schaden, wenn wir noch mal zurückschleichen, um zu sehen, ob sie noch im Haus sind.“
„Na, bist du denn verrückt?“, entrüstete sich Lotte. „Hast du immer noch nicht genug für heute? Warum sollten diese Kerle noch dort sein? Genauso gut ist es möglich, dass sie bereits auf der Suche nach uns sind. Mehr Spannung halte ich kaum aus, und du auch nicht. Schau dir mal deine Ohren an, die wackeln unaufhörlich.“
Trotz der gefährlichen Situation, in der sie sich befanden, lachten sie alle brüllend los. Selbst Rainer lachte mit, denn es machte ihm nichts aus. Er sah das Wackeln seiner Ohren, wenn er aufgeregt war, einfach als sein Markenzeichen an. Immer noch vor sich hinkichernd, machten sich die Kinder mit ihrem wertvollen Fund auf den Weg zur Polizei.

Plötzlich war ein lautes Knacken und Krachen zu hören. Fragend sahen sie sich an. Brandgeruch lag über dem Dorf. Die Freunde liefen schneller. Schon von weitem sahen sie ihr altes Haus in hellen Flammen stehen. Zwei dunkle Gestalten suchten panisch das Weite. Innerhalb kürzester Zeit brannte die Kate nieder. Als Polizei und Feuerwehr anrückten, war alles zu spät.
„Schade, das war`s wohl mit unserem Treffpunkt“, meinte der lange Sven trocken, die anderen schluckten.
„Ob diese Kerle es angesteckt haben?“, fragte Lotte traurig mit leiser Stimme.
„Davon kannst du ausgehen“, antwortete Janni, „du hast doch gesehen, wie sie abgehauen sind, diese Halunken. Aber warum haben sie das nur getan? Sie sind doch bei ihrer Sucherei nach dem Geld nicht fündig geworden. Ob sie das Feuer aus Wut legten?“

Die Polizei befragte inzwischen die umherstehenden Leute. Haben sie etwas gesehen? Ist ihnen in der letzten Zeit etwas Verdächtiges aufgefallen? Sind im Dorf Fremde gesehen worden, die sich auffällig benahmen? Eben die üblichen Fragen.
Als der Kommissar zu den Freunden kam, erzählten sie ihm von allem, was sie wussten, auch von dem merkwürdigen Polizisten. Danach übergaben sie dem staunenden Beamten die Schatulle.

„Ach, sieh mal einer an“, bemerkte der Kommissar, als er von dem Dicken mit dem Watschelgang hörte. Er zog eine Augenbraue hoch: „Habe ich doch richtig gelegen mit der Vermutung, dass der Kollege mit Gangstern unter einer Decke steckt. Er ist zwar tatsächlich ein echter Polizist, doch das mit Sicherheit nicht mehr lange. Schon eine geraume Weile bin ich hinter ihm her. Er steht nämlich in Verdacht, krumme Dinger zu drehen. Selbst bei der Mafia soll er angeblich mitmischen. Bislang haben mir leider immer die Beweise gefehlt, um ihn zu verhaften. Dieser Mensch ist ganz schön gerissen. Wahrscheinlich steckt er tief in dieser Sache drin. Er scheint der dritte im Bunde zu sein.“
Der Kommissar schnaubte verächtlich und fuhr fort: „Als der damals gefasste Bankräuber aus dem Gefängnis entlassen wurde, beschatteten wir ihn. Während der langen Haftzeit krank geworden, quartierte er sich in einem Altersheim ein, wo er wenig später starb. Dort bekam er regelmäßig Besuch von seinem Sohn. Wir nahmen an, dass der alte Gauner ihn damit beauftragte, seine beiden ehemaligen Komplizen und die Beute ausfindig zu machen. Dies scheint seinem Sohn ja gelungen zu sein.“
Eine kurze Pause folgte, dann erzählte der Kommissar weiter:
„Eines Tages bekam ich einen anonymen Anruf. Jemand teilte mir mit, wo der alte Gangster lebte, den wir all die ganzen Jahre suchten. Ich nahm an, dass es einer der beiden anderen Spitzbuben war, der ihn gefunden und an uns verpfiffen hat. Sie mussten den alten Mann ja irgendwie aus dem Haus bekommen, damit sie in Ruhe nach der Beute suchen konnten. Freiwillig rückte er das gestohlene Geld sicher nicht raus. Wir vermuteten, dass der von uns verdächtigte Kollege zum Handlanger des Sohnes wurde.“
Die Freunde sahen sich sprachlos an.
„Aber was ist aus dem alten Mann geworden?“, fragte Edwin. „Er war ja eines Tages spurlos verschwunden. Als wir die beiden Männer am Weiher belauschten, hörten wir, wie der eine sagte, er hätte ihn aus dem Weg geräumt.“

Der Kommissar lachte. „Keine Sorge. Sie haben ihn nicht so beseitigt, wie ihr jetzt denkt.“ Wieder ernst werdend sprach er weiter: „Der alte Gauner wusste, dass die Halunken ihm keine Ruhe mehr lassen würden. Er wollte das restliche Geld aus dem Raub für sich alleine behalten. Also plante er eine Flucht bei Nacht und Nebel, um wieder von der Bildfläche zu verschwinden. Ahnungslos, nicht von dem Verrat wissend, machte er sich auf den Weg. Er staunte nicht schlecht, als wir ihm im Schutz der Dunkelheit auflauerten, direkt, nachdem er das Dorf verlassen hatte.
Nun ist er wirklich von der Bildfläche verschwunden, im wahrsten Sinne des Wortes. Seine nächsten Lebensjahre wird der Kerl hinter Gittern verbringen. Leider fanden wir zu unserer Überraschung bei seiner Verhaftung keinen Hinweis auf die Beute. Der Kerl schweigt bis heute wie ein Grab.“

„Der Sohn des toten Bankräubers wird übrigens seit langem mit Haftbefehl gesucht, wegen Diebstahl und verbotenem Glücksspiel“, redete der Kommissar weiter. „Außerdem haben wir jetzt auch den Straftatbestand der Brandstiftung, in den beide Ganoven verwickelt sind. Meine Leute sahen, wie sie aus dem brennenden Haus rannten und haben die Verfolgung aufgenommen. Hoffentlich erwischen sie die Bande noch.“

„Wieso waren Sie eigentlich so schnell hier?“, fragte Lotte.
„Wir versteckten uns in der Umgebung. Von dort beobachteten wir den Alten schon eine Zeit lang. So bekamen wir auch die Besuche des anderen Gauners mit. Nach der Festnahme des Bankräubers ließen wir die Kate weiterhin nicht aus den Augen. Da der Alte die Beute auf seiner Flucht nicht bei sich hatte, musste das Geld noch in dem Haus sein, und mit Sicherheit würden die Halunken nun versuchen, daran zu kommen. Den Alten hatten sie jetzt erfolgreich vertrieben, wie es ihre Absicht war. Nun konnten die Zwei in aller Ruhe suchen. Von Anfang an gingen sie nämlich davon aus, dass er die restliche Beute nicht mitnehmen würde, sondern in dem alten Gemäuer versteckte, um sie irgendwann heimlich zu holen. Doch dann seid ihr Kinder ins Spiel gekommen, ein Umstand, mit dem sie sicher nicht rechneten. Ihr habt die Kerle natürlich gestört, und aus dem Grunde versuchte der Dicke auch, euch einzuschüchtern. Eine Zeit lang wart ihr in einer ziemlich gefährlichen Situation, meine Lieben“, fuhr der Beamte fort, „denn die Drohung gegen euch war mit Sicherheit erst der Anfang. Mit allen Mitteln arbeiten solche Leute, glaubt es mir. Wer weiß, was alles hätte passieren können.“

Die Freunde schauten sich an. Ihnen lief im nach hinein eine Gänsehaut über den Rücken.
„Da wir aber in der Nähe waren, gut versteckt hinter Büschen und Bäumen, wären wir jederzeit in der Lage gewesen, euch bei Gefahr zu helfen“, beruhigte der Kommissar die Kinder.
„Na, das ist gut zu wissen“, meinte Janni. Lotte schnappte nach Luft.
„Zum Glück kamen die Halunken nicht auf die Idee, in der altersschwachen Kommode nachzusehen. Wäre euer Kamerad nicht zufällig über das Ding gestürzt, gäbe es wegen diesem Brand heute keine Schatulle mehr.“

„Schaut mal dort hinüber“, sagte der Kommissar plötzlich aufgeregt, „meine Männer haben diese Gauner tatsächlich gefasst. Wie wir vermuteten, ist unser krimineller Kollege einer von ihnen. Endlich haben wir einen Beweis gegen ihn, um ihn aus dem Verkehr ziehen zu können. Sie kommen jetzt in den Polizeiwagen und werden aufs Revier gefahren, nachher verhöre ich die beiden.“
Die Festgenommenen sahen die Kinder bei dem Beamten stehen, der die von ihnen so heiß gesuchte Schatulle in seinen Händen hielt. Vor Wut quollen ihnen die Augen über. Drohend hoben die Halunken ihre Fäuste.
„Ab mit ihnen“, befahl der Kommissar, „schafft mir dieses Gesindel fort!“

Zu den Freunden gewandt fragte er: „Wie ist es, wollt ihr mir helfen und vor Gericht als Zeugen aussagen?“
„Das ist doch Ehrensache“, meinten sie, „wir helfen ihnen gerne, diese Kerle hinter Schloss und Riegel zu bringen. Sie müssen ihre gerechte Strafe bekommen.“
„Recht so“, freute sich der Polizeibeamte, „ich habe eigentlich nichts anderes von euch erwartet, dennoch ist das sehr mutig. Im Übrigen habe ich noch eine Überraschung für euch. Für den Fall der Wiederbeschaffung des Geldes wurde damals eine recht hohe Belohnung ausgesetzt. Auf die habt ihr natürlich jetzt einen Anspruch.“

Die Kinder starrten ihn zuerst nur stumm an und brachen dann in Jubel aus. Tolle Sache, wie viel es wohl sein wird! Gleich mĂĽssen sie sich zum Weiher begeben und beratschlagen, was sie mit dem Geld anfangen wollen.

Als der Blick des Kommissars auf Rainer fiel, starrte er auf dessen Ohren. „Wie machst du das denn mit deinen Lauschern?“, lachte er los. „Kannst du mir das nicht auch beibringen? So was schafft niemand bei uns auf dem Revier, das ist ein echter Knaller.“
Rainer, der kein bisschen beleidigt war, erklärte ihm: „Och, ich konnte das schon immer. Es geht ganz automatisch, wenn ich aufgeregt bin. Und jetzt bin ich sogar sehr aufgeregt.“
Die anderen grinsten breit.

Als die Freunde wieder alleine waren, machten sie sich auf den Weg zum Teich. Unterwegs redeten sie natürlich nur von ihrem spannenden Abenteuer. Wer weiß, vielleicht erlebten sie ja bald sogar ein neues. Dann würden sie alle genauso fest zusammenhalten wie bisher. Janni, Edwin, Rainer, Lotte die eigentlich Christiane heißt, und der lange Sven, der von nun an auch zu ihnen gehört.

Dagmar Buschhauer


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Thalionmacilwen
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Hallöchen !! Ich hab grad deine Geschichte gelesen und muss sagen die ist wirklich gut !
Doof fand ich die Namen der Kinder. Irgendwie altmodisch. Na ja und die wörtliche Rede. Meiner Meinung nach haben sich die Kinder nicht so ausgedrückt, wie Kinder es heutzutage machen (ich weiß der Satz hört sich ein bisschen schräg an *ggg*).
Ansonsten war die Geschichte richtig gut. Es ging zwar "nur" um einen Bankraub, aber ich fands schon spannend. Im ersten Moment hab ich auch gedacht die Bösen hätten den alten Mann um die Ecke gebracht...(herzklopfen)
Alles in allem eine echt gute Geschichte. Ich hoffe ich hab die helfen können und nicht zuviel rumgemeckert.
LG

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Märchentante
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Hallo Thali,

ich freue mich wirklich, dass Dir meine Geschichte gefällt. Die Kinder und ihre Namen existieren tatsächlich, sie leben in meinem ehemaligen Dorf. Ich wollte sie in dieser Geschichte verewigen, lach. Auch die alte Kate steht noch heruntergebrannt dort, und der Weiher befindet sich ebenfalls am Dorfrand. Den Banküberfall habe ich mir natürlich ausgedacht. Du bemängelst die wörtliche Rede, doch wenn ich so schreiben würde, wie manche Kinder heute leider sprechen, würden sich mir die Nackenhaare sträuben. Verstehst Du was ich meine?

Ich schicke Dir viele liebe FrĂĽhlingsgrĂĽĂźe
Märchentante

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Thalionmacilwen
Guest
Registriert: Not Yet

Hallihallo !

Es stimmt schon was du sagst, manche Kinder besitzen wirklich ein sehr eingeschränktes Vokabular ! Ich meinte nicht das jedes zweite Wort von den Kindern aus der Geschichte "Alter" oder "ey" lauten soll, aber an ein paar Stellen haben sich die Kinder irgendwie gestelzt ausgedrückt.

quote:
„Es schien, als suche er etwas“, bemerkte Edwin, „sicher fühlte er sich durch uns gestört.“

Na ja, egal die Geschichte ist und bleibt gut.

Viele liebe FrĂĽhlingsgrĂĽĂźe zurĂĽck mit einem Hauch Blumenduft

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Märchentante
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Oh, danke,

der Blumenduft ist angekommen, gefällt mir sehr gut, lach. Bin gerade erst aus dem Urlaub zurück, sonst hätte ich Dir schon längst geantwortet.

Lieber GruĂź, bis bald
Märchentante

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