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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Gesetz
Eingestellt am 16. 04. 2001 10:59


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Rainer Hei├č
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

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Das Gesetz

Metallische K├Ąlte war das letzte, was er sp├╝rte, bevor er das Bewusstsein verlor. Festgeschnallt auf eine eiserne, kalte Klinikbahre, kaum bekleidet. Weggerollt aus der Wirklichkeit in die ├ťbergangswelt des OPs. Er fror, nicht so sehr wegen der glatten, dunklen Metalloberfl├Ąche, auf der er mit freiem R├╝cken - sein Operationshemd war auf der R├╝ckseite offen - lag, sondern wegen der Sterilit├Ąt, die zuletzt sogar der Raum absolut verk├Ârperte, in den sie ihn gebracht hatten. Steril waren auch sie gewesen in ihrer Rechtfertigung, die nichts als eine verzweifelte Verteidigung gewesen war. Verteidigung gegen ihn, der ihr Rechtssystem ├Âffentlich enttarnt hatte, sich einen heroischen Abgang bzw. Auftritt gegen sie zugemutet hatte, wie vermessen.
├ťberm├╝tig war seine Rede gewesen, verteidigt hatte er sich selbst vor Gericht. "Ihr wollt mich also richten, nach Buchstaben, die auf Papier gedruckt sind, wollt ihr mich richten, Euer Ehren? Das sieht euch ├Ąhnlich, und ich habe von euch auch nichts anderes erwartet."
Hinnehmen h├Ątten wir das sollen, unser, zugegeben, antiquiertes Rechtssystem, das so den Menschen in ihrer Individulit├Ąt, und das war schlie├člich ihre hervorstechendste Wesensart, die Individualit├Ąt, nicht gerecht werden konnte, ├Ąndern, ├╝ber den Haufen schmei├čen? Niemals!
Was h├Ąlt letztlich unsere Zivilisation, so wie wir sie kennen, und dringend brauchen, mein Freund, aufrecht? Das Gesetz, einzig das Gesetz, seine ├ťberwachung und der Vollzug. Und da kommt dieser Schn├Âsel..."Stimmen sie mir zu, Euer Ehren, dass es keine zwei gleichen Menschen gibt? Warum sollten sie dann pl├Âtzlich vor dem Gesetz gleich sein? Sie sind auch vor dem Gesetz nicht gleich! Niemals. Genausowenig, wie zweimal dieselbe Straftat ver├╝bt wird. Sie geschieht immer unter anderen Bedingungen, in anderem Kontext, Euer Ehren."
Was er da ausgesprochen hatte, war nicht neu, nur, es war ungeheuerlich! Den Boden wollte er unserer Rechtsstaatlichkeit entziehen, Anarchie wom├Âglich, was wei├č ich? Sehen sie aus dem Fenster, was w├Ąren all diese Menschen ohne die Sicherheit des Gesetzes? Sie gehen durch eine Welt, die sie nicht begreifen, aber das Gesetz, das begreifen sie, es allein gibt ihnen Halt. Wie sollte es ohne diesen Halt sein, ohne etwas Festes, an das sie sich halten k├Ânnen? Barbarisch, schrecklich,...nat├╝rlich. H├Ątte er nur auf mich geh├Ârt...ganz zu Beginn seines Prozesses wurde ich ihm als Pflichtverteidiger zugewiesen. Bew├Ąhrung h├Ątte er bekommen, h├Ątte er auf mich geh├Ârt, nichts Gro├čes. Doch bereits nach der ersten Unterredung mit mir, er hatte mich verh├Âhnt, lehnte er es ab, verteidigt zu werden, das ├╝bern├Ąhme er selbst, hatte er selbstsicher geprahlt.
Von Beginn an legte er es auf Konfrontation an, hinterfragte alles, was das Gericht als erwiesen aufz├Ąhlte. Zweifelte, eher Spa├čes halber, wie ich vermute, gar die Existenz des Gerichtsgeb├Ąudes an. Zum Exempel wollte er sich und seinen Fall machen, nun gut, zum Exempel wird er jetzt auch werden, nur in v├Âllig anderem Sinne, nicht wahr?
Zum Einsturz wolle er dieses marode Rechtssystem bringen und mit ihm unsere gesamte verrottete Gesellschaft blo├č stellen. Dachte er wirklich, sie w├╝rden das zulassen? Dachte er, er sei der Messias? Hochm├╝tig war er, als er bemerkte, dass er den Unwillen der Vorsitzenden auf sich gezogen hatte, als Zeichen seines Erfoges verbuchte er, dass sich sein Prozess immer weiter verschleppte und tats├Ąchlich immer grunds├Ątzlichere Fragen auf die Tagesordnung kamen.
Ungerechtigkeit wollte er am eigenen Leib demonstrieren, erdulden, bis ein Aufschrei durch die Massen gehen w├╝rde, der alles zum Zusammenbruch bringen sollte.
Fein hatte er sich das ausgedacht. Zun├Ąchst hatte ja die Presse auch einiges begr├╝ndetes Interesse an ihm und seinem belanglosen, anfangs belanglosen Fall. Nun, inzwischen war auch sein Fall wieder bedeutungslos geworden. Es gab so viele Winkel in diesem Rechtssystem, er musste sich darin verirren, unausweichlich.
Nach dem Ausschluss der ├ľffentlichkeit, dieser markierte ├╝brigens den Bruch zum Schlechteren f├╝r ihn, war es, juristisch gesehen, bergab mit ihm gegangen. Sein eigentliches Vergehen, erinnern sie mich doch bitte an sein Vergehen, wurde in den Hintergrund gestellt, vielmehr wurde der Zustand seiner Person, seine mentale Verfassung zum Gegenstand der Verhandlung. Absehbar, hatte ich ihm noch gesagt, absehbar, mein Junge.
Die Operationslampen blendeten ihn unwirklich. Verschwommen nurmehr nahm er den mintfarbenen, beruhigenden Anstrich der Decke wahr. K├Ąlte, die K├Ąlte der Kraftlosigkeit durchdrang ihn g├Ąnzlich. Die Narkose tat ihre Wirkung, warum auch nicht. Er dachte nicht an sein vermessenes Vorhaben und sein Scheitern, sein v├Âlliges Scheitern, wie er im Gerichtssaal aufrecht geschlagen wurde. Dass das Gesetz ein fremdes Feld ist, wusste er ja, es war sozusagen der Hauptpunkt seiner Anklage gewesen. Seiner Anklage, man ├╝berlege sich das. Immerhin, soweit hatte er es gebracht, den Staat und seine Mittel anzuklagen, wenn auch nur f├╝r einen fl├╝chtigen Moment.
Nein, er dachte an fette, gr├╝ne Wiesen, die auch jetzt wieder nahe seiner fr├╝heren Heimatstadt im warmen Wind sich wiegten, sanft. Wie er dar├╝berschritt, erhaben und leicht, einst.
Das verstehen sie doch, dass in einem solchen Fall der Staat sich wehren muss, allein aufgrund der Mechanismen, die in ihm geschaffen sind f├╝r den Fall der Notwehr. Schlie├člich werden alle diese Mechanismen von Menschen bedient. Und Menschen lassen sich nicht wie Maschinen austauschen, nicht einmal ver├Ąndern lassen sie sich. Verlagert hatten sie den Fall, nat├╝rlich ist das in einem solchen Fall zun├Ąchst einmal au├čergew├Âhnlich, zugegeben. Als aber die wachsende Aufmerksamkeit der Journaille erst einmal davon ├╝berzeugt worden war, dass hier ├╝berhaupt nichts Au├čergew├Âhnliches vor sich ging, dass vielmehr auf Initiative des Angeklagten der Prozess sein Hauptaugenmerk verlagern hatte m├╝ssen, da war die Entscheidung bereits gefallen. Armer Kerl. Ob er sich an irgendetwas erinnern wird? Nat├╝rlich nicht, ich kenne die Methode. Aber eine kleine Ahnung, vielleicht beim Anblick eines Gerichtsgeb├Ąudes. Sein Gegen├╝ber sch├╝ttelte den Kopf. Nicht die geringste. Nat├╝rlich nicht.
Eine vermummte Schwester trat ein, nach den Instrumenten zu schauen, ob sein Zustand sich normal in Richtung Operationsf├Ąhigkeit entwickelte. F├╝nf Stunden hatte er vor sich, wenn alles gut ging. Er wollte die, aus Zwecken der Sterilit├Ąt mit einer Atemmaske verh├╝llte, Schwester ansprechen, doch die Kraft fehlte ihm bereits. Sie ahnte sein Vorhaben und sah ihm f├╝r ein, zwei ewige Sekunden in die blauen, verzweifelt fragenden Augen, die von der M├╝digkeit nur noch zur H├Ąlfte ge├Âffnet waren. Angst blickte sie an, das einzig Menschliche in diesem Raum, ├Ąngstliche, panische Augen.
Dann verlie├č ihn das letzte F├╝nkchen Willen, das ihm nach der Medikamentenbehandlung geblieben war, und er schlief ein.
Wissen sie, auch wenn mir dieser Einzelfall, nachdem es ja beinahe meiner geworden w├Ąre, ziemlich nahe geht, glaube ich doch, dass es so besser ist, sagte der alte, verbrauchte Pflichtverteidiger und stand auf, um seinen Morgenkaffee zu bezahlen. Dann ging er wortlos hinaus in die Fr├╝hlingssonne und hielt sein Gesicht f├╝r einen Moment mit geschlossenen Augen in die w├Ąrmenden Strahlen.

__________________
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flammarion
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lieber reiner

der Herr bewahren uns vor solch einer zukunft! gut ausgedacht, gut geschrieben, aber einige fehlerchen gibts: auf eine bahre kommen nur tote, es mu├č also trage hei├čen. die anrede "Sie", "Ihr" und "Euch" mu├č gro├č geschrieben werden. das sind nur ├Ąu├čerlichkeiten. lg
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Old Icke

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Rainer Hei├č
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Danke, mit der Bahre hast du Recht; k├Ânnte zwar eine Anspielung auf die Zukunft unseres jungen Mannes sein; war aber unabsichtlich. Mit den Ansprachen bin ich mir mit der neuen Rechtschreibung nicht so sicher...
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flammarion
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oh je,

die rechtschreibreform! da m├╝├čte ich jetzt meine enkel fragen. leider sind sie keine gro├čen lichter in punkto deutsche grammatik . . . lg
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Old Icke

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Rainer Hei├č
Hobbydichter
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Seltsam, dass sich gerade durch diese Geschichte ein Austausch entwickelt; h├Ątte ich nicht gedacht. Ist aber egal, Hauptsache, dass! Zuletzt hatte ich es bei autorenweb.de versucht, aber da ist nicht viel los. Und daf├╝r, dass ich erst gestern meine ersten kleinen Geschichtchen - aus Versehen nat├╝rlich gleich doppelt! - hier platziert habe, bereits jetzt die ersten Reaktionen; toll!
Die Rechtschreibreform ist eigentlich durchaus berechtigt, nur wirklich vereinfacht hat sich dadurch nicht viel, schade!
Gr├╝├če, Rainer
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Willi Corsten
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Hallo Rainer

Deine klare Sprache bewundere ich. Vor allem die Dialoge sind stark. Danke ├╝brigens f├╝r die Mail.
Gru├č Willi Corsten

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