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Leselupe.de > Humor und Satire
Das Gespräch
Eingestellt am 15. 03. 2005 07:08


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flammarion
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Das Gespräch

Neulich wollte ich meinen Sohn Siegfried besuchen, traf aber nur seine Frau an. Sie empfing mich: „Ah, guten Tag, Schwiegermutter! Komm rein. Ich nehme dir den Mantel ab und dann gehen wir in die Stube, da ist es warm.
Möchtest du eine Tasse Kaffee? Habe gerade frischen gekocht. Setz dich mal schon immer hin. Ich komme gleich.
So, hier ist der Kaffee. Siggi kommt heute später. Aber wir beide können uns ja auch mal unterhalten, nich?
Du weißt doch, dass ich jetzt ein Praktikum in einem Senioren-Club mache, nich wahr. Also, manchmal können die alten Leute ganz schön nerven. Zum Beispiel der Herr Schulz, der hat jeden Tag auf s neue Schwierigkeiten, seinen Klumpfuß unter den Tisch zu bekommen und schimpft und schimpft!
Die Frau Meier will andauernd eine Extrawurst gebraten haben. Zur Kaffeezeit will sie lieber Tee trinken, nie ist ihr Salat richtig gewürzt, dann fragt sie, ob ihre Wäsche schon fertig ist, dann soll ihr der Kraftfahrer einen Kasten Selters kaufen – die Frau kann Leute beschäftigen! Nich wahr?
Oder der Herr Kramer. Der singt andauernd. Na ja, eine schöne Stimme hat er ja, aber er bringt kein Lied zu Ende, singt immer nur zwei oder drei Zeilen. Und nach ner halben Stunde, nich wahr, beginnt er sein Repertoire von vorn.
Und die Frau Schröder! Die is ständig am Suchen. Mitten beim Essen kramt die plötzlich in ihrer Handtasche. „Frau Schröder“, sag ich zu ihr, „Frau Schröder, was suchen Sie denn?“ – „Ich muss mal gucken, ob ich das Portemonnaie eingesteckt habe, sonst kann ich ja nicht bezahlen.“ – „Aber Frau Schröder“, sage ich zu ihr, „das wäre doch nich so schlimm. Wenn Sie es nich dabei haben, bezahlen Sie eben morgen, nich wahr. Lassen Sie doch Ihr Essen nich kalt werden.“
Und der Herr Klotz sucht andauernd seine Brille. Er stülpt alle drei Jackentaschen um, dann die beiden Hosentaschen. Danach kramt er in seiner großen Einkaufstasche, die hat er von seiner verstorbenen Frau. In dieser Tasche trägt er seine Herrenhandtasche, die muss natürlich auch durchgewühlt werden, nich wahr. Bei der Suche findet er auch zwei bis fünf Brillen nebst Etui, aber keine ist die, die er gerade sucht. Angeblich.
Die Frau Altmann ist schwerhörig, macht aber selten ihr Hörgerät an. Oder sie is ne ganz raffinierte.
Für Frau Schmidt muss ich mindestens einmal in der Woche zur Apotheke gehen und dem Herrn Graf muss ich oft zweimal in der Woche Brot und Butter kaufen. Möchte bloß mal wissen, wo der dünne Hering das alles hin isst, nich wahr.
Und Herr Lehmann kloppt andauernd blöde Sprüche: Du hast so wunderschöne blaue Augen, die stammen von der letzten Keilerei. Oder: Fräulein, wolln Sie n Kind von mir . . . . in Pflege nehmen? Ich hör schon gar nich mehr hin, nich wahr.
Die Frau Vogel ist auch was Bemerkenswertes. Sie spricht den fürchterlichsten Jargon, den du dir vorstellen kannst und das auch noch im höchsten Kandis. Nee, nich Kandis, Diskant meine ich, nich wahr.
Und die Frau Lohmann erzählt ohne Ende von ihrer niedlichen kleinen Enkeltochter, als wäre sie das einzige Kind auf der Welt. Auch die allerkleinste Einzelheit erzählt sie, nich wahr.
Aber die Krönung ist Frau Müller. Letzten Montag gab es Bolognese und ich hab das dummerweise so an die Tafel geschrieben, wie man es spricht. Ich muss immer an die Tafel schreiben, was es zu Essen gibt und wie viel es kostet, nich wahr. Also, da hat mich die Frau Müller vor versammelter Mannschaft auf meinen Fehler hingewiesen! Als wenn ich ne dumme Göre wär!
Am Dienstag gab es Spinat mit Ei. Da meinte sie, es hätte genügt, wenn ich „Speinat“ geschrieben hätte, da wüsste doch gleich jeder, dass es Spinat mit Ei gibt, nich wahr. Und dabei grinste sie so . . . so . . ., na, sie grinste eben.
Am Mittwoch noch so n Scherz: es gab Wirsingkohleintopf. Das lange Wort passte nich in eine Zeile, ich musste es teilen. Da sagte diese kesse Frau Müller doch zu mir: „Was haben Sie denn heute wieder angeschrieben? Kohle in Topf? Das solln wir essen?“
Ich wollte sie aufklären, dass das obere Wort dazu gehört, nich wahr, aber sie grinste nur wieder so. Ich fragte: „Sie wollen mich wohl veräppeln?“
Sie wehrte ab: „Aber i wo nee doch!“
Darauf ich: „Ich bin Ihnen wohl wieder mal auf den Leim gegangen?“
„Ja!“, jauchzte sie, warf die Arme hoch und strampelte vor Vergnügen mit den Beinen.
Als ich sagte, dass ich ihr das schon noch heimzahlen werde, verpasste sie einem imaginären Gegner einen Fausthieb und rief: „Jawoll!“
Am Donnerstag war es wieder schlimm. Die liebe Frau Müller meinte, es wäre ja ganz toll, dass heute jeder einen Champion zum Mittag bekommen wird. Ich lachte: „Aber doch nich nur einen! Der Koch hat einen großen Topf voll geschmort.“
„Waaas?“, entsetzte sie sich. „Die sind geschmort?“
„Natürlich“, gab ich zurück. „Wir können sie doch nich roh servieren, nich wahr.“
Es gab Schnitzel mit Champignons, und ich hatte wieder einen Rechtschreibfehler gemacht.
Nun war das Maß voll. Jetzt wollte ich es ihr wirklich heimzahlen, nich wahr. Am Freitag bekam ich Gelegenheit dazu. Es gab als Nachtisch Schokoladenpudding, und den isst meine Frau Müller so sehr gerne. Aber ich hatte gesehen, dass er nich in ausreichender Menge vorhanden war. Dafür war die Salatschüssel riesig.
Als Frau Müller in den Club kam, habe ich ihr gleich nach der Begrüßung gesagt, dass es feinen Pudding gibt. Sie freute sich wie ein Honigkuchenpferd. Während sie das Mittagslied heraussuchte – wenn die Tische abgeräumt sind, singen die Senioren mit dem Personal zusammen ein Lied und Frau Müller verwaltet die sieben Ordner – verteilte ich rasch den Pudding. Die Enttäuschung auf ihrem Gesicht entschädigte mich völlig.
Allerdings hatte ich extra für Frau Müller einen Pudding in der Küche zurückstellen lassen, nich wahr. Da ging dann wieder die Sonne auf.
Nun bin ich gespannt, wann sie mir wieder einen Fehler unter die Nase reibt und ich zum Schwamm greifen muss, um ihn auszubügeln. Hihi, nette Vorstellung – mit dem Schwamm bügeln!
Findest du das nicht auch komisch? Nu sag doch auch mal was!“
Ja, was sollte ich dazu sagen? Nur gut, dass sie mir nicht noch die diversen Krankheiten der alten Leute aufzählte.
Zum Glück kam mein Sohn kurz darauf von der Arbeit und ich konnte mich endlich bei ihm für das Geschenk bedanken, das er mir zum Muttertag gemacht hatte.

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Old Icke

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