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Leselupe.de > Kurzprosa
Das Gewissen
Eingestellt am 27. 03. 2007 15:55


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animus
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Registriert: Mar 2006

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Das Gewissen
Kurzgeschichte zum Thema Gewissen



„Fräulein, zweimal Korn, bitte!“

„Ein Korn und ein Mineralwasser, bitte": Korrigierte ich meinen Freund.

„Was ist mit dir los? Geht es dir nicht gut? So kenne ich dich gar nicht.“

„Ich hatte heute eine Begegnung, die ich nicht vergessen kann.“
„Ich trinke heute keinen Korn, vielleicht sogar nie wieder. Nur Mineralwasser mit Zitrone.“

„Was ist denn passiert, mach es nicht so spannend.“

„Heute früh bin ich zum Friedhof gegangen, um das Grab meiner Frau zu besuchen. Routine, einfach nachschauen, ob alles in Ordnung ist und um eine Kerze anzuzünden. Als ich mich zwischen den Gräbern durchzwängte, packte mich eine Hand am Arm und zog mich blitzschnell zur Seite. Ich hatte keine Chance mich zu befreien. Der Arm drehte mich um und zog mich noch fester an sich. Ich schaute plötzlich in zwei, weit aufgerissene Augen. Sie hatten die gleiche Farbe und den gleichen Blick wie die meinen, die Nase, den Mund habe ich auch erkannt, je länger ich der Gestalt ins Gesicht schaute um so mehr erkannte ich. Es sah genauso aus wie mein Gesicht. Es war ich.
Kannst du dir vorstellen, wie verwirrt ich gewesen bin? Ich stand da und kombinierte schnell: Zwillingsbruder, Doppelgänger, was weis ich. Ich war ratlos.

Viel Zeit hatte ich nicht zum Ăśberlegen, denn gleich sprach mich meine eigene Stimme an.
Sie war ganz ruhig, hatte die gleiche Tonlage und was das Schlimmste dran war,
meine Augen schauten eindringlich in meine Augen. Einfach irre.“

„Du bist der David, du bist vierzig Jahre alt und warst fünfzehn Jahre mit der Laura verheiratet.
Sie ist auch hier. Sie ist deinetwegen hier, David.
Du hast sie jahrelang tyrannisiert.
Du hast sie geschlagen, erniedrigt, missbraucht und zuletzt umgebracht.
Ich weiß, man ist dir nicht auf die Schliche gekommen, weil du schlau warst und alle täuschen konntest.
Nur mich nicht.
Ich habe alles gesehen und miterlebt. Die letzten fünf Jahre habe ich dich täglich beobachtet.“

„Du fragst dich bestimmt, wer ich sei.
Ich sage es dir nicht. Du wirst es bald selbst in Erfahrung bringen. Vielleicht wirst du es nicht sofort erkennen, aber sei dir sicher, wenn es soweit ist, dann wirst du wissen, wer ich sei.“

„Fräulein!“
„Noch ein Korn und ein Mineralwasser mit Zitrone, bitte.“
„Warum muss es gerade Mineralwasser mit Zitrone sein?“
„Du magst doch kein Mineralwasser.“

„Das andere ich, am Friedhof, sagte mir, ich soll in der Zukunft nur Mineralwasser mit Zitrone trinken. Ich soll nur das trinken, womit ich meine Frau vergiftet haben soll. Bei jedem Schluck sollte ich mich dran erinnern. An das Gift, das ich monatelang tröpfchenweise meiner Frau verabreichte.“

„Und das machst du jetzt auch ganz brav?“
Bestell doch mal was anderes, scheiß drauf, was du dir gesagt hast.“

„Das habe ich schon versucht, es geht einfach nicht. Ich kann seit der Begegnung nichts anderes trinken, als Mineralwasser mit Zitrone. Ich habe es versucht aber jedes Mal, wenn ich es trank, musste ich kotzen.
Jetzt traue ich mich nicht mehr, was anderes zu trinken.
Das ist aber nicht alles. Wenn ich das Wasser trinke, egal wo, bekomme ich Magen-, und Kopfschmerzen.
Es sind die gleichen Symptome, die bei meiner Frau in den letzten Jahren auftraten. Auch sie litt immer nach dem Trinken an Kopfweh und Magenschmerzen. „

„Du spinnst.
Das redest du dir nur ein. Vergiss es einfach. Besaufe dich richtig und lege dich fĂĽr ein paar Tage ins Bett.
Du wirst sehen, dass dann alles vorbei ist.“

„Hast du deine Frau umgebracht?“

„Hast du wieder Magen und Kopfschmerzen, jetzt wo du gerade das Mineralwasser getrunken hast?“

„Nein, aber es wird nicht lange dauern, dann sind sie da. Das ist sicher.

„Wo bleibt bloß der Korn mit deinen seltsamen Mineralwasserzitrone.“

„Lass mal, ich habe es nicht eilig, das Wasser steht mir schon bis zum Hals.
Ich trinke es nochmals und dann lasse ich es sein, denn das hält kein Schwein aus“

„Na endlich wirst du wieder vernünftig, so gefällst du mir.
Danke Fräulein, als wenn sie uns gehört hätten, so dringend haben wir es mit dem Trinken.
Für mich, um mich aufzuwärmen und für ihn, um sich von einem Geist zu befreien.
Dann ‚prost’, Alter.
Auf das Ende des Mineralwassers mit Zitrone, es lebe der Korn."

Ohne das Glas abzusetzen, trank ich es leer, stellte es vorsichtig auf den Bierdeckel und strich mit dem Zeigefinger ĂĽber den nassen Rand. Ein heller Ton durchschnitt die Luft. Ein klagender Ton,
der langsam in den Geräuschen des Raumes unterging.
Ich nahm meine Tasche vom Stuhl und ging ohne ein Wort zu sagen nach Hause.

Mit einem letzten Blick durch das Zimmer nahm ich den Strick aus der TĂĽte und warf ihn ĂĽber den Dachbalken. Mir fiel auf, dass die WohnungstĂĽr auf ist.
Ich war mir sicher, dass ich sie hinter mir geschlossen hatte, ich habe sogar den SchlĂĽssel umgedreht.
Trotzdem stieg ich auf den Stuhl, steckte den Kopf in die Schlinge, die offene TĂĽr immer noch im Blick.

Sie bewegte sich und schloss sich langsam.
Ich sah keinen, ich hörte nur schrilles Gelächter. Ein Gelächter, das nicht von draußen kam.
Es kam aus mir heraus. Es lachte mich aus.




[©animus
__________________
Die alten Träume waren gute Träume.
Sie gingen nicht in ErfĂĽllung, aber
ich bin froh sie gehabt zu haben.

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