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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Grauen einer jungen Ehefrau
Eingestellt am 26. 07. 2005 10:31


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ScarlettMirro
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Sie vermied den Ostfl├╝gel. In der Hochzeitsnacht vor einer Woche hatte Sophia von Klingenstein mit ihrem Mann Karl den Westfl├╝gel bezogen. Karl jedoch bestand darauf, das Abendessen gemeinsam mit seiner Mutter im Ostfl├╝gel einzunehmen.
Die zwanzigj├Ąhrige Frau stand vor dem weit ge├Âffneten Kleiderschrank und ├╝berlegte, ob wohlm├Âglich irgendein Kleidungsst├╝ck unter den bedrohlich grauen Augen ihrer Schwiegermutter Gnade finden k├Ânnte. Sie dachte daran, wie Karl sie mit denselben Augen oft so liebevoll ansah. Der eidottergelbe Hosenanzug war der Schwiegermutter zu m├Ąnnlich, das lange traubengr├╝ne Etuikleid mit dezentem V-Ausschnitt zu festlich und der Rock mit ihrer malvenfarbenen Lieblingsbluse zu farblos erschienen. Es gab kaum etwas, was sie anziehen konnte. Missmutig entschied sie sich f├╝r die selbst geschneiderte Wickelhose mit einem hellen rosafarbigen Shirt. Sicherlich w├╝rde die Schwiegermutter auch an dieser Kombination ihr Missfallen deutlich machen.
P├╝nktlich um halb sieben klopfte Karl an ihre Schlafzimmert├╝r, ├Âffnete sie einen Spalt, schob seinen Kopf hindurch und sagte wie jeden Abend: "Es wird Zeit!"
"Karl", rief sie ihm z├Âgerlich nach, aber er kam nicht noch einmal. Sie versp├╝rte keinen Hunger und ├╝berlegte sich, ob sie sich entschuldigen lassen sollte, weil sie mit einer Migr├Ąne im Bett l├Ąge. Den Gedanken verwarf sie sofort wieder, nicht zu fr├╝h wollte sie mit solchen Ausfl├╝chten aufwarten.
Sie verlie├č den Raum. Drau├čen wartete l├Ąchelnd bereits Karl und bot ihr seinen Arm dar.
"Kopf hoch, mein M├Ądchen, kopf hoch. Sie bei├čt doch nicht!", am├╝sierte er sich ├╝ber seine junge Frau.
"Sie hasst mich!"
"Quatsch! Sie braucht Zeit. Sie mu├č dich nur kennen lernen!"
"Karl, warum fahren wir nicht in die Flitterwochen?"
"Das hab ich dir doch schon erkl├Ąrt. Der Auftrag!" Sie stiegen die Treppe runter.
"Danach?"
"Kommt ein neuer Auftrag!"
"Und wenn wir nur eine Woche wegfl├Âgen? Nur du und ich?"
"Komm schon, so schlimm ist sie nicht. Du ├╝bertreibst. Daran merkt man, dass du ohne Mutter gro├č geworden bist!"
"Karl, ich bin einsam!"
"Dann such dir doch ein Hobby. Oder werde schwanger!" Er grinste sie verschlagen von der Seite an und f├╝gte hinzu: "Mutter w├╝rde sich sicher auch sehr freuen."
"Ich will mit dir zusammen sein!"
Inzwischen standen sie jedoch schon vor der reichlich verzierten Verbindungst├╝r, die den Ost- und Westfl├╝gel voneinander trennte. Jedes Mal, wenn sie durch diese T├╝r schritt, bezahlte sie als Zoll ein St├╝ck ihre Privatsph├Ąre; vielleicht w├╝rde sie eines Tages aufgezehrt sein. Aller Wegezoll w├Ąre dann gezahlt. F├╝r immer.

Ihre Schwiegermutter war eine makellose imposante Erscheinung, hoch gewachsen mit schmallippigem ovalen Gesicht, aus welchem wachsam graue Augen auf sie herabsahen. Sie erwartete das frisch verm├Ąhlte Paar in ihrem blauen Salon, die Bedienstete beeilte sich den Wein in Gl├Ąser zu f├╝llen und gab Zeichen, dass der erste Gang zu servieren w├Ąre.
Die ├Ąltere Dame bot ihrem Sohn die Wange zum Kuss dar, w├Ąhrend sie Sophia mit einer Geste an den Tisch lud. Genau genommen hob sie die linke Augenbraue und neigte leicht ihren Kopf Richtung Stuhl am Ende des Tisches.
"Wie immer unpassend gekleidet, meine Liebe?", leitete sie das Gespr├Ąch ein, "Wenn ich nicht so viele dringende Termine in n├Ąchster Zeit h├Ątte, w├╝rde ich dir schon zeigen, wie man sich standesgem├Ą├č kleidet!" Das Wort "standesgem├Ą├č" verhalte nur m├╝hsam in Sophias Ohren. Ihr Gesicht lief purpurfarben vor Scham an. Insgeheim ├Ąrgerte sie sich ├╝ber sich selbst, weil sie diesen Attacken der Schwiegermutter nichts entgegensetzen konnte.
"Nun, meine Liebe, ich hoffe, Du wirst recht bald in freudiger Erwartung sein! Karl und ich w├╝nschen uns einen Erben. Nicht wahr, mein Sohn?"
"Ja, Mama. Gerade eben sprach ich mit Sophia auf der Treppe dar├╝ber. Sie f├╝hlt sich so einsam hier!"
"So?"
Sophia funkelte ihren Mann w├╝tend an, der unschuldig zu ihr vom anderen Ende des Tisches her├╝ber l├Ąchelte.
"Hast du denn keine Hobbys?"
Ihr Mann und seine Mutter sahen sie erwartungsvoll an, Sophia sp├╝rte, dass sie etwas sagen musste. Die Suppe wurde serviert.
"Ich wollte wieder schneidern, vielleicht auch mehr entwerfen, da ich ja jetzt viel Zeit haben werde!"
"Du willst entwerfen?", fragte die ├Ąltere Dame gedehnt, lachte am├╝siert auf und f├╝gte hinzu: "Du hast doch keinen Geschmack, keinen Sinn f├╝r Farben oder f├╝r Stil. Versuch es doch erstmal mit Kn├╝pfen oder Makramee!"
Schweigend l├Âffelte Sophia ihre Suppe und hoffte, auch dieser Abend ginge vor├╝ber.
Der zweite Gang wurde aufgetischt. Ein strenger Geruch von geschmortem Rind hing in der Luft.
"Mama, Sophia m├Âchte gerne mit mir fort. Kannst du ihr nicht erkl├Ąren, dass ich unabk├Âmmlich bin in der Firma?"
"Du bist so ein guter Junge!" Milde l├Ąchelte sie ihren Sohn an und ber├╝hrte kurz seine Hand. Sophia stellte zum wiederholten Male fest, wie z├Ąrtlich diese eiserne alte Frau sein konnte, wenn sie sich ihrem Sohn zuwandte. Der Geruch des Fleisches verursachte bei Sophia ein W├╝rgen, das sie zu unterdr├╝cken versuchte. Wenn sie nun aufst├╝nde, sich entschuldigte, w├Ąre das sehr unh├Âfflich.
"Sophia, es ist dir doch klar, dass du deine eigenen egoistischen verschwenderischen Bed├╝rfnisse als Ehefrau eines so erfolgreichen Mannes hintan stellen musst. K├╝mmere dich anst├Ąndig um meinen Karl und vertreibe ..."
In dem Moment sprang Sophia auf, wollte noch zur Toilette hasten, doch entleerte sie ihren Magen auf dem h├╝bsch dekorierten Tafelspitz mit den glasierten M├Âhrchen. Das Erbrochene spritzte ├╝ber die Spitzendecke und tropfte am Tischrand auf dem Boden. Die Bediensteten eilten herbei, s├Ąuberten flink den Tisch und l├╝fteten sofort. Entsetzt hatte Karl aufgeschrieen, fragte sich, was wohl in sie gefahren seien m├Âge. Seine Mutter r├╝ckte langsam ihren Stuhl ab, legte stirnrunzelnd die Serviette ├╝ber den Teller, lie├č ihren Teller mit einer Geste fortnehmen und sagte:
"Wollen wir alle hoffen, dass es ein Junge wird!"


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Bentom
Schriftsteller-Lehrling
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Hi... die Einsamkeit Sophias ist greifbar, gef├Ąllt mir sehr gut.

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ScarlettMirro
One-Hit-Wonder-Autor
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Hi,

danke f├╝r deinen netten Kommentar!

Gr├╝sse
Scarlett
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Mo
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2005

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Hi Scarlett,

da bin ich endlich.

Die arme Sophia. Es ist nicht nur die Einsamkeit, die sp├╝rbar ist, sondern auch ein Hauch von Angst.
K├Ânnte sich auch eine Art Horrorgeschichte draus entwickeln. Aber ich glaube Du magst das nicht. Oder?

Das mit dem ├ťbergeben kommt f├╝r mich noch nicht so gut r├╝ber (Ich wei├č, ich hab aber auch immer was zu meckern )

In dem Moment sprang Sophia auf, wollte noch zur Toilette hasten, doch entleerte sie ihren Magen auf dem h├╝bsch dekorierten Tafelspitz mit den glasierten M├Âhrchen.
Vielleicht so in der Art:
Bei diesen Worten rebellierte Sophias Magen entg├╝ltig und sie erbrach sich auf dem h├╝bsch dekorierten Tafelspitz mit den glasierten M├Âhrchen.
Auf jeden Fall werde ich in der n├Ąchsten Zeit keine glasierten M├Âhrchen mehr essen. Igittigitt *sch├╝ttel*

Der letzte Satz von der Schwiegermutter ist ziemlich cool.

LG
MO

P.S.
Dauert nicht mehr lange, dann hab ich das DATE endlich ├╝berarbeitet.

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Mumpf Lunse
Routinierter Autor
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hallo scarlett

quote:
Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von ScarlettMirro

Der zweite Gang wurde aufgetischt. Ein strenger Geruch von geschmortem Rind hing in der Luft.


Aus einem Rezept
"1,5 L Wasser mit der Zwiebel, Nelken, Pfefferk├Ârnern, Lorbeerblatt, Salz und Suppengr├╝n zum Kochen bringen. Tafelspitz (s. Text unter Zutaten) in das Wasser geben und auf kleinste Stufe stellen. Das Fleisch darf nicht kochen, sondern nur 90 Minuten in der Br├╝he ziehen. ..."

einen sch├Ânen tag
Mumpf
__________________
┬ę by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas ├╝berraschendes

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ScarlettMirro
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2003

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Etwas umst├Ąndlich formuliert, dass Tafelspitz nicht geschmort werden darf, kann oder sollte?

Danke ansonsten f├╝r den Hinweis. Ich h├Ątte das auch verstanden, wenn ich nicht erst meine Logik h├Ątte bem├╝hen m├╝ssen ... vielen dank auch f├╝r den Denksport!

Gr├╝sse
Scarlett
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