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Leselupe.de > Anonymus
Das Hauptunwort der menschlichen Geistesgeschichte
Eingestellt am 01. 02. 2008 14:35


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Viele lesen sogenannte „philosophische“ Werke, manche studieren gar das Fach „Philosophie“. Die ganze Welt käut „philosophische“ Termini wieder, schmückt Meinungsäußerungen zu aktuellen Tagesfragen, Laudationes zu Ehren großer Führer, Gebrauchsanweisungen für Waschmaschinen und gelegentliche Erklärungen für Weltkriege damit. Was bisher kaum zur Sprache kam: „Philosophie“, dieses Wort mit Tradition und Klang, triefend vor Glaubwürdigkeit – ist ein Euphemismus. Ein Schein- und Tarnbegriff. Die meist geglaubte Lüge... Warum? Ich erkläre es. Und liefere abschließend zwei Vorschläge für einen präziseren Terminus.

Fast jeder meint zu wissen, was „Philosophie“ bedeute: Es handelt sich, erklären die Gutgläubigen und Unwissenden, um eine Zusammensetzung der Worte „philo“ und „sophia“, die für Liebe und Weisheit stehen. Ist die „Philosophie“ also „Liebe zur Weisheit“? Sind alle „Philosophen“ einsame Wahrheitssucher, die in Höhlen leben, Höhlengleichnisse ersinnen, sich Bart und Haare wachsen lassen, irdischen Genüssen entsagen und die Lüge, Unwahrheit, das alogische Denken scheuen? Ich glaube nicht.

Die Frage zur Beantwortung der Frage lautet: Was ist eigentlich „Weisheit“? Google liefert diesen Satz:

Als Weisheit wird allgemein eine auf Lebenserfahrung, Klugheit, Einsicht und innere Reife beruhende Ăśberlegenheit im geistigen Sinne bezeichnet. Sie unterscheidet sich dadurch sowohl vom bloĂźem Wissen als auch von der Intelligenz.

Abgesehen vom fehlerhaften Ausdruck („...vom bloßem Wissen...“) überzeugt die Antwort – scheinbar. Falls man sich damit zufrieden gibt. Fragen wir jedoch, was der Sinn der „Überlegenheit im geistigen Sinne“ bedeuten kann, kommen wir dem wahren Sachverhalt näher. Geistige Überlegenheit kann nur ein Ziel haben: Individuelle Interessen besser durchzusetzen. Es geht, letztlich, um – Machtansprüche.

Ein Begriff wie Macht passt nun offenbar nicht zu allen, die eine „Philosophie“ haben oder sich als philosophisch Denkende und von philosophischen Einsichten Geleitete sehen. Wir können uns den Politiker, der einer „Philosophie“ folgt – und bestimmte Interessen, Machtinteressen hat, noch vorstellen. Wir haben uns daran gewöhnt, in den Vorständen großer Konzerne auch Manager mit altsprachlichem, humanistischem, literarischem oder philosophischem Ausbildungsschwerpunkt zu finden. Aber: Was hat die bereits erwähnte Spezies, die das Philosophen-Klischee bis heute prägt, auch wenn es sie kaum noch geben dürfte –: was haben die Sanften, Weisen, Suchenden, die Eremiten und Heiligen, die Gottsucher und Grübler, all jene, die sich vorgeblich durch ihre Liebe zu Weisheit, Wahrheit, „tieferem“ und „höherem“ Sinn definieren, mit Macht zu tun?

Hätte man die Möglichkeit, einmal solch einem Menschen zu begegnen, tief in der „Höhle der Wahrheit“, und dürfte ihm diese Frage stellen: würde man gewiss auf heftige Ablehnung stoßen. Welcher Eremit gäbe schon zu, sich von den Menschen zurückgezogen zu haben, in kalt-feuchter Höhle – oder einer Altbau-Einraumabrisswohnung ohne funktionierenden Ofen – zu hausen, sich von Raben und Termiten – oder Hartz-Vier zu ernähren – um der Macht willen?

Und doch ist es eine Frage der Macht! Ich zitiere dazu den Text aus einer Werbung für Schmuckanhänger nach Tarot-Motiven und betone in diesem Zusammenhang, dass es mir nichts macht, gerade nichts anderes als diese dümmliche Werbung zur Hand zu haben:

Das Tarot ist einerseits ein System der Erkenntnis, welches die Zukunft vorhersagen und Umstände der Gegenwart und der Vergangenheit erhellen kann, und andererseits eine philosophische Lehre. Es wird behauptet, dass alte Lehrer, Mystiker und Philosophen nach dem zerstörerischen Brand der großen Bibliothek in Alexandria gemeinsam das Tarotsystem entwickelten, um die alten Weisheiten für die Nachwelt zu erhalten. Die Bilder der Tarotkarten stellen wichtige Archetypen des Unterbewusstseins auf eine Art dar, die es ermöglicht, sie auf viele verschiedene Weisen zu verstehen und zu erfassen.
Der Anhänger 'Der Eremit' zeigt eine alte Gestalt im Kapuzenumhang, die eine leuchtende Laterne ausgestreckt in der Hand hält. In ihrer ursprünglichen Bedeutung steht diese Karte für das Erreichen eines Lebensziels, das Erlangen vollständigen Verständnisses und die Fähigkeit, nun anderen den Weg zu zeigen. Dieses Design kann mit verschiedenen Steinen geliefert werden, das Photo zeigt die Variante mit einem klaren Mondstein.


So, wie die Werbung dem Unentschlossenen den Weg zum Kauf zeigen möchte, so der vorgeblich weise Eremit seinen Weg anderen... Der Werber hat seinen Umsatz im Blick, der Eremit die Führungsrolle, ich die Überzeugungskraft meines Textes, die Zustimmung der Leser...

Ich schlussfolgere: Es gibt keine Liebe zur Weisheit. Es gibt – Liebe zur Macht. Zur eigenen Macht. In einem älteren philosophischen Wörterbuch finde ich folgenden Eintrag:

„Misokratie“ ist ein neugebildetes Wort zur Bezeichnung des Hasses gegen alle Macht oder Herrschaft. Ein solcher Hass findet aber doch nur gegen die fremde statt, nicht gegen die eigne. Und wenn auch jemand eine gewisse Art oder Form der Herrschaft hasst, so liebt er vielleicht eine andere destomehr. Ein Feind der Aristokratie z. B. kann ein Freund der Demokratie sein, und umgekehrt ein Feind der letzteren ein Freund der ersteren. Wollte man aber sagen, die Misokratie beziehe sich bloß auf eine in ihrem Ursprunge oder ihrem Gebrauche unrechtmäßige Herrschaft: so würde man dieselbe richtiger Misodespotie oder Misotyrannei nennen. – Das Gegentheil wäre die Philokratie, die sich aber mehr auf die eigne als auf die fremde Herrschaft bezieht und daher im Deutschen Herrschsucht heißt.

Das Wort „Philokratie“ erscheint mir als der passende Ersatz für den scheinheiligen, verlogenen, euphemistischen Begriff von der „Philosophie“. Möglich wäre auch der Begriff „Voluntokratie“, rückübersetzt: Wille zur Macht. Vielleicht war Nietzsche der einzige Philosoph, der ehrlich über seine Arbeit sprach.

Bezeichneten wir alle philosophischen Fakultäten, alle „Philosophen“, alle philosophischen Theorien, Denkgebäude, Schlagworte als „philokratisch“ oder „voluntokratisch“, würden wir auf den erbittertsten Widerstand stoßen: Wer unerkannt bleiben will, lässt sich nicht gern beim wahren Namen rufen...


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JoteS
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"Geistige Überlegenheit kann nur ein Ziel haben: Individuelle Interessen besser durchzusetzen. Es geht, letztlich, um – Machtansprüche."

Selten so einen Blödsinn gelesen. Der wahre Nutzen der Weisheit hat durchaus mir Macht zu tun: Der Macht der anderen über dich. Primärziel ist nicht Macht über andere sondern geistige Freiheit und Selbständigkeit.

Gute Besserung

J.
__________________
Oh lodernd Feuer! (Ustinov als Nero)

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Selten so einen Blödsinn gelesen. Der wahre Nutzen der Weisheit hat durchaus mir Macht zu tun: Der Macht der anderen über dich. Primärziel ist nicht Macht über andere sondern geistige Freiheit und Selbständigkeit.

Gute Besserung


Danke fĂĽr die GenesungswĂĽnsche, ich kann sie gebrauchen, mich plagt zur Zeit eine Bronchitis.

Zu Deinem Kommentar: Wenn "Primärziel... geistige Freiheit und Selbstständigkeit" ist: Was ist das anderes als die "Überwindung " (ein "nietzscheanisches" Wort, sorry) der Macht der anderen?

Ich will mit meinem Text niemanden bekehren, Du kannst das durchaus als Zeichen von Schwäche interpretieren. Ich denke jedoch, es macht Sinn, gelegentlich darauf hinzuweisen, dass all jene, die sich mit solch "wahren", "guten", "schönen" Wissensgebieten wie Philosophie oder Philologie beschäftigen, nicht per se zu "den Guten" gehören. Auch ein Philosoph hat sein Kalkül.

Und auch der Krieger seine "Philosophie". Warum geben die Amerikaner ihren FeldzĂĽgen wohl so blumige Namen wie "Desert storm" oder "Enduring freeedom"?

Ein Tipp: Wer wirklich vorurteilslos das Wesen von "Frau Philosophia" erkennen will (und in der Lage ist, auch eigenes Verhalten ehrlich zu reflektieren), sehe sich einmal in den Niederungen ihres inflationären Gebrauchs um. Z.B. beim Hersteller eines x-beliebigen Produktes, von mir aus von Autoreifen oder Klopapier: Alle diese Hersteller haben eine "Philosophie"! Und sie haben recht damit. Sie sind dem wahren Charakter des Euphemismus sehr viel näher auf den Fersen, und das ganz ohne Bedenken...

A.

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