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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Haus am See
Eingestellt am 08. 11. 2016 20:15


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janehumphries
Hobbydichter
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Samstag, 15. September

Der Ă€therische Geruch von NadelbĂ€umen und Wildblumen lag in der Luft. Ron Heller saß mit nacktem Oberkörper auf der Veranda und ließ seinen Blick ĂŒber die Lichtung schweifen, auf der sein HĂ€uschen stand. Die Sonnenstrahlen bedeckten die OberflĂ€che des glasklaren Sees mit einem gleißenden Glitzern und er kniff die Augen zusammen, um nicht geblendet zu werden. Obwohl es frĂŒh am Morgen war, kĂŒndigte sich die Hitze des bevorstehenden Tages an. Die umstehenden Fichten und Buchen wĂŒrden jedoch noch einige Stunden fĂŒr angenehme KĂŒhle sorgen. Ron lehnte sich in seinem Schaukelstuhl zurĂŒck, griff zur Bierflasche und nahm einen tiefen Schluck. LĂ€chelnd ließ er die Szenerie auf sich wirken. Mit seiner eigenen HĂ€nde harter Arbeit hatte er fĂŒr seine Familie dieses Paradies geschaffen. Vor knapp sieben Jahren hatte er das schmucke Holzhaus inmitten dieses WĂ€ldchens, direkt am See, gebaut. Jackie-Oh war damals ein Baby gewesen. Auch heute noch waren Haus und Garten Rons ganzer Stolz. Zufrieden betrachtete er den frischen weißen Anstrich von Außenfassade und Veranda sowie den sorgfĂ€ltig getrimmten Rasen.
Ein Knarren riss ihn aus seinen Gedanken. Nackte FĂŒĂŸe trippelten ĂŒber die Veranda, dann fiel die FliegengittertĂŒr zurĂŒck ins Schloss. Jackie schlang ihre gebrĂ€unten Arme von hinten um seinen Hals und drĂŒckte ihm einen feuchten Schmatz auf die Wange. Als Ron sich zu seiner Tochter umdrehte, funkelten ihre Augen freudig.
„Darf ich mit dem Boot auf den See hinausfahren, Daddy?“
„Hast du denn deine Hausaufgaben fĂŒr Montag schon gemacht und dein Zimmer aufgerĂ€umt, Liebes?“
Seufzend schĂŒttelte sie den Kopf und schob die Unterlippe vor. EnttĂ€uscht reckte sie ihm ihren Schmollmund entgegen und bettelte um einen Kuss, den er ihr natĂŒrlich nicht verwehren konnte.
„Du weißt, was deine Mutter dazu sagen wĂŒrde“, erwiderte er schließlich.
Sie verzog das Gesicht zu einem verschmitzten Grinsen. Dann stemmte sie die HĂ€nde in die HĂŒften und setzte einen gespielt strengen Blick auf.
„Jacqueline Olivia, wann wirst du begreifen, dass Ordnung das halbe Leben ist?“, ahmte sie ihre Mutter nach. Anschließend brach sie in schallendes GelĂ€chter aus.
Auch Ron konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Liebevoll zog er sie auf seinen Schoß und strich mit seinen von Nikotin und Sonne verfĂ€rbten Fingern ĂŒber ihr langes weizenblondes Haar.
„Also gut“, lĂ€chelte er, „aber wir sollten Mama besser nicht davon erzĂ€hlen. Sie wĂŒrde uns beide ausschimpfen.“
Jackie strahlte ĂŒbers ganze Gesicht und drĂŒckte ihn fest an sich.
„Na los, zieh dir schon deinen Badeanzug an! Und bring mir noch eine Flasche Bier!“, sagte er.
Als sie von seinem Schoß hĂŒpfte, um ins Haus zu laufen, gab er ihr einen Klaps auf den Po.

Auch beim Abendessen drehten sich Jackies Gedanken noch immer um ihre Abenteuer in und auf dem See und sie plapperte unentwegt vor sich hin, ohne auch nur einmal Luft zu holen. Ron lehnte sich entspannt zurĂŒck und genoss den ungebremsten Wortschwall seiner Tochter. Ganz folgen konnte er ihr nicht mehr, was wohl dem schweren Rotwein geschuldet war, den er sich zum Rindfleisch eingeschenkt hatte. Hin und wieder schaufelte er Jackie einen weiteren Löffel Bohnen oder KartoffelpĂŒree auf den Teller. Das Spielen an der frischen Luft schien sie hungrig gemacht zu haben.
„Können wir noch eine Runde Karten spielen, Daddy?“, fragte sie schließlich und schob ihren leeren Teller beiseite.
„Es ist schon spĂ€t, Liebes“, antwortete er, „fĂŒr heute sollten wir Schluss machen und schlafen gehen.“
Wieder versuchte sie, ihn mit ihrem Schmollmund um den Finger zu wickeln. Doch dieses Mal ließ er sich nicht umstimmen. Sein Kopf schmerzte und er sehnte sich nach der einzigen Medizin, die das Pochen in seinen SchlĂ€fen mildern konnte. SchwerfĂ€llig stand er auf. Auch Jackie war aufgesprungen. ÜbermĂŒtig lief sie um den Tisch herum und warf sich in seine Arme.
„Du musst mich ins Bett tragen, Daddy!“, jauchzte sie und bedeckte sein Gesicht mit KĂŒssen.
Lachend tat er so, als wĂ€re sie schwer wie ein Sack Zement. In ihrer kleinen Kammer ließ er sie inmitten ihrer Stofftiere auf das Bett plumpsen. Dann zog er ihr die Bettdecke bis unters Kinn und drĂŒckte ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Gute Nacht, Liebes“, sagte er im Hinausgehen.
„Schlaf gut, Daddy!“, rief sie ihm hinterher. „Und trĂ€um was Schönes!“
Als er wieder in der KĂŒche stand, war das Pochen in seinen SchlĂ€fen schlimmer als je zuvor. Seine HĂ€nde zitterten und sein Mund fĂŒhlte sich staubtrocken an. Gut, dass er fĂŒr solche FĂ€lle immer eine Reserve hatte. Er öffnete den KĂŒchenschrank und zog hinter den Putzmitteln eine Flasche Whiskey hervor. Im Schlafzimmer machte er sich gar nicht erst die MĂŒhe, seine an den Knien abgeschnittene Jeans oder die Socken auszuziehen. Mit letzter Kraft warf er sich aufs Bett, öffnete die Flasche und ließ die goldbraune FlĂŒssigkeit seine Kehle hinunterrinnen. Kurze Zeit spĂ€ter fiel Ron in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Er erwachte von einem seltsam schlurfenden GerĂ€usch. Es erinnerte ihn ein wenig an das Schmatzen, dass nackte FĂŒĂŸe in nassen Gummistiefeln machten. Der Schlaf schien ihn noch immer im Griff zu haben, so dass er das GerĂ€usch zunĂ€chst nicht zuordnen konnte. Weder aus welcher Richtung es kam, noch wovon es ausgelöst wurde. Doch es schien sich ihm zu nĂ€hern. Ein feuchtkalter Hauch strich ĂŒber seinen bloßen Arm und ließ ihn erschauern. MĂŒhsam zwang er sich, die Augen zu öffnen und schrak unwillkĂŒrlich zusammen. Seine Tochter stand dicht neben seinem Bett. Es war stockfinster in dem winzigen Schlafzimmer. Nur der Vollmond sandte sein spĂ€rliches Licht durchs Fenster und tauchte Jackies Umrisse in eine silbrige Aura. Seine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit.
„Jackie-Oh, hast du mich aber erschreckt!“
Sie antwortete nicht. Als er sich streckte, um das letzte StĂŒckchen MĂŒdigkeit abzuschĂŒtteln, fiel sein Blick auf ihre zierlichen FĂŒĂŸe. Sie war barfuß. NatĂŒrlich war sie das. Sie musste eben erst aufgestanden sein, um zu ihm herĂŒber zu huschen.
Dann sah er, dass sie in einer kleinen PfĂŒtze stand und weiterhin dĂŒnne Rinnsale an ihren nackten Beinen hinabliefen. Sein erster Gedanke war, dass sie sich in die Hose gemacht haben musste. Wut stieg in ihm auf. Mit acht Jahren nĂ€sste man doch nicht mehr ein! Mit MĂŒhe unterdrĂŒckte er den Reflex, sie am Handgelenk zu packen und ihr die Meinung ĂŒber ungezogene, kleine Gören zu geigen, die sich noch in die Hose pissten.
Vor Zorn bebend ließ er seinen Blick weiter nach oben ĂŒber ihren zierlichen, fast schon abgemagerten Körper gleiten. Dabei stellte er fest, dass auch das weiße Nachthemd seiner Tochter tropfnass war.
Was hatte das dĂ€mliche StĂŒck Scheiße nur mitten in der Nacht angestellt? Vielleicht sollte er ihr mal wieder eine gehörige Tracht PrĂŒgel verpassen, um derlei Eskapaden bereits im Keim zu ersticken? FrĂŒher hatte er sie öfter ĂŒbers Knie gelegt und es hatte ihr mit Sicherheit nicht geschadet. Ganz im Gegenteil! Die verweichlichten Erziehungsmethoden seiner Frau waren ihm ohnehin schon lange ein Dorn im Auge.
Ron war drauf und dran, auszuholen und Jackie eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Doch etwas, das er sah, ließ ihn innehalten. Erst war er sich nicht darĂŒber im Klaren, was es war. Die Rinnsale an ihren Beinen und das vollkommen durchnĂ€sste Nachthemd machten ihn rasend. Aber etwas anderes löste Betroffenheit in ihm aus. Er versuchte es zu fokussieren, es zu fassen zu bekommen. Und plötzlich wusste er, was es war: Jackies unnatĂŒrlich weiße Haut, die im fahlen Mondlicht zu leuchten schien, hatte ihn aufmerken lassen. An ihrer kleinen, normalerweise sonnengebrĂ€unten Hand konnte er die Adern dunkelblau durchschimmern sehen, so bleich war sie. Es jagte ihm erneut einen kalten Schauer ĂŒber den RĂŒcken. Was war hier los?
Endlich hob er den Blick und sah seiner Tochter ins Gesicht. Ihr Anblick ließ ihn zusammenzucken. Er fĂŒhlte, wie sich die feinen HĂ€rchen an seinen Armen und Beinen aufrichteten. Erschrocken wich er vor seinem einzigen Kind zurĂŒck und unterdrĂŒckte den Schrei, der sich bereits in seiner Kehle formte.
Ihre blonden Haare hingen nass und strĂ€hnig ĂŒber ihre knochigen Schultern. Jeglicher Glanz war aus ihnen verschwunden und es schien ihm, als hĂ€tten sich Schlamm und glibberige Pflanzenreste darin verhangen. Ihr Gesicht war ebenso wĂ€chsern bleich wie der Rest ihrer Haut und die glanzlosen Augen lagen in tiefen, dunklen Höhlen. Die Art wie sie ihn anstarrte, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.
„Jackie-Oh, Liebling, was ist passiert?“, stammelte Ron und hörte selbst, dass seine Stimme mehrmals brach.
Lange sah seine Tochter ihn weiterhin einfach nur aus ihren leblosen Augen an. Als sie endlich sprach, schienen sich ihre spröden, blutleeren Lippen kaum zu bewegen.
„Wir wissen doch beide, was geschehen ist, Daddy“, sagte sie und ihre Stimme war nicht mehr als ein leises monotones KrĂ€chzen.
„Nein!“ Er schĂŒttelte den Kopf. „Woher sollte ich das wissen, Liebes? Ich habe tief und fest geschlafen.“
Sie setzte ein schiefes Grinsen auf. Es wirkte, als wÀre ihre linke GesichtshÀlfte gelÀhmt.
„Steh auf, Daddy!“, krĂ€chzte sie. „Wir mĂŒssen die Sache zu Ende bringen.“
Verwirrt schwang er die Beine ĂŒber den Rand seines Bettes. Er stemmte sich hoch. Seine Knie zitterten und drohten, ihm den Dienst zu versagen. Nur mĂŒhsam gelang es ihm, sich auf den Beinen zu halten. Jackies Aussehen jagte ihm eine Heidenangst ein. Doch er wagte nicht, sie noch einmal danach zu fragen. Ihr Auftreten war plötzlich so seltsam bestimmt, als dulde sie keine Widerworte.
Sie stand mittlerweile an seinem selbstgezimmerten SekretĂ€r und hatte ihm den RĂŒcken zugekehrt. Als er sich ihr nĂ€herte, streckte er vorsichtig die Finger seiner linken Hand nach ihr aus. Er wollte sie berĂŒhren, sich davon ĂŒberzeugen, dass es ihr gut ging. Doch wieder ließ ihn etwas innehalten.
„Jackie-Oh, es ist so dunkel hier. Können wir nicht das Licht anmachen?“
Langsam wandte sie ihm den Kopf zu und fixierte ihn mit ihren leblosen Augen. Kalter Schweiß brach ihm aus und rann ihm den RĂŒcken hinunter. Sein Mund wurde trocken. Er schluckte schwer.
Ohne ihn aus den Augen zu lassen, hob sie die Hand wie in Zeitlupe. Ihre kleine Faust schwebte zwischen ihnen, als wolle sie ihm ihren HandrĂŒcken zeigen. Gerade als Ron danach greifen wollte, um sanft darĂŒber zu streichen, schnippte Jackie mit den Fingern. Wie von Zauberhand entzĂŒndete sich die Flamme in der Petroleumlampe, die auf der obersten Ablage seines SekretĂ€rs stand.
Mit offenem Mund starrte Ron in das Licht. Dann sah er wieder zu Jackie. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich nicht verÀndert. Noch immer fixierte sie ihn mit ihren leblosen Augen. Der einzige Unterschied war, dass sich nun die Flamme der Petroleumlampe darin spiegelte und ihnen etwas Glanz verlieh.
„Lass uns die Sache zu Ende bringen, Daddy!“
Das sagte sie nun schon zum zweiten Mal, doch er verstand es noch immer nicht.
„Was meinst du damit, Jackie-Oh?“
Sie wandte sich von ihm ab und zog eine der unzĂ€hligen SchublĂ€den des SekretĂ€rs auf. Einige Zeit sah sie unschlĂŒssig hinein, als wĂŒrde sie in dem dort herrschenden Durcheinander nach etwas Bestimmtem suchen. Dann nahm sie zielsicher den einzigen angespitzten Bleistift heraus.
Erst jetzt sah er, dass ihre linke Hand die ganze Zeit auf einem dĂŒnnen Stapel Briefpapier geruht hatte, das sie nun zu ihm hinĂŒberschob. Den Stift legte sie sorgfĂ€ltig darauf ab, ehe sie ihren unangenehm leeren Blick wieder auf ihn heftete.
Ron fröstelte. Fragend sah er seine Tochter an. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie von ihm erwartete. Doch er spĂŒrte, dass er ihren Forderungen wĂŒrde Folge leisten mĂŒssen, egal was es war.
„Du wirst einen Brief schreiben, Daddy!“, sagte Jackie mit ihrer rauen Stimme, die ihn an grobes Schmirgelpapier erinnerte.
„An wen, Liebes?“
„Das spielt keine Rolle. Aber hab keine Angst, Daddy, ich werde dir ganz genau sagen, was du schreiben sollst!“
„Und danach ist die Sache zu Ende gebracht?“, fragte er, obwohl er noch immer nicht wusste, was sie darunter verstand.
Sie lĂ€chelte erneut ihr schiefes LĂ€cheln. Dann schĂŒttelte sie langsam den Kopf: „Du musst erst wieder gut machen, was du Mommy Schlimmes angetan hast!“
Jackie deutete auf den Stuhl, der normalerweise vor dem SekretĂ€r stand, den sie vorhin aber zur Seite gerĂŒckt haben musste.
Ihr schiefes Grinsen wurde breiter. Zum ersten Mal in dieser Nacht schienen ihre Augen zu leuchten, zu lodern. Fast teuflisch, dachte Ron. Etwas schien ihm die Luft abzuschnĂŒren. Er rĂ€usperte sich mehrmals erfolglos. Schließlich folgte sein Blick Jackies ausgestrecktem Zeigefinger. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Seine Nackenhaare richteten sich auf, dass es beinahe schmerzte. Auf dem Stuhl lag, zusammengerollt wie eine Anakonda, ein dickes Seil.



Sonntag, 16. September

Weiland stapfte missmutig den schmalen, unbefestigten Weg hinunter. Links und rechts wucherten verschiedene BĂŒsche und StrĂ€ucher und streckten ihre dicht verzweigten Finger begierig nach ihm aus. Seine neuen Schuhe steckten zentimeterdick im Matsch. Innerlich verfluchte er die ganze Scheiße. Was sollte er ĂŒberhaupt hier? Hatte man an einem Sonntagmorgen keinen anderen Idioten gefunden, den man in diese Einöde schicken konnte? Noch dazu, wo der Fall doch ohnehin klar auf der Hand zu liegen schien.
Seine Laune besserte sich auch nicht, als sich das Dickicht endlich vor ihm auftat, und er auf eine sonnenbeschienene Lichtung trat. Messerscharf umriss Weiland die Situation. Dieser Ort mochte irgendwann einmal sehr idyllisch gewesen sein, doch das musste Jahre zurĂŒckliegen. Inmitten des WaldstĂŒcks lag ein kleiner See, dessen brackiges Wasser grĂŒn in der Morgensonne leuchtete. FrĂŒher mochte er seine Besitzer zu einem kĂŒhlen Bad eingeladen haben, jetzt war er nicht mehr als ein stinkender TĂŒmpel.
An seinem Ufer stand ein weißes HĂ€uschen. Mehr eine heruntergekommene HĂŒtte, dachte Weiland grimmig und ließ seinen Blick ĂŒber die morsche Veranda und den eingesunkenen Giebel gleiten. Die ehemals weiße Farbe hatte sich zusammen mit dem ausgewaschenen Holz zu einem unansehnlichen Grau vermischt, mehrere FensterlĂ€den hingen windschief in den Angeln. Rundherum wuchs das Gras sicherlich einen halben Meter hoch. Hinter dem Haus tĂŒrmten sich verrostete Metallteile und verwitterte Holzbalken auf. Sofort schossen Weiland Bilder eines Schrottplatzes durch den Kopf. Unter einem Garten verstand er etwas anderes.
Weiland war es immer wieder aufs Neue unbegreiflich, wie manche Menschen hausten. Angesichts der Verwahrlosung, die sich vor ihm erstreckte, bekam er eine GĂ€nsehaut. VerstĂ€rkt wurde dieses ungute GefĂŒhl durch die Damen und Herren der Spurensicherung, die in ihren weißen AnzĂŒgen ĂŒber das gesamte Areal wuselten und die Szenerie wie den Schauplatz eines Horrorfilmes erscheinen ließen.
Auf der grĂŒnen OberflĂ€che des Sees trieb ein kleines orangefarbenes Schlauchboot. Anscheinend waren Taucher in der trĂŒben BrĂŒhe unterwegs. Viel VergnĂŒgen, dachte Weiland mit einem Anflug von Schadenfreude. Nicht sonderlich kollegial, darĂŒber war er sich im Klaren. Aber war es etwa fair, dass er hier in aller HerrgottsfrĂŒhe herumstapfen musste, anstatt sich ein ausgiebiges FrĂŒhstĂŒck mit einer seiner Geliebten zu gönnen?
Vor dem Aufgang zur Veranda sah er Kollege Timmens stehen und sich Notizen machen. Als dieser aufblickte und Weiland entdeckte, hob er die Hand zu einem kurzen Gruß. Weiland beschloss, die ganze Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen und bahnte sich seinen Weg durchs kniehohe Gras zum Haus.
„Was haben wir hier fĂŒr einen Mist?“, grunzte er Timmens an, der bereits wieder in seine Unterlagen vertieft war.
Der junge Kollege ignorierte seine schlechte Laune und ging ohne großes Aufhebens zur Faktenlage ĂŒber: „Wie es aussieht, hat sich der HauseigentĂŒmer, Ronald Heller, in seinem Schlafzimmer erhĂ€ngt. Laut Gerichtsmedizin ist er nicht lĂ€nger als vier Stunden tot. Der BrieftrĂ€ger hat ihn heute Morgen gefunden. Er wird gerade von den Uniformierten vernommen. Ein eindeutiger Selbstmord, wenn du mich fragst. Mit Abschiedsbrief und allem drum und dran.“
„Und was sollen wir dann hier? Sind wir die Mordkommission oder irgendein Haufen Idioten, der nichts Besseres zu tun hat, als sich hier unnĂŒtz die Beine in den Bauch zu stehen?“
Timmens lĂ€chelte verschmitzt: „Das Pikante an der Sache ist der Brief.“
Ungeduldig hob Weiland eine Augenbraue. Komm zur Sache!, sollte dies seinem Kollegen bedeuten.
Timmens fĂŒhrte ihn in das Innere der heruntergekommenen HĂŒtte. Augenblicklich standen sie in einem großen Raum, der allem Anschein nach als KĂŒche und Wohnzimmer zugleich gedient hatte. Weiland verzog angewidert das Gesicht. Es stank bestialisch, was mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Stapel schmutzigen Geschirrs zurĂŒckzufĂŒhren war, die sich in und neben der SpĂŒle auftĂŒrmten. Den verkrusteten, zum Teil bereits verschimmelten Essensresten nach zu urteilen, hatte dieser Heller seit mindestens vier Wochen den Abwasch nicht mehr erledigt. Auf dem Couchtisch, der zwischen einem alten Röhrenfernseher und einem zerschlissenen Sofa stand, drĂ€ngten sich unzĂ€hlige Bier- und Weinflaschen sowie zwei randvoll mit Zigarettenstummeln gefĂŒllte Aschenbecher. Weilands Abscheu wuchs mit jeder Minute, die er in diesem Saustall verbringen musste.
„Sieh dir das an!“, riss sein Kollege ihn aus seinen dĂŒsteren Gedanken.
Timmens stand neben dem kleinen KĂŒchentisch, der noch immer vom Vorabend gedeckt war. Der dreckige Teller, von dem der Tote höchstwahrscheinlich seine letzte Mahlzeit eingenommen hatte, und das halbvolle Rotweinglas passten perfekt ins Bild. Außergewöhnlich an der Sache war jedoch ein am anderen Ende des Tisches stehender unbenutzter Teller, neben dem Messer und Gabel fein sĂ€uberlich aufgereiht lagen.
„FĂŒr wen zum Teufel hat der Kerl denn bitteschön aufgedeckt? In dieses Dreckloch wird er wohl kaum jemanden zum Essen eingeladen haben!“, polterte Weiland los.
Timmens nickte: „Das ist eine verflucht gute Frage! Zumal das ganz und gar nicht zu dem passt, was Heller in seinem Abschiedsbrief schreibt.“
Weiland konnte förmlich fĂŒhlen, wie ihm langsam aber sicher der Geduldsfaden riss.
„Was steht denn nun in diesem gottverdammten Scheißbrief?“
Timmens hob halb abwehrend, halb entschuldigend die Hand.
„Wie Heller schreibt, hat er sich im letzten halben Jahr sehr gehen lassen und sich auch nicht mehr um Haus und GrundstĂŒck gekĂŒmmert“, begann er dann mit seinen AusfĂŒhrungen.
„Ach was?“, bemerkte Weiland spitz.
Sein verĂ€chtlicher Blick fiel durch die offene HaustĂŒr auf einen alten Schaukelstuhl auf der Veranda, neben dem sich ebenfalls mehrere leere Bier- und Schnapsflaschen tĂŒrmten. Dieser Heller schien ein SĂ€ufer gewesen zu sein, wie er im Buche stand.
Timmens sprach unbeirrt weiter: „Er hatte aber auch einmal eine Familie. Eine Frau und eine kleine Tochter.“
„Lass mich raten, die beiden haben ihn verlassen, weil sie den alten Suffkopf nicht mehr ertragen konnten.“
„Nicht direkt. Vor knapp vier Wochen...“, wandte Timmens eben zögerlich ein, als ein Beamter der Spurensicherung hereingestĂŒrmt kam.
„Kollegen, die Taucher haben was gefunden!“, verkĂŒndete er vollkommen außer Atem.

Die beiden folgten ihm nach draußen. Am Ufer des Sees lag ein großer schwarzer MĂŒllsack. Als sie nĂ€her kamen, sahen sie, dass ein kleiner, zierlicher Körper darin eingewickelt war.
Weiland sog scharf die Luft ein. Er hatte in seiner Laufbahn schon einiges gesehen, doch zum ersten Mal spĂŒrte er Übelkeit in sich aufsteigen und fĂŒrchtete, sich ĂŒbergeben zu mĂŒssen. Bei der Leiche handelte es sich um ein MĂ€dchen, nicht Ă€lter als sieben oder acht Jahre. Sie trug ein weißes Nachthemd, das nass an ihrem dĂŒnnen, ausgezehrten Körper klebte. Ihre ehemals blonden Haare umrahmten das vom Wasser aufgedunsene Gesicht. Und dieses Gesicht wĂŒrde Weiland bis in seine schlimmsten AlbtrĂ€ume verfolgen, das wusste er.
Die blauen Knopfaugen des Kindes waren in blankem Entsetzen weit aufgerissen und schienen durch ihn hindurch bis in seine Seele blicken zu können. Weiland bekam eine GĂ€nsehaut. Die linke GesichtshĂ€lfte des MĂ€dchens war seltsam deformiert und mit roten Striemen und blauen Flecken ĂŒbersĂ€t. Der Mundwinkel war zu einem gespenstisch schiefen Grinsen nach oben gezogen.
Weiland warf dem neben ihm stehenden Gerichtsmediziner einen fragenden Blick zu.
„Ich vermute, dass das MĂ€dchen mehrmals und ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum hinweg ins Gesicht geschlagen worden ist“, antwortete dieser. „Die Verletzungen sind ihr grĂ¶ĂŸtenteils vor ihrem Tod zugefĂŒgt worden und zum Teil sogar beinahe verheilt.“
„Und dieses schreckliche Grinsen?“, hakte Weiland nach.
„Das dĂŒrfte von einer halbseitigen LĂ€hmung herrĂŒhren. Vermutlich ausgelöst durch die heftigen SchlĂ€ge.“
„In seinem Brief gibt Heller zu, seine Frau und seine Tochter in den letzten Monaten mehrmals verprĂŒgelt zu haben“, bestĂ€tigte Timmens.
Weiland schluckte schwer. Eine unbĂ€ndige Wut stieg in ihm auf. Wenn dieser Heller sich letzte Nacht nicht selbst erhĂ€ngt hĂ€tte, wĂŒrde er das jetzt mit Freuden ĂŒbernehmen. Immerhin hatte dieses Tier seine eigene Tochter erschlagen. Ein unschuldiges, kleines MĂ€dchen.
„Das wars dann wohl hier“, grummelte er. Er wollte nur noch nach Hause, eine heiße Dusche nehmen und den Schmutz dieses schrecklichen Falles von sich abwaschen.
„Nicht ganz“, warf Timmens ein, „wir suchen noch immer nach der Mutter der Kleinen.“
Weiland starrte seinen jungen Kollegen verstÀndnislos an.
„Ich bin vorhin nicht mehr dazu gekommen, es dir zu sagen. Heller gesteht in seinem Brief außerdem, dass er nicht nur sein Kind, sondern auch seine Frau getötet und im See versenkt hat. Er behauptet, stark betrunken und nach einem Streit rasend vor Wut gewesen zu sein.“
„Immerhin ist der Fall somit gelöst. Wir haben schließlich ein umfassendes GestĂ€ndnis“, murmelte Weiland kopfschĂŒttelnd. „Ich hau jetzt ab. Und gebt mir ja nicht Bescheid, wenn ihr die Mutter gefunden habt! Ich will mit dieser ganzen Scheiße nichts mehr zu tun haben!“
Er wandte sich zum Gehen. Er hatte genug gehört und gesehen. Noch immer bekam er eine GÀnsehaut, wenn er an die leer vor sich hinstarrenden Augen des toten MÀdchens dachte.
„Es gibt allerdings eine Sache an diesem Fall, die mir seltsam erscheint“, hielt Timmens ihn zurĂŒck.
Unwillig machte Weiland noch einmal kehrt und verdrehte genervt die Augen angesichts der Verzögerung.
„Und die wĂ€re?“, fragte er ungeduldig.
„Auf den Holzdielen im Haus haben wir eingetrocknete Wasserflecken entdeckt. Sehen aus wie FußabdrĂŒcke, die direkt ins Schlafzimmer fĂŒhren.“
„Vielleicht war dieser Heller noch einmal beim See – oder sollte ich besser sagen Kloake – ehe er sich den Strick genommen hat“, erwiderte Weiland sĂŒffisant grinsend. Was kĂŒmmerte es ihn, was dieser besoffene Widerling kurz vor seinem Selbstmord gemacht hatte?
„Das glaube ich nicht“, antwortete Timmens und starrte dabei nachdenklich vor sich hin, „dafĂŒr sind die AbdrĂŒcke zu klein. Wenn du mich fragst, stammen sie eindeutig von KinderfĂŒĂŸen.“
Weiland seufzte und sandte ein Stoßgebet gen Himmel. Timmens mochte ein guter Polizist sein, aber bisweilen verstieg er sich doch in recht merkwĂŒrdige Theorien. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging.

Jackie stand auf einer Anhöhe jenseits des Sees und beobachtete gebannt, was rund um das kleine weiße Haus vor sich ging, das einst ein liebevolles Zuhause gewesen war. Als ihre Eltern sich noch lieb gehabt hatten. Als Daddy nicht mehr Alkohol getrunken hatte als gut fĂŒr ihn war. Und als er lieber gestorben wĂ€re als ihr Leid zuzufĂŒgen.
Sie sah, wie ihr eigener aufgedunsener und geschundener Körper, diese leere HĂŒlle, in einer Metallwanne in einen Leichenwagen geschoben wurde. Beinahe zeitgleich zogen einige MĂ€nner in den komischen weißen AnzĂŒgen einen weiteren schwarzen MĂŒllsack ans Ufer. Jackies Augen fĂŒllten sich mit TrĂ€nen. Doch es waren keine TrĂ€nen der Trauer, sondern der Erleichterung. Sie hatten sie gefunden!
„Ich habe es wieder gut gemacht, Mommy!“, flĂŒsterte sie, „Daddy wird uns nie wieder wehtun können.“
Sie nahm eine sachte Bewegung neben sich wahr und ein LĂ€cheln umspielte ihre Lippen.
Langsam tastete sie nach der Hand ihrer Mutter, die ebenso wÀchsern blau schimmerte wie ihre eigene.
„Jetzt können wir endlich nach Hause gehen, Mommy!“

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