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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Das Hemd ist mir näher als der Rock - Kritische Betrachtung der Tsunami-Katastrophe
Eingestellt am 24. 03. 2005 00:17


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chriss
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2004

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Durch die fürchterliche Tsunami-Katastrophe am 26. Dezember letzten Jahres fanden hunderttausende Menschen in Südasien den Tod. Weite Gebiete Indonesiens, Sri Lankas, Thailands, Malaysiens, Bangladeschs, der Malediven und Indiens wurden überschwemmt, ganze Landstriche verwüstet. Solidaritätsbekundungen aus der ganzen Welt ließen nicht lange auf sich warten – innerhalb kürzester Zeit waren immense Mengen an finanziellen Hilfsmitteln zur Verfügung gestellt und zahllose Hilfstrupps in die Krisengebiete entsannt worden. Doch nicht nur Regierungen, sondern vor allem die Bevölkerung demonstrierte bei zahllosen Spendenaktionen ihre Anteilnahme und überwies nie da gewesene Summen an diverse Hilfsorganisationen.
Und auch heute noch, drei Monate nach dem schrecklichen Ereignis, läuft die Hilfsmaschinerie auf Hochtouren. Musikgrößen nehmen CDs auf, Benefizveranstaltungen stehen ganz im Motto der Katastrophe und am Wiener Opernball wurde sogar eine Loge zugunsten der Opfer versteigert. Tatkräftige Unterstützung kommt auch von den Medien, die mit überraschender Kontinuität berichten – so erscheint kaum eine Tageszeitung ohne Meldung aus dem Krisengebiet, kaum eine Internetseite verzichtet auf neue erschreckende Bilder und Kontonummern der Hilfsorganisationen. All diese Hilfsbereitschaft kann in einer Zeit der zunehmenden Entsolidarisierung natürlich gar nicht hoch genug geschätzt werden und jeder, der dazu imstande ist, möge dazu beitragen – jedoch gilt es auch, die Hintergründe dieser Solidaritätsbekundungen zu hinterfragen.
So zwingt sich nicht sehr populäre Frage auf, ob jene Solidarität vielleicht nicht in erster Linie den einigen tausend europäischen Todesopfern und Vermissten gilt – ob nicht sie es sind, die im Fokus der Berichterstattung der Medien stehen, ob nicht gerade ihr Schicksal jene große Betroffenheit in uns hervorruft.
Denn wagt man einen Vergleich mit der Krisenregion Darfur im Sudan, in der seit März 2004 über 70.000 Menschen getötet, unzählige Frauen vergewaltigt und misshandelt und ganze Dörfer niedergebrannt wurden, kommen wir zu einem ernüchternden Ergebnis. Die UNO wirft der Regierung des Sudan „auf Völkermord gerichtete Taten“ vor, Regierungsvertreter sollen sich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen vor einem internationalen Gerichtshof verantworten müssen - die europäische Öffentlichkeit scheint davon allerdings nur sehr eingeschränkt Notiz zu nehmen. Während im Falle der Tsunami-Katastrophe emotionsgeladene Berichterstattung unser aller Aufmerksamkeit weckt und mittlerweile beinahe jedes Kind das Entstehen einer solchen „Todesflut“ wissenschaftliche erklären kann, speisen uns die Medien mit minimalistischen, emotionslosen Artikeln über den Völkermord in Darfur ab – und es bleibt immer noch zu bezweifeln, ob Herr und Frau Österreicher überhaupt annähernd wissen, wo auf unserem Globus sich Darfur überhaupt befinden mag.
Auch die Berichterstattung über den immer wieder aufflammenden, ökonomisch bedingten Bürgerkrieg in der westafrikanischen Elfenbeinküste, der immer wieder Todesopfer forderte und bereits bis zu 19.000 Menschen zur Flucht zwang, fällt verhältnismäßig gering aus. Der jahrelange Bürgerkrieg im Kongo, bei dem über 3 Millionen Menschen verhungerten oder getötet wurden, sorgte zwar für etwas mehr mediales Aufsehen – unsere persönliche Betroffenheit hielt sich aber auch in diesem Falle schwer in Grenzen.
Die vom Tsunami betroffenen südasiatischen Länder scheinen also den entscheidenden Vorteil zu haben, bereits Teil der globalisierten Welt zu sein und uns Europäern somit weitaus „näher“ zu erscheinen, als so manch anderer Krisenherd der vergangenen Jahre – und wieder einmal bewahrheitet sich das alte Sprichwort: Das Hemd ist mir näher als der Rock.

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"Wer einen wirklich klaren Gedanken hat, kann ihn auch darstellen. Ist der Geist einmal der Dinge Herr, folgen die Worte von selbst."

Michel de Montaigne

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Denschie
Guest
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Hallo chriss,
dein Text ist nicht überraschend. Wer regelmäßig eine andere Zeitung, als die BILD liest, ist sich (oder sollte sich) bewusst sein, dass die Flutkatastrophe in Asien nicht das einzige Ereignis ist/war, bei dem eine große Anzahl Menschen sterben/starben. So weit finde ich deinen Beitrag gut und richtig. Es ist wichtig, auch Dinge noch einmal anzusprechen, die mehr oder weniger bekannt sind.

Nun stelle ich mir vor, ich läse einen Artikel, wie den deinen, in der Süddeutschen. Um ehrlich zu sein, ich würde nach ein paar Sätzen nicht weiterlesen, eben weil er mir nichts neues bietet, nicht zu weiteren Gedanken anregt.
Interessant wäre doch, die Frage zu vertiefen, warum uns Menschen diese Flutkatastrophe so beschäftigt hat. Denn, egal mit welchen Scheuklappen wir dadurch anderen Ereignissen gegenüber durch die Welt laufen, betroffen macht/e uns der Gedanken, wenn auch das Leid unermesslich ist.
Welche Art Tod berührt uns? Von welchem Tod wollen wir uns berühren lassen? Welches Menschleben zählt mehr?

Mir fehlt ein bisschen Tiefe. Der Text ist gut, wie er hier steht. Aus journalistischer Sicht (wenn ich auch keine Journalistin bin, bloß leidenschaftliche Zeitungsleserin), fehlt mir der Funke.

Viele Grüße,
Denschie

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Duisburger
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Hallo Chris,

du schreibst wenig neues bzw. nur das, was andere auch schon in Beziehung auf das Ausmaß der Tragödie und der Hilfsbereitschaft geschrieben hast.
Leider befleissigst du dich in deiner Anklage dann auch der Bildzeitungsmanier der genehmen Habwahrheit.
Unbestitten war die Spenden- und Hilfsbereitschaft der Europäer immens hoch. Das lag sicherlich auch an der Berichterstattung und an der Tatsache, dass viele Euopäer unter den Opfer waren.
Was du aber nicht erwähnst, ist das enorme Spendenaufkommen aus nichteuropäischen Länder. Den Amerikanern (Nord und Süd!), den Australiern, Neuseeländern, Japanern und etlichen anderen nichteuropäischen Staaten kann man wohl kaum vorwerfen, nur aufgrund der hohen Opferzahlen der Europäer gespendet zu haben.
Der Artikel ist wichtig, vor allem der Hinweis auf andere Katastrophen, welchen die Welt mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen sollte. Leider ist dieser Artikel in seiner Tendenz nicht neu, er bringt mich als Leser nicht weiter.

Uwe


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Unter den Kastraten ist der eineiige König (unbekannter Gas- und Wasserinstallateur).

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jon
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Natürlich stimmt, dass man dort mehr Anteil nimmt, wo man mehr beteiligt ist. Das ist menschlich. Und natürlich stimmt, dass die Medien (die ja Unternehmen sind), ihren Kunden das bieten, was sie interessiert. Das ist wirtschaftlich gedacht. Und es ist richtig, einem das ab und zu in Erinnerung zu rufen.
Es aber mit dem Unterton „Wie egoistisch seid ihr bloß! Ihr sucht euch aus, wo ihr helft!" zu tun, ist kontraproduktiv. Niemand lässt sich gern ein schlechtes Gewissen einreden – es funktioniert auch nur selten. (Schon weil man sich aussuchen MUSS, wo man spendet – wer kann schon überallhin Geld oder Sachwerte schicken?!) Was eventuell funktioniert: die "zu kurz kommenden" Krisen mit vergleichbarer Intensität schildern (und dann eventuell einen "sicheren" Spenden-Anlaufpunkt anhängen).
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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