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Leselupe.de > Science Fiction
Das Himmelskrokodil
Eingestellt am 18. 05. 2008 07:18


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Volker Hagelstein
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Na ja. Recht bedacht war es nicht immer von Nachteil, aus einer v├Âllig verr├╝ckten Familie zu stammen. Wie w├Ąre ich sonst zu dieser Tour gekommen?
Der Wind fegte rote Ahornbl├Ątter ├╝ber die Fahrbahn. Oktober. Gew├Âhnlich war ich jemand, der beim ersten Anzeichen von Sommer wegen der Hitze quengelte und sich bis zum Herbst in den Schatten verkroch, aber diesmal hatte ich Angst vor der K├Ąlte.
Der braune Briefumschlag lag auf dem Beifahrersitz. Den Schl├╝ssel, der sich darin befunden hatte, trug ich mittlerweile in der Jackentasche, das Schreiben hatte ich wieder zusammengefaltet und ins Kuvert geschoben.
Nachricht von einem Toten. Mit der notariellen Verf├╝gung, dass ich dieses Schreiben wirklich erst nach seinem Ableben erhielt. Onkel Josef, der alte Geheimniskr├Ąmer. Au├čerdem war er gar nicht mein Onkel. Wir nannten ihn halt so. Eher der Typ Hausfreund. Vor allem der meiner Mutter, wenn ich das eine oder andere dunkle Raunen meines Vaters richtig deutete.
Die Fahrt f├╝hrte an Rapsfeldern, Getreidesilos und Kiesgruben vorbei. Die norddeutsche Tiefebene – so sch├Ân plattgewalzt wie von Omas Nudelholz. Und irgendwo hier mittendrin sollte Onkel Josefs Haus stehen. Vor dem Brief hatte ich gar nicht gewusst, dass er sich wieder in Deutschland aufhielt. Er h├Ątte sein Gl├╝ck in S├╝damerika versucht, als Hotelier oder so ├Ąhnlich, hie├č es bei meinen Eltern immer.
"Die Enth├╝llungen ├╝ber deine Familie, vor allem ├╝ber dich selber, machen es n├Âtig, dass du dich f├╝r einige Zeit in mein Haus zur├╝ckziehst, um dich mit den Tatsachen vertraut zu machen", hatte es in dem Brief gehei├čen. Enth├╝llungen? ├ťber mich? Klang vielversprechend. Ob er am Ende sogar vorhatte, mir sein Haus zu vererben? W├╝rde ich dort allein sein? So oder so – falls es keine komplette Bruchbude w├Ąre, bestand auf jeden Fall die Chance, ein Wochenende lang auszuspannen. Zum Beispiel mit Lesen.
Auf dem Sitz unter dem Briefumschlag lag mein Buch ├╝ber Dinosaurier. Es war als Therapie gedacht. In meinem Leben hatte ich einfach zu viele verr├╝ckte Sachen gelesen. Aber bevor ich Gefallen f├Ąnde am kleinen B├Ârsen-Abc oder Rentenratgebern, w├╝rde ich wohl noch einen ziemlich langen Weg zur├╝cklegen m├╝ssen. Dinos stellten da eine erste Kompromissl├Âsung dar.
Bis vor kurzem spielten sie im Biotop meiner Interessen und Neigungen so gut wie keine Rolle. Aber jetzt war mir klar, dass eine uralte Wesensverwandtschaft bestehen musste. S├Ąugetiere! Man verschone mich mit S├Ąugetieren. Mit ihrem Pelz, den Knopfaugen und den Barthaaren sahen die doch alle aus wie vom Stofftierdesigner entworfen. Geradezu l├Ąppisch im Vergleich zu diesen guten, archaischen Dino-Gesichtern. Gefressen haben sie die ersten S├Ąugetiere noch! M├╝ssen ganz sch├Ân viel Haare dran gewesen sein, aber mit etwas Dipp doch wohl ganz lecker, heeheehee. Aber vielleicht sollte ich mich doch etwas mehr auf die Fahrbahn konzentrieren.
Im Moment befand ich mich auf freier Strecke zwischen zwei Ortschaften. Der etwas ungelenk gezeichneten Wegskizze zufolge m├╝sste auf der rechten Seite jetzt bald eine Art Feldweg auftauchen, der zum Haus f├╝hrte. Und so war es auch.
Der Sandweg, von niedrigen Buchen und Fichten eingerahmt, f├╝hrte mich zu einem nicht allzu gro├čen Haus aus rotem Backstein, hinter dem sich ein gro├čes freies Grundst├╝ck zu erstrecken schien. Der Vorgarten bestand aus einem Plattenweg und einem mit Feldsteinen umfassten Beet, das ein wenig verwahrlost wirkte.
Vergebens fahndete ich nach einem Namensschild oder einem Klingelknopf. Nachdem ich mehrmals gegen die massive Haust├╝r geklopft hatte, probierte ich den Schl├╝ssel. Er passte.
Der Hausflur sah aus wie jeder andere. Allerdings war die Luft auffallend warm. Ein-, zweimal rief ich noch das obligatorische "Hallo" in die Stille hinein, ohne aber wirklich mit einer Antwort zu rechnen.
Ich betrat den Raum, der wohl das Wohnzimmer darstellen sollte. Unspektakul├Ąr. Teppich, Wandschrank, Vitrine, Ledersofa, alles war da. Allerdings wirkte es unpers├Ânlich, wie in einer Ferienwohnung. Bemerkenswert war jedoch die breite Fensterfront, die auf das r├╝ckw├Ąrtige Grundst├╝ck wies. Dann h├Ârte ich Ger├Ąusche im Flur. N├Ąher kommende Schritte. Die Wohnzimmert├╝r wurde ge├Âffnet.
Vor ein paar Jahren hatte mein Chef die Abteilung mal auf eine Fortbildung zu einem Unternehmensberater geschickt. Der war m├Ąchtig dick, hatte wirres Haar, ein derbes Gesicht und unglaubliche Wurstfinger. Trotzdem fand ich, dass er eine ziemlich ├╝berzeugende Show hinlegte. In der Pause fragte ich meine Kollegin Antje, was sie von ihm hielt. "Schrecklich!", stie├č sie kopfsch├╝ttelnd hervor. "Zwei Stunden lang wusste ich nicht, wo ich hinsehen sollte. An dem Kerl ist ja rein gar nichts sch├Ân!"
Die Frau, die das Zimmer betrat, l├Âste den gegenteiligen Effekt aus. Sie war nicht sehr gro├č, hatte eine angenehm schlanke Figur, das Jackett mit den stark wattierten Schultern wirkte geschmackvoll, genau wie die schwarze Brillenfassung. Das hellblonde Haar war zu einem Zopf gebunden, die Haut ihrer Wangen milchig wei├č wie bei einem kleinen Kind, der Mund schmal, aber nicht verkniffen. Nichts an ihr war unansehnlich oder ung├╝nstig. Abgesehen vom Gesamteindruck. Ich glaube, ich hasste sie von der ersten Sekunde an.
"Was wollen Sie denn hier?" Nette Stimme. Irgendwo im optimalen Frequenzbereich. Und unversch├Ąmt bis zur Schmerzgrenze.
"Ich bin zu Besuch hier."
"Wen wollen Sie hier denn noch besuchen?"
"Onkel Josef!", h├Ątte ich beinahe geantwortet, bekam dann aber doch noch irgendwie die Kurve und sagte stattdessen: "Ich wurde eingeladen. Und? Mit wem habe ich ... es zu tun?" 'Das Vergn├╝gen' wollte mir einfach nicht ├╝ber die Lippen.
"Mertens. Ich verwalte diese Immobilie f├╝r die Erben."
Erben? Aha. Also nichts mit Haus.
"Wieso eingeladen?", bohrte sich ihre Stimme in mein melancholisches Sinnieren.
"Der Vorbesitzer hat mir einen Brief geschickt. Und den Schl├╝ssel. Hier!" Bei diesen Worten hielt ich ihr den Schl├╝sselanh├Ąnger vor die Nase wie einem Hund den Wurstzipfel. Sie w├╝rdigte ihn mit einem knappen Blick.
"Haben Sie vor, l├Ąnger zu bleiben?"
"Das Wochenende, mal sehen!"
W├Ąhrend sie mir ihr Profil zuwandte, zog sie ein Handy aus der Jackettasche und hielt es sich ans Ohr. Ziemlich niedliche Nase. Nachdem sie ein paar Mal mit der Fu├čspitze auf den Boden getappt hatte, richtete sie sich wieder an mich. "Kriege keine Verbindung. Na ja. Nachher habe ich so und so noch einen Termin mit den Erben. Bis die entschieden haben, k├Ânnen Sie erst einmal hier bleiben. Aber kommen Sie nicht auf den Gedanken, hier irgendetwas anzufassen. Ich bin gef├╝rchtet f├╝r die Vollst├Ąndigkeit meiner Inventarlisten."
"Noch nie bin ich mit gr├Â├čerem ├ťberschwang eingeladen worden!"
"Sie reden gern viel, wie?"
Stimmt, trotzdem machte mich diese Bemerkung sprachlos. Ich trottete hinter ihr her in den Flur. W├Ąhrend ich ihr die Haust├╝r ├Âffnete, fiel ihr Blick auf die unteren Stufen der Treppe, die zum ersten Stock f├╝hrte.
"Was ist das denn?" Sie griff nach dem zerfledderten Taschenbuch, das auf der Stufe gelegen hatte, und musterte das Umschlagbild. "David Icke. Sagt Ihnen das was?"
"Offengestanden ja." Offengestanden gab es wahrscheinlich keine einzige Verschw├Ârungstheorie, ├╝ber die ich noch nicht gelesen hatte. Ein paar von ihnen hielt ich f├╝r ganz plausibel. Die meisten waren meiner Meinung nach allerdings schlicht und ergreifend erwiesen.
"Und?"
"David Icke unternimmt den Versuch zu beweisen, dass sich die Erde seit mehreren hunderttausend Jahren in der Hand von Au├čerirdischen befindet, die sich als Menschen tarnen."
Dieser Blick. Leider war ich kein Rechtsexperte. Was w├Ąre, wenn ich diesen Blick mit meinem Fotohandy aufgenommen h├Ątte und damit zur Polizei gegangen w├Ąre? "So! So hat die mich angesehen! Also, f├╝r mich ist das K├Ârperverletzung. Verhaften Sie diese Frau!"
"Icke. I-c-k-e?"
Auf mein Nicken hin vervollst├Ąndigte sie den Eintrag in ihrem Filofax, den sie – schon im Kreuz der Haust├╝r stehend – aus der Tasche gezaubert hatte. "Ist f├╝r die Inventarliste!"
"Verstehe schon!"
Ich sah ihr nach, w├Ąhrend sie sich in ihr kleines Auto setzte, das vor dem Gartenzaun stand, und schloss die T├╝r. Zeit gewonnen. Nur wof├╝r? Wie sollte es jetzt weitergehen? Wo waren die r├Ątselhaften Enth├╝llungen, die Josef andeutet hatte? Am besten, ich w├╝rde ... in diesem Moment vernahm ich ein Ger├Ąusch aus dem oberen Stockwerk. Irgendwie metallisch.
Z├Âgernd stieg ich ├╝ber knarrende Stufen die Treppe hinauf. Durch die verschlossene T├╝r links neben dem Treppenabsatz war dieses silberne Klirren abermals zu h├Âren. Langsam dr├╝ckte ich den T├╝rknauf nach unten.
Wahrscheinlich war der Raum gar nicht besonders klein. Aber mit dem massiven Schreibtisch, auf dem ein PC stand, dem Sofa, dem Tisch und den von B├╝chern ├╝berquellenden Regalen, die bis an die Decke reichten, kam er mir ziemlich beengt und ├╝berladen vor. Vor allem die verstaubte Weltkarte, die vor einem der B├╝chergestelle hing, erschien mir ├╝berdimensioniert.
Mein Blick wanderte zu einer Art Kommode neben dem Schreibtisch. Auf ihr stand eine steinerne Skulptur, die offensichtlich den Sch├Ądel eines Raubtiers oder einer Schlange mit ge├Âffnetem Maul wiedergeben sollte. Irgendwie wirkte der Stil indianisch.
Als ich um den Schreibtisch herum ging, erkannte ich eine Grafik, die ├╝ber den Bildschirm lief, um alle paar Sekunden wieder zu verschwinden. Das Foto eines aztekischen Sonnenrades. Immer, wenn sie aufblinkte, gab der Rechner dieses Ger├Ąusch wie von einem klimpernden Schl├╝sselbund von sich. Als ich mich auf den Stuhl mit dem schwarzen Lederbezug setzte, ver├Ąnderte sich das Bild. Ein einzelner Satz erschien vor blutrotem Hintergrund:
"Welches Projekt hat eine bestimmte Farbe?" Darunter blinkte der Cursor im rechteckigen Eingabefeld.
Ich mochte diese Spielchen nicht. Au├čerdem fiel mir nur eine einzige m├Âgliche Antwort ein. Und die d├╝rfte kaum das sein, was Josef im Sinn hatte. "Blue Book", tippte ich mit missmutigem Gesicht. Der Rechner brummte, und ein neues Bild begann sich aufzubauen. Onkel Josef. Er schien hinter einem Schreibtisch aus massivem Holz zu sitzen, im Hintergrund eine Weltkarte, die mir bekannt vorkam. Es war die selbe, die hier im Zimmer hing. Also war die Aufnahme in diesem Raum gemacht worden.
Fast hatte ich vergessen, wie er aussah. Klein, drahtig, dichter Schnauzbart. Dazu das glatte schwarze Haar, das immer ein wenig pomadig gl├Ąnzte. Nicht von Ungef├Ąhr erinnerte er an Ekel Alfred.
"Vielen Dank, dass du dir die M├╝he gemacht hast, mein Junge!", sagte er, wobei er sich ein wenig nach vorn beugte. "Was ich dir zu sagen habe, ist von einiger Tragweite. Daher habe ich mich entschlossen, dich nicht sofort mit allen Einzelheiten zu erschlagen."
Er legte die Handfl├Ąchen aufeinander und st├╝tzte f├╝r einen Moment die Nasenspitze auf die Fingerspitzen.
"Deine Mutter – ich verrate dir wohl keine Neuigkeiten, wenn ich betone, dass wir uns recht nahe standen – deine Mutter war nicht immer der Mensch, den du kennst."
So wie er ├╝ber sie sprach, ging er davon aus, dass sogar ich mitbekommen hatte, dass ihr Verhalten ein wenig au├čerhalb der Norm lag. Meine Mutter. Diese paranoide graue Maus, die sich vor allem und jedem f├╝rchtete und sich nur auf ihrem heimischen Sofa wirklich sicher f├╝hlte. Wenn ├╝berhaupt. Die von dort aus jedes Mal nach dem Telefonh├Ârer griff, wenn es klingelte und dem Anrufer, gleich, wer es war, geduldig und mit sorgf├Ąltiger Artikulation klar machte, dass er sich nicht zu verstellen br├Ąuchte und sie selbstverst├Ąndlich ganz genau wisse, was da f├╝r ein Spiel gespielt wurde. Und dann mein Vater. Der graue M├Ąuserich, der sich ebenfalls vor allem und jedem f├╝rchtete, besonders aber vor der Blamage und deshalb in seiner leisetreterischen Art st├Ąndig bem├╝ht war, die Fehltritte meiner Mutter glatt zu b├╝geln. Nein, ich konnte mir tats├Ąchlich nicht vorstellen, dass einer von beiden irgendwann einmal ein anderer Mensch gewesen w├Ąre.
"Als junges Ding konnte man sie sogar ein ganz ausgesprochen lebenslustiges Pers├Ânchen nennen!", fuhr Josef fort. "Bis ... bis zu dieser Nacht. Vergiss alles, was dir die ├ärzte oder die Verwandtschaft erz├Ąhlt haben! Von wegen ├╝berreizte Nerven oder so. F├╝r die Ver├Ąnderung gab es einen Grund. Einen schrecklich triftigen. Nun bin ich wohl der erste, der mit der Wahrheit rausr├╝ckt."
Er nahm einen tiefen Atemzug und fasste mit beiden H├Ąnden die Armlehnen fester.
"Das Ganze ereignete sich noch vor deiner Geburt. Sie waren auf einer Party, deine Eltern. Irgendwo auf dem platten Land. Sp├Ąt abends dann sind sie in ihrem klapperigen R4 nach Hause gefahren. Und dann ... dann haben sie es gesehen."
"Was gesehen?", zischte ich unwillk├╝rlich.
"Das Licht! Es schwebte ├╝ber ihnen und war so hell, dass dein Vater den Wagen stoppte. Als die beiden ausstiegen, schien es noch n├Ąher zu kommen. Langsam, ganz langsam ..."
In sich gekehrt schwieg er eine Weile.
"Dies war der Moment in ihrem Leben, der alles ver├Ąnderte. Nicht nur, dass sie es gesehen haben. Sie hatten auch Kontakt. Mit den Wesen aus dem Licht. Und die haben ... nun ja, Dinge gemacht mit deinen Eltern." Wieder eine Pause. "Besonders mit deiner Mutter! Nat├╝rlich glaubte ihnen niemand. Und deshalb gaben es die beiden auch sehr schnell auf, dar├╝ber zu sprechen. Nein, nicht ganz! Immerhin gab es einen, der ihnen Vertrauen schenkte. Und das war ich. Ich nahm – bei aller Bescheidenheit – tiefen Anteil an ihrem Schicksal. Das, was ihnen widerfuhr, machte mich ├╝ber die Monate und Jahre hinweg zu einem regelrechten Experten des Ufo-Ph├Ąnomens. Bis nach S├╝damerika f├╝hrten mich meine Recherchen. Doch davon sp├Ąter!
Wenn du diese Aufzeichnungen siehst, meine Junge, dann bin ich tot. Und das hei├čt gleichzeitig, dass die Dinge sehr, sehr ernst stehen. Sehr, sehr ernst. F├╝r heute entlasse ich dich. Versuche nicht, die Aufzeichnung selber zu starten. Sonst wirst du nur wieder etwas kaputt machen. Komm morgen Vormittag wieder!"
W├Ąhrend ich so da sa├č und minutenlang auf den Bildschirm starrte, der statt des Onkels mittlerweile wieder das Sonnenrad zeigte, sp├╝rte ich, wie meine Haut zu jucken begann. Auf den Schultern, auf dem R├╝cken, in den H├╝ften, auf den Schenkeln, am Ende ├╝berall. Mein ganzer K├Ârper f├╝hlte sich an, als stecke er in einer zu engen Umh├╝llung und drohe zu platzen.
Mit allem hatte ich es versucht, PH-neutrale Seifen und Duschgels, diverse Hautcremes, Mineralstofftabletten. Trotzdem wurde es von Jahr zu Jahr schlimmer. Wahrscheinlich war es die K├Ąlte, die meiner Haut so zusetzte. Manchmal war das Jucken unertr├Ąglich. So wie jetzt. So unertr├Ąglich, dass ich mich noch nicht einmal auf diese Enth├╝llungen konzentrieren konnte. Himmel, Herrgott, meine Eltern waren Entf├╝hrungsopfer, und ich brachte es nicht fertig, die Konsequenzen zu durchdenken. Weil ich mich kratzen musste! Ich brauchte Bewegung.
W├Ąhrend ich die Treppe hinunterpolterte, beschleunigten meine Gedanken ihre Umdrehungszahl. Nicht nur, dass Mama und Papa m├Âglicherweise eine Begegnung der vierten Art hinter sich hatten – nein, mein undurchsichtiger, immer etwas pomadiger Onkel Josef entpuppte sich als veritabler Ufologe. Fast so etwas wie ein Berufskollege von mir, wenn man so wollte.
Im Wohnzimmer w├╝rde ich nichts finden. Zu steril, zu langweilig. Im Hausflur fiel mein Blick auf eine T├╝r, die ganz danach aussah, als ob sie in den Keller f├╝hrte. Als ich sie ├Âffnete, wehte mir ein vielversprechender modriger Geruch entgegen.
Nachdem ich den Lichtschalter gefunden hatte, tastete ich mich auf dem h├Âlzernen Treppengestell nach unten, wobei die nackte Gl├╝hbirne ├╝ber meinen Haarschopf strich und das Licht unruhig zu tanzen begann.
Der Gang war ziemlich schmal. Fleckige Kalkw├Ąnde, die sich weit bis ins Dunkel zogen. Beklommen ging ich ein paar Schritte darauf zu. Vor mir schien der Gang rechtwinklig abzuknicken. Ob es hier Ratten gab? Ratten. Das Erinnerungsbild, das in meinem Hirn aufblitzte, war auffallend klar und plastisch. Und irgendwie ein wenig faszinierend. Was um alles in der Welt hatte ich in letzter Zeit nur mit Nagetieren?
Allerdings blieb jetzt keine Zeit f├╝r solche Fragen. Lieber sollte ich mich darauf konzentrieren, was ich hier ├╝berhaupt zu finden glaubte. Also noch einmal die Fakten rekapitulieren: Mein Onkel war auf der Spur von Ufos gewesen. Er wollte mir etwas Wichtiges mitteilen. Hatte er sie gefunden? Au├čerdem war er jetzt tot. Nat├╝rliche Ursachen? Und wenn nicht? Wer k├Ânnte ein Interesse an seinem Schweigen haben? Na, wer wohl.
Ich stoppte meine Schritte, Ger├Ąusche irgendwo vor mir. Mit angehaltenem Atem presste ich mich gegen die Kellerwand. Eigenartig schleppende Schritte waren es. N├Ąher und n├Ąher kommend. Maximal zwei Meter entfernt, wie ich sch├Ątzte. Flucht br├Ąchte jetzt gar nichts mehr. Gleich ... gleich m├╝sste es um die Ecke biegen. Ein letztes Mal holte ich Luft. Tief, sehr tief. Dann warf ich mich auf das Wesen, das fremdartig spitze Schreie ausstie├č.
"Verdammte Schei├če, nehmen Sie endlich Ihre unegalen Finger von mir!" Die Maklerin hielt meine Handgelenke umklammert und stie├č sie mit wutentbranntem Gesicht von sich.
"Entschuldigung, Entschuldigung! Ich wusste ja nicht ..."
"Das ist doch wirklich ... na ja, geschenkt!" Sie strich sich eine Haarstr├Ąhne aus der Stirn, stemmte die H├Ąnde in die H├╝ften und schaute in den Gang. "Vielleicht gar nicht so schlecht, dass Sie sich hier herum treiben – dann k├Ânnen Sie mir eigentlich auch gleich helfen."
"Helfen?"
"Vorhin hatte ich ein Telefonat mit den Erben. Die wundern sich, dass die Stromabrechnungen in letzter Zeit so enorm hoch ausfallen. Haben Sie irgendeine Ahnung davon?"
"Nein, nicht die geringste", stammelte ich, noch immer peinlich ber├╝hrt von der Attacke.
"Der Keller ist verdammt gro├č." Sie warf einen skeptischen Blick ├╝ber die Schulter. "Wollen wir ihn uns vielleicht noch einmal zusammen ansehen? Vier Augen sehen ja bekanntlich mehr als ..."
"Danke. Aber meine Neugierde ist f├╝rs erste gedeckt."
"Na, na, na, wieso jetzt so ein Gesicht? Gef├Ąllt es Ihnen hier nicht mehr? Sie wollen doch nicht etwa schon wieder abreisen?"
Wortlos hob ich die Schultern.

*


Im R├╝ckspiegel sah ich, wie Onkel Josefs Haus immer weiter in die Nacht zur├╝ckfiel. Die Stra├če war finster, drohend neigten sich die B├Ąume ├╝ber die Fahrbahn. Kein Mensch weit und breit.
Pl├Âtzlich war dieses Licht da. Wabernd wie ein Nebel stand es ├╝ber mir und schien mich zu beobachten. Fuhr ich ├╝berhaupt noch, oder stand der Wagen?
Das Licht griff nach mir, d├╝rre Tentakel aus reiner Helligkeit umschlangen meine Oberarme und zogen mich durch das Autodach, das keinen Widerstand leistete, ins Zentrum des Leuchtens.
Ich lag auf einer Art Pritsche. Im Raum um mich herum herrschte ziemliche Dunkelheit, abgesehen von einigen matt gelblichen Lichtern, die ├╝ber mir blinkten. Unter gro├čer Anstrengung gelang es mir, den Kopf zu heben. Da sa├č jemand vor mir an einem Instrumentenpult und bewegte einen riesigen Joystick. Langsam begann er, sich zu mir umzudrehen. Unter der ledernen Pilotenm├╝tze erkannte ich das eisige Grinsen eines Tyrannosaurus Rex. Jemand legte mir die Hand auf die Schulter und dr├╝ckte mich auf die Liege zur├╝ck. Es war die Maklerin.
"K├Ânnte schwierig werden", h├Ârte ich Onkel Josef sagen, dessen Gesicht sich ├╝ber mir in mein Sichtfeld schob. "So viel ich wei├č, hat er Angst vor Spritzen, der kleine Schisser."
"Soll sich nicht so anstellen!", murrte die Frau. Dann sp├╝rte ich einen ziehenden Schmerz in der Armbeuge.
Als ich die Augen aufschlug, brauchte ich ein paar Sekunden, bis mir bewusst wurde, dass ich, die Wange auf der Handfl├Ąche ruhend, das Dino-Buch zwischen Unterarm und Bizeps eingeklemmt hatte. Daher der Schmerz.
Ich schlug die Wolldecke zur├╝ck, brachte mich auf dem Sofa in eine halbwegs aufrechte K├Ârperhaltung und massierte mir das Gesicht. Dann schaute ich mich eine Weile im Wohnzimmer um, bis ich meinen Blick auf die Armbanduhr zur├╝cklaufen lie├č. Zehn nach zehn. Zuerst Duschen und Fr├╝hst├╝ck. Und danach Zeit f├╝r einen kurzen Plausch mit Onkel Josef.
Im Arbeitszimmer fand ich den PC summend und klirrend, wie ich ihn verlassen hatte. Auch die Passwortabfrage war die selbe wie am Vortag.
"Du hast", sagte mein Onkel, w├Ąhrend sein Blick in unbestimmte Fernen schweifte, "jedenfalls wenn ich deine Neigungen richtig einsch├Ątze, wahrscheinlich schon einmal etwas von dem Ph├Ąnomen der Pr├Ąastronautik geh├Ârt. Von der Theorie, dass die Erde bereits vor Jahrtausenden von au├čerirdischen Raumfahrern besucht wurde."
Er wandte sich zu mir um, zeigte ein wissendes L├Ącheln und fuhr fort: "Im s├╝damerikanischen Regenwald, irgendwo an der Grenze zwischen Peru und Brasilien, stie├č ich auf das indianische Volk der Och├ę. Nicht, dass das eine besonders urt├╝mliche und unber├╝hrte Kultur darstellen w├╝rde – dazu war der Einfluss von Coca-Cola und Handys zu un├╝bersehbar. Aber trotzdem gab es unter ihnen noch eine ganze Menge Heiler, zu denen die Leute gingen, die sich keinen westlichen Arzt leisten konnten. Diese brujos stellen nun in der Tat wandelnde Lexika der einheimischen Mythologie dar. Durch sie erfuhr ich von der Geschichte des Himmelskrokodils. Von reptilischen Wesen, die vor langer, langer Zeit auf einem Floss, das durch die Luft segelte, angereist kamen, die Och├ę unterjochten, ihre Frauen raubten und die M├Ąnner zu Sklavendiensten zwangen. Die ├ärmsten wurden dazu verdonnert, dieser fremden Rasse eine steinerne Stadt zu bauen.
Nun, ich habe mich in der Gegend ein wenig umgesehen. Und was soll ich sagen? Dabei bin ich auf gigantische Mauerreste gesto├čen – wohlgemerkt in einer Gegend, in der heute nur mit Holz, Pappe und Wellblech gebaut wird! Allerdings waren die Ruinen derart verwittert, dass sie Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende alt sein mussten. Was aber nicht automatisch bedeutet, dass die – ├Ąhem! – Bewohner dieser Stadt v├Âllig ausgestorben sind."
Ein paar farbige Zeilen liefen ├╝ber den Bildschirm und f├╝r einen kurzen Moment wurde der Ton undeutlich. Dann stabilisierte sich das Bild wieder und ich h├Ârte Josef sagen:
" ... mir die alten Zauberer von einer Heilpflanze berichtet, die in ihrem Regenwald w├Ąchst. Das Krokodilskraut, wie sie es nennen. Es soll auf die Eroberer wie Gift gewirkt haben. Interessant dabei, dass es noch heute gegen bestimmte Formen d├Ąmonischer Besessenheit verwendet wird. Da stellt sich doch glatt die Frage, was das f├╝r D├Ąmonen sein k├Ânnten, nicht wahr? Wie dem auch sei. Ein paar dieser und ├Ąhnlicher Pflanzen mitsamt ihrem Samen habe ich gesammelt und mit nach Europa gebracht. Wer wei├č, wozu sie noch einmal n├╝tzlich sein k├Ânnen. Aber, nun ja. Wie soll ich das ausdr├╝cken? Jedenfalls habe ich seit diesen Entdeckungen st├Ąndig das Gef├╝hl, beobachtet zu werden. Aber davon das n├Ąchste Mal. Die Sitzung ist beendet. W├╝rde mich freuen, wenn du morgen noch einmal reinschaust."
Der Bildschirm wurde schwarz. Schon wieder dieses ekelhafte Jucken. W├Ąhrend ich das Zimmer verlie├č, rollte ich mit den Schultern.
Josef ging davon aus, dass er verfolgt wurde, so viel war klar. Aber glaubte er wirklich, dass die Himmelskrokodile oder ihre Nachkommen dahinter steckten? Sogar einem wie mir ging das ein wenig ├╝ber die Hutschnur.
Au├čerdem schien er davon ├╝berzeugt zu sein, ein Mittel gegen die Invasoren gefunden zu haben. Auf rein pflanzlicher Basis, sozusagen auch f├╝r den Makrobiotiker geeignet. W├Ąhrend ich noch ├╝ber meinen eigenen Einfall grinsen musste, stellte ich fest, dass ich wieder vor der Kellert├╝r stand. Sie schien mich magnetisch anzuziehen.
Von Samen oder Pflanzen irgendwo aus den Tropen war die Rede gewesen. Solche Sachen konnte man in einem muffigen, feuchten norddeutschen Keller wohl kaum lange am Leben erhalten, ging es mir durch den Kopf, w├Ąhrend ich die Treppe hinabstieg. Es sei denn ... Was hatte dieses verr├╝ckte Huhn von Maklerin gesagt? Extrem hoher Stromverbrauch? Am Ende vielleicht f├╝r Heizung oder Lampen?
Mittlerweile stand ich wieder im Gang. Diesmal entschied ich mich f├╝r die andere Richtung. Das Licht der Gl├╝hbirne im Treppenaufgang verhinderte zwar, dass der Gang in v├Âllige Finsternis fiel, trotzdem war kaum noch etwas zu erkennen. Klar war aber, dass ich vor einer offenen T├╝r stand, hinter der tiefste Schw├Ąrze g├Ąhnte. Meine Finger ertasteten einen klobigen Drehschalter.
Als ich ihn mit einem scharfen, schnappenden Ger├Ąusch bet├Ątigte, sprang direkt ├╝ber mir eine weitere Gl├╝hbirne an. Der Raum ma├č um die f├╝nf mal f├╝nf Meter, an den W├Ąnden standen mehrere Holzkisten. Hochkant. Auf ihnen thronten Skulpturen in der Art wie in Josefs Arbeitszimmer. Alles in allem wirkte das au├čerordentlich kultisch. Vor allem in Zusammenhang mit der gro├čen Kiste, die in der Mitte der Kammer platziert war. Aber was hie├č hier Kiste? Eher schon ein Sarg.
Als ich einen Blick hineinwarf, musste ich schlucken. Das Skelett trug ein Gewand und eine Krone aus Vogelfedern, deren Pracht immer noch erkennbar war, auch wenn sie uralt schienen. Die Knochen selber allerdings ... sie konnten einfach nicht menschlich sein. Ein kn├Âcherner Sch├Ądel mit eigenartig vielen ├ľffnungen an den Schl├Ąfen und wei├č ich nicht noch wo. Vor allem aber die Schnauze. Lang, spitz zulaufend. Und gespickt mit langen, scharfen Z├Ąhnen. R├Ąuspernd zog ich mich zur├╝ck.

*


Die n├Ąchsten Stunden verbrachte ich damit, auf der Suche nach einem Supermarkt in meinem Wagen durch die Gegend zu kreuzen. Nachdem ich in einem kleinen Nest f├╝ndig geworden war, kehrte ich zur├╝ck und machte mich mit der Mikrowelle vertraut.
Nach dem Essen sa├č ich auf dem Wohnzimmersofa und starrte das Handy an, das vor mir auf dem Tisch lag. Zu und zu gern h├Ątte ich jetzt mit jemandem gesprochen. Aber wem k├Ânnte ich meine Entdeckungen anvertrauen? Auf Smalltalk hatte ich keine Lust.
Auch das TV-Programm war ├Ąu├čerst ├Âde. Trotzdem gelang es mir, mich soweit abzulenken, dass ich gar nicht bemerkte, wie es dunkel wurde. Als ich durch die breite Fensterfront schaute, meinte ich, ein Licht aufblitzen zu sehen. Ich erhob mich vom Sofa und trat n├Ąher an die Scheibe heran. Ich ahnte das gro├če Grundst├╝ck in der Dunkelheit eher, als dass ich es wirklich erkennen konnte. Wieder ein Lichtblitz. Vierzig, f├╝nfzig Meter von mir entfernt. Ich blieb unschl├╝ssig.
Stunden sp├Ąter, nachdem ich einen Sto├č alter Illustrierter gelesen und eine Kanne Tee konsumiert hatte, trieb mich die Unruhe dann doch hinaus auf die Terrasse. Ich trat auf den Rasen und legte den Kopf in den Nacken. Eine k├╝hle, klare Nacht. Der Himmel war sternen├╝bers├Ąt.
Ich erinnerte mich an eine Fernsehsendung, in der ein alter Indio ├╝ber die Mondlandung interviewt wurde, die zu dem Zeitpunkt schon l├Ąngst stattgefunden hatte. Seiner Meinung nach k├Ânnten die Astronauten so lange rumfliegen, wie sie lustig seien, aber den Mond w├╝rden sie nie und nimmer finden. Ich hatte die Bescheidenheit dieser Sicht immer sympathisch gefunden, aber die Logik war nat├╝rlich zum Schie├čen. Wieso sollte man den Mond vom Weltraum aus nicht finden, wenn er auf der Erde schon so gut zu sehen war?
In diesem Augenblick w├╝nschte ich, dass er Recht behalten h├Ątte. Sollte es wirklich wahr sein? Hatte uns da drau├čen irgendjemand tats├Ąchlich gefunden? Unter all den anderen Millionen von Lichtpunkten, diesen winzigen Funken, zwischen denen sich kosmische Abgr├╝nde ├Âffneten? Ich stellte mir eine Prozession von riesigen st├Ąhlernen Raumschiffen vor, die durch die Schw├Ąrze des Kosmos dahinzogen. Lautlos und zielstrebig wie Raubtiere auf der Jagd.
Wieder blitzte ein Licht auf. Es musste vom Rand des Grundst├╝cks kommen. Ich gestehe, dass ich auf der Stelle umkehrte und zum Haus zur├╝ckrannte.
W├Ąhrend ich auf dem Sofa lag – das Licht hatte ich gel├Âscht – h├Ârte ich mein Herz pochen und das Blut leise und regelm├Ą├čig in meinen Ohren rauschen. Irgendwann dr├Ąngte sich irgend etwas anderes in diesen monotonen Klangteppich. Ein Raunen, ein Fl├╝stern. Als ich die Augen aufriss, verschwand das Rauschen in meinen Ohren. Das Fl├╝stern blieb. Es schien vom oberen Stockwerk zu kommen. Ich tastete nach meinem Handy auf dem Tisch und barg es unter meinen H├Ąnden, die ich ├╝ber der Brust verschr├Ąnkte. Erst als graues mattes Morgenlicht ins Zimmer fiel, schlief ich ein.
*


Ich f├╝hlte mich schlecht, hatte nach dem Aufstehen nichts essen k├Ânnen. Der Kaffee war mir viel zu stark geraten, und die Zigarette auf n├╝chternem Magen hatte den Rest erledigt. Als ich Josefs PC wieder in Betrieb nahm, sp├╝rte ich Schwei├č auf der Stirn und ein leichtes Zittern in den Fingerspitzen.
"Dies ist der letzte Teil meiner Instruktionen", sprach er mit gewichtiger Mine. „Danach bist du auf dich allein gestellt. Am Ende dieser Aufzeichnung werde ich dir ein paar Namen und Adressen nennen. Diese Leute stellen die winzige Schar der Eingeweihten dar – die, die bereit und f├Ąhig sind, den Kampf zu f├╝hren. Du wirst sie suchen und ihnen Pflanzen, Samen und ein paar meiner Aufzeichnungen ├╝bermitteln. Vielleicht – bei Gott, wie sehr ich das hoffe! – wird es ihnen gelingen, ein Mittel gegen die Invasoren zu finden. Und nat├╝rlich eine L├Âsung f├╝r dein spezielles Problem!"
"Problem", murmelte ich tonlos.
"Na ja", fuhr mein Nennonkel alarmierend z├Âgerlich fort, "wie soll ich dir das beibringen? M├Âglichst schonend, sozusagen? Wie du dich erinnern wirst, ereignete sich die Entf├╝hrung deiner Eltern noch vor deiner Geburt. Und das ist der springende Punkt. Genau genommen waren es n├Ąmlich neun Monate vorher!"
Sein Blick wurde bohrend. "Ich wei├č, dass du in diesen Dingen ein sehr gebildeter Mann bist. Und deshalb sagt dir mit Sicherheit auch der Name David Icke etwas!"
Und ob er mir etwas sagte. Mir fiel das Buch auf der Treppe ein. Aber wo bestand die Verbindung?
"Nun behauptet David Icke ja nicht nur, dass die Invasoren gut getarnt unter uns wandeln. Er besteht darauf, ihre wahre Gestalt zu kennen. Echsen! Ein Volk von Reptilien hinter menschlicher Maske."
Pause.
"Und ich habe Grund genug zu der Vermutung, dass auch deine DNA ... maskiert ist. Dass in deinen Genen eine Art Zeitz├╝nder tickt. Bald, wahrscheinlich sehr bald, werden diese Anlagen die ├ťberhand gewinnen und dich einer Verwandlung unterwerfen, von der du dir jetzt noch gar keinen Begriff machen kannst. Du musst es stoppen! Das ist deine verdammte Pflicht gegen├╝ber der gesamten menschlichen Rasse! Vielleicht kann dir das Krokodilskraut noch helfen, ich wei├č es nicht. Aber eine andere Chance sehe ich nicht. Vor allem musst du jetzt deine Kr├Ąfte b├╝ndeln, damit mein Wissen unseren letzten Verb├╝ndeten zur Verf├╝gung gestellt wird. Und nat├╝rlich musst du konspirativ vorgehen. Niemand, aber auch wirklich niemand darf von deinen Pl├Ąnen erfahren, sonst ..."
Noch immer verschossen seine Augen grimmige Blitze, dazu klappte sein Unterkiefer auf und ab. V├Âllig lautlos. Weil ich den PC-Lautsprecher runtergedreht hatte. W├Ąhrend ich mich im Stuhl zur├╝cklehnte und die Faust gegen die Lippen presste, musterte ich Josefs stilles Grimassieren. Wieso musste ausgerechnet immer ich an die Verr├╝ckten geraten?
Ich sprang auf, wobei ich einen leichten Anflug von Drehschwindel bemerkte, und ging im Zimmer auf und ab. Es war so typisch f├╝r diese Leute. Erst diese offensichtliche Kennerschaft, dieses faszinierende Entscheidende-etwas-mehr-an-Wissen. Dann bricht der Fanatismus durch, immer und immer krasser. Und am Ende hat man freie Sicht auf ein vom Wahnsinn komplett verw├╝stetes Gehirn. Wo nahmen sie diese verr├╝ckten Ideen blo├č her? Und warum mussten sie es einem unbedingt immer als Wahrheit verkaufen? Warum schrieben sie keine Romane?
Mir fiel das Skelett im Sarg ein. Das war allerdings kein klinisches Symptom. Das war verdammt real. Und dieses eigenartige Raunen heute Nacht? Die Lichter im Garten? Unsinn! F├╝r alles musste es eine nat├╝rliche Erkl├Ąrung geben. Ich wischte mir den Schwei├č von der Stirn. Vielleicht war Josef ja gar nicht verr├╝ckt. Wahrscheinlich war er durch eine Laune des Zufalls auf ein so eigenartiges Sammelsurium von Mosaiksteinchen gesto├čen, dass sogar ein n├╝chterner Verstand am Ende diese Theorie ausbr├╝ten musste. Immerhin war da die Entf├╝hrung meiner Eltern – nun ja, es gab genug Leute, die sich so etwas aus den Fingern saugten. Vor allem meine Mutter brachte gen├╝gend Paranoia f├╝r eine derartige Show mit. Aber da waren auch noch seine Indianer, ihre Mythen, das Himmelskrokodil, die Ruinen ... das Skelett. Zugegeben: Schon geradezu unglaublich viele Zuf├Ąlle. Aber wo – gottverdammt – sollte das alles enden? Dass ich ein ... ein ... Reptilien mochten W├Ąrme. So wie ich, ging es mir durch den Kopf. Ich fange pl├Âtzlich an, B├╝cher ├╝ber Dinosaurier zu lesen. Der Schwindel wurde st├Ąrker. Ich wagte nicht mehr, mich zu bewegen. Wieso pl├Âtzlich dieses Verbundenheitsgef├╝hl zu Dinosauriern? Und dann dieser verr├╝ckte Fimmel mit den Nagetieren. Warum? Weil Reptilien Nagetiere fressen, du Idiot! Weil du so langsam auf den Geschmack kommst, schrie mich meine innere Stimme an.
Ich musste die Augen schlie├čen, um den Schwindel zu bek├Ąmpfen. Im selben Augenblick sp├╝rte ich meine Haut wieder. Meine Haut, meine Haut, meine Haut! Die Haut, die langsam zu eng wird, die sich anf├Ąngt zu spannen, weil der Druck von Innen zu gro├č wird. Weil da etwas nach drau├čen will!
Dunkel um mich war es schon vorher geworden. Jetzt gaben auch meine Beine nach. Dann war mir, als ob ich eine Zeit lang geschlafen h├Ątte. Ich glaubte, auf dem Boden zu liegen. War ich ohnm├Ąchtig geworden? Jedenfalls hatte meine innere Stimme f├╝r einen Moment lang die Klappe gehalten. Wie f├╝hlte ich mich? Ich konnte es nicht sagen. Oder doch? Wahrscheinlich war ich traurig. Jedenfalls sp├╝rte ich eine Tr├Ąne an meiner Wange entlang laufen.
Als ich sie wegwischen wollte, bemerkte ich irgendetwas Eigenartiges auf meiner Stirn. Als ich es betastete, erwies es sich als feuchter Lappen. Daher die Tr├Ąne. Als ich die Augen aufschlug, starrte ich die Decke in Josefs Zimmer an. Mein Kopf schien auf etwas Weichem zu ruhen.
Im Liegen st├╝tzte ich mich auf dem Ellenbogen ab. Die Maklerin sa├č am Schreibtisch, wandte ihren Blick vom Bildschirm ab und schaute l├Ąchelnd zu mir her├╝ber.
"Wie ich Sie so auf dem Fu├čboden liegen sah, wollte ich eigentlich sofort den Arzt rufen. Aber dann fingen Sie an, zu schnarchen und zu schmatzen. Deshalb habe ich es gelassen. Passiert Ihnen das ├Âfter?"
Ich nahm das Tuch von der Stirn und richtete den Oberk├Ârper auf. Dabei stellte ich fest, dass mein Kopf auf einem Kissen gelegen hatte. Sie hatte sich tats├Ąchlich um mich gek├╝mmert, dachte ich.
Mit einer nachl├Ąssigen Geste deutete sie auf den Bildschirm. "Glauben Sie das alles tats├Ąchlich?"
"Sie ... Sie haben sich die Aufzeichnungen angesehen? Die waren gesperrt!"
"Hmm, von Computern verstehen Sie wohl nicht sehr viel, wie? Tut mir schon etwas Leid, dass ich mich da in Ihre Angelegenheiten gemischt habe, aber schlie├člich geh├Ârt auch der Rechner zum Eigentum der Erben."
Ich nahm auf dem Parkettboden die Schneidersitzposition ein. Irgendwie f├╝hlte ich Erleichterung dar├╝ber, dass ich nicht mehr allein war. Dass sich jemand f├╝r mein Schicksal interessierte. Aber musste ausgerechnet sie das sein? Warum eigentlich nicht? Wenn sie sich Zeit n├Ąhme, und wenn ich mich vorsichtig und behutsam ausdr├╝ckte. Nicht zu schnell mit den Fakten r├╝berk├Ąme. So dass sie Gelegenheit h├Ątte, alle wichtigen Schl├╝sse selber zu ziehen, ohne sich ├╝berrumpelt zu f├╝hlen. Ja, warum eigentlich nicht?
"Es gibt da einige Sachen, ├╝ber die ich jetzt besser mit Ihnen sprechen sollte", h├Ârte ich mich mit ged├Ąmpfter Stimme sprechen. "Wahrscheinlich werde ich Ihren guten Glauben ziemlich strapazieren m├╝ssen, aber ich versuche, so ..."
"Bem├╝hen Sie sich nicht!", fuhr sie dazwischen. In einem auffallend schnippischen Ton. Pl├Âtzlich hielt sie ein zerfleddertes Taschenbuch in der Hand, das mir irgendwie bekannt vorkam. David Icke, nat├╝rlich!
"Ich glaube n├Ąmlich, dass ich da selber eine hei├če Spur gefunden habe." Bei diesen Worten bl├Ątterte sie hektisch im Buch hin und her und zielte mit ihrem spitzen Zeigefinger auf eine Textstelle. "Hier, eine Bleistiftnotiz. Wahrscheinlich von Ihrem Onkel. 'Siehe auch E. von D├Ąnicken', hat er hier notiert. Nun?"
"Was 'nun'"?
"Schon gut, schon gut. Sie k├Ânnen es ja nicht sehen. Ihr Onkel hat ‚D├Ąnicken’ mit ck geschrieben!"
"So?"
"In der Tat! Und? Ist das etwa korrekt?"
"Nein, ist es nicht. Herr von D├Ąniken schreibt sich ohne c. D’accord. Allerdings doch eher ein Nebenbefund, oder?"
"Papperlapapp. Das ist der Schl├╝ssel!"
Oh, mein Gott, sie hatte ├╝berhaupt nichts begriffen, rumpelte es durch meinen gemarterten Sch├Ądel. "Was soll das denn? Ich ... ich mutiere in diesem Augenblick, da k├Ânnten Sie wirklich etwas konstruktiver sein. Wieso m├╝ssen Sie ausgerechnet jetzt mit irgendwelchem Rechschreibungskleinkram kommen? Vor allem, weil das in diesem Fall keine Bedeutung hat! ├ťberhaupt keine. Nicht die geringste. Nada. Nicht die Allerallerallerwinzigste!" Ersch├Âpft st├╝tzte ich meine Stirn auf beide H├Ąnde. Als ich wieder aufblickte, sah ich sie ├╝ber mir stehen. Triumphierend l├Ąchelnd, die Arme in die Seiten gest├╝tzt.
"Nun ja, ich glaube, ich sollte mich auf die Suche nach den Pflanzen machen. Ruhen Sie sich einfach noch etwas aus! Sie sind ziemlich fertig!"
*


Ausruhen? Wie sollte das funktionieren? In dem Moment, in dem sie die T├╝r hinter sich schloss, f├╝hlte ich mich noch ein wenig aufgeschmissener. Nicht nur, dass ich mit einem Fluch beladen war – ├Ąchzend erhob ich mich – nein, nat├╝rlich musste es auch genau die Art von Fluch sein, die mir niemand abnehmen w├╝rde. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich tun sollte. Nachdenken, Himmelherrgott. Ganz in Ruhe nachdenken und nicht hyperventilieren. Zum Beispiel dieses omin├Âse Krokodilskraut suchen? Ja, nat├╝rlich die Pflanzen! Immerhin war auch mein h├╝bscher, blonder Qu├Ąlgeist auf der Suche. Ich sollte sie stoppen, bevor sie irgendetwas Falsches machen konnte.
Zuerst sp├╝rte ich den Impuls, wieder im Keller zu suchen. Aber dann sagte ich mir, dass das nicht der einzige Ort sein m├╝sse, an dem Gew├Ąchse zu finden w├Ąren. Warum es nicht einmal im Freien versuchen?
Im Wohnzimmer ├Âffnete ich die Terrassent├╝r und trat auf den Rasen. Jetzt im Hellen erkannte ich erst, wie gro├č das Grundst├╝ck eigentlich war. Lange bevor ich das Ende der Rasenfl├Ąche erreichte, sah ich die grauen Fensterfronten durch die ├äste schimmern. Ein Treibhaus. Dazu eines von betr├Ąchtlichen Ausma├čen. Als ich die T├╝r ├Âffnete, war mir fast, als betr├Ąte ich eine Halle. Links und rechts von den Holzplanken des Laufstegs erstreckten sich die Beete, in denen kleine hellgr├╝ne Pflanzen sprossen. ├ťber mir tropfte Wasser aus den Leitungen, die unter dem Spitzdach von einer Wand zur anderen liefen. Am Ende der Halle erkannte ich eine Plastikplane, die einen Teil des Treibhauses vor meinen Blicken abschirmte.
W├Ąhrend ich auf den federnden Holzbrettern darauf zu ging, sp├╝rte ich die W├Ąrme und die Feuchtigkeit auf meiner Haut. Und ich witterte diesen Geruch. Schwer, s├╝├člich, pflanzlich. Bet├Ąubend und verlockend zugleich.
F├╝r eine Sekunde glaubte ich, einen Schatten, eine Bewegung, hinter der Plane wahrgenommen zu haben. Ich schob den Kunststoff, der ein leises Rascheln von sich gab, beiseite und betrat den abgeteilten Bereich.
Es war phantastisch. Die B├Ąume ragten bis unter das Dach, wobei ihre breiten Palmenwedel einen Baldachin bildeten, der das Tageslicht fast v├Âllig abschirmte. Zu F├╝├čen der Baumst├Ąmme reckten mir Pflanzen gro├če, runde Bl├Ątter entgegen, auf denen Wassertropfen perlten. Ich ging nicht mehr auf Stein oder Holz, sondern auf einem Moosteppich. Lianen wucherten mir wie erstarrte Schlangen entgegen. War es die W├Ąrme, war es die Feuchtigkeit? Auf jeden Fall wurde mir wieder schummrig, aber es war eine sehr angenehme Benommenheit. Der Duft der Vegetation schien mein Inneres mit einem s├╝├čen, fremdartigen Stoff zu f├╝llen.
Ich sah riesige, flammend rote Bl├╝ten aus verschachtelten schmalen Bl├Ąttern, die auf ein golden schimmerndes Zentrum f├╝hrten. Hypnotisch wie ein Mandala. Irgendwo h├Ârte ich Wasser rauschen.
Als ich den Stamm eines besonders hohen Baumes umrundete, bemerkte ich eine Liane, die von seiner Krone herabhing und eine Art Schlaufe bildete. In dieser Schlaufe, ungef├Ąhr auf H├Âhe meiner Augen, hatte irgendjemand seine Jacke aufgeh├Ąngt. Eine Jacke mit wattierten Schultern. Als ich sie wiedererkannte, musste ich grinsen. Einen Augenblick wunderte ich mich dar├╝ber, wie breit dieses Grinsen war und wie sehr ich von einem Gef├╝hl der Euphorie ├╝berschwemmt wurde. Ich schaute um mich. Dann sah ich sie zwischen zwei Palmen stehen, ihr K├Ârper von leuchtenden Bl├╝ten umschmeichelt. Ihr nackter K├Ârper. Sie war ├╝berirdisch sch├Ân. W├Ąhrend sie den Arm ausgestreckt hielt und eine Bl├╝te auf ihrer Handfl├Ąche betrachtete, wandte sie mir ihr Profil zu. Dann drehte sie den Kopf und l├Ąchelte.
Behutsam n├Ąherten wir uns. Als ich meine H├Ąnde auf ihre Schultern legte und ihre samtweiche Haut sp├╝rte, war mir, als ob irgendetwas in mir zu leuchten beg├Ąnne.
Und das war erst der Anfang. Ich sp├╝rte ihre flinken Finger an meinen Kn├Âpfen, ihren hei├čen Atem auf meiner Wange, die Schlaffheit der Muskeln, das Moos unter meinem R├╝cken, ihre Leidenschaft, die Dehnung der Zeit, diesen einen glutroten Augenblick in meinem Leben, der alles Gestern und Morgen verschlang und immer weiter anschwoll wie eine neue Sonne. Es gab keine Bedrohung mehr, keine Verwandlung. Es gab nur noch sie.
Irgendwann sp├Ąter kniete sie neben mir und strich sich mit beiden H├Ąnden ├╝ber das Haar. "Puh, diese Pflanzen k├Ânnen einem ganz sch├Ân den Kopf verdrehen!"
Dann stand sie auf und ging ein paar Schritte zu ihrem Jackett, das sie sich ├╝ber die Schultern legte. Als sie zur├╝ckkam, hielt sie irgendetwas Gl├Ąnzendes in der Hand. W├Ąhrend sie sich wieder neben mich kniete, erkannte ich, was es war. Handschellen.
"Oh Baby, willst du wirklich?", brummte ich so verschlafen wie genie├čerisch. Mit geschlossenen Augen f├╝hlte ich das kalte Metall an meinem Handgelenk. Dann h├Ârte ich irgendwo ├╝ber meinem Kopf ein scharfes Arretieren. Wahrscheinlich hatte sie dort das andere Ende an einem der massiven Bambusrohre befestigt, mit denen der Baumstamm abgest├╝tzt wurde.
Dann f├╝hlte ich, wie ihre Finger mein Kinn packten. Ziemlich fest. W├Ąhrend sie mein Gesicht in ihre Blickrichtung dirigierte, ├Âffnete ich die Augen. Ihr Blick war unangenehm streng.
"Mertens, Drogendezernat. Ich verhafte Sie wegen des Verdachts auf Versto├č gegen das Bet├Ąubungsmittelgesetz."
"Wie?"
"Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen meinen Dienstausweis. Aber Sie k├Ânnen auch gleich mein Handy bekommen. Bis Ihr Anwalt hier ist, sollten Sie sich aber anziehen und einen starken Kaffee trinken."
"Aber, aber ... was ... Sag mir jetzt sofort ... oh, Mann. Ich kenne noch nicht einmal deinen Namen!"
"Mertens wie gesagt."
Ich rappelte mich auf, soweit es die Fessel zulie├č, und lehnte mich im Sitzen gegen den Baum. "Hilfe! Was soll denn dieser ganze Quark?"
Ein paar Schritte von mir entfernt schob sie im Stehen ihr Bein in die Hose. Unter dem Jackett war sie immer noch nackt.
"Waffen! Die ganze Zeit haben wir gedacht, es ginge um Waffen. F├╝r S├╝damerika. Organisierte Kriminalit├Ąt, kriminelle Regierungen, kriminelle Revolution├Ąre, was wei├č ich. Ihr Onkel hat dort ganz sch├Ân eigenartige Freunde."
"Hatte!"
"Oh, keine Sorge, dem geht es bestimmt blendend."
In Anbetracht der ver├Ąnderten Situation hatte ich mit dem freien Arm mein Hemd geangelt und legte es mir auf den Scho├č.
"Bl├Âdsinn!"
"Oh nein. Sogar ausgesprochen raffiniert. Nachdem hier nichts zu finden war und ich dann auch noch seine Video-Show gesehen habe, dachte ich, dass er vielleicht doch nur ein durchgeknallter Ufologe sein k├Ânnte. Aber dann fand ich seine Aufzeichnungen. D├Ąniken mit ck. Das war die L├Âsung!"
"Wie das denn?"
"Anf├Ąngerfehler. Keinem echten Ufo-Spinner – Verzeihung! – w├╝rde das passieren. H├Âchstens einem, der sich daf├╝r ausgeben will."
"Und wozu?"
"Kom├Âdie. Theater. Vielleicht um irgend so einen Naivling zu seinem Drogenkurier zu machen?"
"F├╝r welche Drogen denn ├╝berhaupt?"
"F├╝r die hier!" Ihr Arm vollf├╝hrte eine ausladende Geste, die das gesamte Treibhaus einschloss. "Psychedelica der neuen Generation. Transgene Pflanzen. Arten, die man sonst nie mit Drogen in Verbindung br├Ąchte. Mit ein paar Extragenen f├╝r die richtig guten Wirkstoffe. Scheint ihnen perfekt gelungen zu sein. Allein schon die ├Ątherischen D├Ąmpfe k├Ânnen einen richtig aus den Schuhen hauen. Sagen Sie jetzt blo├č nicht, das w├Ąre Ihnen entgangen! Sie waren ziemlich gut in Fahrt. Du meine G├╝te, ich werde meinem Dienstherren auch so das eine oder andere zu beichten haben."
"Moment! Drogenkurier? Ich?"
"Da sind noch ein paar andere Aufzeichnungen. ├ťber Sie." Sie zog das Buch von Icke aus der Jackentasche, wobei ein paar lose Zettel herausrutschten.
"Hier: 'Verschw├Ârungstheoretiker'. Oder: 'Unkritischer, beeinflussbarer Geist'. Moment da waren noch ein paar andere Stellen", murmelte sie, w├Ąhrend sie in den Zetteln w├╝hlte. "'Hautprobleme, Nagetierphobie. Hat im Internet einmal erw├Ąhnt, dass er jetzt Sachen ├╝ber Dinosaurier liest. Wahrscheinlich geeignet f├╝r entsprechendes Szenario'. Oder hier: ..."
"Genug!" Meine Stimme klang tonlos und ohne jede Kraft. "Dann hat er mich also reingelegt."
"Na ja. Nehmen Sies doch mal von der positiven Seite!" Wie ich diesen Anflug von Mitgef├╝hl in ihrem Gesichtsausdruck hasste. "Immerhin werden Sie sich nicht verwandeln. Allerh├Âchstens vielleicht in einen Untersuchungsh├Ąftling."
"Oh, gro├čartig!"
Sie kam ein paar Schritte auf mich zu, ging in die Hocke und legte mir die Hand auf die Schulter. Dabei l├Ąchelte sie. Ein sch├Ânes, weiches L├Ącheln. Sie zwinkerte mit dem linken Auge und stupste mit dem Zeigefinger meine Nase.
"Keine Angst, S├╝├čer! Ich hol dich da ganz schnell wieder raus!"


Version vom 18. 05. 2008 07:18

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Rumpelsstilzchen
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Hagelstein.
Anonym h├Ątte ich eher auf einen Nachfahren jenes fiktiven Viktor Frankenstein getippt, den Mary Shelley gebar.
Genau wie bei seinem Gesch├Âpf ist zwar alles vorhanden, Kopf, Gliedma├čen und alle Sinne, aber nix passt so richtig zu einander. Am schlimmsten ist das dicke Ende: da taste ich mich als Leser z├Ąrtlich um die schlanke Maklerinnentaille in der Hoffnung auf eine aliente L├Âsung des R├Ątsels und sto├če auf ÔÇô einen orangeh├Ąutigen Rubensarsch in Polizeiuniform! Wie Teufelchen aus der Kiste, nur nicht so h├╝bsch.
Das ist keine SF, sondern Leserirref├╝hrung.

Kurz verneigt und Fersen gezeigt
__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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Volker Hagelstein
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Nat├╝rlich macht die Story am Ende einen ziemlichen Salto, trotzdem m├Âchte ich den Vorwurf der Verarschung nicht auf mir sitzen lassen. Es ist nun einmal die Geschichte einer T├Ąuschung. Und darin sehe ich zun├Ąchst vor allem die Grundlage f├╝r einen interessanten Plot. Was daran unethisch sein soll, kann ich nicht erkennen. Au├čerdem ist hier die Perspektive des Lesers zu der des Ich-Erz├Ąhlers v├Âllig synchron. W├╝rde der nun selber anfangen zu flunkern (wie z. B. in dem Streifen "D├Ąmon"), w├Ąre das wesentlich frustrierender.

So long!

Volker

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FrankK
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Hallo Volker

Also mal ehrlich ...
Ich h├Ątte es ja noch verstanden, wenn die Geschichte im Bereich ÔÇ×Humor und SatireÔÇť erschienen w├Ąre.
Ich habe kein Problem, mit der ÔÇ×VerarschungÔÇť, es mag ja noch ganz witzig sein. Die Pointe am schlu├č ist aber, im vergleich zum Umfang deines ÔÇ×MachwerkesÔÇť, ziemlich Platt.
Bestenfalls eine ÔÇ×KnallerbseÔÇť.
Da kann auch der ÔÇ×QuickieÔÇť nichts ├Ąndern.

Eine merkw├╝rdige ÔÇ×DrehungÔÇť deines Protagonisten ist mir doch aufgefallen.

quote:
Na ja. Recht bedacht war es nicht immer von Nachteil, aus einer v├Âllig verr├╝ckten Familie zu stammen. Wie w├Ąre ich sonst zu dieser Tour gekommen?

Der Leser wird eingestimmt, als w├╝rde der Erz├Ąhler im R├╝ckblick auf ein f├╝r Ihn nachhaltig freudiges Ereignis schauen.
Im Verlauf der Geschichte gewinnt man immer st├Ąrker den Eindruck, das Erlebte war f├╝r den Erz├Ąhler ÔÇ×nicht so prickelndÔÇť.
Einzige Ausnahme: Der Quickie mit der ÔÇ×feschenÔÇť Polizistin unter Drogeneinfluss.

Wie diese Beamtin in einem geistigen H├Âhenflug von einem falsch geschriebenen Namen auf einen Drogenring kommt, entzieht sich mir als Leser.
Wieso diese Beamtin grunds├Ątzlich alleine herumstochert, ist schon fast belanglos.
Irgendwie passt das Ende nicht.

Hoppla, da f├Ąllt mir noch was auf:

quote:
"Mertens, Drogendezernat. Ich verhafte Sie wegen des Verdachts auf Versto├č gegen das Bet├Ąubungsmittelgesetz."

Sie gibt sich als Drogenfahnderin zu erkennen, die zun├Ąchst
quote:
"Waffen! Die ganze Zeit haben wir gedacht, es ginge um Waffen. F├╝r S├╝damerika. Organisierte Kriminalit├Ąt, kriminelle Regierungen, kriminelle Revolution├Ąre, was wei├č ich. Ihr Onkel hat dort ganz sch├Ân eigenartige Freunde."

nach Waffen gesucht hat?

Trotzdem, die geistigen Verwirrungen, das hin und her, seine Zwiegespr├Ąche mit sich selbst waren eine recht nette Lese-Unterhaltung.

Mit freundlichen Gr├╝├čen

FrankK
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Leben und leben lassen.

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Volker Hagelstein
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@ FrankK
Die ersten S├Ątze sind als Gedanken gemeint, die dem Ich-Erz├Ąhler w├Ąhrend der Fahrt (in "Realtime" sozusagen) durch den Kopf gehen, als er noch in erwartungsfroher Stimmung ist.

Der Hinweis mit der Drogenfahndung ist sehr hilfreich, vielen Dank!


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