Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92250
Momentan online:
140 Gäste und 4 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Informationsministerium
Eingestellt am 13. 04. 2003 13:18


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
mikhan
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2002

Werke: 21
Kommentare: 12
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Das Informationsministerium

Das Informationsministerium ist ein großer schwarzer Kasten am Rande unserer Stadt. Es gibt keine Fenster, sondern nur eine große mechanische EingangstĂŒr, die sich wie der Schlund zur Hölle vor dem unbedarften Besucher auftut. Kleine MĂ€nnchen in makellosen grauen AnzĂŒgen gehen hier im Minutentakt ein und aus. Sie tragen schwarze Sonnenbrillen und sehen dich niemals an. Die kleinen MĂ€nnchen kommen und gehen mit eindrucksvollen, silbern lackierten Limousinen, die sie direkt vor dem schwarzen Kasten parken. Über der EingangstĂŒr prangen, in riesigen Lettern, die Initialen des Informationszentrums: IM.
Obwohl es kein Verbot gibt, das GebĂ€ude zu betreten, wĂŒrde es doch niemand wagen, freiwillig dort hinein zu gehen. Man sagt, dass wer dort hinein geht, und nicht fĂŒr das IM arbeitet, nie wieder zurĂŒckkehren wĂŒrde. Deshalb gehe ich auch immer nur bis zu einer der BĂ€nke, die rund um das IM aufgestellt sind, und betrachte von dort aus den Kasten. Zwischen den BĂ€nken und dem IM befindet sich ein Ă€ußerst gut gepflegter Rasen, auf dem kunstvoll zurecht gestutzte BĂ€umchen wachsen, die auf wundersam geometrische Art und Weise angeordnet wurden. Ich komme oft hierher, denn das ist einer der wenigen Orte in unserer Stadt, wo es noch ein wenig GrĂŒn gibt. Das GrĂŒn der Wiesen harmoniert hier mit dem Beton der Fußwege, wie man es sich in seinen kĂŒhnsten TrĂ€umen nicht hĂ€tte ausmalen können. TatsĂ€chlich könnte ich ganze Nachmittage hier verbringen, und oft habe ich das auch schon getan. Kurz gesagt, das IM ist ein ganz wundervoller Ort, auch wenn ich eigentlich nicht weiß, was es damit auf sich hat.
Es ist ganz unmöglich, die kleinen MĂ€nnchen um eine Auskunft ĂŒber die VorgĂ€nge im Innern des schwarzen Kastens zu bitten, denn sie halten niemals an, sondern befinden sich in stĂ€ndiger Bewegung. Meistens sind sie alleine unterwegs, nur manchmal sieht man mehrere MĂ€nnchen gemeinsam das IM verlassen oder betreten und auch dann wechseln sie nur selten ein Wort miteinander. Wenn sie es dann doch tun, dann tun sie es sehr leise, es handelt sich dabei um ein unscheinbares, fast beilĂ€ufig dahin gemurmeltes Brummen, das kaum als Sprache bezeichnet werden kann.
Ein Freund von mir hat mir einmal erzĂ€hlt, dass er vor einigen Jahren einen Hubschrauberflug ĂŒber die Stadt gewonnen hatte und dadurch die einzigartige Gelegenheit hatte, das IM von oben zu betrachten. Das IM ist nĂ€mlich das höchste GebĂ€ude in unserer Stadt, so dass kein Mensch auf den Kasten hinab sehen kann. Es sei denn, er fliegt eben darĂŒber hinweg, so wie mein Freund es getan hatte.
Bei einem großen schwarzen Kasten, der von allen Ecken gleich aussieht, ist natĂŒrlich vom Dach keine großartige Überraschung zu erwarten, und tatsĂ€chlich handelt es sich dabei, wie mein Freund mir erzĂ€hlt hatte, bloß um eine große schwarze FlĂ€che. Doch wer genau hinsieht, kann in der Mitte der FlĂ€che eine kleine Luke ausmachen, aus der hin und wieder ein kleines MĂ€nnchen heraus kommt. Niemand weiß, was die kleinen MĂ€nnchen dort oben auf dem Dach zu suchen haben, und ein einziger Hubschrauberflug ist leider viel zu kurz, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Das IM beschĂ€ftigt mich wirklich bei Tag und bei Nacht, selbst in meinen TrĂ€umen sehe ich oft den großen schwarzen Kasten vor mir stehen, und wenn ich morgens aufstehe, dann ist er das Erste, was ich beim Blick aus dem Fenster zu Gesicht bekomme. Er ĂŒberragt einfach alles. Das Informationsministerium ist das wichtigste GebĂ€ude in unserer Stadt. Ich weiß nicht, was wir ohne das IM mit unserem Leben anfangen wĂŒrden. Vermutlich wĂŒrde sich eine gĂ€hnende Leere auftun und uns alle verschlingen. Wie alle BĂŒrger unserer Stadt bin daher sehr froh, dass wir ein Informationsministerium haben. Nicht jede Stadt kann das von sich behaupten.
Neidisch schiele ich von meiner Bank zu den kleinen MĂ€nnchen hinĂŒber. Wie gerne wĂ€re ich einer von ihnen, wie gerne wĂŒrde ich die Geheimnisse des schwarzen Kastens ergrĂŒnden können.
Leider weiß niemand, wie man ein kleines MĂ€nnchen wird. Manche sagen, dass man schon als kleines MĂ€nnchen geboren werden mĂŒsse, andere behaupten, dass die kleinen MĂ€nnchen zu einem nach Hause kommen, wenn die Zeit dafĂŒr gekommen ist und einen zu einem von ihnen machen. Ich hoffe, sie kommen bald zu mir nach Hause…
Einige Monate spĂ€ter kamen die kleinen MĂ€nnchen tatsĂ€chlich zu mir nach Hause. Sie waren zu dritt und traten sofort in meine Wohnung ein, als ich ihnen die TĂŒre öffnete. Ohne weitere Aufforderung setzten sie sich auf das Wohnzimmersofa und rauchten wortlos dicke Zigarren. Das irritierte mich ein wenig, denn noch nie hatte ich die kleinen MĂ€nnchen Zigarren rauchen sehen. Unsicher ließ ich mich den Sessel gegenĂŒber des Sofas fallen. Ich war mir sicher, dass sie mich durch ihre dunklen Sonnenbrillen grĂŒndlich musterten. Dann brummelte einer von ihnen etwas UnverstĂ€ndliches, woraufhin die anderen beiden MĂ€nnchen bestĂ€tigend nickten.
Dann nickte mir das MĂ€nnchen, welches vorhin gebrummelt hatte, bedeutungsvoll zu und zeigte mit der Hand aus dem Fenster, zum Informationsministerium hinĂŒber.
Jetzt geschah etwas Unglaubliches: das kleine MĂ€nnchen begann mit mir zu sprechen, und zwar mit lauter und deutlicher Stimme. Es sagte in etwa das Folgende:
„Wir haben Sie bereits seit geraumer Zeit vom Dach des IM aus beobachtet und sind zu dem Schluß gelangt, dass es sich bei Ihnen um einen wĂŒrdevollen AnwĂ€rter auf einen Posten im Informationsministerium handelt. Wer fĂŒr das IM arbeiten möchte, muss das IM auf das Innigste lieben. Da darf es keinen Raum fĂŒr Zweifel geben, denn diesen Job haben Sie ihr Leben lang. Darum sind wir heute zu Ihnen nach Hause gekommen, um uns persönlich von Ihrer Entschlossenheit zu ĂŒberzeugen.
Auch wenn wir nicht den geringsten Zweifel daran hegen, dass sie fĂŒr diesen Job geeignet sind, mĂŒssen wir doch dafĂŒr Sorge tragen, dass Sie auch voll und ganz hinter Ihrem Entschluß stehen.
Ich möchte Ihnen in kurzen ZĂŒgen die Arbeit des Informationsministeriums vorstellen, damit Sie eine Idee von Ihrer zukĂŒnftigen TĂ€tigkeit entwickeln können. Das IM hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Informationsfluß der heutigen Zeit zu kontrollieren und gegebenenfalls zu korrigieren. Wir haben keinerlei Interesse daran, dass sich Informationen, gleich welcher Art, ungehindert in der ganzen Welt verbreiten. Im Gegenteil, je weniger Informationen nach außen dringen, desto geringer ist die Gefahr, dass jemand Mißbrauch damit betreibt. Sie sehen schon, wir haben ein Ă€ußerst verantwortungsvolle Position inne. Es ist nicht ĂŒbertrieben zu sagen, dass die Welt ohne das IM in Chaos versinken wĂŒrde.
Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen, alles weitere werden Sie erfahren, wenn Sie sich fĂŒr uns entschieden und gemeinsam mit uns das Informationszentrum betreten haben. Ich versichere Ihnen, dass sich Ihr Leben durch das Betreten des IM grundlegend verĂ€ndert wird. Zögern Sie nicht lĂ€nger, sondern entschließen Sie sich jetzt, fĂŒr eine Welt voller Wunder und Überraschungen.“
Die drei kleinen MĂ€nnchen sahen mich erwartungsvoll an. Selbst durch ihre dunklen Sonnenbrillen konnte ich ihre durchdringenden Blicke spĂŒren. Ich wußte nicht worĂŒber ich mich mehr wundern sollte, darĂŒber, dass die kleinen MĂ€nnchen sprechen konnten so wie jeder andere auch, oder aber darĂŒber, dass sie mich vom Dach des schwarzen Kasten aus beobachtet hatten. Aber davon wollten sie gar nichts wissen, sie erwarteten vielmehr eine Entscheidung von mir.
„Nein.“, sagte ich und wußte gar nicht warum. Dieses einzige kleine Wort löste ein furchtbare Reaktion bei den kleinen MĂ€nnchen aus. Sie sprangen ganz plötzlich auf und bekamen eine Art epileptischen Anfall, wobei sich ihre Gesichter auf groteske Art und Weise verzerrten. Ab und zu brummten sie in ihrer eigentĂŒmlichen Sprache ein paar gequĂ€lte Worte dahin und dann stĂŒrzten sie sich wie wild gewordene Raubtiere auf mich.
Sie rissen mich Fetzen. Ich verlor das Bewußtsein und trĂ€umte einen wilden Traum, in welchem ich von einer Horde kleiner MĂ€nnchen durch eine Ebene voller schwarzer KĂ€sten gejagt wurde. Ich lief und lief, bis ich an den Rand einer tiefen Schlucht gelangte. Ohne mich noch einmal umzudrehen, stĂŒrzte ich mich kopfĂŒber in die Schlucht hinein. Stille. Kleine MĂ€nnchen stehen am Rande einer Schlucht und rufen meinen Namen. In der Ferne steht bedeutungsvoll ein majestĂ€tischer schwarzer Kasten, von dem ein eigenartiges Brummen ausgeht.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


blaustrumpf
???
Registriert: Mar 2003

Werke: 20
Kommentare: 735
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um blaustrumpf eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Beachtliche Leistung

Hallo, mikhan

Beim Lesen deines Textes schien mir dieses Informationsministerium immer grĂ¶ĂŸer zu werden und auch mich zu bedrĂ€ngen. Ich kann dieses GefĂŒhl nirgendwo im Text "festmachen" - herzlichen GlĂŒckwunsch.

Aber deine erzÀhlende Person scheint ohnehin mit besonderen KrÀften ausgestattet. Erst wird sie "in Fetzen" gerissen, stirbt daran aber nicht, sondern wird lediglich bewusstlos, und kann dann auch noch trÀumen...

Also, ich könnte das nicht. Liegt es daran, dass sin der Stadt, in der ich wohne, kein Informationsministerium steht - noch...?


Freundlichen Gruß vom blaustrumpf
__________________
DafĂŒr bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!