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Das Interview
Eingestellt am 03. 07. 2015 21:57


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Hyazinthe
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Das Interview

Nein, wissen Sie, ich war ja schon immer dick.

Es gibt Fotos von mir aus meiner Babyzeit, auf denen ich aussehe wie ein Rubensengel, nur noch etwas dicker. Ich war ein richtiger Wonneproppen, wie mein Vater immer sagte. Meine Mutter liebte es, Fotos von mir herumzuzeigen, wenn Besuch da war, Verwandte oder Freunde, und sagte dann: „Viereinhalb Kilo! Ganze viereinhalb Kilo hat das Kind gewogen!“ In einem Ton, der Respekt einforderte fĂŒr eine solche GebĂ€rleistung.

Nein, als Kind , als kleines Kind meine ich, war mir das Herumgezeigtwerden nicht peinlich. Ich war sogar stolz darauf. SpĂ€ter schon. Aber als ich klein war, fand ich das ganz normal. Mein Vater sagte immer: „So hat sie jedenfalls was zuzusetzen“, und meine Tante Adelheid, die auch nicht die Schlankeste ist, wissen Sie, also Tante Adelheid kniff mir immer in die Wange und sagte: „Sie ist nun mal ein sĂŒĂŸes Pummelchen, unsere Kleine.“

Außerdem: Ich war nicht alleine so dick. Wir waren eine dicke Familie. Ich habe zuerst gedacht, das wĂ€re ganz normal. Erst spĂ€ter, in der Schule, habe ich gemerkt, dass es nicht normal war. Mein Vater sagte dann, quasi als ErklĂ€rung: „Das kommt von der sitzenden TĂ€tigkeit.“ Sie mĂŒssen wissen, er ist LKW-Fahrer bei einer kleinen Spedition, die ihn jeden Morgen auf die gleiche Tour schickt, damit er pĂŒnktlich zum gemeinsamen Abendessen wieder zu Hause ist. Das hat er sich von seinem Chef ausgebeten, weil er schon so lange in der Firma arbeitet. Das Abendessen mit der Familie sei ihm heilig, sagt er. Er gĂ€be nichts Schöneres fĂŒr ihn als mit seiner Familie am Tisch zu sitzen und zu essen.

Ja, wenn ich so drĂŒber nachdenke: Das ist schon irgendwie witzig. Meine Mutter hat auch eine 'sitzende TĂ€tigkeit'. Sie ist Kassiererin im Supermarkt und kommt so auch den ganzen Tag kaum dazu ein paar Schritte zu tun. Die Arbeit im Supermarkt hat den Vorteil, dass sie jederzeit bestens informiert ist ĂŒber sĂ€mtliche Sonderangebote, so dass wir zu Hause immer einen reichlichen Vorrat an Lebensmittel haben. Sie ist eine hervorragende Köchin, mĂŒssen Sie wissen. Keiner kann die dicken braunen Bratensaucen so zubereiten wie sie, und ihre SchwarzwĂ€lder Kirschtorte ist legendĂ€r. „Esst doch noch“, sagt sie immer, „morgen soll es doch schönes Wetter werden.“ Kein Wunder eigentlich, dass wir alle dick sind.

Mein Bruder? Die 'sitzende TĂ€tigkeit' meines Bruders besteht darin, vor dem Computer zu hocken. Er ist vierzehn und brĂŒtet jeden Tag neue Pickel aus, die natĂŒrlich durch seinen enormen Konsum von Schokoriegeln und Kartoffelchips besonders gut gedeihen. Ich glaube, er merkt gar nicht mehr, wieviel er isst, wenn er seine Comuterspiele daddelt.

Ach, das ist nicht leicht zu beschreiben. Wenn ich viel gegessen habe, also, wenn wirklich gar nichts mehr hineingeht in den Magen, nicht einmal das kleinste StĂŒck Schokolade, stellt sich ein bestimmtes GefĂŒhl ein. Ein gutes GefĂŒhl. Das GefĂŒhl, innerlich völlig ausgefĂŒllt zu sein. Und dieses GefĂŒhl macht mich gleichgĂŒltig. Es macht mir alles nichts mehr aus. Auch nicht, was andere ĂŒber mich denken oder sagen.

In der Schule? Ja natĂŒrlich, was denken Sie denn? Was glauben Sie, was fĂŒr ein GefĂŒhl es ist, auch beim fĂŒnften Bocksprungversuch schmerzhaft mit dem Bauch gegen das Holz zu klatschen und dann das schadenfrohe GelĂ€chter der anderen zu hören? Oder wie es ist, mit PapierkĂŒgelchen beworfen zu werden, auf denen steht: „Wann bist du endlich schlachtreif, du fette Sau?“ Ja, natĂŒrlich hat das wehgetan. Aber mit der Zeit machte es mir nicht mehr so viel aus, und weil ich alles gelassen hinnahm, verloren die anderen irgendwann die Lust daran mich zu Ă€rgern.

Nein, Freunde habe ich nie gehabt. Es gab eine Zeit, da hÀtte ich gerne eine richtige Freundin gehabt, eine Freundin, mit der man Kissenschlachten macht, die einem zeigt, wie man sich richtig schminkt oder mit der man sich ausmalt, wie es sein wird, wenn man zum ersten Mal mit einem Jungen schlÀft. Aber keines der schlanken MÀdchen in meiner Klasse wollte etwas mit mir zu tun haben.

Na klar, Felix. NatĂŒrlich wollen Sie etwas ĂŒber Felix wissen. Felix ist Azubi in der Backstube im Supermarkt meiner Mutter. Ich verdiente mir in den Sommerferien etwas Geld dort, indem ich die Regale einrĂ€umte und allerlei Hilfsdienste verrichtete. Da habe ich ihn kennengelernt.
Ich werde nie vergessen, wie es war, als ich ihn das erste Mal sah. Sie wissen ja sicher selbst, wie es ist, wenn man sich Hals ĂŒber Kopf verliebt. „Hallo“, sagte er und lĂ€chelte mir fröhlich zu. Ich blieb wie erstarrt stehen, unfĂ€hig mich zu rĂŒhren. Er sah aus wie ein junger Gott in seiner gestreiften BĂ€ckerschĂŒrze und mit der kleinen Haube auf dem blonden Haaren. Michelangelos David ist nichts dagegen, glauben Sie mir. Und ich in dem rosafarbenen Supermarktkittel! Ich habe darin sicher ausgesehen wie ein dickes rundes GlĂŒcksschwein. Meine Ohren brannten. Ich wusste nicht, wohin ich schauen sollte. Meine FĂŒĂŸe waren wie angenagelt. Die Palette H-Milch, die ich auf den Armen trug, wurde plötzlich tonnenschwer. „Hallo“, brachte ich schließlich heraus. Meine Stimme muss geklungen haben wie die einer minderbemittelten Maus. Ja, lachen Sie nur. Es war schrecklich peinlich.
Aber Felix war ganz cool. „Ich bin der Felix“, sagte er völlig unbefangen. „Arbeitest du hier?“
„Nur in den Ferien.“ Ich hoffte, dass er nicht hören konnte, wie mein Herz hĂ€mmerte.
„Okay. Dann sehen wir uns sicher öfter jetzt. Ich bringe jeden Morgen die Sachen hierher.“ Und schon war er verschwunden.

Ach, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie glĂŒcklich ich war, als er mich am nĂ€chsten Tag zum Kino einlud. Ich weiß noch genau, welchen Film wir gesehen haben: Avartar, der mit den grĂŒnen Menschen. In 3D. Aber von der Handlung habe ich nicht viel mitbekommen, das können Sie sich ja denken.
Ich schwebte auf einer rosa Wolke, genauso, wie man es in den Liebesfilmen sieht. Felix sagte, ich hĂ€tte ein hĂŒbsches rundes Gesicht, und ein paar Kilos zu viel machten ihm nichts aus. Glauben sie mir, allein fĂŒr diese Worte hĂ€tte ich ihn fĂŒr immer lieben können.

Ja, natĂŒrlich, das ist doch normal. Ein paar Verabredungen spĂ€ter gingen wir zusammen ins Bett. Ich liebte seinen straffen, schlanken Körper, die schmale Taille und die krĂ€ftigen Muskeln unter der glatten Haut. Er spielte Fußball, und jeden Samstag stand ich am Rand des Fußballfeldes und feuerte seine Mannschaft an. Anschließend wartete ich auf ihn, bis er mit noch nassem Haar vom Duschen kam, die große Sporttasche lĂ€ssig ĂŒber der Schulter. Sie können sich nicht vorstellen, wie stolz ich auf ihn war. Wir gingen dann oft zu mir nach Hause in mein Zimmer und liebten uns. Wenn wir anschließend eng nebeneinander lagen, stĂŒtzte er sich auf seinen Ellenbogen, ringelte eine meiner HaarstrĂ€hnen um seinen Finger und sagte, meine Augen erinnerten ihn an Toffeefees. Ich fuhr gerne mit dem Zeigefinger ĂŒber seine Augenbrauen. Noch nie hatte ich so blonde Augenbrauen und Wimpern gesehen. Das Blau seiner Augen verdunkelte sich, wenn er mich ansah. Ich liebte ihn so sehr, dass es wehtat.

Ach, wie schon? Ich hĂ€tte es schon viel eher wissen mĂŒssen. Immer öfter fand Felix irgendwelche Ausreden.
„Sehen wir uns heute Abend?“
„Geht leider nicht, hab Fußballtraining“
„Dann morgen?“
„Meine Mutter hat Geburtstag, da kann ich nicht weg.“
Und wenn wir dann zusammen waren, wirkte er irgendwie abwesend. Als ob er mit den Gedanken ganz woanders wÀre. Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Vielleicht wissen Sie, was ich meine?
Ich verstand es erst, als er mich in der Disco an der Hand nahm und mich mit sich nach draußen zog. Ich hatte plötzlich ganz weiche Knie vor Angst. Er sagte:“ Ich muss mit dir reden.“ Da wusste ich schon Bescheid. Aber ich wollte es nicht glauben. Ich starrte ihn nur an.
„Es ist so ...“ Er stockte. Er wagte nicht, mir in die Augen zu sehen.
„Ich habe mich in ein anderes MĂ€dchen verliebt. Es ist einfach passiert.“
Ich hatte das GefĂŒhl, die Welt geht unter. Es war, als hĂ€tte mich jemand urplötzlich mit eiskaltem Wasser ĂŒbergossen. Ich fing an zu zittern. Ich wollte nicht weinen, aber ich spĂŒrte, wie mir die TrĂ€nen in die Augen stiegen.
„Wer ist es?“
„Melanie. Du kennst sie ja von der Schule. Wir sind seit zwei Wochen zusammen.“
NatĂŒrlich! Die schöne, schlanke Melanie. Im Sport immer die Beste. Ich bin plötzlich so wĂŒtend geworden. So schrecklich wĂŒtend. Ich holte aus und schlug Felix in sein schönes David-Gesicht.
„Dann hau doch ab, du Arschloch!“ habe ich geschrien, „geh doch zu deiner dĂŒnnen Melanie!“
Dann habe ich mich umgedreht und bin weggelaufen.

Wie es mir danach ging? Können Sie sich das nicht denken? Ich war total fertig. Richtig krank war ich. Ich verkroch mich in mein Zimmer und wÀre am liebsten gar nicht mehr heraus gekommen.
Meine Mutter fing an sich Sorgen zu machen und brachte mir mein Lieblingsessen an mein Bett. „Du musst doch etwas essen, Schatz“, sagte sie, „Essen und Trinken hĂ€lt Leib und Seele zusammen.“ Sie hatte Recht. AllmĂ€hlich schmeckte es mir wieder. Ich aß. Mehr als zuvor. Mit jedem Bissen begrub ich die Vorstellung, wie Felix eine StrĂ€hne von Melanies blondem Haar um seinen Finger wickelt, ein bisschen tiefer in meinem Herzen. Und allmĂ€hlich stellte sich das gute GefĂŒhl wieder ein, das ich von frĂŒher kannte. Und die GleichgĂŒltigkeit.

Ob mir nie etwas aufgefallen ist? Nein, eigentlich nicht. Obwohl: Eines morgens beim FrĂŒhstĂŒcken sagte mein Bruder zu mir: „Du wirst immer fetter. Guck dich bloß mal an.“
„Guck dich doch selber an, du Qualle“, fauchte ich zurĂŒck. Aber es stimmte. Ich aß und aß und wurde immer dicker. Aber ich habe mir nichts dabei gedacht.

Allerdings, das war eine schöne Überraschung. Eines Nachts bekam ich Bauchschmerzen. Ich dachte, dass mir irgendetwas schlecht bekommen wĂ€re. Aber als die Schmerzen am Morgen noch nicht vorbei waren, sondern im Gegenteil, noch schlimmer geworden waren, sagte meine Mutter, wir mĂŒssten sofort ins Krankenhaus. Es hĂ€tte ja auch ein BlinddarmentzĂŒndung sein können.
Ich werde nie das unglĂ€ubige Gesicht der Ärztin vergessen. „Wieso BlinddarmentzĂŒndung?“, fragte sie. „Wissen Sie denn nicht, dass Sie schwanger sind? Das Kind kommt jeden Augenblick zur Welt.“
Ich war fassungslos. Meine Eltern waren fassungslos. Aber es war tatsÀchlich so. Ich bekam ein Kind.

Ja, das hat die Ärztin auch gefragt. Meine Periode sei doch sicher ausgeblieben, ob ich das denn nicht bemerkt hĂ€tte? „Kann schon sein,“ habe ich geantwortet, „aber die war immer schon unregelmĂ€ĂŸig. Dabei habe ich mir nichts gedacht.“ Und ob ich mich nicht ĂŒber den dicken Bauch gewundert hĂ€tte? Na ja, ich hatte sehr viel gegessen. Kein Wunder, dass ich immer dicker wurde.

Sicher, ich mache mir schon Gedanken, wie es jetzt, mit dem Kind, weitergehen soll. Ich bin ja erst sechzehn und gehe noch zur Schule. Aber das wird schon werden. Meine Eltern unterstĂŒtzen mich. Mein Vater hat gesagt: „Wo vier satt werden, werden auch fĂŒnf satt.“

Ob ich glĂŒcklich bin? Sehen Sie doch nur. Mein kleines MĂ€dchen. Mein wunderschönes kleines MĂ€dchen! Es hat schon richtig viel Haare, braun, so wie meine, und blaue Augen. Man sagt zwar, alle Baby haben zuerst blaue Augen, aber ich bin sicher, die Kleine hat die blauen Augen von Felix geerbt. Aber es ist mein Kind, meins ganz allein. Es wird mich lieben, so wie ich es liebe. Schon als die Hebamme mir das Kind zum ersten Mal an die Brust legte und es gierig anfing zu saugen, durchströmte mich ein GefĂŒhl, ein solch unglaublich gutes GefĂŒhl, ich kann es gar nicht beschreiben. Schauen Sie nur! Das winzige Gesicht! Wie die Lippen die Brustwarze fest umschließen. Hören Sie das Schlucken? Ich kann dieses winzige Wesen mit meinem eigenen Körper nĂ€hren, kann es wachsen und gedeihen lassen und zusehen, wie aus ihm ein richtiger, schöner Mensch wird. Es ist einfach wunderbar!

Nichts zu danken. Ich danke Ihnen fĂŒrs Zuhören.




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Hallo Hyazinthe,

ich habe meine Gedanken zum Text in blau eingefĂŒgt.


Das Interview

Nein, wissen Sie, ich war ja schon immer dick.

Es gibt Fotos von mir aus meiner Babyzeit, auf denen ich aussehe wie ein Rubensengel, nur noch etwas dicker. Ich war ein richtiger Wonneproppen, wie mein Vater immer sagte. Meine Mutter liebte es, Fotos von mir herumzuzeigen, wenn Besuch da war, Verwandte oder Freunde, und sagte dann: „Viereinhalb Kilo! Ganze viereinhalb Kilo hat das Kind gewogen!“ In einem Ton, der Respekt einforderte fĂŒr eine solche GebĂ€rleistung. Aus viereinhalb Kilo Kindern werden nicht automatisch dicke Menschen!

Nein, als Kind , als kleines Kind meine ich, war mir das Herumgezeigtwerden nicht peinlich. Ich war sogar stolz darauf. SpĂ€ter schon. Aber als ich klein war, fand ich das ganz normal. Mein Vater sagte immer: „So hat sie jedenfalls was zuzusetzen“, und meine Tante Adelheid, die auch nicht die Schlankeste ist, wissen Sie, also Tante Adelheid kniff mir immer in die Wange und sagte: „Sie ist nun mal ein sĂŒĂŸes Pummelchen, unsere Kleine.“

Außerdem: Ich war nicht alleine so dick. Wir waren eine dicke Familie. Ich habe zuerst gedacht, das wĂ€re ganz normal. Erst spĂ€ter, in der Schule, habe ich gemerkt, dass es nicht normal war. Mein Vater sagte dann, quasi als ErklĂ€rung: „Das kommt von der sitzenden TĂ€tigkeit.“ Sie mĂŒssen wissen, er ist LKW-Fahrer bei einer kleinen Spedition, die ihn jeden Morgen auf die gleiche Tour schickt, damit er pĂŒnktlich zum gemeinsamen Abendessen wieder zu Hause ist. Das hat er sich von seinem Chef ausgebeten, weil er schon so lange in der Firma arbeitet. Das Abendessen mit der Familie sei ihm heilig, sagt er. Er gĂ€be nichts Schöneres fĂŒr ihn als mit seiner Familie am Tisch zu sitzen und zu essen.

Ja, wenn ich so drĂŒber nachdenke: Das ist schon irgendwie witzig. Meine Mutter hat auch eine 'sitzende TĂ€tigkeit'. Sie ist Kassiererin im Supermarkt und kommt so auch den ganzen Tag kaum dazu ein paar Schritte zu tun. Die Arbeit im Supermarkt hat den Vorteil, dass sie jederzeit bestens informiert ist ĂŒber sĂ€mtliche Sonderangebote, so dass wir zu Hause immer einen reichlichen Vorrat an Lebensmittel haben. Sie ist eine hervorragende Köchin, mĂŒssen Sie wissen. Keiner kann die dicken braunen Bratensaucen so zubereiten wie sie, und ihre SchwarzwĂ€lder Kirschtorte ist legendĂ€r. „Esst doch noch“, sagt sie immer, „morgen soll es doch schönes Wetter werden.“ Kein Wunder eigentlich, dass wir alle dick sind.

Mein Bruder? Die 'sitzende TĂ€tigkeit' meines Bruders besteht darin, vor dem Computer zu hocken. Er ist vierzehn und brĂŒtet jeden Tag neue Pickel aus, die natĂŒrlich durch seinen enormen Konsum von Schokoriegeln und Kartoffelchips besonders gut gedeihen. Seit Kurzem schließt er sich oft in seinem Zimmer ein, und sein Computer hat ein neues Passwort. Ich vermute, er hat die Pornoseiten im Internet entdeckt. Hm, bei Deinem Stil weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Wird hier das Dicksein aufs Korn genommen und spiegelt der Text eine NaivitĂ€t wieder, die der Prot nicht klar ist? Oder ist das eher ernst gemeint?

Ach, das ist nicht leicht zu beschreiben. Wenn ich viel gegessen habe, also, wenn wirklich gar nichts mehr hineingeht in den Magen, nicht einmal das kleinste StĂŒck Schokolade, stellt sich ein bestimmtes GefĂŒhl ein. Ein gutes GefĂŒhl. Das GefĂŒhl, innerlich völlig ausgefĂŒllt zu sein. Und dieses GefĂŒhl macht mich gleichgĂŒltig. Es macht mir alles nichts mehr aus. Auch nicht, was andere ĂŒber mich denken oder sagen.

In der Schule? Ja natĂŒrlich, was denken Sie denn? Was glauben Sie, was fĂŒr ein GefĂŒhl es ist, auch beim fĂŒnften Bocksprungversuch schmerzhaft mit dem Bauch gegen das Holz zu klatschen und dann das schadenfrohe GelĂ€chter der anderen zu hören? Oder wie es ist, mit PapierkĂŒgelchen beworfen zu werden, auf denen steht: „Wann bist du endlich schlachtreif, du fette Sau?“ Ja, natĂŒrlich hat das wehgetan. Aber mit der Zeit machte es mir nicht mehr so viel aus, und weil ich alles gelassen hinnahm, verloren die anderen irgendwann die Lust daran mich zu Ă€rgern.

Nein, Freunde habe ich nie gehabt. Es gab eine Zeit, da hÀtte ich gerne eine richtige Freundin gehabt, eine Freundin, mit der man Kissenschlachten macht, die einem zeigt, wie man sich richtig schminkt oder mit der man sich ausmalt, wie es sein wird, wenn man zum ersten Mal mit einem Jungen schlÀft. Aber keines der schlanken MÀdchen in meiner Klasse wollte etwas mit mir zu tun haben.

Na klar, Felix. NatĂŒrlich wollen Sie etwas ĂŒber Felix wissen. Felix ist Azubi in der Backstube im Supermarkt meiner Mutter. Ich verdiente mir in den Sommerferien etwas Geld dort, indem ich die Regale einrĂ€umte und allerlei Hilfsdienste verrichtete. Da habe ich ihn kennengelernt.
Ich werde nie vergessen, wie es war, als ich ihn das erste Mal sah. Sie wissen ja sicher selbst, wie es ist, wenn man sich Hals ĂŒber Kopf verliebt. „Hallo“, sagte er und lĂ€chelte mir fröhlich zu. Ich blieb wie erstarrt stehen, unfĂ€hig mich zu rĂŒhren. Er sah aus wie ein junger Gott in seiner gestreiften BĂ€ckerschĂŒrze und mit der kleinen Haube auf dem blonden Haaren. Michelangelos David ist nichts dagegen, glauben Sie mir. Und ich in dem rosafarbenen Supermarktkittel! Ich habe darin sicher ausgesehen wie ein dickes rundes GlĂŒcksschwein. Meine Ohren brannten. Ich wusste nicht, wohin ich schauen sollte. Meine FĂŒĂŸe waren wie angenagelt. Die Palette H-Milch, die ich auf den Armen trug, wurde plötzlich tonnenschwer. „Hallo“, brachte ich schließlich heraus. Meine Stimme muss geklungen haben wie die einer minderbemittelten Maus. Ja, lachen Sie nur. Es war schrecklich peinlich.
Aber Felix war ganz cool. „Ich bin der Felix“, sagte er völlig unbefangen. „Arbeitest du hier?“
„Nur in den Ferien.“ Ich hoffte, dass er nicht hören konnte, wie mein Herz hĂ€mmerte.
„Okay. Dann sehen wir uns sicher öfter jetzt. Ich bringe jeden Morgen die Sachen hierher.“ Und schon war er verschwunden.

Ach, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie glĂŒcklich ich war, als er mich am nĂ€chsten Tag zum Kino einlud. Ich weiß noch genau, welchen Film wir gesehen haben: Avartar, der mit den grĂŒnen Menschen. In 3D. Aber von der Handlung habe ich nicht viel mitbekommen, das können Sie sich ja denken.
Ich schwebte auf einer rosa Wolke, genauso, wie man es in den Liebesfilmen sieht. Felix sagte, ich hĂ€tte ein hĂŒbsches rundes Gesicht, und ein paar Kilos zu viel machten ihm nichts aus. Sie hatte doch sicherlich wesentlich mehr als die paar Kilos! Glauben sie mir, allein fĂŒr diese Worte hĂ€tte ich ihn fĂŒr immer lieben können.

Ja, natĂŒrlich, das ist doch normal. Ein paar Verabredungen spĂ€ter gingen wir zusammen ins Bett. Ich liebte seinen straffen, schlanken Körper, die schmale Taille und die krĂ€ftigen Muskeln unter der glatten Haut. Und was liebte er an ihr? Er spielte Fußball, und jeden Samstag stand ich am Rand des Fußballfeldes und feuerte seine Mannschaft an. Anschließend wartete ich auf ihn, bis er mit noch nassem Haar vom Duschen kam, die große Sporttasche lĂ€ssig ĂŒber der Schulter. Sie können sich nicht vorstellen, wie stolz ich auf ihn war. Wir gingen dann oft zu mir nach Hause in mein Zimmer und liebten uns. Wenn wir anschließend eng nebeneinander lagen, stĂŒtzte er sich auf seinen Ellenbogen, ringelte eine meiner HaarstrĂ€hnen um seinen Finger und sagte, meine Augen erinnerten ihn an Toffeefees. Ich fuhr gerne mit dem Zeigefinger ĂŒber seine Augenbrauen. Noch nie hatte ich so blonde Augenbrauen und Wimpern gesehen. Das Blau seiner Augen verdunkelte sich, wenn er mich ansah. Ich liebte ihn so sehr, dass es wehtat.

Ach, wie schon? Ich hĂ€tte es schon viel eher wissen mĂŒssen. Immer öfter fand Felix irgendwelche Ausreden.
„Sehen wir uns heute Abend?“
„Geht leider nicht, hab Fußballtraining“
„Dann morgen?“
„Meine Mutter hat Geburtstag, da kann ich nicht weg.“
Und wenn wir dann zusammen waren, wirkte er irgendwie abwesend. Als ob er mit den Gedanken ganz woanders wÀre. Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Vielleicht wissen Sie, was ich meine?
Ich verstand es erst, als er mich in der Disco an der Hand nahm und mich mit sich nach draußen zog. Ich hatte plötzlich ganz weiche Knie vor Angst. Er sagte:“ Ich muss mit dir reden.“ Da wusste ich schon Bescheid. Aber ich wollte es nicht glauben. Ich starrte ihn nur an.
„Es ist so ...“ Er stockte. Er wagte nicht, mir in die Augen zu sehen.
„Ich habe mich in ein anderes MĂ€dchen verliebt. Es ist einfach passiert.“
Ich hatte das GefĂŒhl, die Welt geht unter. Es war, als hĂ€tte mich jemand urplötzlich mit eiskaltem Wasser ĂŒbergossen. Ich fing an zu zittern. Ich wollte nicht weinen, aber ich spĂŒrte, wie mir die TrĂ€nen in die Augen stiegen.
„Wer ist es?“
„Melanie. Du kennst sie ja von der Schule. Wir sind seit zwei Wochen zusammen.“
NatĂŒrlich! Die schöne, schlanke Melanie. Im Sport immer die Beste. Ich bin plötzlich so wĂŒtend geworden. So schrecklich wĂŒtend. Ich holte aus und schlug Felix in sein schönes David-Gesicht.
„Dann hau doch ab, du Arschloch!“ habe ich geschrien, „geh doch zu deiner dĂŒnnen Melanie!“
Dann habe ich mich umgedreht und bin weggelaufen.

Wie es mir danach ging? Können Sie sich das nicht denken? Ich war total fertig. Richtig krank war ich. Ich verkroch mich in mein Zimmer und wÀre am liebsten gar nicht mehr heraus gekommen.
Meine Mutter fing an sich Sorgen zu machen und brachte mir mein Lieblingsessen an mein Bett. „Du musst doch etwas essen, Schatz“, sagte sie, „Essen und Trinken hĂ€lt Leib und Seele zusammen.“ Sie hatte Recht. AllmĂ€hlich schmeckte es mir wieder. Ich aß. Mehr als zuvor. Mit jedem Bissen begrub ich die Vorstellung, wie Felix eine StrĂ€hne von Melanies blondem Haar um seinen Finger wickelt, ein bisschen tiefer in meinem Herzen. Und allmĂ€hlich stellte sich das gute GefĂŒhl wieder ein, das ich von frĂŒher kannte. Und die GleichgĂŒltigkeit. Probleme werden von allen Familienmitgliedern einfach weggegessen - fĂŒr mich die beste Stelle im Text.

Ob mir nie etwas aufgefallen ist? Nein, eigentlich nicht. Obwohl: Eines morgens beim FrĂŒhstĂŒcken sagte mein Bruder zu mir: „Du wirst immer fetter. Guck dich bloß mal an.“
„Guck dich doch selber an, du Qualle“, fauchte ich zurĂŒck. Aber es stimmte. Ich aß und aß und wurde immer dicker. Aber ich habe mir nichts dabei gedacht.

Allerdings, das war eine schöne Überraschung. Eines Nachts bekam ich Bauchschmerzen. Ich dachte, dass mir irgendetwas schlecht bekommen wĂ€re. Aber als die Schmerzen am Morgen noch nicht vorbei waren, sondern im Gegenteil, noch schlimmer geworden waren, sagte meine Mutter, wir mĂŒssten sofort ins Krankenhaus. Es hĂ€tte ja auch ein BlinddarmentzĂŒndung sein können.
Ich werde nie das unglĂ€ubige Gesicht der Ärztin vergessen. „Wieso BlinddarmentzĂŒndung?“, fragte sie. „Wissen sie Sie denn nicht, dass Sie schwanger sind? Das Kind kommt jeden Augenblick zur Welt.“
Ich war fassungslos. Meine Eltern waren fassungslos. Aber es war wahr. war wahr hört sich nicht so gut an Ich bekam ein Kind.

Ja, das hat die Ärztin auch gefragt. Meine Periode sei doch sicher ausgeblieben, ob ich das denn nicht bemerkt hĂ€tte? „Kann schon sein,“ habe ich geantwortet, „aber die war immer schon unregelmĂ€ĂŸig. Dabei habe ich mir nichts gedacht.“ Und ob ich mich nicht ĂŒber den dicken Bauch gewundert hĂ€tte? Na ja, ich hatte sehr viel gegessen. Kein Wunder, dass ich immer dicker wurde. Naja, ein Schwangerschaftsbauch sieht anders aus als ein angefressener Bauch. Das Ganze war vermutlich eher eine VerdrĂ€ngungsgeschichte.

Sicher, ich mache mir schon Gedanken, wie es jetzt, mit dem Kind, weitergehen soll. Ich bin ja erst sechzehn und gehe noch zur Schule. Aber das wird schon werden. Meine Eltern unterstĂŒtzen mich. Mein Vater hat gesagt: „Wo vier satt werden, werden auch fĂŒnf satt.“ Das verharmlost die Problematik zu sehr. Und wo ist Felix geblieben?

Ob ich glĂŒcklich bin? Sehen sie Sie doch nur. Mein kleines MĂ€dchen. Mein wunderschönes kleines MĂ€dchen! Es hat schon richtig viel Haare, braun, so wie meine, und blaue Augen. Man sagt zwar, alle Baby haben zuerst blaue Augen, aber ich bin sicher, die Kleine hat die blauen Augen von Felix geerbt. Aber es ist mein Kind, meins ganz allein. Es wird mich lieben, so wie ich es liebe. Schon als die Hebamme mir das Kind zum ersten Mal an die Brust legte und es gierig anfing zu saugen, durchströmte mich ein GefĂŒhl, ein solch unglaublich gutes GefĂŒhl, ich kann es gar nicht beschreiben. Schauen sie Sie nur! Das winzige Gesicht! Wie die Lippen die Brustwarze fest umschließen. Hören sie Sie das Schlucken? Ich kann dieses winzige Wesen mit meinem eigenen Körper nĂ€hren, kann es wachsen und gedeihen lassen und zusehen, wie aus ihm ein richtiger, schöner Mensch wird. Es ist einfach wunderbar! Auch hier spielt es eine Riesenrolle, das Kind essen lassen zu können. Als ob es nichts Wichtigeres fĂŒrs spĂ€tere Leben gĂ€be. Damit triffst Du - eventuell unbewusst - den ĂŒbrigen Ton des Textes.

Nichts zu danken. Ich danke Ihnen fĂŒrs Zuhören.


Ich kann mich nicht mit allem anfreunden, aber Dein Schreibstil macht einiges wett.


LG DS




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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Hyazinthe
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Hallo Doc!

Ich danke dir fĂŒr deine ausfĂŒhrliche Stellungnahme.

Na klar, meine Protagonistin Jessica ist eine Meisterin der VerdrĂ€ngung. (Ich wundere mich ja auch immer, wenn ich in Zeitungsberichten ĂŒber Frauen lese, die von ihrer Schwangerschaft nicht bemerkt haben wollen. In meiner Geschichte macht das Dicksein diese Tatsache einigermaßen glaubhaft, denke ich).

Ja, Jessica ist naiv. Und natĂŒrlich besteht in der ganzen Familie die Lösungsstrategie im Essen (s.Mutter oder Bruder).

Und natĂŒrlich hast du Recht: Das Kind wird sofort in diesen Mechanismus mit einbezogen. Was durchaus meine Absicht war zu zeigen. Es ist also nicht (nur) ein hapyy end, sondern die Problematik wird auf einer anderen Ebene weitergefĂŒhrt (essen=> nĂ€hren). Deshalb spielt Felix, der Kindsvater, an dieser Stelle auch keine Rolle mehr.

Ich bleibe in dieser ErzÀhlung konsequent in der Perspektive der Jessica, sowohl was die Denkweise, als auch was die Ausdrucksweise betrifft. Deshalb habe ich den Interview-Stil gewÀhlt; so hört man nur das MÀdchen sprechen.
Aus diesem Grund werde ich die Stelle mit den Pornoseiten, an der tatsĂ€chlich so etwas wie eine kritisch-ironische Distanz durchscheint, Ă€ndern. Danke fĂŒr deine durchaus zutreffende Kritik an diesem Punkt.

Gruß, Hyazinthe

Die Schreibfehler werde ich umgehend berichtigen.
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