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Leselupe.de > Kurzprosa
Das Kind
Eingestellt am 25. 06. 2008 02:44


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arle
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Registriert: Feb 2004

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Heute hat mein Vater dreimal das Wort an mich gerichtet. Das erste Mal in mein nach dem langen Fu├čmarsch verschwitztes und ger├Âtetes Gesicht hinein: Du bist aber auch zu einer unm├Âglichen Tageszeit los gelaufen. Das zweite Mal: Wenn du wieder zum Arzt gehst, lass dir eine Salbe verschreiben. Wof├╝r, frage ich. F├╝r den R├╝cken; du hast dir da schon so einen Gang angeeignet. Beim dritten Mal erz├Ąhlt er einen Witz. Ich staune.

Ich sage nichts. Vor einem Jahr noch h├Ątte ich erwidert, dass ich auf Wunsch meiner Mutter um die Mittagszeit losgelaufen sei. Dass mich grade gestern noch jemand gefragt habe, ob ich T├Ąnzerin gewesen sei, ich habe so einen sch├Ânen aufrechten Gang. Der Witz ist gut. Zwei alte M├Ąnner sitzen auf einer Bank. Fragt der eine den anderen: Sag mal, wie hei├čt du eigentlich? Schweigen. Nach einer langen Weile sagt der andere: Bis wann musst du das wissen? Ich lache laut. Er konnte schon immer gut Witze erz├Ąhlen, mein Vater. Ich steure noch einen bei, aber ich kann keine Witze erz├Ąhlen, und den habe ich schon mal erz├Ąhlt. Er lacht trotzdem. Ob aus H├Âflichkeit oder weil er sich wirklich nicht mehr erinnert. Ich denke, aus H├Âflichkeit. Er war schon immer h├Âflich, mein Vater.

Als Kind hat es mich geniert, als Erwachsene fand ich es r├╝hrend und wunderbar, dass er fremde Frauen immer mit "gn├Ądige Frau" ansprach. Wenn die Frau eine wirkliche Dame war - nicht viele kamen in den Genuss dieses Privilegs, denn er legt da strenge Ma├čst├Ąbe an -, bekam sie zum Abschied einen Handkuss. Seine Frau ist eine Dame. Auch wenn sie manchmal "Schei├če!" sagt. Der st├Ąrkste Kraftausdruck, den ich je aus dem Munde meines Vaters geh├Ârt habe, ist: Mist. Wenn er besonders sauer ist, sagt er auch mal: Mist, verdammter. Ich war nie eine Dame, werde nie eine sein; das wei├č er seit langem. Obwohl meine Mutter viel M├╝he, Zeit und Arbeit darauf verwendet hat, eine Dame aus mir zu machen. Meine Schwester ist auch keine Dame. Aber das macht nichts, denn sie ist seit zwanzig Jahren verheiratet. Au├čerdem kann sie zupacken; hat praktisch alleine mit ihrem Mann zusammen ein sch├Ânes Haus gebaut, auf dem Dorf.

Ich hatte auch mal ein Haus auf dem Dorf, ein gro├čes Haus, Marmor vom Keller bis zum Dach. Das habe ich aber nicht zusammen mit meinem Mann gebaut, das war schon da. Daf├╝r hatte mein Mann einen Doktortitel. Und eine Praxis. Und Geld. Und alles, was man sich w├╝nschen kann. Aber das ist lange her.

Heute ist mein Vater ein bisschen m├╝de. Er hat sein Haus von au├čen gestrichen; das musste sein. Er hat sich ein Ger├╝st ausgeliehen. Das Ger├╝st ist klein, er muss es immer ein St├╝ck weiter schieben, hinauf klettern, streichen, wieder hinunter klettern, weiter schieben, wieder hinauf klettern... F├╝r den Streifen ganz oben legt er sich b├Ąuchlings aufs Dach, beugt sich hinunter und streicht von oben. Mein Vater ist einundachtzig. Was willst du mir denn da helfen, fragt er.

Meine Mutter springt mal wieder vom Tisch auf. Das tut sie oft; sie hat seit jeher ein gutes Gesp├╝r f├╝r Spannungen. Mein Vater greift nach dem Telefon. Ich rufe Rebecca an, sagt er. Er sagt: Hallo Kind, hier ist dein Herr Gro├čvater. Mein Vater hat das "R" schon immer stark gerollt. Auch fr├╝her, wenn er mich zu sich rief: Gro├če. Komm mal sofort hier her.

Er lacht mit Rebecca, scherzt, erz├Ąhlt noch mal den Witz, fragt nach ihrem Befinden, sagt: Dann also bis ├╝bermorgen, Kind, wir freuen uns. Ich habe auch schon mal mit meinem Vater telefoniert. Er sagte: Gut. Danke. Die Mama steht grade neben mir. Die hatte wohl wieder irgendetwas im Haus zu tun; ich konnte h├Âren, wie er mehrmals nach ihr rufen musste.

Meine Mutter kommt wieder mit der Kaffeekanne und dem Kuchentablett. Oder willst du lieber was Warmes, fragt sie, ich hatte ja f├╝r dich mit gekocht.

Sie besuchen mich im Krankenhaus, obwohl das meine Mutter sehr viel Kraft kostet. Deshalb verbinden sie den Besuch bei mir mit einem anderen Besuch, noch mal hundert Kilometer weiter. Am Abend schreibe ich ins Tagebuch: Heute hat mein Vater mir in die Augen gesehen.









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Am j├╝ngsten Tag, wenn die Posaunen schallen und alles aus ist mit dem Erdeleben, sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben von jedem Wort, das unn├╝tz uns entfallen. - J.W. Goethe -

Version vom 25. 06. 2008 02:44
Version vom 25. 06. 2008 03:00

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Balu
???
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man sp├╝rt, wie das kind gerne kind sein m├Âchte und wie ein schwamm alles, was der vater tut, aufsaugt.

und ich lese das "schwarze schaf", welches so gerne eine geste
des verstehens, des auffangens erleben m├Âchte.

quote:
Oder willst du lieber was Warmes, fragt sie, ich hatte ja f├╝r dich mit gekocht.

darin liegt f├╝r mich eine lange geschichte in der geschichte

einfach ein text, der mich daran erinnert, dass mein kind auch wartet

GlG
Knut

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