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Leselupe.de > Gereimtes
Das Kind, das nicht weinen konnte.
Eingestellt am 12. 05. 2002 19:52


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pleistoneun
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Das Kind stand nur da und weinte wieder seine trockenen Tr√§nen, w√§hrend es aus dem Fenster dieses abgelegenen Hauses am Rande einer kleinen Waldlichtung schaute. Es stand da mit den H√§nden in den Taschen vergraben, und dem ausdruckslosen Gesicht eines Kindes, dessen Mutter nun schon den vierten Tag ausblieb. Zur√ľckgelassen als Kind, als schutzsuchendes, kleines Kind, das noch nie lachen konnte, weil niemand da war, der ihn h√§tte jemals zum Lachen bringen k√∂nnen. Es war einsam und litt an der Empfindungslosigkeit und Gef√ľhlsleere seiner Mitmenschen. Nur der gequ√§lte Blick zeugte vom inneren Schmerz und einer gro√üen Sehnsucht, die zu erf√ľllen nur seine Mutter imstande gewesen w√§re.
Das Kind senkte seinen Blick, als es vom Tod seiner Mutter erfuhr, vergrub wieder seine H√§nde in den Taschen und setzte sich geschw√§cht. Seine Mutter war unterwegs in die Stadt zu einem Arzt verungl√ľckt, der sich h√§tte um das teilnahmslose Kind k√ľmmern sollen. Was die Mutter aber nicht wusste, war, dass dieses Kind nur die Zuwendung seiner Mutter ersehnte, nur ganz kurz, einmal am Tag vielleicht, ohne gro√üen Anspruch, nur damit es bei einer m√ľtterlichen Umarmung sein Herz wieder schlagen h√∂ren konnte und die H√§nde sich langsam entkrampften und die Ohren wieder hellh√∂rig wurden und die Augen wieder wahrnahmen und es endlich wieder verstehen konnte, warum es auf der Welt war. Doch dieser Moment wurde ihm nie zuteil. Seine Quelle, aus der er sch√∂pfen wollte, war versiegt und mit ihr der Wunsch, Lebensfreude daraus trinken. Niemals mehr in seinem Leben w√ľrde es wohl einen Menschen geben, der ihm den vergeblichen Wunsch nach Zuneigung und Herzensw√§rme zur√ľckgeben kann.

Als 78-jähriger, alter Mann beschloss er, in eine Zeitung mit folgendem Gedicht zu inserieren:

"Mein Leben ist f√ľr mich bereit,
diese schreiend leere Einsamkeit
und diesen stummen Tränendrang,
der mich so sehr zum Weinen zwang,
von mir zu nehmen, das Quälen beenden
so sollte ich hier nicht verenden,
nicht sterben, ohne mich gefragt zu haben,
ob ungeweinte Tränen sind wie Narben,
wie Schmerz, wie Gram und Leid,
wie abgetötete Lebendigkeit.
So verblasst mit jedem Tag die Hoffnung dann,
wenn das Weinen selbst nicht weinen kann."


Knapp vier Wochen darauf meldete sich ein sechsjähriges Mädchen, deren Mutter plötzlich verstorben war und sie ebenfalls die ungeweinten Tränen nicht mehr weinen ließ.

Das kleine M√§dchen stand stumm mit seinen kleinen H√§ndchen in ihren Taschen vergraben vor dem alten Mann, vor seinem armseligen, alten Haus, unter einem gro√üen Baum, der besch√ľtzend den Schatten der Vergangenheit auf die beiden warf. Ihre Blicke, die sie tauschten, waren nicht einfach nur Blicke. Sie zeichneten damit ihre Geschichte in das Herz des anderen und je l√§nger sie sich ansahen, desto deutlicher trat das Bildnis ihrer gro√üen Mutlosigkeit und der noch gr√∂√üeren Angst vor den strengen Augen der Welt, die Kummer zu Starrsinn und Seelenlast zu Eigensinn machten. Und zum ersten Mal erfuhren die beiden jenen Beifall und Herzensw√§rme, um die sie bei ihren M√ľttern so gefleht hatten. Zur Begr√ľ√üung nahm der alte Mann seine Hand aus der Hosentasche, und in diesem Moment bemerkte er, dass eine dicke Tr√§ne an seiner Nase entlang lief. Seine versteinerten Gesichtsz√ľge ver√§nderten sich zu einem herzlichen Lachen, einem Lachen, dass die Welt schaudern lie√ü und ihm alle G√ľte und alle Zuneigung aller Menschen zusammen sp√ľren lie√ü. "Du kannst deine H√§nde jetzt aus deinen Taschen nehmen", sagte er zu dem M√§dchen, als sie ins Haus gingen.


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