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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Königsreich der Sonne
Eingestellt am 20. 04. 2001 14:27


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DAS KÖNIGSREICH DER SONNE


Ich träumte ein Vogel zu sein.
Nicht einer dieser kleinen, frechen Spatzen; auch nicht eine Amsel oder eine Meise – alles Arten, die immerzu present sind, wie Sterne in einer Nacht ohne Wolken.
Nein – in meinem Traum war ich ein Adler.
Graziös in der Haltung, mit einem bedrohlichen Schnabel und einer beeindruckenden Spannweite energiegeladener Flügel. Mein Körper war bedeckt mit dicken Federn, weiß und braun; die Schärfe meiner schwarzen Augen – klein und geheimnisvoll – überstieg die menschliche Vorstellungskraft.
Es fühlte sich gut an ein Adler zu sein, mit dem Versprechen grenzenloser Freiheit in Reichweite. Wie oft – sowohl als Kind, als auch als der Mann, der ich nun bin – habe ich mir vorgestellt fliegen zu können, die Erde hinter mir zu lassen, ausgelassen auf den Wellen der Lüfte zu reiten, Sonnenschein und Mondlicht gleichermaßen offen zu umarmen, die Menschheit von oben zu betrachten, während jeder durch sein Leben stolpert, dabei die winzigen Wunder und Schönheiten ignorierend.
Ein Adler zu sein – meine Güte, welch schwindelerregende Anzahl von Möglichkeiten käme dem gleich. Wie unbedeutend können menschliche Arme werden, verglichen mit den kraftvollen Schwingen eines Vogels.
In meinem Traum saß ich auf einem Metallgerüst, einem vernachlässigten Teil eines heruntergekommenen, dunklen Hafens, in irgendeiner mir unbekannten Stadt. Abenddämmerung, in einer leichtfüßigen Art, schlich sich an die verlassene Umgebung an, das Licht gewissenlos auslöschend und dabei den Spaß genießend. Regen fiel, leicht aber trotz alledem in einem Akt der Störung. Die Luft hustete, auf diese Weise einen kalten Wind gebährend, der nutzlos versuchte meine unnachgiebigen Federn zu durchdringen.
Ich fühlte mich warm.
Ich fühlte mich sicher – obwohl ich mich an einem Ort aufhielt, an den ich nicht gehörte.
Soweit ich beurteilen konnte war kein Mensch in der Nähe – kein Geräusch von ihnen, flüsterten mir meine Ohren zu; keine Bewegung von ihnen, stimmten meine Augen zu.
In der Ferne, auf der Schwelle der Sichtbarkeit, traten hohe Gebäude vorsichtig aus dem regnerischen Dunst, einer Ahnung gleich, die Wirklichkeit wurde. Auf dem breiten Fluß, der sich zwischen mir und dem Rand der Stadt dahinschleppte, trottete ein riesiger Tanker durch das dreckige Wasser, seine Lichter schrien in Rot und Weiß, sein Motor erbrach unablässig merkwürdige Geräusche zum Rhythmus eines kranken Herzens. Ich roch die Luft voller Diesel, verwoben mit dem Gestank von Maschinenöl und alten Fischen, alles eingehüllt in den unverwechselbaren Geruch von Regen, der sich vergebens bemühte den Gestank fortzuschwämmen. In der Nähe wurde ein gelangweiltes Stück Papier über den nassen Asphalt gescheucht, eine Bierdose versuchte Schritt zu halten. In halsbrecherischer Manier warfen sich schwere Ketten gegen Schiffskörper und gegen Mauern aus Zement, ihren Anteil zu dem Wirrwarr an Geräuschen beitragend. Wellen schienen wie hypnotisiert von dieser Idee, denn auch sie taten genau dasselbe. Bunte Funken von Neonschildern erregten immerzu meine Aufmerksamkeit, den empfindlichen Rezeptoren meiner neugierigen Augen üble Streiche spielend.
„ Was für eine verwirrende Welt, betrachtet mit den Sinnen eines Raubvogels“, dachte ich – und der Mann in mir stimmte zu.
„ Doch genauso verwirrend, betrachtet mit den schwachen Sinnen der Menschen“, gab er zu bedenken.
Inzwischen war der Tanker außer Hörweite, stattdessen Sirenengeheul, seine Quelle irgendwo innerhalb der Stadtgrenzen.
„ Wie ein Kojote, der sein Opfer jagt“, dachte ich, und wieder sprach der Mann in mir.
„ Und ich hoffe seine Zähne und Krallen sind scharf genug, um die Bestie zu erlegen.“
Wir schwiegen, betrachteten die Lichter der Stadt.
Ein Gedanke ging mir durch den Kopf.
„ Kannst du sehen, was ich meine ?“, fragte ich den Mann. Er bejahte.
Jeder Lichtpunkt bekam für mich ein menschlicher Traum, leuchtend in der Nacht. Je heller das Licht, desto mehr verkörperte es einen Traum, der mit aller Macht wahr werden sollte; ein beständiger Traum; ein Traum, der vielleicht eine Kindheit überlebt hatte; ein Traum, klar, greifbar, dreidimensional; ein Traum, der nicht nur die Gedanken bewohnt, sondern auch das Herz.
Zeit verging.
„ Hast du es gesehen ?“, fragte mich der Mann aufgeregt. Diesmal war ich an der Reihe zu bejahen.
Wir schwiegen, uns der Bedeutung dessen, wessen wir beide Zeuge gewesen waren, bewußt werdend.
Kilometer entfernt, in einer Ansammlung vieler Lichter, war ein einzelnes Licht ausgegangen. Ich beobachtete die Häuser und ihre vielen, beleuchteten Fenster. Zwei weitere Lichter erloschen. Drei Lichter dagegen erwachten zu Leben.
„ Zwei Träume verstoßen, allein gelassen in der Kälte“, dachte ich. „Drei Träume geboren, die Chance erhaltend, die Nacht zu überleben und vielleicht auch den nächsten Tag.“
Eine Bewegung zu meiner Linken lenkte mich ab. Ich drehte meinen Kopf – schnell, wie eine glänzende Klinge – doch es war nur ein Seil, vom Dach einer verlassenen Baracke herunterhängend. Keine Gefahr.
„ Träume“, sagte der Mann in mir leise.
„ Träume“, wiederholte ich. „ Manchmal braucht es nur einen Traum, um ein Ziel im Leben zu haben.“
Und kurz davor etwas weiteres zu sagen, hörte ich ein anderes Geräusch. Ein menschliches Geräusch. Schritte. Schwerfällig und nicht weit entfernt.
Ohne Zweifel – jemand kam.
Näher.
Ein Schatten bewegte sich aus der Ansammlung anderer Schatten des Hafens heraus. Ein untersetzter Mann, etwas schwankend, eine glühende Zigarette zwischen die Zähne geklemmt, steuerte auf das Metallgerüst zu, auf welchem ich bewegungslos saß. Kraftvoll ergriff er die oberste Stange, sich festhaltend. Ein Zittern ging durch das Metall. Er lehnte sich gegen das Gerüst, nahm den Zigarettenstummel, warf ihn in den Fluß. Er öffnete seine Hose und in einem wahren Bogen folgte sein Urin dem Zigarettenrest in das ungemachte Flußbett.
Ich blieb bewegungslos. Meine Flügel blieben angelegt. Ich tat nichts anderes als den Fremden mit meinem scharfen Blick zu beobachten. Der Mann sah zu mir herüber, während er einen Finger an seiner Hose abwischte. Seine Augen fanden meine. Der Mann in mir hielt den Atem an. Ich, der Adler, zeigte keine Spur von Furcht. In den schwarzen Spiegeln seiner Pupillen sah ich die Lichter der Stadt – und zudem abgrundtiefen Haß. Warum, wußte ich nicht.
Weiterhin fühlte ich keine Angst. Ich hatte großes Vertrauen in meine eigene Stärke, in meine Fähigkeit zu fliegen – und ich hatte die Gewißheit in einem Traum zu sein. Eine Tatsache, die ich jederzeit beenden konnte. Ich brauchte nur aufzuwachen, mein eigenes Licht auszuschalten. Doch ich wollte kein Feigling sein. Ich hielt an meinem Traum fest, obwohl der Mann in mir darauf bestand, daß ich die Adlerhülle fallen lassen sollte. Er bat mich aufzuwachen.
„ Nein“, erwiderte ich.
„ Bitte“, bat er erneut.
Ich ließ nicht mit mir reden.
„ Warum nicht ?“, fragte er ungläubig.
„ Weil ich nicht eines dieser Lichter werden will, ausgeschaltet durch einen Mangel an Glauben an mich selbst.“
Es reichte, um den Mann in mir zum Schweigen zu bringen.
Der Fremde hatte sich nicht bewegt, doch ohne Warnung trat er plötzlich auf mich zu.
„ Diesmal entwischst du mir nicht“, schrie er, jenseits jeglicher Kontrolle.
Fünfzehn Schritte eines Kindes zwischen uns.
Aus der Tasche seiner schmutziggrünen Jacke zog er eine Flasche, halbgefüllt, und schwang sie bedrohlich über seinem Kopf. Er stolperte, konnte sich aber erstaunlich schnell wieder fangen.
Fünf Schritte eines Kindes zwischen dem harten Glas der Flasche und meinem weichen Körper.
„ Diesmal töte ich dich endgültig“, brüllte er. Bluthunden gleich sprangen seine Worte über den Zaun seiner schlechten Zähne. Die Flasche schoß nieder. Der Mann in mir schrie – so wie der Mann, der vor mir war. Ich spannte meine Muskeln an, drückte mich selbst von dem Metallgerüst, gleichzeitig meine Flügel ausbreitend. Ich spürte den Luftzug der Flasche, die mit einem lauten Knall auf der obersten Metallstange zerbarst, auf der ich eine Sekunde zuvor noch gesessen hatte. Kleinste Glassplitter flogen, größere Stücke fielen hörbar auf den nassen Boden. Die Spitze eines Flügels berührten das bärtige Kinn des Mannes, während ich mich in einem Halbkreis hinter ihn bewegte.
„ Was hast du vor ?“ keuchte der Mann in mir, doch anstatt zu antworten, schoß ich vor um meinen Angreifer zu attackieren. Meine Krallen gruben sich in das Gewebe seiner Jacke, sie gruben tiefer, fanden das Fleisch, welches sie suchten. Der Mann versuchte mich von seinem breiten Rücken abzuschütteln, vergebens. Ich ließ nicht nach.
Schließlich zog ich meine Krallen ein, mir sicher, daß ich den Kampf gewonnen hatte, und ohne zurückzublicken stieg ich höher und höher in die Dunkelheit. Noch einmal schrie mir der fremde Mann hinterher, doch die Worte, in seiner Qual, klangen verzerrt. Ich verstand ihn nicht.
Der Wind begrüßte mich herzlich, mich mit unzähligen feuchten Küssen aus Regen willkommen heißend. Freiheit winkte mir zu,. Höher und höher ging es die unsichtbare Leiter hinauf, Richtung Wolken. Irgendwann blickte ich zurück, dahin, wo ich den Fremden vermutete. Lichter überall, aber der Mann war irgendwo dazwischen verschwunden, selbst für meine scharfen Augen nicht auszumachen.
Lichter.
Wie angeberische Supernoven; wie Planeten, beleuchtet von fremdartigen Sonnen; wie Meteoren auf sonderbaren Bahnen; wie Sterne, die einander zublinzelten.
Jede Stadt eine weitere Galaxie, bis zum Rand gefüllt mit Wundern und Sonderbarem, kaum verständlich für das menschliche Gehirn, obwohl menschliche Gehirne sie bevölkern.
„ Es ist unbeschreiblich“, sagte der Mann in mir, der sich scheinbar etwas von der Konfrontation im Hafen erholt hatte.
„ Meinst du das Fliegen oder den Ausblick ?“, fragte ich ihn.
„ Beides“, antwortete er, ohne zu zögern.
„ Wohin fliegen wir ?“
„ Keine Antwort“, gab ich zurück. „ Wir fliegen einfach höher und höher.“
Die Kälte wurde greifbarer, der Regen seinerseits aufdringlicher, der Wind wechselte sein Kostüm und wurde zum Sturm. Ich sah unterschiedlichste Schichten grauer Wolken, die auf mich warteten, um genau in sie hineinzutauchen.
Ungebremste Erwartung.
„ Hey Mutter Natur“, rief ich ausgelassen, „ laß uns etwas Spaß haben. Spiel Verstecken mit mir. Schüttel mich. Fang´ mich.“
Ich schrie vor Freude.
„ Hey Wind, alter Freund. Wie wäre es mit einem Wettkampf ? Der erste, der die Wolken berührt, ist der HERR DER LÜFTE. Ich fordere dich heraus.“
Der Wind gab keine Antwort.
„ Das glaube ich nicht“, lachte ich. „ Du bist ein Feigling, weißt du das ?“
Ich pumpte frische Energie in meine Lungen, meine Flügel ohrfeigten den Wind für seine Feigheit.
„ Hey Regen, was ist mit dir ? Bist du in der Lage meine Sicht zu trüben, so daß ich nicht mehr fähig bin, meinem Weg zu folgen ?“
Regentropfen berührten meine Augen und vermischten sich mit Freudentränen. Ich schüttelte meinen Kopf in spielerischer Absicht.
„ Nein“, lachte ich, „ das reicht nicht. Schau her, ich fliege noch immer höher statt abwärts.“
Mein Gelächter flog voran, vielleicht die Wolken von meiner nahen Ankunft informierend – mir, dem HERRN DER LÜFTE.
„ Ich kann es nicht fassen“, rief der Mann in mir, „ was für ein unglaubliches Gefühl. Ich könnte mein ganzes Leben lang fliegen und fliegen, über unbekannten Wäldern meine Kreise ziehen, unpassierbare Gebirge und unbekannte Städte überqueren.“
Auch er begann zu lachen und wie zwei Kinder im Freien, glücklich über die Stimmung des Lichtes und den Geruch des Regens, rannten sein Lachen und meines hin und her, Hand in Hand.
Irgendwann erreichte ich die ersten Ausläufer der Wolken. Unser Gelächter verebbte nach und nach, überwältigt von dem Gedanken, bald direkt in diese neblige, weiche Masse einzudringen.
„ Wie mag es sich wohl anfühlen ?“, fragte der Mann.
„ Warte es ab“, sagte ich, „ gleich werden wir es wissen.“
Und schon waren wir mittendrin.
Jeder Atem, ausgestoßen im Winter, schien hier eine neue Heimat gefunden zu haben.
Alle Schattierungen von Grau waren versammelt. Es war, als hätten die Wolken verschiedene Lebensalter – hellgrau, beinahe weiß, waren die jungen, dunkelgrau die alten Wolken. Zarte Finger glitten über meine Federn, sie mit Feuchtigkeit benetzend. Schon bald waren die Lichter der Welt unter mir verschwunden.
Ich war allein.
„ Irgendwie unheimlich, nicht wahr ?“, befand der Mann in mir mit einem nervösen Lachen.
Ich konzentrierte mich auf das Fliegen, irgendwie wissend, daß bald etwas passieren wird. Meine Vorahnung behielt ich für mich selbst, da ich den Mann in mir nicht unnötig beunruhigen wollte.
Höher und höher.
Dann, aus dem Nichts, passierte alles sehr schnell. Dunkelgraue Wolken hatten sich heimlich um mich herum versammelt, als ob diese spezielle Situation die Weisheit der Älteren und Ältesten erforderte.
„ Was geht hier vor sich ?“ wollte der Mann wissen.
„ Sei ruhig“, zischte ich zurück.
Der Sturm kam näher, mir die Möglichkeit nehmend, umzukehren. Die Regentropfen verwandelten sich in kleine, wütende Fäuste, die von meinem Körper abprallten. Ich hatte es so gewollt. Ich wurde geschüttelt und gejagt, mein Blick würde getrübt – ich verlor die Orientierung. Gelächter, ohrenbetäubend, gemein, verspottete mich. Meine Augen schließend, schoß ich vorwärts, nicht gewillt, die dunkle Wand zu sehen, die sich überall um mich herum aufgebaut hatte. Panik irrte durch meine Venen; zerdrückte mein galoppierendes Herz; füllte meine Lungen mit einer Substanz, die keine Spur von Sauerstoff besaß. Mein Instinkt eilte durch die Gänge meines Bewußtseins, eine Sackgasse nach der anderen findend, egal welche Richtung er einschlug.
„ Was soll ich machen ?“, rief ich verzweifelt. Und diesmal war es der Mann in mir, der half.
„ Halte durch und kämpfe“, gebot er, mit einer Stimme, die seiner vorherigen Angst Lügen strafte.
Der Wind griff von links an, von rechts, mehrmals überraschte er mich mit einem Schlag von unten. Mir war, als wäre ich ein Stein, der von einem muskulösen Arm fortgeschleudert würde.
Angst.
Wildes Gelächter überall.
Ich durfte nicht aufgeben. Ich war der HERR DER LÜFTE. Verdammt.
Noch mehr Gelächter.
Der Wind – eine Horde Raufbolde aus Kindertagen.
Der Regen – eine fürchterliche Kreatur mit dem Gesicht deines Lieblingstieres.
Die Wolken – ein Lockvogel, mit dem Messer hinterm Rücken.
Ich kämpfte.
Und plötzlich, so abrupt wie es begonnen hatte, war es vorbei.
Ich fühlte Wärme. Gleißendes Licht drang durch die Lider meiner Augen.
„ Es ist ein Trick“, dachte ich.
Der Sturm wurde eine Brise. Der Regen ließ nach und verschwand schließlich ganz. Ich hielt meine Augen geschlossen. Die Brise sprach verführerisch zu mir, während die Wärme meinen Körper wärmte, meine Federn trocknete. Meine Ungläubigkeit verdunstete allmählich.
„ Es ist ein Trick“, beharrte ich dickköpfig, doch die Überzeugung dieses Gedanken wurde schwächer und kurz darauf war es nicht mehr als eine leere Hülle, die von der leichten Brise fortgeweht wurde.
Ich öffnete meine Augen.
Eine andere Welt blickte zurück, erwartungsvoll.
Eine strahlende Scheibe aus poliertem Weißgold strahlte mich an, umgeben von einem Blau, das jeden wolkenlosen Himmel übertraf, den ich bis dahin gesehen hatte.
Unendlichkeit war über, hinter und vor mir. Ob die Sonne nah oder fern war, vermochte ich nicht zu sagen. Unter mir hatten sich die Wolken versammelt, ohne eine Spur ihrer vorherigen grauen Feindseligkeit. Sie erstreckten sich von Horizont zu Horizont in einem ungetrübten Weiß – Wolkenkinder in einem riesigen Wolkenkindergarten.
Erleichterung.
Der Mann in mir atmete hörbar aus.
Wir schwiegen eine Weile, genoßen unser neues zu Hause.
„ Was mag nur als nächstes passieren“, überlegte der Mann und er beantwortete seine Frage kurz darauf selbst.
„ Vielleicht schießen wir hinaus ins All und werden von einem schwarzen Loch verschluckt; oder wir betreten eine neue Dimension, gefüllt mit sprechenden Blumen und Schmetterlingen, die uns einen schönen Tag wünschen – oder vielleicht treffen wir Gott selbst, wahnsinnig, weil ER die von ihm geschaffene Menschheit, SEIN angebliches Meisterwerk, nicht mehr versteht. Wer weiß, wer weiß.“
Die Worte des Mannes beflügelten meine Vorstellungskraft, die daraus Bilder wob, mir stolz das Resultat präsentierend. Was ich sah, liebte ich sofort, mich danach sehnend, daß diese Bilder erneut, mit Fäden aus Realität und mit Hilfe tausender Hände, gewoben werden würden.
„ Das wäre doch ein Heidenspaß“, erwiderte ich.
„ Bist du verrückt ?“, fragte der Mann. „ Willst du wirklich durch eine weitere Barriere brechen, was immer auch auf der anderen Seite lauern mag? Was ist wenn das schwarze Loch dich für immer verschlingt, dich dazu verurteilend, dein Leben lang Photonen und Atomen auszuweichen; oder stell´ dir vor die sprechenden Blumen strömen ein Gift aus, mit jedem Wort, welches sie freundlich an dich richten. Oder was ist mit Gott, nicht mehr ER selbst, dich dafür benutzend, daß du für all den Ärger bezahlen sollst, dem die Menschheit IHM auferlegt hat. Für mich klingt das nicht sehr spaßig.“
„ Alles ist möglich“, sagte ich nur, und flog Kreise, Achten und Pirouetten, mich fühlend, als sei ich ein Drache, gehalten von einem lachenden Kind; als sei ich ein dankbarer Mann, der sich - kürzlich verstorben – auf dem Weg zur Wiedergeburt befindet, endlich von einer schweren Krankheit befreit. Ich dachte über Träume nach, die Abkömmlinge der eigenen Phantasie.
„ Hast du einen Traum, von dem du hoffst, daß er wahr wird ?“, fragte ich schließlich den Mann in mir.
Es verging nur ein Flügelschlag.
„ Ein Schriftsteller zu sein“, gab er zurück. „ Davon träume ich seit ich ein kleiner Junge war. Über einer Schreibmaschine sitzen und tiefer und tiefer in die Welten eintauchen, welche dein Bewußtsein für dich bereit hält.“
„ Also brennt dein eigenes Licht hell und unbändig ?“
„ Und ob. Es scheint wie das hellste aller Lichter in der dunkelsten Höhle der Nacht“, antwortete er theatralisch.
„ Das ist gut“, flüsterte ich. „ Das ist sehr gut.“

Unablässig erforschte ich mein neues Reich, über den Wolken dahergleitend, mich im Sturzflug durch das unsagbare Blau bewegend, den Lieblingsstein der Anziehungskraft mimend.
„ Siehst du diese einsame Bergspitze ?“, fragte ich den Mann, als ich irgendwann diese kleine Erhebung ausfindig gemacht hatte. Sie war weit und breit das Einzige, was die geschlossene Wolkendecke unterbrach.
Er bejahte, und ich änderte den Kurs in deren Richtung.
Ich näherte mich dem entfernten Ziel mit zunehmender Geschwindigkeit, mein Herz schlug unternehmungslustig. Mein eigener Schatten verfolgte mich über den Wolken und obwohl ich wußte, daß ich ihn nicht abschütteln konnte, versuchte ich noch schneller zu fliegen als er.
In der Tat, ich war der HERR DER LÜFTE. Eine Berühmtheit, ein gerngesehener Gast im Namen der strahlenden Königin, überall bekannt in ihrem mächtigen REICH DER SONNE.
Wir waren vielleicht noch einen Kilometer von der Bergspitze entfernt, als der Mann in mir sich ungläubig wieder zu Wort meldete.
„ Das kann nicht sein – aber dort unten auf der Bergspitze ... das sind meine Frau und mein Sohn.“
Ich sah die zwei Personen. Die Frau mit langen, blonden Haaren, in einem weißen Sommerkleid mit bunten Punkten; der Junge in einem roten T-Shirt und Jeans. Sie schützten beide ihre Augen mit erhobener Hand, winkten mit der anderen aufgeregt.
„ Dad, Dad“, rief der Junge eindringlich.
„ Helen, Josh ! Ich glaub´ es nicht ! Was macht ihr da ?“, rief der Mann zurück.
Die Frau und der Junge drehten sich um, stiegen die Bergspitze hinab und waren bald nicht mehr zu sehen, verschluckt von weißen Wolken.
„ Hinterher“, befahl der Mann. Ich gehorchte – erneut in die Wolkenmasse eindringend, jedoch nicht ohne noch einen letzten Blick auf das REICH DER SONNE zu werfen. Still sagte ich auf Wiedersehen. Die Wolken teilten sich, dem Roten Meer gleich, wie es der Überlieferung nach vor Jahrtausenden geschehen sein soll.
Der Mann in mir rief erneut etwas. Verstehen konnte ich ihn nicht, denn genau in diesem Augenblick erwachte ich.

Das Schlafzimmer war eingehüllt in Stille und Dunkelheit, abgesehen vom Licht, das unbeteiligt durch die Vorhänge stolperte. Meine Frau atmete ruhig, neben mir liegend, ihr Gesicht nahe bei mir, ihre Lippen leicht geöffnet. In meiner Brust entflammte sich meine Liebe zu ihr, ein Funken, der ungeschützte Fässer voller Kerosin fand.
Ich war nicht mehr der Mann im Innern eines Adlers.
Nun war der Adler im Innern des Mannes, darauf wartend, eine weitere Reise durch die Phantasie zu unternehmen.
Ich saugte die friedliche Atmosphäre, die meine Frau umgab, auf, mir das schlafende Gesicht meines Sohnes vorstellend, der im Zimmer nebenan lag. Meine eigene Stimme aus dem Traumland drang leise an meine Ohren, in meinem Schädel widerhallend.
„ Ein Schriftsteller zu sein ...“
„ ... Schriftsteller zu sein ...“
„ ... zu sein ...“
„ ... sein ...“
Ich mußte lachen.
Ich küßte meine Frau, strich ihr eine Strähne ihres langen Haares aus der Stirn. Sie bewegte sich nicht.
Plötzlich überkam mich ein prickelndes Gefühl am ganzen Körper – als ob Federn versuchen würden durch meine Haut zu dringen. Ich hatte sogar den Eindruck einen entfernten Schrei zu hören – den Schrei eines Adlers, der begierig darauf wartete, erneut durch die Lüfte zu toben ...

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Diese Geschichte hatte ich ursprünglich in Englisch geschrieben. Leider ging beim Übertragen ins Deutsche viel von der bildhaften Sprache verloren. Werde irgendwann mal den Originaltext hier veröffentlichen, unter FREMDSPRACHIGES ... der kommt einfach besser rüber ... finde ich ... ;-)

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