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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Leben
Eingestellt am 16. 06. 2017 16:48


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Tasha
AutorenanwÀrter
Registriert: Jun 2017

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Helden fĂŒr einen Tag

Schon wieder ein Nachmittag vergangen, einfach so weg gelesen. Eine
weitere von tausend Geschichten inhaliert. Ich kann es mir leisten.
Seitdem ich vor zwei Jahren mit dem linken Arm in eine Walze geraten
bin, und GlĂŒck gehabt habe, dass nur der Arm daran glauben musste,
beziehe ich eine kleine Rente. Alles im Leben hat seinen Preis. Ich habe
mit Einarmigkeit bezahlt fĂŒr die Freiheit den ganzen Tag lesen zu können.
BĂŒcherwurm nannte mich meine Mutter, nachdem ich mir mit fĂŒnf Jahren
das Lesen selber beigebracht hatte, und alles las, was mir in meine schmutzigen, kleinen Finger geriet. Du fĂŒhrst ein Second-Hand-Leben
sagte meine kleine Schwester abfÀllig, die lieber auf Partys ging und
sich volllaufen ließ.

Ich habe keine Freunde. Aber ich bin beliebt in der Nachbarschaft.
Ich bin der, der immer zu Hause ist und einspringen kann. Der, der die
Blumen gießt und  die Katze fĂŒttert. Dem Kanarienvogel frisches Wasser
gibt und den Dackel ausfĂŒhrt, weil der Besitzer mal wieder aufgehalten
wurde. Das ist in Ordnung. Hier in Bottrop hilft man sich gegenseitig.
Samstag und Sonntag gehe ich auf die Jagd. Auf FlohmÀrkten durchstöbere
ich die BĂŒcherkisten. Ein gutes Buch kann ich riechen. Ein gutes Buch
ist lebendig.

Mein Leben hĂ€tte immer so weiter gehen können. Ich hĂ€tte meinen dreißigsten,
meinen vierzigsten, meinen fĂŒnfzigsten Geburtstag gefeiert. WĂ€re
wahrscheinlich zu diversen Hochzeiten und Beerdigungen in der Familie
eingeladen worden. Nicht wirklich integriert, niemals im Mittelpunkt stehend,
aber auch nicht das fĂŒnfte Rad am Wagen, eher das Reserverad, das
sicherheitshalber nie benutzt wird. Und immer mit freundlicher Nachsicht
behandelt aufgrund des tragischen Schicksalsschlags, den ich erlitten habe.
Kurz ich hĂ€tte glĂŒcklich und zufrieden mein Leben gelebt.
Meinen Grabstein hÀtte ich rechtzeitig entworfen und in meinem geordneten
Nachlass hinterlegt. Ein aufgeschlagenes Buch aus Granit. Darauf eingraviert:
Finn Lehmann, 23.9.1987 -                           Seine letzte Seite ist aufgeschlagen
worden.
Die möglichen Neffen, die sich als nĂ€chste Verwandte darum kĂŒmmern
mĂŒssten, hĂ€tten die Augen verdreht ĂŒber soviel geistlosen Witz. Mir hĂ€tte
es gefallen.

Wenn ich an diesem Montagnachmittag im Mai meine WohnungstĂŒr nicht
geöffnet hÀtte, wÀre mein Leben genauso verlaufen.

Aber ich öffnete und vor mir stand ein ĂŒberaus zartes Geschöpf mit bloßen
FĂŒĂŸen und  einer wilden rot-blonden LockenmĂ€hne, gekleidet in ein
smaragdgrĂŒnes, schlichtes Sommerkleid, das genau den Farbton ihrer
Augen traf. Eine echte Elbenprinzessin. Sie trat einen Schritt auf mich zu,
reichte mir graziös ihre Hand und sagte: "Hi, ich bin Bonnie."
Ich ergriff sie mit meiner zum GlĂŒck vorhandenen Rechte, schĂŒttelte sie
und antwortete: "Clyde." Sie strahlte mich an und mein Flur mit der billigen
Raufasertapete, deren helles Blau um die Lichtschalter herum sich in
schmutziges Grau verfÀrbt hatte, bekam einen neuen Glanz.
Mit einer Handbewegung bat ich sie herein und eilte voraus in der irrigen
Annahme in dem verwohnten mit BĂŒchern vollgestopftem Wohnzimmer
noch etwas verbessern zu können. Hektisch rĂ€umte ich ein StĂŒck Sofa
leer. Bonnie folgte mir, setzte sich und musterte die meterhohen BĂŒcherstapeln, die zum grĂ¶ĂŸten Teil mit feinem Staub bedeckt waren
und das ungeputzte Fenster, auf dessen Fensterbank statt Blumen
natĂŒrlich BĂŒcher standen. Sie fragte nicht, ob ich die alle gelesen hĂ€tte.

Ich schmolz dahin. Bonnie schien generell nicht viel von Konversation
zu halten. Sie kam gleich zur Sache, nachdem sie sich eine Zigarette
angezĂŒndet hatte und sich suchend nach einem Aschenbecher umschaute.
Ich beeilte mich, ihr einen angeschlagenen Dessertteller zu reichen.
Ich bin Nichtraucher. Sie schaute mich prĂŒfend an mit ihren großen, grĂŒnen
Augen, die noch dazu von schwarzen, wenn auch gefÀrbten, langen,
gebogenen Wimpern umkrÀnzt waren. "Ich habe gehört, du bist ein richtig
netter Typ, besonders hilfsbereit und immer gut drauf." Ich nickte. Was
sollte ich  dazu sagen. Sie zog hektisch an ihrer Zigarette. Warum sollte
so ein Traumwesen auch grundlos bei mir auftauchen. Etwa wegen meiner
schönen, braunen Hundeaugen? Bonnie kam dann auch zur Sache:
"Ich habe von den Albanern, die Gang, die so tut, als ob sie eine Autowerkstatt
an der Koloniestrasse hat, ein Kilogramm Koks geklaut und jetzt
brauche ich eine sichere Bleibe." Sie erzĂ€hlte von dieser wahnsinnig gĂŒnstigen
Gelegenheit, als sie den Deal beobachtet hatte und dann plötzlich der offene
Kofferraum mit der Ware einen Moment unbeobachtet blieb. "Ich konnte
nicht anders, ich schnappte mir das PĂ€ckchen wie ferngesteuert und lief
davon. Jetzt bin ich mir natĂŒrlich nicht sicher, ob ich beobachtet wurde."

SehnsĂŒchtig schaute ich auf mein aufgeschlagenes Buch. Wie gemĂŒtlich
und beschaulich so ein Second-Hand-Leben doch ist. Allerdings stand
es außer Frage Bonnie nicht zu helfen. Es drĂ€ngte sich mir der Gedanke
auf, ob ich ihr auch so selbstlos mein Bett anbieten wĂŒrde, wenn sie so
hĂ€sslich wĂ€re wie die dicke Frau Schulze von gegenĂŒber mit der Hasenscharte.
Wahrscheinlich nicht oder doch, ich wusste es nicht. Bonnie wollte ich auf jeden Fall helfen.

Meine Hilfsbereitschaft wurde belohnt. Dankbar kuschelte sich Bonnie in der
Nacht an mich und malte mir in den schönsten Farben aus, was wir machen
wĂŒrden, wenn wir das Koks vertickt hĂ€tten. Wir wĂŒrden uns eine Corvette
kaufen und damit nach Italien fahren. Dort wĂŒrden wir uns ein gemĂŒtliches
kleines Haus mieten und den halben Tag in der Sonne liegen. Ich ĂŒberlegte
schon, welche BĂŒcher ich einpacken wĂŒrde, dabei hatte ich noch nicht einmal
einen FĂŒhrerschein.

Als wir am nĂ€chsten Tag vor die TĂŒr traten, warteten die Albaner schon
auf uns. Die Kugel traf mein RĂŒckenmark so unglĂŒcklich, dass ich seitdem
vom Hals ab gelÀhmt bin.

Immer im Mai besucht Bonnie mich im Pflegeheim und ich höre ihr gerne zu,
wenn sie mir ihre Geschichten erzÀhlt, die so leicht und so sonnig sind,
wie die Adria im FrĂŒhjahr. Die jeweilige Pflegekraft verweist auf mein
Namensschild an meinem Pflegebett, auf dem Finn Lehmann steht, und
fragt nach, warum die hĂŒbsche Frau mich Clyde nennt.

Wenn die Kopfhörer auf meinen Ohren sitzen und das Hörbuch eingeschaltet
ist, schließe ich die Augen. Dann liege ich lesend auf meinem Sofa. StĂŒtze
das Buch mit den angezogenen Knien ab, damit ich mit meiner rechten
Hand umblÀttern kann und nehme diesen wunderbaren Geruch in mir auf,
den nur besonders gute BĂŒcher haben.
__________________
Tasha

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DocSchneider
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Hallo Tasha, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

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Ji Rina
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Hallo Tasha,
Herzlich Willkommen!

Der Schwerpunkt Deiner Geschichte liegt auf dem “feinen Leben” des ErzĂ€hlers, -der es sich aufgrund eines Unfalls- leisten kann Zuhause zu bleiben um den ganzen Taglang zu lesen. Dann steht ein bildhĂŒbsches MĂ€dchen (mit blossen FĂŒssen) vor seiner HaustĂŒr, erzĂ€hlt sie habe ein Kilo Koks geklaut und suche ein Versteck. Sie hat sich an ihn gewandt, weil er in der Umgebung als “netter Kerl” bekannt ist. Es stellten sich mir die Fragen, wo ist das Koks? Wieso geht sie zu einem wildfremden Menschen in die Wohnung und nicht zu irgendjemanden den sie kennt? Sie hat kein Fahrrad geklaut, sondern ein Kilo Koks. Und ein Kilo Koks ist schon eine heftige Angelegenheit (und eine Menge Kohle).
Aber im Text geht es dann mehr um Raufasertapete, um einen Aschenbecher, um herumliegende BĂŒcher und um die Frau Schulze mit der Hasenscharte.
Am nĂ€chsten Tag stehen die Albaner vor der TĂŒr und ballern gleich los. Wo das Koks ist, scheint sie nicht zu interessieren. Mit dem hĂŒbschen MĂ€del passiert ja auch nichts, er wird getroffen. Bei dem Geballer kommen auch keine Nachbarn, keine Polizei, wo der junge Mann doch jetzt gelĂ€hmt ist. Auch sehr viel spĂ€ter scheint das MĂ€dchen keinen Unterschlupf mehr zu brauchen, da die Albaner die Angelegenheit nun wohl vergessen haben. Stattdessen kann der ErzĂ€hler jetzt im Pflegeheim weiterlesen und wird von seiner Freundin besucht. Und das Personal wundert sich, dass sie ihn Clyde nennt.

GlaubwĂŒrdiger wĂ€re es, wenn die beiden sich wenigstens flĂŒchtig kennen wĂŒrden und wenn der Grund seiner LĂ€hmung ein anderer wĂ€re. Der Koksklau und das Geballer mit der Polizei ist fĂŒr mich zu weit hergeholt und lĂ€sst viele Fragen offen.
(Nur meine Meinung )
__________________
Der Leser hatÂŽs gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)

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Tasha
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Kurzgeschichte Das Leben

Liebe Hyazinthe, Liebe xavia
vielen Dank fĂŒr Euer Interesse und die lieben Worte. Meine erste
Kurzgeschichte, daher ist einiges zu schnell oder zu kurz gekommen.Ich wollte einen vielschichtigen Protagonisten. Auf der
einen Seite jammert er nicht, ist aber auch nicht mutig genug seine kleine Welt zu verlassen. Er ist glĂŒcklich,da er es geschafft hat BĂŒcher zu seinem Lebensinhalt zu machen. Er ist
zufrieden, was viel wert ist, er macht aus allem das Beste und
sein Glas ist immer voll.Als der TrÀumer, der er ist,daher auch
der erste Unfall, ist er in seiner kleinen Welt gut aufgehoben.
Dann kommt das Schicksal, er erlebt etwas, hat eine tolle Nacht
und bezahlt teuer.Selbst jetzt verzweifelt er nicht, nimmt sein
Schicksal an. Er hat es verloren sein kleines Leben, seine kleinen
Freiheiten. Das Gemeine ist, dass Bonnie nur einmal im Jahr kommt,
anderseits war da auch nur ein gemeinsamer Tag. Ich schÀtze mal,
die Albaner wĂŒrden eingebuchtet, das Koks konfisziert und Bonnie
ist mit einem blauen Auge davon gekommen.
__________________
Tasha

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Tasha
AutorenanwÀrter
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Kurzgeschichte Das Leben

Liebe Ji Rina,der Schwerpunkt meiner Geschichte ist jemand, der
dadurch, dass er BĂŒcher in den Mittelpunkt seines Leben gestellt hat, zwar keine Höhen und Tiefen hat, aber zufrieden ist mit dem,
was er hat. Und ihm ist das alles sehr bewußt. Durch die kurze
Beschreibung des Flurs und des Wohnzimmers bekommt der Leser einen
guten Eindruck,wie er lebt oder haust. Es spricht fĂŒr ihn, dass er sich fragt, ob er auch fĂŒr Frau Schulz mit der Hasenscharte seine
Komfortzone verlassen wĂŒrde. Bonnie will natĂŒrlich zu niemanden gehen, den sie kennt und die Chance grĂ¶ĂŸer ist gefunden zu werden.
Pech, dass die Albaner so schnell da sind. Die Polizei ist natĂŒrlich auch gleich da, wir sind hier in Deutschland, es wird eingesperrt und konfisziert. Bonnie kommt mit einem blauen Auge
davon, aber das ist fĂŒr die Geschichte unwichtig.
Bonnie und Clyde, die Story kennt der Protagonist, sind fĂŒr ihn
die Chance zu einem Roadmovie, wenn auch mit schlimmen Ende. Bei ihm reicht es nur fĂŒr das tragische Ende. Finn ist fĂŒr eine Nacht
Clyde mit diesem wunderhĂŒbschen MĂ€dchen. Dann landet er im Pflegeheim, kann nicht mehr lesen, weil er ja kein Buch halten kann und ist permanent auf Hilfe angewiesen.Einmal im Jahr kommt
Bonnie, die weiterhin ihr Ding macht und nicht seine Freundin ist.
Tasha
__________________
Tasha

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