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Leselupe.de > Kurzprosa
Das Leben der Sarah X
Eingestellt am 24. 03. 2000 00:00


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Sebastian Dalkowski
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2001

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Das Leben der Sarah X
Sarah X wird am 19.7.1983 im stĂ€dtischen Krankenhaus, weiß der Teufel wo geboren. Bei der Geburt ist Vater Bernhard nicht anwesend, weil er mit den Fingern im Kaffeeautomaten des Krankenhauses im Keller steckenbleibt und sich die Hand verbrĂŒht. Erst dreieinhalb Stunden spĂ€ter kann er mit verbundener Hand das Ergebnis zahlreicher nĂ€chtlicher BemĂŒhungen bewundern: 3000 Gramm schwer, 53 cm groß, und schreit unaufhörlich, bis eine beherzte Hebamme ihr eine Zigarette in den Mund steckt, die sie unten im Schwesternzimmer am Zigarettenautomaten gezogen hat. Alle Menschen freuen sich ĂŒber die problemlose Geburt, außer Opa und Oma. Die wissen nĂ€mlich nichts von ihrem GlĂŒck und verbringen vergnĂŒgte Wochen im Seniorenerholungheim in Sibirien. Ein nettes Geschenk von ihrem Sohn Bernhard. Auf Nimmerwiedersehen hat er bei ihrer AbfĂŒhrung gesagt. Sarah X kommt schon bald nach Hause und wackelt immer mit den Beinen, wenn Mama X WDR 4 im Radio hört. Wahrscheinlich möchte sie wegrennen. Mit elf Monaten macht sie ihre ersten Schritte und stellt Papa X ein Beinchen, als er die teure Porzellansammlung aus dem Hause seiner vermutlich erfrorenen Eltern ins Wohnzimmer trĂ€gt. Sarah X weint, als Papa X sie schlĂ€gt. Bald hat Papa X alle WertgegenstĂ€nde aus dem Hause seiner Eltern entwendet und ist nun ein reicher Mann, seine Eltern, Sarah Xs Großeltern sind TiefkĂŒhlkost. Eine BerufslĂŒcke. Mit dreizehn Monaten spricht Sarah X ihre ersten Worte: „Papa, Arschloch.“ Mit zwei Jahren nimmt Sarah X das erste Mal bewußt eine Droge. Sie hĂ€lt eine Salzstange in eine Kerze und bewegt sich alsbald in anderen SphĂ€ren. Als Sarah drei Jahre alt ist, wird ihr Vater wegen zweifachen Mordes an seinen Eltern verhaftet und zu zwanzig Jahren Bettsitzen hinter Gittern verurteilt. Mutter X heult immer, Sarah X lacht, denn wenn Mama X heult, hört sie kein WDR 4. Mit fĂŒnf Jahren geht Sarah X zum ersten Mal auf eine richtige Kinderparty. Dort lernt sie Paul kennen, dem sie völlig hingerissen einen Schmatzer aufdrĂŒckt und ihn heiraten will. Paul aber rennt entsetzt auf die Toilette. Ein Jahr spĂ€ter kommt Sarah X in die Schule. Jungen, die zwei Klassen ĂŒber ihr sind, pfeifen ihr hinterher. Sie ist die einzige, die schon Mama Xs Lippenstift benutzen darf. Zu hause ist Sarah X nur noch Abends, Nachmittags trifft sie sich mit Dietmar aus der dritten Klasse. Mit dem guckt sie immer Kinderstunde oder steckt mit ihm seinen Hamster in die Friteuse, weil das echt Spaß macht. Mit acht Jahren meckert Sarah X zum ersten Mal ihre Lehrerin an, weil sie ihr eine FĂŒnf gegeben hat. Sarah X bringt am nĂ€chsten Tag das große KĂŒchenmesser mit, das normalerweise nicht fĂŒr die Lehrerin gedacht ist. Um zwei Zentimeter verfehlt sie die Lehrerin mit ihrem Wurf. Der Vorfall wird unter der Sparte „Sonstiges“ abgehakt. Mit neun hat Sarah X ihren ersten richtigen Freund: Fred, zwei Jahre Ă€lter und Besitzer eines eigenen Fernsehers. Oft schauen sie fiese Filme an, die recht anschaulich zeigen, auf wie viele Arten man denn so zugrunde gehen kann. Sie rennt weg, als er ihr ein Schmuddelheft von seinem großen Bruder zeigt. Mit zehn Jahren trennt sie sich von Fred, als er ihr seine Zunge in den Hals steckt. Das mag Sarah X nĂ€mlich gar nicht. Bei Siegfried ist das anders. Er ist zwölf und kann kĂŒssen wie die MĂ€nner aus den Filmen, die Mum X immer guckt und dabei weint. Sarah X kommt nun immer spĂ€ter nach Hause, oft sitzt sie noch lange bei ihrem Freund, der ihr immer Nudeln mit Soße aus der Dose kocht. Er ist ein richtiger Gentleman. Sarah X raucht mit elf ihre erste Zigarette, mit zwölf klaut sie ihre erste Dose Bier und trinkt sie mit Manfred, vierzehn Jahre alt. Mum X weint immer hĂ€ufiger, Sarah lacht, wegen WDR 4? Bald will Manfred mehr als KĂŒssen, Sarah X hat sich mit „Super“ aufgeklĂ€rt. Die sagen auch, daß der Rock kurz sein muß und das LĂ€cheln aufgesetzt. Mit Vierzehn passiert es. „Super“ hat nicht gesagt, daß es weh tut. Bei Franz und Hans ist es schon besser, Ralf ist spitze. „Super“ ist jetzt out, „Young Lady“ ist angesagt. Papa X wird vorzeitig entlassen, Sarah X scheißt drauf. Bald streiten sich Mum X und Papa X. Sarah reißt aus und zieht zu Andreas, ihr zwölfter Freund. Er ist achtzehn, sie ist fĂŒnfzehn. Kokain durchzieht mit fĂŒnfzehn zum ersten Mal ihre Nase. „Ich bin frei.“ Ein Wrack ist sie nur ein Jahr spĂ€ter. Niemand ist da, keine Mum X, kein Papa X nur Sarah X. GAME OVER


(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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