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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Das Leben einer Frau zwischen Wirklichkeit, Sehnsucht und Aufbegehren
Eingestellt am 15. 01. 2018 10:21


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Bernhard Schlink, Olga, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07015-6

Bernhard Schlink ist einer der vielseitigsten Schriftsteller im deutschsprachigen Raum. Mit seinem „Vorleser“ auch international berĂŒhmt geworden, hat er seither zahlreiche Romane veröffentlicht, die in all ihrer Unterschiedlichkeit eines verband: die Liebe fĂŒr Geschichten und Menschenschicksale im Rahmen deutscher Geschichte.

Über einen langen Zeitraum deutscher Geschichte spannt sich auch sein neuer Roman, in dem Bernhard Schlink die fiktive Lebensgeschichte von Olga Rink erzĂ€hlt und ihrer lebenslangen schwierigen Liebe zu Herbert Schröder, einem sozial höher gestellten Mann, mit dem sie nie zusammenleben konnte.

Schon als Kinder Endes des 19. Jahrhunderts waren sie zusammen und begrĂŒndeten mit ihrer gegenseitigen Freundschaft eine Beziehung, aus der spĂ€ter ein Sohn namens Eik hervorgehen sollte, den Herbert aber nie kennenlernte. Zu oft und zu lange ist er immer wieder als Abenteurer unterwegs in der Welt, zunĂ€chst in Afrika, wo er eine dunkle Rolle beim Völkermord an den Hereros spielt, dann in Asien, spĂ€ter dann vorzugsweise in der Arktis, wo seine Faszination fĂŒr die legendĂ€re Nordostpassage ihn lange nicht los lĂ€sst, bis er bei einer Expedition verloren geht und ihn mehrere nach ihm suchende Expeditionen nicht finden können. Olga macht gegen erhebliche WiderstĂ€nde eine Ausbildung und arbeitet in verschiedenen Dörfern als Lehrerin.

Olga schreibt ihm postlagernde Briefe nach Trömsö in Norwegen, wo er seine letzte Expedition nach Spitzbergen begann. Ihr Sohn Eik steigt schon vor dem 2. Weltkrieg zu einem hohen Nazischergen auf, was Olga großen Kummer macht.

All das wird erzĂ€hlt von Ferdinand, einem pensionierten Beamten, in dessen Familie Olga nach dem Krieg als NĂ€herin arbeitet. Seine Beziehung zu der alten Frau ist eng, sie liebt ihn wie einen eigenen Sohn. Der ErzĂ€hler vermittelt dem Leser in einem ausfĂŒhrlichen zweiten Teil des Buches seinen persönlichen Eindruck der gealterten Olga, die ihm seit seiner Kindheit gern Geschichten ĂŒber Herberts Abenteuer erzĂ€hlt und zu der er auch als Erwachsener Kontakt hĂ€lt. Schon hier wundert man sich ĂŒber seine Kenntnis zahlreicher Details aus der Lebensgeschichte Olgas, ĂŒber deren Beschaffung er dann erzĂ€hlt. Nach langen Recherchen gelingt es dem selbst schon gealterten Ferdinand in einem Antiquariat in Trömsö einen Packen von postgelagerten Briefen zu erwerben, die wie durch ein Wunder all die Jahrzehnte ĂŒberdauert haben.

Diese Briefe, die in einem dritten Teil des Buches abgedruckt sind, geben nun Olga selbst das Wort und der Leser erfĂ€hrt von manchem neuen Aspekt ihrer langen Lebensgeschichte, die er vorher schon von Ferdinand, dem ErzĂ€hler, erfahren hat. Wenn Ferdinand am Ende resĂŒmiert, dann spricht da durchaus Bernhard Schlink selbst von seiner Begeisterung ĂŒber seine literarische Figur, fĂŒr die es in seiner eigenen Lebensgeschichte vielleicht das eine oder andere Vorbild gegeben haben mag:
„Ich war stolz auf sie. Welches GlĂŒck, wenn das Leben, das ein Mensch lebt, und die VerrĂŒcktheit, die er begeht, zusammenstimmen wie Melodie und Kontrapunkt! Und wenn beides nicht nur zusammenstimmt, sondern der Mensch es selbst zusammenfĂŒgt. Die Melodie von Olgas Leben war ihre Liebe zu Herbert und ihr Widerstand gegen ihn, als ErfĂŒllung und EnttĂ€uschung. Nach dem Widerstand gegen Herberts VerrĂŒcktheit die verrĂŒckte Geste, am Ende des stillen Lebens der laute Schlag - sie hatte den Kontrapunkt zur Melodie ihres Lebens gesetzt.“

Olga ist ein lesenswerter und sprachlich anspruchsvoller Roman ĂŒber das Leben einer Frau zwischen Wirklichkeit, Sehnsucht und Aufbegehren.

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