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Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
Das Letzte
Eingestellt am 30. 06. 2003 23:46


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wondering
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War f├╝r mich als Text schwer einem Forum zuzuordnen...drum hier:

Das Letzte


Eben habe ich noch geh├Ârt, ich sei das Letzte, dann flog die T├╝r mit einem lauten Knall ins Schloss. Rumms, T├╝r zu und ich denke nach... Es war nichts Besonderes vorgefallen, nur mein ├╝bliches Gem├Ąkel an herumliegenden Kleidungsst├╝cken, leeren Lebensmittelverpackungen im K├╝hlschrank und unverschlossener Zahnpastatube nebst hochgeklapptem Toilettendeckel. Ein nicht ungew├Âhnlicher Disput am Fr├╝hst├╝ckstisch mit meinem pubertierenden Sohn. Doch das Attribut „das Letzte“ l├Ą├čt mich nach innen horchen.

Wer oder was ist das Letzte? Gibt es eine eindeutige Definition f├╝r das Letzte? Ist das Letzte ein Zeitpunkt, ein Augenblick oder eher ein Synonym f├╝r etwas, das hinten steht oder hinter anderem abf├Ąllt? Ist es ein Attribut f├╝r etwas Schlechtes und ist nach „dem Letzten“ wirklich Schluss?

Der Duden z├Ąhlt unter „letzte/r/s“ eine ganze Reihe von Beispielen f├╝r den Sprachgebrauch auf, doch eine Definition findet sich nicht. Offensichtlich handelt es sich um ein Adjektiv, das dem dazugeh├Ârigen Substantiv Endlichkeit verleiht: das letzte Einhorn, das letzte Paradies, das letzte Kleinod, will uns sagen, danach ist Schluss. Diesmal steht also „das Letzte“ f├╝r etwas Endliches, das so nicht wiederkehrt. Unser letztes St├╝ndlein, das jedem von uns eines Tages schl├Ągt, kann als Paradebeispiel herhalten.
Weniger dramatisch muten die Alltagssituationen an, in denen „das Letzte“ eine Rolle spielt:
die letzte Bahn zu verpassen, kann teuer werden, oder wenn einem als Letzten die Hunde bei├čen, wird es schmerzhaft. Wer als Letzter die T├╝re schlie├čen muss, sp├╝rt alle Blicke auf sich, w├Ąhrend der Letzte in der Warteschlange wei├č, dies kostet ihn Zeit und Nerven. Aber hier ist Nichts zu Ende, es kommt am fr├╝hen Morgen wieder eine Bahn und beim n├Ąchsten Mal anstehen zu m├╝ssen, geht man einfach eher los, um nicht der/die Letzte zu sein.
Anders ist es da schon mit dem letzten Bier am Abend, der letzten Zigarette oder dem letzten Kuss am Bahnsteig, bevor der geliebte Mensch davon f├Ąhrt. Denn dieses letzte Bier eines sch├Ânen Abends, f├╝r das man entschieden hat, dass man danach zu Bett gehe, nimmt man bewusster zu sich, als jedes andere zuvor. Ebenso ergeht es dieser letzten Zigarette, sei es die letzte des Abends oder sogar des Lebens, Zug f├╝r Zug wird sie genossen, und der letzte Kuss ist keineswegs so fl├╝chtig, wie zum Beispiel der, den man am Morgen auf dem Weg zur Arbeit pflichtgem├Ą├č vergibt. Hier steht das Letzte als Adjektiv neben einer Sache oder einer Handlung, um das Bewusstsein daf├╝r zu sch├Ąrfen. „Mein letztes Hemd“ gebe ich schlie├člich auch nicht einfach so her.
Erstaunlich!
Dazu f├Ąllt mir noch ein, dass ich in einer Zeitschrift ├╝ber Gr├Ânemeyer’s „letzte CD“ gelesen habe. Wird er das Singen aufh├Âren? Nein, gemeint ist seine j├╝ngste CD. F├╝r einen Augenblick bin ich wie elektrisiert von der Erkenntnis, dass mit dem Letzten durchaus noch eine Variante, n├Ąmlich das Vorderste gemeint sein kann: die letzte Version einer Software, oder „der letzte Schrei“, mit dem immerhin die neueste Mode gemeint ist.
Und schlie├člich findet sich in der Bibel, dass die Letzten die Ersten sein werden. Dieser Satz gibt einer ganzen Wissenschaft Anlass, sich mit dem „Umkehrungsprinzip“ auseinander zu setzen. Pl├Âtzlich stehen die eingefahrenen Ordnungen auf dem Kopf, wird der/die/das Letzte an die Spitze verwiesen und menschliche Ma├čst├Ąbe f├╝r „das Letzte“ umgekehrt. Diesem schm├Ąchtigen David h├Ątte niemand zugetraut, den Kampf gegen Goliath zu gewinnen, um nur ein Beispiel aus dem Buch der B├╝cher zu nennen.
Und auch das Aschenputtel wird am Ende Prinzessin, das blinde Huhn findet schlie├člich auch sein Korn.

Was also bleibt als Letztes?
Nicht nur jener Augenblick, nein, auch manchmal jedes einzelne Wort verdienen es, genau betrachtet und bewusst wahrgenommen zu werden. Dies muss nicht in einer unangenehmen „├ťber-Wachheit“ ausarten, sondern sollte jene Leichtigkeit behalten, die Lehren aus der Vergangenheit, Wahrnehmungen aus der Gegenwart in Gestaltung der Zukunft vereint.

Das Allerletzte w├Ąre, am Leben vorbei zu leben.

__________________
Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie woanders zu suchen.

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