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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Das Leuchten einer Göttin
Eingestellt am 25. 03. 2011 16:14


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Miro
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2010

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Das Leuchten einer Göttin


Allein verreist, ohne Dich, das Band zerrissen, das einmal zwischen uns gewebt war, sitze ich an einem Tisch für vier Personen. Neben mir am anderen Tisch, ebenfalls ohne weitere Gesellschaft, sehe ich sie.

Ich bestelle.
Sie bestellt.

Sie bemerkt, dass ich Deutscher bin.
„Darf ich Sie ansprechen?“ fragt sie vom Nebentisch auf deutsch, mit einem skandinavischen Akzent, der genauso sympathisch ist wie ich den Duft des Nordens finde.
Ich sehe zu ihr hin. Eine elegante Frau, gepflegt, aber wohl älter als ich. Bin ich in der Stimmung für ihre Gesellschaft?
„Ja gerne!“ höre ich mich sagen und wundere mich über mich selbst.

Eigentlich wollte ich jetzt schmollen. Du bist nicht da.
Die Welt hätte mich nicht mehr verdient!
Wieso lasse ich mich jetzt darauf ein?
Ich wundere mich über mich selbst.

Ich wollte doch allein sein mit mir und meinem Schmerz, Langusten essen und Bier trinken, egal wie teuer das hier in Norwegen ist.

Stattdessen nun Konversation mit dieser Frau?
Sie kommt an meinen Tisch uns setzt sich mir gegenüber.
Sie stellt sich vor, ich stelle mich vor.

Mede heißt sie. Sie spricht deutsch, ist aber keine Deutsche, sondern Dänin.

Sie suche Zeugnis der nordischen Kultur und Referenzen für die Sagen und Mythen jenseits der christlich-römischen Geschichtsschreibung.
„Es gibt inzwischen unbezweifelte Hinweise, dass Amerika nicht von Christoph Kolumbus entdeckt, sondern erst nach dessen Reise dorthin und unter dem Ein­druck der Schusswaffenerfindung in Europa erobert wurde.“

Erik der Rote und Leif Erikson, sein Sohn seien die eigentlichen Entdecker von Amerika.
„Viele hundert Jahre vor Kolumbus waren sie dort, haben Siedlungen gegründet, haben Handel mit den Ureinwohnern getrieben und Krieg mit denen geführt."
Einige Generationen lang habe es europäische Siedlungen auf amerikanischem Boden gegeben, ehe im Rahmen von Klimaveränderungen und Kriegen schließlich die Wikinger ihre Ansiedlungen in Amerika wieder verlassen hätten.

Sie hätte aufgegeben, zu fordern, dass das heutige Amerika eigentlich den Norwegern ge­höre.
„Warum ?“
„Die Amerikaner werden auch nicht durchsetzen können, dass der Mond ihnen gehört!“ prophezeit sie mir. „Nur weil die als erste eine Fahne dort aufgestellt haben.“

Ich verstehe nicht, was sie damit meint. Ich habe überhaupt keine Ambitionen, mit ihr zu streiten. Ich würde dieser Frau den Mond kampflos überlassen, wenn, ja wenn die mich eigentlich jetzt nur in Ruhe lassen würde!

Mein Sinn steht danach, von Dir zu träumen, nicht danach, Konversation mit dieser Frau zu machen. Aber sie lässt mich nicht in Ruhe.

Sie bezieht Position an meinem Tisch und es ist, als habe Sie gerade hier und jetzt ein Territorium erobert.
„Würde Land erobert, indem ein Abgesandter dort eine Fahne in den Boden steckt und die Besitznahme erklärt, dann wäre Kolumbus zu spät gekommen. Er hätte allenfalls noch ein paar karibische Inseln, nicht aber den nordamerikan­ischen Kontinent in Besitz nehmen können!“
„Weil Leif Erikson zuvor der Eroberer von Amerika war?“

„Leif oder sein Vater -“ sie zuckt mit den Schultern.
„Dann müssten die Amerikaner heute Steuern an die norwegische Krone zahlen!“ Der Gedanke belustigt mich einen Moment lang.
Sie findet diese Idee offenbar auch amüsant. „Ja, wenn Eroberung so statt fände und rechtens wäre.“

Nach einem Moment der Überlegung weist sie auf einen wichtigen Unterschied hin zwischen dem Mond und Amerika:
„Immerhin gab es aber schon Menschen, die in Amerika lebten, lange bevor die Wikinger, und erst recht lange bevor Kolumbus dort hin kam.“
„Also war das Land längst in Besitz genommen, und sie kamen alle zu spät?“

„Die Frage ist, ob Land überhaupt in Besitz genommen werden kann.“
Sie wirft diese Bemerkung in den Raum und lässt mich darüber nachdenken.

„Für die amerikanischen Ureinwohner war die Geste, eine Fahne in den Boden zu rammen jedenfalls kein Rechtsakt, dem die sich verpflichtet gefühlt haben.“
„Es war eine Spielregel im europäischen Kolonialgebaren?“
„Es war jedenfalls nichts, worauf die Ureinwohner sich jemals eingelassen oder geeinigt hatten.“

„Wem gehört Amerika, und wem gehört der Mond?“ ich schüttle verwundert den Kopf und verstehe nicht, warum ich solche Fragen mit dieser fremden Frau diskutiere.


***


„Wem gehören Sie?“ fragt sie mich plötzlich anstelle einer Antwort.
„Ich?“ einen Moment lang frage ich mich, ob ich mich verhört hätte.
„Ich gehöre“, will ich sagen: „niemandem!?“

Sie beobachtet mich und lächelt dabei.
Ihr Lächeln ist tiefgründig, Wie von einem geheimen Wissen erfüllt darüber, welche Gedankenkaskaden sich in mir bewegen.

Bin ich frei, gehöre ich tatsächlich niemandem ?
Oder gehöre ich Dir ?
Bin ich wie das Land, das nicht mit einer Fahne oder einem Ring in Besitz ge­nommen werden kann, oder bin ich solchen Gesten verpflichtet und in den Kon­ventionen gefangen?
Bin ich längst nicht mehr frei, bin ich Dein Ehemann und Dir verpflichtet, ver­sprochen und gebunden?

„Wem gehört Amerika?“ frage ich zurück. Meine Gedanken schweifen ab. Sie schweigt weiter, lächelt mich an.

Bin ich etwa so betrunken von diesem leichten norwegischen Bier, dass ich nicht ein­mal mehr klar denken kann?



„Woran denken Sie gerade?“ fragt sie. Sie sitzt immer noch gegen­über am Tisch und beobachtet mich.
Sind nur Augenblicke vergangen, oder hänge ich schon minutenlang meinen Gedanken und Träumen nach?
„Entschuldigung!“ sage ich.
Sie schüttelt mit dem Kopf und ihr Lächeln wird wärmer und ganz freundlich.
„Es ist völlig in Ordnung!“ sagt sie leise.
Was meint sie wohl, überlege ich.
„Was?“ frage ich deshalb.

Meine Gedanken sind in Deutschland gewesen, bei Dir. Meine Gefühle damit verbunden, ebenfalls bei Dir.
Ich wünsche mir so sehr, Du selbst wärst jetzt hier bei mir!

Stattdessen sitze ich mit einer fremden Frau im Hotel und ringe darum, mich auf ein ziemlich verworrenes Gespräch zu konzentrieren.

„Sie haben geträumt. Sie waren einen Moment lang unendlich glücklich. Ich konnte es ansehen und konnte fühlen. Es ging etwas von Ihnen aus wie die warme Sonne strahlt!“ sie spricht leise, und irgendwie betont das ihren dän­ischen Akzent, der ihr eine liebenswürdige Sinnlichkeit gibt.
„Wie lange?“ frage ich verunsichert, "wie lange habe ich geträumt?“
Sie ist sichtlich amüsiert.
„Vielleicht eine Sekunde?“
„So kurz?“
„So viel?“ fragt sie zurück und scheint zu ahnen, was ich empfunden habe.
„Ja.“ sage ich. Wenn sie so genau erkennt, was in mir vorgeht, dann muss auch so eine kurze Bemerkung genug sein.
„Sie ist eine beneidenswerte Frau!“ sagt Mede.

- Meint sie Dich?
„Wen meinen Sie?“ frage ich.
„Die Frau, von der Sie träumen!“ antwortet sie.


***


Wem gehöre ich ?

Gehöre ich zu Dir, selbst dann, wenn Du mich gar nicht mehr willst?
Bin ich Dir verpflichtet, wenn Du Dich mir nur noch formal, aber nicht mehr emotional zugehörig fühlst ?

Verpflichtet das Eheversprechen mich noch, wenn Du es emotional einseitig aufgekündigt hast? Oder gilt es nur dann, wenn beide Seiten ganz dazu stehen?

Würdest Du noch behaupten, ich hätte meinerseits etwas von den Versprechen unseres gemeinsamen Lebens gebrochen? Oder wäre es Dir einfach egal?
Hätte ich meiner beruflichen Karriere und dem Aufbau der Existenz zu viel Energie, und dem gemeinsamen Leben zu wenig Zeit gegeben?
Hätte ich mir Entspannung und Freizeit genommen, ohne genügend darauf zu achten, dass darin Du einbezogen gewesen wärst?
Hätte ich mir nicht genügend Zeit für Dich genommen?

Was würde das geändert haben ?
Es geht nicht um die Frage, ob jemand von uns schuld hätte, sondern darum, was noch da ist, welche Wirklichkeit unser Alltag, unser Leben und unsere Zu­kunft ist:
Wir: ein Ja oder ein Nein, oder ein nicht mehr ?

Bist Du eigentlich, wenn Du mich gar nicht mehr willst, immer noch die Frau von der ich träume?
Oder entzaubert das Dich ?

Oder gibt es längst einen Traum, der nur noch ein neues Gesicht braucht, eine neue Persönlichkeit ?
Neue Liebe? Neu für mich, neu für Dich und weit jenseits von uns?


***


Mede hat mir von den Åsen und Wanen erzählt, urzeitliche germanische Ge­schlechter, die von den Menschen als Götter verehrt wurden. Die Åsen lebten in Åsgaard und waren eine kriegerische Gesellschaft, die Wanen lebten in Wana­heim und huldigten einem Fruchtbarkeitskult. Sie lebten ursprünglich ganz ge­trennt von einander, und die Riten und Gebräuche der jeweils anderen wirkten bedrohlich und fremdartig.
Die Åsen versuchten, die Zauberin der Wanen, Gullweig zu töten, dreimal durch­bohrten sie sie mit Pfeilen und verbrannten sie, Doch Gullweig erstand immer wieder auf. Viele Jahre währte der Krieg und wogte hin und her, jede Seite verwüstete das Territorium der anderen. Am Ende schlossen sie Frieden und tauschten Geiseln aus.
Sie beherrschten die Welt, bis mit dem Tod des beliebten Baldur die Götter­dämmerung anbrach, die Welt in Chaos versank und das Böse die Oberhand ge­winnen sollte.

Es gibt nur wenige Überlieferungen und Fragmente von Geschichten. Thor, Wotan und Frigg, die Mutter der Brüder Baldur und Höd, Freya, Loki – es sind einige Namen, die wir kennen.
Es gibt zwei mittelalterliche Schriften, die Edda und die alte Edda, wo Ge­schichten um nordische Götter und Helden aufgeschrieben wurden. Aber die wurden in einer schon christianisierten Zeit geschrieben – und die Autoren waren längst nicht mehr offen für den alten Glauben und das Naturverständnis der alten vorchristlichen germanischen Kultur.

Bei Geschichten von antiken Göttern sind uns die griechischen und römischen Götter viel vertrauter, und wir sind wir oft versucht, Parallelen zu diesen griech­ischen und römischen Göttern zu ziehen, da es ja fast keine schriftlichen Über­lieferungen über die germanischen „Götter“ gibt – und schon gar nicht original aus der ursprünglichen Zeit.

„Åsgaard wurde im Krieg zerstört, aber es wurde auch wieder aufgebaut“, er­klärt Mede mir. „Ich reise seit vielen Jahren durch die skandinavischen Länder und suche diesen Ort. Wenn ich es finde, kann es großartiger und bedeutsamer werden als die Entdeckung Trojas!“
„Sie glauben, es gäbe vielleicht einen realen Ort auf der Erde, an dem die ger­manischen Götter tatsächlich gelebt haben?“

„Die Geschichten um die germanischen Götter sind zutiefst menschlich. Sie er­zählen von Liebe, Zwietracht, Eifersucht, zeigen absolut menschliche Charak­täre. Diese Gestalten wurden verklärt, aber es waren mit Sicherheit keine Göt­ter im religiösen Sinne des Wortes!“
„Sie glauben, es könne ein Troja des Nordens geben?“
„Ich fürchte, Åsgaard und Wanaheim waren nie aus Stein gebaut. Viele Zeug­nisse dieser frühen, nordischen Hochkultur waren vergänglich.“
„Wonach können Sie dann heute noch suchen?“
„Es gab eine große Ehrfurcht vor der Natur. An Quellen und Flüssen wurde eine Geistigkeit wahrgenommen, für die in unserer Gesellschaft keine Sensitivität mehr besteht.“

Sie senkt den Blick ihrer nordisch leuchtenden, klaren Augen in mich. In diesen Augen strahlt etwas ganz Außergewöhnliches und nimmt mich gefangen. Ich spüre, sie hat einen Traum, eine Vision!
Mit einem Mal kommt mir der verrückte Gedanke, SIE könne Gullweig sein, die Zauberin der Wanen, die nie getötet werden konnte und immer wieder auferstand. Ein Gedanke, der mich nicht zum letzen Mal beschleichen sollte.

Mede sieht mich an und lächelt.
Ahnt sie meine Gedanken?

„Ich kann sie manchmal fühlen, die Geister, Feen, Lichtgestalten in Wäldern, an Flüssen und Quellen. Sie sollen mich leiten bei der Suche nach dem Erbe der germanischen Göttergeschlechter!“ Sie sagt es leise und ohne jede Eitelkeit.

So unwirklich mir vorkommen möchte, was sie sagt, so überzeugend ist sie da­bei, wie sie es sagt.
„Was ist es, das Sie da fühlen können?“
„Ich glaube, dass es in unserer Welt eine ganz besondere Energie gibt, für die keine Messmethode existiert. Diese Energie ist das Leben und die Lebendigkeit selbst.“ Sie macht eine kurze Pause.
„Als meine Katze gestorben ist, hielt ich sie immer noch in den Armen. Aber ich konnte spüren, da war etwas nicht mehr da, was vorher in ihr war. Sie wog immer noch fünf Kilo. Aber etwas in ihr, das war nicht mehr.“

Ich verstehe sie.
Ich weiß gut, was sie meint.

Ich denke an unseren Hund, der von einem Lastwagen überfahren wurde und ganz plötzlich tot war.
Ich erinnere mich, wie Du seinen toten Körper heim ge­tragen hast. Konnten wir da nicht auch spüren, dass etwas aus ihm entwichen war, etwas, das nicht verloren, aber eben nicht länger mehr in diesem toten Körper verweilte?

Mede sieht mich an.
„Ich kann SIE spüren!“

Sie sagt es und sieht mich eigentümlich intensiv an.
Ich schlucke, halte ihren Blick aus und warte, was sie weiter sagen möchte.
„Sie sind eine starke Quelle von dieser Energie!“

„Ich kann die Energie des Lebens in Ihnen fühlen!“ flüstert sie leise und wie eine verschwörerische Nachricht.
Wie sie mich dabei ansieht, jagt es mir kalte Schauer über den Rücken. Ich weiß, dass sie recht hat. Ich weiß, dass da etwas ist, das sie fühlt.
Noch unsicher und unbestimmt fühle ich längst es selbst auch.

Was ist das?
Ich will fragen, was gerade in diesem Moment geschieht.
Aber es passiert gar nichts. Nicht die Welt ändert sich.
Eine Erkenntnis gelangt nur ganz langsam in mein Bewusstsein.
Etwas, das immer schon da war, verborgen und unerkannt, nehme ich jetzt irgendwie wahr:
Die Energie der Lebendigkeit.

„Hat nicht jeder Mensch gleich viel von dieser Energie in sich?“
"Mitnichten!“ sagt sie leise und bestimmt. „Es gibt viele Menschen, die sind wie Schatten und Reflektionen. Es gibt andere, die leuchten hell stark!“
„Oh, und ich?“ frage ich und ahne schon, was sie antworten wird.
„Sie leuchten strahlend hell wie nur die Götter selbst geleuchtet haben!“

Vielleicht habe ich längst geahnt, wovon sie mir nun erzählt? Jedenfalls höre ich ihr fasziniert weiter zu.

„Würden Sie einen Raum hinter meinem Rücken betreten, wüsste ich das, er­spürte ich das sofort!
Bestimmt haben Sie auch schon einmal gemerkt, allein in einem Raum, dass plötz­lich jemand Sie ansieht, irgendwo hinter ihnen steht und sie haben den nicht gehört, schon gar nicht gesehen. Ich kann so etwas gut spüren.
Bei Ihnen ist das ganz besonders intensiv!“

Sie sieht mich nach diesen Worten an, sagt nichts mehr und wartet wohl darauf, was ich dazu sagen werde.
Ich bin indes erst einmal verwirrt. Es braucht eine kleine Bedenkzeit, diese Botschaft zu verstehen, zu begreifen und zu deuten.


***


Du gehst in die Kirche. Du betest.
Was bedeutet das für Dich? Was gibt es Dir?

Wotan oder Thor, Frigg oder Freya,
sie sind nicht unsere Götter.

Woran glaubst Du, und was bedeutet für Dich
woran Du glaubst?


***


„Die alten Götter sind tot. Die Götterdämmerung kam über die Welt und hat sie alle hinweg gerissen.“
Doch etwas ist in der Welt geblieben. Mit den Göttern ist nicht die Lebendig­keit selbst gestorben.
„Etwas Ewiges ist geblieben, aus vielen Welten der Menschen, der Götter, der Riesen, Trolle, Feen und anderer Zauberwesen. Die Grenzen der Welten sind vergangen, es gibt niemanden mehr, der sie bewacht.
Aber der strahlende Zauber des Lebens ist immer noch da.


***


Mein Leben in die Verpflichtung nehmen, damit Dein Leben gedeihlich und schön sei, für Dich sorgen, Dich hegen und pflegen und gut sein,

ist das Liebe?

meine Zärtlichkeit Dir widmen, schöne Momente schaffen und Empfindungen, Dich streicheln, Deine Lust und Freude erspüren,





ist das Liebe?

meinen Sex Dir exclusiv schenken, nur für Dich und nur mit Dir ES zu tun, aller fremden Verlockung widerstehen,

ist das Liebe?

mit meinem Leib eine Kugel auffangen, die auf Dich abgeschossen wäre – um Dich zu retten,

ist das Liebe?

für unsere Kinder und unsere Familie sorgen und arbeiten, jeden Frust hin­nehmend,

ist das Liebe?

Dich auch dann noch ertragen, wenn Du schlechte Laune hast – und selbst dann, wenn ich selbst vielleicht der Grund dafür wäre,

ist das Liebe?

… ohne alle „Hummeln im Bauch“ und ein hormonelles Glücksgefühl dennoch treu zu sein und das Leben jahrzehntelang an einander orientieren,

ist das Liebe?

Wenn das Liebe ist, wäre das ALLES?

Wenn es das ist, wäre es das wert, ALLES zu sein ?
Wäre das ein „Liebesleben“ für's ganze Leben gewesen?

Oder gibt es da noch einen letzten Ausbruch, ein Feuer, das ehe es erlischt al­les verbrennt und wie Phönix aus der Asche den Gefühlen neue Geltung ver­schaf­ft, eine sterbende, verdörrte Emotionalität wieder neu erblühen lässt?

Verbrennt dieses Feuer die Langeweile des Alltags und schafft neue Zustände?

Ist die „neue Liebe“ wie die Eroberung eines fremden Landes?
Mag sein, es gäbe dort plötzlich giftige Schlangen, verheerende Stürme und feindliche Ureinwohner.

Aber gäbe es eben auch den Ausbruch aus Konventionen, frischen Sex, neues Glücks­gefühl ?


***


Baldur galt als unverwundbar. Der schöne Jüngling konnte beschossen, be­schmissen und auf jede Weise angegriffen werden: die ganze Welt hatte ge­schworen, ihm kein Leid antun zu dürfen.
Die Götter machten sich einen Spaß daraus, mit Eiern, mit Pfeilen und Tomaten auf ihren Liebling zu werfen.
Nichts konnte ihn treffen und verletzen!

Nur eine harmlose Mistel hatte man diesen Schwur nicht machen lassen. Zu klein und zu unbedarft wäre sie gewesen, und hätte die Tragweite eines solchen Schwurs gar nicht begreifen können.

Der Intrigant in der germanischen Götterwelt, Loki, fand das heraus.
Dem blinden Bruder von Baldur, Höd, gab er einen Mistelzweig und sagte, der solle doch einmal auch an dem Spaß teilhaben, etwas auf Baldur zu werfen.

Höd warf den Zweig und traf damit seinen Bruder tödlich!

Das Entsetzen war grenzenlos.
Doch so schnell geben Götter nicht auf. Noch immer war nicht alles verloren.
Baldurs anderer Bruder, Hermod, übernahm den Höllenritt zur Göttin der Unter­welt.
Mit ihr, der Hüterin des Totenreiches, der Göttin Hel, wurde vereinbart, dass dann, wenn die ganze Welt trauern würde, Baldur aus dem Totenreich wieder entlas­sen werden könne.

Die Asen schickten Boten bis ans Ende der Welt mit der Aufforderung, Baldur aus dem Totenreich heraus zu weinen.
Alles und jeder war bereit, mit den Göttern zu trauern.

Loki aber, in Verkleidung und in der Gestalt der Riesin Thökk, verneinte zu trauern.
„Meine Augen werden trocken bleiben!“ soll sie gesagt haben. „Weder im Leben noch im Tod habe ich Baldur geliebt!“

Damit war das Schicksal dann besiegelt.
So erst war Baldurs Tod endgültig und das Schicksal der germanischen Götter nahm seinen Lauf:

Die „Götterdämmerung“ begann, der Untergang einer mythischen Welt.


***

Die Götter haben das nicht verziehen. Ihre Rache an Loki war so martialisch wie ihr Schmerz und ihre Trauer. Sie schleppten ihn in eine finstere Höhle, stellten drei Steinplatten hochkant auf und fesselten Loki darauf. Die Berggöttin Skadi nahm eine Giftschlange, aus deren Maul ätzendes Gift fiel und band sie so über Loki fest, dass das Gift auf dessen Kopf tropfte.
Lokis Frau Sigyn hatte eine Schale, mit der sie das Gift auffing. Sie stand daneben und versuchte die Schmerzen ihres Mannes zu lindern.
Doch jedes Mal, wenn die Schale voll war und sie die ausleeren musste, dann tropfte das Gift ungehindert auf Lokis Gesicht. Dann zuckte er unter unsäg­lichen Schmerzen so furchtbar, dass die Erde bebte.

Faszinierend finde ich, dass bei all der grausamen Tortur, die sich die Götter ausgedacht haben, sie Sigyn, Lokis Ehefrau, keineswegs daran hindern, dessen Schmerzen zu lindern. Sigyns Treue zu ihrem Mann akzeptierten sie und ließen sie auch gewähren, seine Qualen zu lindern und damit die Durchführung der Strafe zu mindern.
Gleichermaßen beeindruckend finde ich, dass sie als Ehefrau dem elendigen, intriganten Unglücksbringer trotzdem die Treue hält.

Ich frage mich leise:
Hätte ich die ganze Welt ins Verderben geführt, würdest Du dann dennoch zu mir stehen ?


***


„Wenn andere Menschen wie eine kleine Kerze leuchten, dann sind Sie dagegen wie eine lodernde Fackel!“ sagt Mede.
Es lässt mich erschauern.
„Was hat das zu bedeuten?“ frage ich sie und mich gleichermaßen.

Sie schüttelt den Kopf und sagt anstelle einer Antwort:
„Ich bin noch nie jemandem mit solcher Energie begegnet wie Ihnen!“

„Aber Sie haben andere getroffen?“
„Ja“
„Was haben Sie da erfahren, was haben Sie daraus gelernt?“

Sie beantworten meine Frage nicht sofort.
Scheinbar überlegt sie, WIE sie mir etwas sagen kann und sollte, dass nicht ganz einfach ist.

„Gibt es Andere, die so leuchten?“ hake ich nach.
„Wahrscheinlich!“ sagt sie. „Aber ich kann mich nicht erinnern, es so stark gefühlt zu haben!“
Sie sieht mich mit ihren strahlenden Augen an und sagt dann: „Sie leuchten, als wenn Sie zu den Göttern gehören!“

Grauen packt mich!
Möchte ich nach der Götterdämmerung diesem Club noch angehören?


***


„Hat es diese Götter überhaupt je gegeben ?“
„Ja.“ sagt sie sehr ernst. „Ich bin auf ihren Spuren.“
„Was waren sie wirklich ?“
„In der Erinnerung an sie wurden sie glorifiziert. Tatsächlich waren sie in viel­er­lei Hinsicht sehr menschlich.“
„Also waren es eigentlich Menschen ?“
„Wahrscheinlich irgendwie. Deshalb suche ich ja auch ihre Wohnstätten, suche ich nach Wanaheim und Asgaart hier auf der Welt“, gesteht Mede ein.

„Sie müssen in einer prähistorischen Zeit unter schwierigen Lebensbedingungen gelebt haben und gestorben sein. Ich stelle mir vor, das der Kampf um das täg­liche Überleben gerade hier in Nordeuropa sehr hart gewesen sein muss.“
„Es war eine andere Zeit“, räumt Mede ein.
„Es gab keine technischen Hilfsmittel. Ich frage mich, ob sie schon Eisen bear­beiten konnten – oder kannten sie nur Bronze, oder war selbst der Umgang damit noch unbekannt? Immerhin müsste es dann doch Funde geben von den in diesem Material gefertigten Werkstücken, oder?“
„Es gibt allerlei Funde auch in Nordeuropa. Aber sie werden Menschen zuge­ordnet, nicht Göttern.“
„Wenn die Götter letztlich auch Menschen waren, wie wollen Sie da je einen Unterschied finden ?“
„Wegen des Leuchtens!“ antwortet sie.

„Wegen des Leuchtens?“
„Sie hatten wohl keine hochentwickelte Technologie nach heutigem Ver­ständ­nis. Aber die Asen und Wanen hatten eine besondere Gabe, mit der leuchtenden Energie des Lebens umzu­gehen.
Heute würden wir es parapsycho­logische Fähig­keit nennen oder metaphysisch.“
„Ahh ja!“ sage ich. Sage es wohl etwas zu schnell.
„Spotten Sie nicht darüber!“ gibt sie mir deshalb zur Antwort.


Die Sage erzählt, Asgard habe in den Zweigen der Weltesche Yggdrasil ge­legen, oberhalb von Midgard, dem Reich der Menschen. Es habe dort gewaltige Paläste der Götter gegeben, so auch Gladsheim mit dem Saal Wallhall, Odins Heim, in den die germanischen Krieger nach ihrem Tod gelangen sollten.
Über die Regenbogenbrücke Bifröst seien das Götterreich und das Menschen­reich miteinander verbunden gewesen.
Diese Sage ist in der Edda überliefert – doch diese ist längst in mythischer Verklärung und nach immer weiteren Ausschmückungen in einer viel späteren Zeit aufgeschrieben und von Autoren christlicher Prägung interpretierend verfälscht worden.
Asgaard stellten die Menschen sich manchmal vor als eine riesige steinerne Burg mit unbezwingbaren Mauern.

„Machen wir uns nichts vor: der Baustoff des Nordens war Holz und hat bis heute eine besondere Tradition. Nach einer steinernen Festung suche ich schon lange nicht mehr.“ erklärt Mede.

„Aber Holz ist vergänglich, und eine hölzerne Stadt aus prähistorischer Zeit wird einfach zerfallen sein!“
„Ja, da haben Sie wahrscheinlich recht!“ gesteht sie ein.
„Aber was suchen Sie dann?“ frage ich.

„Das Leuchten des Lebens!“

Es ist nicht nur eine passive Energie, die in den Lebewesen deren Lebendigkeit ausmacht, es ist auch eine Quelle von Kraft und mystischen Fähigkeiten, die denen gegeben ist, die mit dieser Energie im Einklang sind und sich ihrer bewusst sind.

„Die alten Götter waren sich dieser Energie bewusst. Sie konnten mit deren Hilfe Einfluss nehmen in vielfältiger Weise, und deren Kultur war deshalb keineswegs so primitiv, wie die Betrachtung der technisch-industriellen Fähig­keiten in der damaligen Zeit nahe legen könnte!“

„Sind sie alle tot?“ frage ich.
„Ja“, antwortet Mede. „Odin, Thor oder Freya gibt es nicht mehr. Aber die Energie des Lebens, die in ihnen war, die ist immer noch da. Auch die Ideen, für die sie gestanden haben, sind noch da.“
„Wo sind sie?“
„Vielleicht in Menschen wie Ihnen?“
Ich zucke zusammen, wie sie das sagt.
„Sie könnten Baldurs Erbe sein!“
„Warum Baldurs Erbe? Warum nicht Thors oder Odins oder einer der anderen Götter?“
„Nur Baldur bringt die Hoffnung in die Welt zurück!“

„Das ist doch eine irrwitzige Traumtänzerei!“ sage ich kopfschüttelnd. Wieso sollte ganz zufällig in einer Person sich das geistige Erbe einer alten german­ischen Gottheit wieder finden?
Sie greift meinen Gedanken, den ich gar nicht ganz ausgesprochen habe auf.
„Wäre es nur Zufall, hätten Sie recht!“
„Es ist kein Zufall?“
„Nein!“
„Was dann?“
„Es ist Schicksal !“

Sie spricht so leise, dass ich sie kaum verstehe. So als könne sie ein Geheimnis verraten, das unter diesem Verrat dann zerbrechen würde.

"Es gibt keinen Zufall.“
„Keinen Zufall?“
„Nein.“

Wer bestimmt denn über das Schicksal?
Wer entscheidet denn – und wer verantwortet das, was entschieden wurde ?

„Es gibt einen großen Plan des Lebens.
Wir kennen diesen Plan nicht. Auch die Götter kannten ihn nicht, auch sie ahnten nur, dass es ihn geben würde.
Auch die Götter unterlagen diesem Plan des Schicksals.“


***


„Wer sind Sie?“ frage ich sie.
Sie lächelt mich geheimnisvoll an.
„Wie hell leuchten Sie?“

Da ich gerade erst zu spüren gelernt habe, dass es dieses „Leuchten des Lebens“ gibt, vermute ich, es in ihr zu empfinden.
Ich kann es aber noch überhaupt nicht in seiner Stärke bewerten, noch gar nicht erkennen, was genau es bedeuten mag.

„Sind Sie dann die Erbin von Gullweig?“ frage ich mich plötzlich – aber ich stelle ihr diese Frage nicht laut.




Gullweig tanzt

Sie ist Priesterin, Zauberin, Göttin in einer Gesellschaft, der die Fruchtbarkeit des Lebens heilig ist.

Ihre Nacktheit ist nicht anstößig, nicht ungewöhnlich, nicht verwunderlich.
Ihr Sex ist Inhalt dessen, was sie vermittelt.

Gullweig tanzt.

Sie ist nackt und frivol, sie will inspirieren, verführen, verlocken.
Es ist Midsommer, es ist Lagnaraa.
Auf den Feldern brennen Feuer, um die sie tanzt.

Gullweig tanzt.

Ihr Tanz ist Akt.
Ihr Tanz ist pure Erotik.
Ihr Tanz ist Sex.

Gullweig tanzt.

Sie ist Hexe, sie ist Zauberin, sie ist Magierin.
Sie verzaubert die Welt, nicht nur Männer, die ihr zusehen.
Sie ist Anstifterin und Verführerin ...

Gullweig tanzt.

Ohne Kleid, ohne alles,
Nacktheit ihre Zier,
ganz speziell!

Gullweig tanzt.


***


Wir sind ein Stück mit dem Auto gefahren, aber schließlich ist das Gelände so unwegsam, dass wir nur noch zu Fuß weiter gehen können. Das Rauschen des fallenden Wassers kann ich in der Ferne leise hören – und immer wieder öffnet sich der gigantische Ausblick auf den Geiranger Fjord.
Mede führt mich teilweise über schroffe, kahle Felsen, die an manchen Stellen von Flechten und Moosen bedeckt sind. Es hat erst vor kurzem wieder ge­regnet. An manchen Stellen ist der Untergrund rutschig, aber wir tragen beide feste Wanderschuhe.
Mede bewegt sich geschickt und behende. Sie trägt einen weiten Pullover und eine locker sitzende Stoffhose, die ihre Figur verdeckt. Aber sie bewegt sich wie eine junge Frau, denke ich, während ich neben und hinter ihr her kraksele.
Sie ist ganz offensichtlich nicht die Frau, die sie zu sein ich dachte, als ich sie im Hotel erstmalig gesehen hatte.

Die Luft ist klar und frisch und hat diesen einzigartigen Geruch von Skandinavien, den ich so unendlich gerne mag.


Nach etwa knapp zwei Stunden gelangen wir zu einem Bach. Sie sucht einen Stein und setzt sich darauf, bedeutet mir, ebenfalls mir einen Platz zu suchen.

„Dies ist eine der Schwestern“, erklärt sie mir. „Da hinten stürzt das Wasser über die Klippe, und dann fast dreihundert Meter in die Tiefe.“
„Es sind sieben Schwestern?“
„De syv søstre nennt man sie. Aber eigentlich sind nur noch vier von ihnen üb­rig, denn im Sommer ist nicht mehr so viel Wasser da wie früher. Vier Was­serfälle sind geblieben.“
„Warum nennt man die fallenden Wasser Schwestern ?“
„Es sind die Tränen um verlorenes Glück, aus denen diese Wasserfälle gespeist werden. Es sind vertane Chancen des Lebens und tragische Folgen, die sich da­raus ergeben haben.“
„Was ist passiert?“
„Es waren einmal sieben Schwestern. Sie waren schöne, begehrenswerte Frauen. Sie lebten hier auf einem einsamen Gehöft. Ein junger Mann kam und wollte eine der Schwestern für sich gewinnen. Er hat nacheinander jede von ihnen umworben.
Aber keine hat ihn erhört.
Daraufhin hat er zur Flasche gegriffen und wurde Alkoholiker.“

Ich höre die Geschichte und bin schockiert, wie schmucklos und grausam sie es darstellt.
„Wenn man die Schwestern vom Fjord aus betrachtet, haben die Wasserfälle die Form einer Flasche.“
„Was für eine unromantische Geschichte!“ entfährt mir.
„Das Leben in diesem Land ist hart. Viele Höfe und Anwesen sind lange verlas­sen.“
Sie deuten mit einer weiten Bewegung ihres Armes über die malerische Landschaft.
„Die Schwestern blieben einsam, ihre Schönheit welkte dahin und am Ende blieben nur die Tränen um vergeudetes Glück.“

Ich bin bedrückt, diese Geschichte anzuhören und finde sie kalt und grausam, der Nordwind erfasst mich und lässt mich frösteln.

„Aus diesen Tränen speisen sich bis heute die Wasserfälle, stürzen voller Ver­zweiflung in den Fjord!

Die Geschichte erfüllt mich mit einer tiefen Wehmut. Ich finde nicht einmal das Land plötzlich noch schön, Traurigkeit wird zu beherrschenden Gefühl.
Das also sind die „sieben Schwestern?“ frage ich mich.
„Am Ende versiegen dann sogar die Tränen!“ sinniere ich und denke daran, dass nur noch vier der sieben Schwestern weinen können ...


***


Hast Du noch Tränen für uns übrig?

Gibt es noch eine Hoffnung – selbst wenn Du jetzt nicht hier bist?
Oder wären längst auch Deine Tränen versiegt ?


***


Es ist Midsommer in Norwegen. Es ist die Zeit der längsten Tage, und die Nächte sind nicht mehr wirklich dunkel. Es ist eine Zeit von Zauber und Un­wirk­lichkeit, eine Zeit, in der Naturgesetze nicht mehr zu gelten scheinen und alle Land- und Wassergeister ihre rauschenden Feste feiern.
Die Elfen, Trolle und Zwerge behüten das Land aus ihren den Menschen ver­borgenen Festen.
Wenn aber Midsommer ist, dann zünden sie ihre Elmsfeuer und schlagen auf ihren Lauten geheime Melodien einer uralten Zeit. Sie tanzen und scheinen alle Heimlichkeit zu vergessen, die sie das ganze Jahr über den Menschen gegen­über praktizieren.

Wenn Midsommer ist, dann kann man ihnen ganz unvermittelt begegnen, und sie sind wie berauscht von Ihrem Fest, sie sind oft unendlich zugänglich, freundlich und ziehen Menschen hinein in ihre Zauberwelt.
Sie können aber auch grausam und herzlos sein und die Menschen ganz ein­fach in Verderben reißen.
Die Launen der Zauberwesen entziehen sich jeder Logik der Menschen.

Midsommer ist eine unsichere, eine magische Zeit. Zwischen Spuk und Trug, zwischen Angst und Faszination hin und her gerissen erleben die Menschen Jahr für Jahr diese Zeit, die etwa von Mitte Juni bis Anfang Juli im Kalender der Menschen dauert.
IKEA, das schwedische Möbelhaus macht Werbung damit: „... auch die Preise spielen verrückt“ - und die Menschen des Nordens erleben den wilden, ur­tüm­lichen Zauber, der in ihrer Welt herrscht.


***


Die Strahlen der Sonne sind warm und freundlich.
Sie brennen nicht, hier im hohen Norden.
Ich spüre die Wärme und das sanfte Streicheln des Windes, der diese aromatische Luft um mich herum bewegt.

Ich habe die Augen geschlossen, ich will nicht länger an die sieben Schwestern denken, an die große Traurigkeit.

Ich höre das sanfte Plätschern des Wassers, jeder Tropfen so arglos und nicht ahnend, dass bald ein Sturz in die Tiefe folgen wird.
Ich höre fern das Rauschen fallenden Wassers.

„Sie leuchten!“ sagt mit einem Mal Mede.
Beinahe hatte ich vergessen, dass sie mit mir hierher gekommen ist. - Ich schrecke aus meinen Gedanken auf.
Sie sitzt auf dem Stein, etwa vier Meter von mir entfernt und beobachtet mich. Ich weiß es, habe die Augen noch geschlossen und spüre die Welt um mich herum.
„Was?“ frage ich, möchte wissen, was sie gemeint hat.
„Es ist wunderschön!“ flüstert sie statt eine Antwort und ich frage mich, ob sie mit mir redet oder zu sich selbst.

„Es ist nur der Widerschein der Midsommer-Sonne!“ höre ich mich sagen und wundere mich, wie ich darauf komme, so etwas zu sagen.

„Nein!“ sagt sie. „Das ist kein Widerschein!“
Ich öffne die Augen uns sehe im gleißenden Licht nur schemenhaft die Frau auf dem Stein sitzen. Ich merke, wie ein Lächeln meinen Körper erfasst. Es ist kein bloßer Gesichtsausdruck, es ist ein tief empfundenes, warmes und freundliches Gefühl in mir.
Es ist unendlich wohltuend.

„Oh ihr Götter!“ sagt sie.


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Durch Lokis Intrige konnte auch Hel, die Göttin des Totenreiches Baldur nicht wieder frei geben. Die Bedingung war gewesen, JEDES Wesen hätte um ihn trauern müssen. Loki aber hatte nicht getrauert, hatte sich getarnt und öf­fent­lich gemacht, dass da jemand nicht trauern würde.

Erst am Ende aller Tage wird deshalb Baldur wieder auf die Welt kommen, zum Ragnarök. Mit der Wiederkehr Baldurs soll eine neue Zeit, eine neue Welt be­ginnen.

Die Sage wurde mit der Wiederkehr des Messias „am Jüngsten Tag“, mit den apokalyptischen Sequenzen der Offenbarung des Johannes vermischt und ge­deutet.

Es gibt keine originalen nordischen Quellen, es gibt keine Überlieferungen, die nicht verfälscht worden wären.
Es gibt keine Erinnerungen mehr.

Es gibt Endzeit-Mythen in vielen Kulturen, speziell aus Vorderasien und Afrika.
Davon auch nur gehört zu haben verändert unsere Wahrnehmung, verändert unsere Sicht der Dinge und macht uns befangen.
Wir können nicht mehr wirklich die Erinnerungsfetzen aus der germanischen Mythologie mental erfassen, weil wir befangen sind.


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Ich bemerke: Sie sagt nicht länger „Sie“ zu mir, sie dutzt mich jetzt.
Ich nehme es wahr und akzeptiere es.

Zwischen uns besteht plötzlich eine Harmonie, ein Wohlfühlen, ohne dass es da­für hätte einen Ursprung gegeben hätte.

Haben sich unsere Seelen einander zu verstehen erklärt, und müssen wir als Personen diesen Schritt zur Nähe erst noch tun?

Steht hinter jedem Wesen eine Seele, ein zweiter Geist?
Gibt es einen „Schutzengel“, wie es vielleicht schon so viele Jahre lang genannt wurde?

Hätten unsere Engel sich längst verstanden ?


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Mede hatte sich mir zunächst wie eine eher ältere Frau gezeigt.
Aber jetzt bewegt sie sich wie eine junge Frau. Sie ist behende, geschickt, reakt­ions­schnell. Sie klettert über die von Flechten bedeckten Felsen, als sei das selbstverständlich.
Ich rutsche darauf aus, falle hin, stoße mich.
Sie nicht.

„Bist Du Gullweig?“ möchte ich wiederum fragen, sie, die sich mir als Mede aus Däne­mark vorgestellt hat und wage es doch noch immer nicht.
Ich könnte mich der Lächer­lichkeit preisgeben, eine solche Frage zu stellen?!


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„Männer sind in der Magie einfach unendlich unbedarft!“ hatte mir einmal vor langer Zeit eine Freundin verraten.
Ich hatte das Thema damals nicht sonderlich ernst genommen, weil ich sie vögeln wollte, und so nahe daran war, dass wir die Magie-Thematik nicht wirk­lich weiter diskutieren mussten.


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Was suchst Du, das Du bei mir nicht findest, nicht einmal mehr mit mir suchen magst?
Warum sagst Du es mir nicht einmal, wenn ich Dich frage?

Wie tief hat sich irgend eine Enttäuschung in Dich gefressen, wie sehr ver­ätzt und verbrennt die Deine Liebe zu mir?
Es tut mir unendlich leid, es tut mir weh, dass es dazu hat kommen können.
Ich bin so traurig, und weiß nicht, was ich tun könnte.


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Mede ist bezaubernd, ist fit und kompetent, und je länger ich sie betrachte, eingehüllt in Klamotten, die nicht viel von ihrer Figur zeigen, desto mehr wird mir klar, dass die eine sehr attraktive Frau ist, überhaupt nicht mehr die elegante ältere Dame, die ich zuerst in ihr gesehen hatte.

Unvorstellbar ?
Unglaublich ?

Wir haben das gleiche Hotel.
Wir haben die gleiche Etage.

Wir haben letztlich im gleichen Zimmer
und im gleichen Bett geschlafen.
Haben wir auch miteinander
geschlafen ?

Aber was so banal scheint und sich so einfach anhört,
das war nicht so

nicht einfach
nicht einfach so …



Du hättest hier sein sollen.
Ich habe nicht vor, die Welt ins Unglück zu führen.
Aber wenn ich es täte, dann solltest Du immer noch bei mir sein:
So wie sie bei ihm, wie seine Ehefrau bei Loki.

Ich sehnte mich danach, absolut grenzenlos vertrauen zu können.
Niemand war mir näher als Du.
Dir wollte ich vertrauen können.

Aber das ist wohl vorbei, für immer vorbei. Zurück bleiben Schmerz, Verletztheit und tiefe Traurigkeit.

Wenn das Gift auf mich tropfen würde, dann wirst Du nicht da sein, die Schale zu halten um meine Schmerzen zu lindern.
Wenn die ganze Welt gegen mich wäre, und wenn ich ganz viel Schuld auf mich geladen hätte, wärst Du nicht mehr da, ständest Du nicht hinter mir, neben mir oder vielleicht sogar vor mir!
Nein, DU nicht mehr und nicht für mich.


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Hagen von Tronje war wohl eine ähnlich intrigante Gestalt wie Loki in den Göt­tergeschichten. Er hatte Kriemhild veranlasst, die einzig verletzliche Stelle am Körper des Drachentöters und Helden Siegfried, der ihr Ehemann war, zu kenn­zeichnen.
- Eigentlich, damit er auch an dieser Stelle geschützt werden sollte.

Doch das Böse in der Welt tötete den Helden.
Hagen bediente sich nicht einmal eines Helfers wie Loki, der den blinden Hög den Mistelzweig werfen ließ. – Er selbst warf den Speer und tötete Siegfried.

Hagen nahm den Nibelungenschatz und versenkte das Rheingold.
Bis heute sagenumwogener Reichtum, der nie wieder gefunden wurde.

Die Motivation des Bösen bleibt verborgen.
Wir verstehen nicht, warum Loki Baldur getötet sehen wollte, wir verstehen nicht, warum Hagen von Tronje, der unzweifelhaft ein Ritter und Staatsmann seiner Zeit war dennoch Siegfried's Tod wollte und ihn ermordet hat.

Wie ein Krimi aus der Vorzeit ist diese Geschichte uns überliefert.

Wir lesen sie und verstehen sie nicht wirklich.

Am Ende lassen die Nibelungen sich an den Hof des Hunnenkönigs locken, den Kriemhild nach Siegfried's Tod geheiratet hatte.
Sie ahnen die Gefahr, die von der rachsüchtigen Königin ausgeht. Hagen von Tronje ist einer von ihnen – und Kriemhild will seinen Tod.
Doch untereinander sind die Nibelungen eine verschworene Gemeinschaft.
Sie gehen sehenden Auges gemeinsam in den Untergang.
Sie halten einander die Treue: und sterben in einer unnützen, grausamen Schlacht.

„Nibelungentreue“ beschreibt die bedingungslose Hingabe und Treue, der Begriff wurde nicht für Lokis Frau geprägt, würde aber auf sie passen.
Nibelungentreue hält sie, selbst gegen jede Vernunft und Ehre.

Nibelungentreue wünschte ich mir auch von Dir - und hätte sie Dir gehalten.
Es war wohl eine unpassende Vorstellung, vielleicht aus einer anderen Welt, jedenfalls aber aus einer anderen Zeit?


***


Hatte ich eigentlich jemals über sie, Mede, gedacht, sie wäre eine langweilige Frau ?
Hatte ich gedacht, diese Frau aus Dänemark sei zu alt, als ich sie sexuell attraktiv hätte finden können?

Tatsächlich sprüht sie von Ideen, von Freude an Experimenten und ist beseelt von einer Idee, der sie schier unglaubliche Energie schenkt!

Sie ist unglaublich charmant, sie ist nachsichtig, wann immer ich denke, in ein „Fettnäpfchen“ getreten haben zu können.
Eine so plumpe Frage mit den Worten, „ob in ihrem Alter“ habe ich mir gar nicht erst erlaubt.

Je länger wir beisammen sind, desto mehr beginne ich sie einfach zu be­wundern.

Mede ist total „taff“ !


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Wie sie sich zu mir gesellt hat, war schon genial.
Hätte ich umgekehrt gewagt, eine jüngere Frau am Nebentisch in einem fremden Land einfach anzusprechen?

Später haben wir getanzt.
„Ich bin wirklich kein begnadeter Tänzer“ habe ich versucht, mich zu ent­schuldigen.
„Es ist gut!“ hat sie nur gesagt, mit dem ihr ureigenen Charme und mir ein gigantisches Lächeln geschenkt.

Dann haben wir getanzt.

Sie braucht keine Ansage. Sie braucht keine Absprache.
Sie kann spüren, was ich führen will. Dabei ich bin mir sicher, dass ich genau so lausig „geführt“ habe wie immer.
Du hast es oft genug bemängelt: Ich würde nicht klar und deutlich zeigen, was zu tanzen ich vorhabe.

Sie aber versteht mich. Sie tanzt mit mir, sie lacht dabei und freut sich, sie ist nicht angespannt oder konzentriert.
Sie ist locker und lässt sich führen, sie lässt sich auf hinreißenste Weise von mir verführen ...

Mede lässt sich gehen und mich mit. Wie schwingen in Harmonie, sie ist geschmeidig wie eine Katze, sie bewegt sich in meinen Armen und im Tanz neben mir in einer unglaublichen Feinfühligkeit!
So habe ich Tanzen noch nie erlebt!

Sie hat ein Glitzern in den Augen, wenn sie mich am Ende einer Drehung an­sieht, das von unermesslicher Freude erzählt.
Sie wartet nicht „angespannt“ was wohl als nächstes auf dem tänzerischen Pro­gramm steht, sondern genießt jeden Augenblick des rhythmischen Miteinanders.
Wir schwingen nicht nur äußerlich, sondern innerlich in Gleichklang, wir tanzen keine Technik, sondern Gefühl.
Es ist wie guter Sex, sinniere ich: nicht Technik, sondern Gefühl macht es am Ende schön!!

Dann, am Ende tanzen wir nicht, sondern küssen einander.
Dann küssen wir nicht mehr nur, sondern finden immer enger zusammen.

Als ich aufwache, liegt sie ganz nahe neben mir und schläft noch.
Ich küsse ihren Mund und ein Lächeln verzaubert im gleichen Augenblick schon ihr Gesicht.

Sie bewegt sich, sie reibt sich an mir. Sie signalisiert unendliche Lust, Freude und Leidenschaft des Augenblicks, genau für diesen Moment und will ES !!
Sie ist nackt.

„Von hinten!“ flüstert sie und dreht sich herum.


***


Es ist Lagnaraa.

An den Midsommer-Feuern liegen spät und in der leichten Dämmerung des nicht endenden Tages die Mädchen und unverheirateten Frauen. Sie haben sich in Trance getanzt, sie haben betäubende Düfte geatmet und getrunken.

Ihre nackte Haut ist bemalt mit Symbolen und ihre Körper sind bereit, zu allem bereit.

Sie stöhnen und winden sich und gieren nach Erfüllung ihrer Lust.
Sie steigern sich hinein und wollen genommen werden.


***


Die Männer indes kämpfen und schlagen einander.
Nur einer von ihnen wird der „große Elch“.

Nach dem Kampf des Tages sucht er sich die Frau aus unter all den geilen und lockenden Bräuten.

Es ist Midsommer, es ist Lagnaraa ...

Nach dem Ende der Session torkeln die Mädchen heim, und nicht wenigen von Ihnen wird aufgelauert.
Auch diejenigen, die bei den Feuern eingeschlafen sind, werden nicht ge­schützt.
Es ist Midsommer, und alles ist erlaubt!

Nachdem der „große Elch“ seine Wahl getroffen hat, auch mehrfach, solange seine Kraft am Ende des erkämpften Sieges das noch her gibt, sind die Mädchen und Frauen „Freiwild“.

Wenn die Männer dann zur See fahren und nicht wieder heim kehren, wenn sie kämpfen und sterben:
dann sind zumindest für die Zukunft Nachkommen gezeugt, und der Klan wird weiter bestehen!

Lagnaraa ist ein Höhepunkt der Midsommer-Riten.

Erinnert sich Mede daran?
Wir haben Midsommer, ich bin bei ihr, bei ihr, in jeder Weise.

Mede ist nicht länger eine beinahe alte Frau, wie ich sie anfangs gesehen hatte. Sie hat überraschend glatte, warme Haut, sie hat Spannkraft und sie duftet be­törend.

Sie hat mir vom „Leuchten“ erzählt, und ich beginne das auch an ihr zu erken­nen. Wie eine geheimnisvolle Aura umgibt es sie und läßt sie in einem Zauber erstrahlen, der sie begehrenswert und erotisch macht.

Sie ist wie ein Wirbelwind, sie ist süß in ganz vielen Details, Sie ist eine ganz besonders liebenswerte Frau!
Sie hat eine Sanftheit, eine Ruhe und Unruhe zugleich, die mich perplex macht.

Dann ist da noch das, was sie "das Leuchten" nennt. Mit geschlossenen Augen kann ich es jetzt bereits spüren – an Mede.

„Es wird mir den Weg zeigen – es wird mich nach Åsgaard führen!“ flüstert sie und fügt hinzu: „Vielleicht wird es uns beide gemeinsam dorthin führen?“
„Ich bin nicht auf dem Weg nach Åsgaard!“ gebe ich zu bedenken.
„Ich weiss“, sagt sie.
Es gab noch eine andere Heimat der Götter in alter Zeit.
„Hoch im Norden soll Wanaheim gelegen haben.“

Die Wanen waren das ältere der Göttergeschlechter. Gullweig war eine von ihnen, eine Zauberin, die viele der Fruchtbarkeitsriten praktizierte.
„Gullweig war scheinbar eine alte Hexe. Aber in ihr loderte das Feuer des Lebens mit gewaltiger Kraft.
Wenn sie das Lagnaraa ausrief, dann fand sie stets viele Liebhaber. Wenn Gullweig tanzte, dann sprühten ihre Glieder Funken.“
„Du bist wie sie!“ entfährt es mir.

Mede sieht mich mit einem seltsamen Lächeln an. Sie sieht mich lange an.
Dann sagt sie: „Zeige es mir!“
„Was?“
„Mach' es noch einmal mit mir!“ flüstert sie mit unendlicher Sehnsucht in ihrer Stimme.
„Nimm mich!“

Ihre Aura ist so hell und deutlich wie ich sie nie zuvor gefühlt habe. Möchte sie (wie) Gullweig sein?

„ ... noch einmal so, als lägen wir auf den Feldern des Lagnaraa!“

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Es mag bessere Zeiten geben, aber dies ist die unsere (J.P.S.)

Version vom 25. 03. 2011 16:14
Version vom 25. 03. 2011 19:30

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