Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92253
Momentan online:
268 Gäste und 10 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Licht am Ende des Tunnels
Eingestellt am 12. 08. 2003 10:09


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Estrella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

Werke: 14
Kommentare: 23
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Das Licht am Ende des Tunnels
KĂ€lte umgibt sie, feuchte, unangenehme KĂ€lte, die sich ĂŒber ihren Körper ausbreitet. Es ist dunkel. Sie öffnet die Augen, doch es bleibt schwarz. Langsam steht sie auf, streckt ihre Arme aus und berĂŒhrt kĂŒhlen, feuchten Felsen. Als sie laut ruft, hallt das Echo dumpf von den SteinwĂ€nden zurĂŒck. Vorsichtig bewegt sie sich vorwĂ€rts, macht Schritt fĂŒr Schritt auf diesem Weg durch die Dunkelheit, von dem sie nicht weiss, wohin er sie fĂŒhrt und wann er enden wird.

Gleich ist es soweit. Die drei Wochen sind schon wieder vorĂŒber. Es kommt ihr so vor, als ob die AbstĂ€nde immer kĂŒrzer wĂŒrden. Ist es nicht erst ein paar Tage her, dass sie hier bereits zum zweiten Mal gesessen hat? Nervös rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her, starrt auf die gegenĂŒberliegende weisse Wand, deren Eintönigkeit nur ab und zu durch ein eingerahmtes Poster unterbrochen wird. Der saubere, glĂ€nzende Fussboden des langen Gangs unterstĂŒtzt noch das Bild dieser vollkommenen SterilitĂ€t.
Rechts neben ihr gibt ein Fenster den Blick auf ein parkÀhnliches GelÀnde frei.
Blattlose Baumgerippe ragen in den grauen, wolkenverhangenen Herbsthimmel. Ein brauner BlĂ€tterteppich bedeckt den Boden. Hier und da sitzt eine einsame KrĂ€he auf einem kahlen Ast – eine trostlose, wenn nicht sogar gespenstische Szene. Die Melodie des Filmes „ Spiel mir das Lied vom Tod“ kommt ihr in den Sinn. Passt ja prima der Titel, denkt sie sarkastisch und verflucht jedoch im selben Augenblick ihre Gedanken. Sie will doch nur noch positiv denken. Obwohl ihr das oft sehr schwer fĂ€llt, besonders morgens, wenn sie vor dem Badezimmerspiegel steht, und sie dieses blasse Gesicht mit den grossen, von dunklen Schatten umrandeten Augen entgegenschaut. Dort, wo sonst kastanienbraune Locken bis auf ihre Schultern fielen, glĂ€nzt nun kahlrasierte Kopfhaut. Ihr Blick wandert weiter nach unten, bleibt an ihrem Busen haften. Rechts wölbt sich eine wohlgeformte und trotz Schwangerschaft und Stillzeit noch straffe Brust. Links ist alles flach, nur eine lange, gerötete Narbe verlĂ€uft quer hinĂŒber bis unter die Achselhöhle.
„ Machen Sie sich keine Sorgen“, hatte ihr Arzt sie beruhigt, „ in ca. zwei Jahren können Sie sich ihre Brust wieder aufbauen lassen.“
Man wĂŒrde fast keinen Unterschied bemerken, hatte er gesagt. Sogar eine neue Brustwarze wĂŒrde geformt werden. Dazu wĂŒrde man Haut von ihren Schamlippen entfernen, da diese dem empfindlichen Warzengewebe am nĂ€chsten kĂ€me. Eigenartiger Gedanke.

Sie schaut nach draussen, es hat angefangen zu regnen. Der Wind treibt die Tropfen gegen die Fensterscheibe, wo sie langsam herunterlaufen. Die KrÀhen sind verschwunden, wahrscheinlich haben sie sich einen trockenen Unterschlupf gesucht.
Sie denkt an die Zukunft, wird die Krankheit irgendwann wieder ausbrechen? Sie will und darf sich nicht fallenlassen, sie muss nach vorne schauen. Das ist sie ihrer Familie und ihren Freunden schuldig. Sie haben sich so sĂŒss verhalten und geben ihr soviel Halt. Ihre Freundin ruft jeden Tag an und versucht sie mit Einkaufsbummeln und Kinobesuchen abzulenken. Ihr Mann nimmt sie oft in den Arm, streichelt ihr ĂŒber das Gesicht und flĂŒstert: „Vergiss nicht, mein Schatz, ich liebe dich und nicht deinen Busen.“ Ihre kleine Tochter hatte sich mit erhobenem Zeigefinger vor sie hingestellt und mit ernster Miene gesagt:
„Mami, du musst jetzt ganz viel essen, dann wĂ€chst dir schnell eine neue Brust.“
In solchen Momenten kann sie ihre TrĂ€nen nicht zurĂŒckhalten. Sie versucht es aber auch gar nicht, sondern lĂ€sst ihnen einfach freien Lauf. Hinterher fĂŒhlt sie sich dann viel leichter.

Die TĂŒr neben ihr geht auf, und eine Krankenschwester schaut heraus.
„Sie können jetzt hereinkommen, wir sind soweit“,sagt sie.
Schweren Herzens erhebt sie sich und folgt ihr in den Raum. Auch hier ist alles weiss und steril. Sie legt sich auf die Liege und hofft nur, dass die Schwester diesmal sofort ihre Vene trifft, um die KanĂŒle fĂŒr den Tropf zu befestigen. Beim letzten Mal hat sie drei Versuche gebraucht. Doch Gott sei Dank klappt es diesmal ohne Probleme und schon bald rinnt das Medikament tropfenweise in ihren Blutkreislauf, wo es den Kampf mit den eventuell noch vorhandenen Krebszellen aufnimmt, sie an ihrer Teilung hindert und schliesslich vernichtet.
Obwohl ihr Tumor zum GlĂŒck noch keine Metastasen gebildet hatte, musste sie trotzdem eine Chemotherapie machen. Die Ärzte wollen ganz sicher gehen, dass keine bösartigen Zellen mehr zurĂŒckbleiben. Leider werden durch das Medikament auch gesunde Zellen zerstört, deshalb ist ihr Imunsystem zur Zeit sehr geschwĂ€cht. Sie ist stĂ€ndig erkĂ€ltet und mĂŒde. UngefĂ€hr zwei Stunden nach der Therapie beginnt die Übelkeit und nur wenig spĂ€ter schmerzen ihr sĂ€mtliche Glieder, als ob sie eine schwere Grippe hĂ€tte. Ausserdem hatt sie stĂ€ndig einen ekelhaften, metallischen Geschmack im Mund. Sie schaut auf die Glasflasche und beginnt die Tropfen zu zĂ€hlen: eins, zwei, drei.... bei fĂŒnfzig schliesst sie die Augen und blickt in die Dunkelheit des nicht endenwollenden Tunnels. UnermĂŒdlich bewegt sie sich vorwĂ€rts, ohne zu wissen, wann sie ankommen wird. Eine sanfte Bewegung an ihrer Schulter lĂ€sst sie zusammenzucken, sie öffnet die Augen und sieht die Schwester, die sich ĂŒber sie gebeugt hat. Ihr dichtes, blondes Haar ist zu einem dicken Zopf geflochten und reicht bis auf ihren krĂ€ftigen Busen herunter.
„Fertig?“ fragt sie die Schwester mit leiser Stimme. Diese nickt ihr lĂ€chelnd zu, wĂ€hrend sie bereits die KanĂŒle entfernt. Benommen richtet sie sich auf und bleibt noch einen kurzen Augenblick auf dem Rand der Liege sitzen, bevor sie nach ihrer Tasche greift und auf den Flur hinausgeht. Ihr Herz krampft sich zusammen, als sie das kleine, blasse MĂ€dchen sieht, das eng angekuschelt auf dem Schoss seiner Mutter sitzt, ein buntes Tuch mit lustigen Disney-Figuren um den zarten Kopf geknotet. Auf einmal ist sie unendlich froh, dass es nicht ihre kleine Tochter ist, die hier sitzt, sondern, dass sie selbst es sein darf, die den Raum verlĂ€sst. Noch dreimal muss sie diese Prozedur ĂŒber sich ergehen lassen, dann kann sie hoffentlich wieder ein einigermassen normales Leben fĂŒhren.
Doch ein DĂ€mon wohnt tief in ihrem Innersten. Sein Name ist Angst, und er lauert nur darauf, herauszukommen und ĂŒber sie herzufallen. Oft tut er dies abends, wenn sie im Bett liegt und dann ist sie einfach nur unendlich froh, dass jemand neben ihr liegt, der sie ganz fest in den Arm nimmt und ihr hilft, den hĂ€sslichen DĂ€mon zurĂŒck in seine Höhle zu treiben.

Sie weiss, dass sie bald am Ende des dunklen Tunnels angelangt ist, und das Licht nicht mehr fern ist. Wenn sie genau hinschaut, kann sie bereits einen ersten schwachen Schimmer erahnen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


strumpfkuh
???
Registriert: Jun 2003

Werke: 15
Kommentare: 88
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um strumpfkuh eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe Estrella,
ich finde das ist ein ganz besonderer Text. Nicht nur, dass man sich sehr gut in deine Protagonistin hineinversetzen kann, er macht auch noch Mut, sich mit Krankheit auseinander zu setzen und sie zu akzeptieren.
Besonders unter die Haut gehend fand ich die Stelle, an der die Tochter sagt, sie solle jetzt ganz viel essen, damit die Brust bald nachwachsen wĂŒrde. Da hatte ich mit den TrĂ€nen zu kĂ€mpfen.
Etwas gestolpert bin ich nur ĂŒber folgenden Satz: "Sie will nicht mehr negativ sein" Das finde ich nicht sehr gut ausgedrĂŒckt, negativ sein kann so vieles bedeuten.
LG
Doro

Bearbeiten/Löschen    


think twice
???
Registriert: Jul 2003

Werke: 2
Kommentare: 40
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um think twice eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Estrella,

Wunderbar erzĂ€hlt. FĂŒr mich fĂŒhlt sich die Geschichte beim Lesen so echt an, dass ich kaum glauben kann, dass sie nicht autobiographisch sein soll. Ist sie wirklich nur erdacht, dann hast du ein ausgezeichnetes GefĂŒhl dafĂŒr, dich in das Denken und FĂŒhlen einer anderen Person mit all ihren Problemen hineinzuversetzen.

Liebe GrĂŒĂŸe
think twice

Bearbeiten/Löschen    


Estrella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

Werke: 14
Kommentare: 23
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo strumpf kuh (hehe,was fĂŒr ein Name) und think twice,

vielen Dank fĂŒrs Lesen und eure positive Kritik.
Ich bin zu dieser Geschichte durch eine sehr gute Freundin inspiriert worden, bei der Ende letzten Jahres die Diagnose Brustkrebs gestellt wurde. Wahrscheinlich war dies meine Art, mich damit auseinanderzusetzen. Gott sei Dank hat sie jetzt das Licht am Ende des Tunnels erreicht.

Liebe GrĂŒsse
Estrella

P.S. @ Strumpf kuh: Habe den Satzteil mit dem negativ einfach rausgestrichen.

Bearbeiten/Löschen    


Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
Kommentare: 791
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rainer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hallo estrella,

ich schließe mich meinen vorkommentatoren hinsichtlich der qualitĂ€t an.

einen punkt habe ich zu beanstanden:

es soll ja eine kurzgeschichte sein, und die leben nun mal von der ĂŒberraschung bzw. der miniatur.
wenn ich einen solchen text schreiben könnte, hÀtte ich den satz mit dem krebskranken kind als ende genommen.
vieles danach noch folgende gießt, bitte verzeih den ausdruck, betroffenheitssoße und noch mehr, und noch mehr "verstĂ€ndnis" darĂŒber.

grĂŒĂŸe

rainer (dessen lieblingsgemecker den schluß von texten betrifft)

__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

Bearbeiten/Löschen    


Estrella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

Werke: 14
Kommentare: 23
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Rainer,

auch Dir vielen Dank fĂŒrs Lesen.
Freut mich, dass Dir meine Schreibweise gefallen hat.
Allerdings bin ich , was den Schluss betrifft, nicht Deiner Meinung. Ich will ja mit meinem Text auch ein bisschen Hoffnung vermitteln und mit dem Schlusssatz (habe leider kein "scharfes S" auf meiner Tastatur) stelle ich nochmal einen Bezug zum Titel her. Aber das ist wohl Geschmacksache.

GrĂŒsse
Estrella

Bearbeiten/Löschen    


Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

Prima

Liebe Estrella!

Ich bin zwar keine Frau und habe auch keinen brustkrebs, aber ich kann es gut nach voll ziehen. Ich selbst bin HIV+ und kann die Angst der Frau gut verstehen. Der innere Zweifel - werde ich den Kampf gewinnen, trĂŒbe Gedanken, die einem beim Anblick selbst harmloser Dinge kommen, aber auch die immer wieder kehrende Hoffnung, die UnterstĂŒtzung von Freunden etc. All das hast Du toll wieder gegeben.


Auch der Anfang ist gut gelungen. Der leser ist zuerst etwas irritiert, findet sich nicht sofort zurecht, muß und will weiter lesen, um sich ĂŒber die Einzelheiten klar zu werden.

Very good.

Ciao Tim

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!