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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Lied der Seekuh
Eingestellt am 25. 12. 2005 22:39


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huwawa
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Das Lied der Seekuh

Jeden Morgen, wenn ich in die K├╝che komme, nehme ich Balduin aus der Bestecklade. Balduin ist mein Lieblingsk├╝chenmesser, mit scharfer, dauerhafter Klinge und gut in der Hand liegendem, braunem Holzheft. Zum Schneiden von Fr├╝hst├╝cksspeck, K├Ąse, Tomaten, Obst, Brot, kurz allem, was ein Mensch morgens an fester Nahrung zu sich nehmen kann, eignet sich Balduin hervorragend.

Sie meinen, Balduin w├Ąre ein komischer Name f├╝r ein K├╝chenmesser? Ich habe ihn vom Balmung abgeleitet, dem sagenhaften Schwert Siegfrieds, das er von den Nibelungen erhalten hatte und mit dem er den Drachen t├Âtete. Ich mag diese alten germanischen G├Âtter- und Heldensagen und nat├╝rlich das Nibelungenlied. Genau wie die antike Mythologie und die Epen von Homer, Ilias, die Odyssee...Ah, Odysseus - mal sehen ob er schon wach ist, vom K├╝chenfenster aus kann ich gut zu seiner Behausung blicken. Odysseus ist meine griechische Landschildkr├Âte, er lebt von April bis Mitte Oktober im Garten, den Winter ├╝ber schl├Ąft er im K├╝hlschrank. Gleich dort neben dem Glasbeet ist sein Refugium. Sie k├Ânnen ruhig hingehen, er ist sehr zutraulich und tut ihnen bestimmt nichts!

Odysseus heisst nicht nur seiner griechischen Abstammung wegen so, sondern auch, weil er gern auf Wanderschaft geht und l├Ąnger fortbleibt. Irgend etwas scheint ihn immer wieder aus demGarten wegzulocken. Es muss wie der Gesang der Sirenen auf ihn wirken, jener sagenumwobenen Nymphen, die auch dem antiken Helden schon zu schaffen machten. Wer an der Insel der Sirenen vorbeikam und ihre zauberhafte Musik h├Ârte, war ihnen unrettbar verfallen. Odysseus, der Listenreiche, entkam ihnen nur, indem er seinen Gef├Ąhrten Wachs in die Ohren goss und sich selbst am Schiffsmast festbinden lie├č.

Meinem Odysseus verstopfe ich die Ohren nicht und ich binde ihn auch nirgends fest. Er ist ein freier griechischer B├╝rger in meinem Garten und darf sich hinbewegen, wo er will. Am liebsten bewegt er sich allerdings ├╝ber die Grenze in den Garten des Nachbarn. Von dort scheinen seine Sirenenkl├Ąnge herzukommen. Warum ├╝brigens christliche Seefahrer im vorigen Jahrtausend ausgerechnet in Seek├╝hen die antiken Sirenen des Homer zu erkennen glaubten, ist nicht v├Âllig gekl├Ąrt. Obwohl sich diese Tiere sehr anmutig und elegant im Wasser bewegen, sind sie doch von recht plumpem K├Ârperbau und singen oder andersartig musizieren k├Ânnen sie ├╝berhaupt nicht. Dennoch gab ihnen die Wissenschaft den lateinischen Namen Sirenia. Sie sind ├╝brigens eine eigene Ordnung und nicht, wie oft vermutet, mit den Robben verwandt. Robben sind Fleischfresser, w├Ąhrend sich die Seek├╝he von Wasserpflanzen ern├Ąhren und entwicklungsgeschichtlich den Elefanten nahe stehen.

Ehrlich gesagt glaube ich aber nicht, dass das meinen Odysseus sonderlich interessiert. Er folgt einfach dem magischen Gesang, m├Âge er nun von Sirenen oder Seek├╝hen kommen. Dort dr├╝ben, zwischen dem zweiten und dritten Johannisbeerstrauch von rechts schl├╝pft er immer durch, dort scheint der Ruf am deutlichsten zu sein. Gehen sie einmal hin, vielleicht h├Âren sie etwas. Sie m├╝ssen sich b├╝cken, nein, legen sie sich hin, das Signal ist in Odysseus┬┤ Kopfh├Âhe sicher am besten wahrnehmbar. Wie - sie h├Âren nichts? Die Seekuh schweigt? Das tut mir aber leid, jetzt haben sie sich auch noch schmutzig gemacht! Aber vielleicht nimmt Odysseus den Klang der Sirenen auch gar nicht mit den Ohren, sondern mit der Nase wahr. Seine Seek├╝he d├╝rften n├Ąmlich die zwei Reihen Kopfsalat vor dem K├╝chenfenster des Nachbarn sein, dort zieht es ihn unwiderstehlich hin.

Mein Nachbar ├╝brigens, ein sehr verschlossener, immer griesgr├Ąmig dreinblickender Mann, scheint Tiere nicht besonders zu lieben. Griechische Landschildkr├Âten, glaube ich, hasst er sogar. Immer wenn sich Odysseus einer seiner Seek├╝he n├Ąhert, um z├Ąrtlich liebkosend an den frischen, gr├╝nen Bl├Ąttern zu knabbern, eilt mein m├╝rrischer Anrainer, drohend einen Stock schwingend, aus dem Haus. Seltsamerweise ├╝berkommt mich just in so einem Augenblick ein geradezu unb├Ąndiges Verlangen nach frischen Kr├Ąutern, das mich unverz├╝glich in den Garten hinaus st├╝rzen l├Ąsst. Nat├╝rlich habe ich Balduin mit, zum Schneiden von Schnittlauch, Petersilie, oder Basilikum. Wenn der Nachbar meiner ansichtig wird, stutzt er und l├Ąsst den Stock sinken. Von mir zwar nicht im geringsten beabsichtigt, scheint ihm das Messer doch Respekt einzufl├Â├čen. Er murmelt dann etwas von "verdammter Kr├Âte" und "schon zeigen werden" und schlurft wieder ins Haus zur├╝ck. K├╝rzlich sah ich ihn jedoch einen l├Ąnglichen, in Wachstuch gewickelten Gegenstand heim tragen, dessen Umrisse bedenklich denen eines Gewehrs ├Ąhnelten. Bevor er im Haus verschwand warf er noch einen Blick zu meinem K├╝chenfenster her├╝ber und fast schien mir, als w├╝rde sich der Anflug eines h├Ąmischen Grinsens um seine Mundwinkel legen. Sollte er tats├Ąchlich die waffentechnischen Kraftverh├Ąltnisse zu seinen Gunsten ver├Ąndert haben?

Das alles habe ich bereits vor zwei Wochen niedergeschrieben. Jetzt beobachte ich die Welt nur mehr von hier heroben. Ich hatte die lange aufgestauten Aggresionen und den konsequenten Vernichtungswillen meines Nachbarn untersch├Ątzt, bis ich ihn den Finger am Abzug seiner Flinte kr├╝mmen sah. Sie k├Ânnen sich wohl vorstellen, wie schnell und weit eine Ladung Schrot in die Brust einen Menschen von allen irdischen Sorgen, allem Zank und Streit entr├╝cktÔÇŽ Es ist sehr still hier, auf meiner Wolke. Balduin liegt jetzt in einem Schrank, im Gerichtsgeb├Ąude. Seine blanke Klinge hat ein paar Dellen und am zersplitterten Holzgriff h├Ąngt ein Zettel mit einer langen Aktennummer. Er soll f├╝r meinen Nachbarn auf Notwehr zeugen. Gegen mich! Ich bin ziemlich entt├Ąuscht von ihm!

Odysseus hingegen, welch tapferer, braver Kerl. Brechenden Auges schon, sah ich ihn noch auf seinen Stummelbeinchen zur Hilfe herbeieilen, den Kopf angriffslustig vorgestreckt - was wei├č eine griechische Landschildkr├Âte schon von Schrotflinten - dass sie fast immer zwei L├Ąufe haben! Die gro├čz├╝gige Notwehrauslegung unseres Nachbarn wurde auch Odysseus zum Verh├Ąngnis.

Jetzt krabbelt er neben mir herum - sie sollten ihn sehen! Er ist nackt! Seinen durchl├Âcherten Schild haben sie ihm gleich als er ankam abgenommen, den k├Ânnten sie in der K├╝che brauchen, haben sie gesagt. Es gibt oft Nudeln hier heroben. Und Salat, viel frischen, gr├╝nen Salat - sehr gesund! Wenn der Servierengel mit einer gro├čen Sch├╝ssel heranschwebt, reckt Odysseus den Kopf in die H├Âhe und legt ihn ein wenig schief, als w├╝rde er fernen Sirenkl├Ąngen lauschen. Ob er die Seekuh singen h├Ârt?

(┬ę) gregor riegler 2005

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manchmal sind die anderen kl├╝ger als man(n) selbst...denkt

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