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Leselupe.de > Erzählungen
Das Mädchen mit den Zöpfen
Eingestellt am 23. 08. 2012 19:14


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Ciconia
Routinierter Autor
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Das kleine Mädchen mit den Zöpfen nimmt vorsichtig die bunten Holzklötzchen aus dem Kasten. Zwölf Klötzchen mit Märchenmotiven müssen es sein, soweit kann es schon zählen. Daraus lassen sich sechs verschiedene Märchenbilder zusammensetzen: „Dornröschen“, „Aschenputtel“, „Frau Holle“, „Hänsel und Gretel“, „Der Froschkönig“ und „Rotkäppchen“. Das Mädchen kennt diese Märchen, die Mama liest ihm jeden Abend vor dem Schlafengehen aus dem dicken Märchenbuch vor. „Rotkäppchen“ mag es am liebsten, deshalb beginnt das Kind mit dem Bild, auf dem das Rotkäppchen und der böse Wolf im Wald zu sehen sind.

„Ich geh dann runter, Karla“, sagt die Mama leise und streicht dem Kind dabei leicht über den Kopf, „sei schön artig!“

„Artig sein“ heißt für Karla jetzt, dass sie einige Stunden allein spielen muss, solange die Mama nachmittags unten im Laden bei Frau Niemann arbeitet. Karla macht das nichts aus, sie ist daran gewöhnt. Andere Kinder kennt sie in der neuen Umgebung noch nicht. Sie sind erst vor kurzem in diese zwei kleinen Zimmer unter dem Dach gezogen, weil Omis Wohnung zu eng für alle geworden war. Im nächsten Jahr kommt Karla in die Schule, dort wird sie bestimmt schnell Freundinnen finden, glaubt die Mama. Karla freut sich sehr auf die Schule, denn sie möchte vor allem ganz, ganz schnell lesen lernen.

Morgen ist Samstag, fällt Karla ein, während sie die Klötzchen konzentriert hin und her schiebt, und samstags kommt immer die Omi, Mamas Mutter. Sie kommt, um im Haushalt zu helfen, und bleibt dann bis Montag, weil sonntags kein Bus fährt. Die Eltern überlassen der Omi dann ihr Bett und schlafen auf einer Matratze in der Wohnküche. Mama hat neulich zu einer Nachbarin gesagt, dass der Papa am Sonntag auch gern mal seine Ruhe hätte. Aber weil die Omi schon die ganze Woche über allein ist, kann man sie doch nicht wegschicken. Sie hat in ihrem Leben so viel durchmachen müssen!

Omis Mann, der Karlas Opa gewesen wäre, ist nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Omi und Mama haben ihre Heimat verloren und fast alles, was sie besessen haben. Zwei Koffer hat jede von ihnen nur mitnehmen können, Karla kann sich denken, dass da nicht viel hineinpasst. Sie wird jedes Mal sehr traurig, wenn sie Geschichten vom Krieg und von der Flucht hört.

Die Omi bringt morgen bestimmt wieder etwas Schönes mit, hofft Karla. Die erste Frage, wenn Omi mit der großen Tasche vom Bus kommt, ist immer: „Hast Du mir was mitgebracht?“ Dann tut Omi ganz geheimnisvoll, öffnet langsam ihre schwarze Einkaufstasche und zieht ein Stück nach dem anderen heraus, meistens Süßigkeiten, aber auch mal ein Bilderbuch. Karla ist ihre einzige Enkelin, ihr „Ein und Alles“, sagt Omi manchmal.

Draußen regnet es jetzt stark. Karla drückt das Gesicht an das beschlagene Fenster und schaut dem weißen Schiff hinterher, das langsam auf dem großen Fluss hinter dem Deich vorbeigleitet. „Wenigstens die Aussicht von hier oben ist gut“, hat Papa gesagt, als sie eingezogen sind. Karla sieht den Schiffen gerne nach. Sie überlegt, wohin dieses weiße Schiff wohl fahren mag. Vielleicht bis nach Amerika? Träumend kaut sie auf einem Zopfende herum, das macht sie immer, wenn sie in Gedanken ist. Gut, dass Mama das nicht sieht!

Sie kehrt zurück zu ihren Spielsachen, räumt die Klötzchen zusammen und holt den Karton mit den Margarinefiguren aus dem Schrank. Immer, wenn Mama Margarine kauft, gibt es so eine Figur als Geschenk dazu. Bedächtig wählt Karla ihre Lieblingsteile aus. Sie mag vor allem die Tiere, davon hat sie schon sehr viele, sogar Saurier. Einen großen Tiergarten mit einem Zaun baut sie sich. Sie spricht mit den Tieren und sagt ihnen, was sie tun sollen. So ist sie eine lange Zeit beschäftigt.

Als nächstes möchte Karla mit ihrer neuen Puppenstube spielen, die hat der Papa selbst gebaut, mit zwei Zimmern und winzigen Möbeln, Karlas ganzer Stolz. Die Mama hat ihr drei kleine Püppchen gekauft und Omi winzige Kleidung dafür gehäkelt. Wenn Karla mal größer ist, will Omi ihr zeigen, wie man näht, häkelt und strickt.

Karla ist so in das Spiel versunken, dass sie alles um sich herum vergisst. „Na, warst Du schön artig? Papa kommt gleich von der Arbeit, wir wollen dann essen“, hört sie plötzlich die Mama sagen. Karla räumt das Spielzeug in den kleinen Schrank im Flur, in dem alle ihre Sachen aufbewahrt sind. Viele sind es nicht. Deswegen braucht sie auch kein eigenes Zimmer, Karla schläft in dem kleinen Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern.

Mama stellt sich an den Herd und bereitet das Abendessen zu. Papa muss immer sehr schwer arbeiten, deswegen bekommt er abends ein schönes Stück Fleisch. Mama und Karla essen mittags andere Sachen, Nudeln oder Suppe zum Beispiel. Fleisch für alle gibt es nur am Sonntag, wenn auch die Omi da ist.

Die Omi steckt der Mama oft ein bisschen Geld zu. Sie bekommt eine gute Rente, hat Karla mal gehört. Schade nur, dass Papa und Omi sich nicht mögen. Karla ist sehr traurig, wenn die Omi schlecht über Papa redet. Einen „ollen Suffkopp“, hat sie ihn neulich genannt, da musste Karla fast weinen. Der Papa kann nämlich auch sehr lieb sein, zum Beispiel wenn sie sonntags mal mit den Fahrrädern einen Ausflug machen und er ihr alles erklärt, was man in der Natur so sieht. Bei den Ausflügen ist die Omi nie dabei, sie kann ja nicht Rad fahren.

Sonntags geht Papa auch oft mit Karla zum Storchennest am Ende des Dorfes, und wenn ein Storch im Nest zu sehen ist, muss sie singen: „Klapperstorch, du Luder, bring mir einen Bruder!“ oder „Klapperstorch, du Bester, bring mir eine Schwester!“ Papa freut sich dann immer und lacht laut. Sie hätte gern einen kleinen Bruder und streut manchmal Zucker auf die Fensterbank, das soll den Storch anlocken, sagt Mama. Aber bisher hat es nicht geholfen. Vielleicht weiß der Storch auch, dass in der engen Wohnung gar kein Platz mehr für ein Brüderchen ist, hat Karla überlegt.

Karla wird jetzt ein bisschen unruhig. Sie fragt sich, wie der Papa heute gelaunt sein wird. Manchmal trinkt er unterwegs schon ein Bierchen, oder auch zwei, dann muss Karla sehr vorsichtig sein und aufpassen, dass sie nichts Verkehrtes sagt. Wenn Papa mal die Hand ausrutscht, kann das sehr weh tun. Neulich, am letzten Samstag, hat er den heißen Feuerhaken vom Herd genommen und ihr eins damit übergezogen, als sie gerade in der kleinen Zinkbadewanne gebadet wurde und ein bisschen geplantscht hatte. Omi hat fürchterlich geschimpft, Karla musste weinen, und eigentlich wusste sie gar nicht richtig, warum der Papa so wütend war. Mama hat sie getröstet und schnell ins Bett gebracht. Einschlafen konnte sie aber nicht gleich, weil Papa und Omi nebenan noch eine Weile sehr laut miteinander geredet haben.

Die Schritte auf der Treppe kommen näher. Karla beeilt sich, am Tisch Platz zu nehmen, um aus dem Weg zu sein. Sie lauscht und merkt, dass Papas Schritte sich heute nicht gut anhören – so ungleichmäßig und schwer. Karla erschrickt. Papa wird wohl wieder ein Bierchen oder auch mehrere getrunken haben. Jetzt muss sie sehr artig sein, sie will sich wirklich anstrengen.

Und morgen bringt Omi bestimmt wieder etwas Schönes mit.


Version vom 23. 08. 2012 19:14
Version vom 24. 08. 2012 12:40
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Bernd
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Aug 2000

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Mir gefällt die Geschichte gut, die in meinem Geburtsjahr spielt.
Sie hat eine interessante "doppelte" Erzählperspektive.
Erzählt wird aus der Sicht des Kindes - aber "von außen" und wie man sich diese Sicht heute vorstellt.
Ich könnte mir denken, es ist entweder autobiografisch oder zum Beispiel die Geschichte der Mutter.

Einen kleinen Punkt:
"Mehlspeisen" scheint nicht gut in die Kinderperspektive zu passen, es ist eher Mutterperspektive. Als Kind habe ich nicht Mehlspeisen gekocht, sondern Pudding. Besser wäre zum Beispiel: Nudeln oder Eierkuchen.

Andererseits vergrößert "Mehlspeisen" die Distanz und zeigt die doppelte Perspektive, die Perspektivenprojektion durchs Filter der Jahre.
__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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alskardinal
Guest
Registriert: Not Yet

xxx

Hier krankt es wieder an der fehlenden Idee. Der Text ist überhaupt nicht inspiriert. Es "rieselt" lediglich, als ob man eine Sanduhr betrachtet. Zum Schluss kommt zwar so etwas wie Atmosphäre auf, aber dann versickert wieder alles konturlos im "Sand". Auch ein zweiter und dritter Blick auf Nuancen hilft nicht. Es gibt kam welche, der Text ist einheitlich farblos, unspektakulär und auch uninterssant Das ist m. E. eine Schreibübung, keinesfalls eine Kurzgeschichte. Warum wurde dieser Text überhaupt geschrieben? Worin besteht der künstlerische Zweck? Ich kann keinen entdecken.

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Eremit
Autorenanwärter
Registriert: Jun 2016

Werke: 8
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Trotz der Schwierigkeiten, die das Mädchen in ihrem Leben hat, überwiegt ihr kindlicher Optimismus. "Die Schwierigkeiten" schreibe ich, aber man könnte es auch als "die Erwachsenen" titulieren. Das Kind orientiert sich im Text an den positiven Seiten ihres Umfeldes, ja, sie profitiert sogar von der sogenannten "Langweile" indem sie lernt, sich selbst zu beschäftigen. Im Zeitalter der Computer- und Fernseh-Bildschirmen eine Fähigkeit, die immer mehr verloren geht.
Diese optimistische, schlichte und wunderschöne Fähigkeit eines Kindes, bedingungslos Liebe für seine Bezugspersonen zu entwickeln, hilft Kinder in schwierigen Lebenssituationen. Es soll aber nicht darauf vergessen sein, dass trotzdem Wunden in die Kinderseele geschlagen werden - die eines Tages wieder hervor brechen können.
LG Eremit

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