Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95257
Momentan online:
398 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Mädchen und der alte Herr
Eingestellt am 09. 06. 2016 17:51


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Blumenberg
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

Werke: 24
Kommentare: 290
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Blumenberg eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das Mädchen und der alte Herr


Es ist schon eine Weile her, dass sich diese sonderbare Begegnung zugetragen hat. Es war einer der ersten warmen Frühlingstage und ich kam gerade von einem Spaziergang zurück. Mein Weg hatte mich an einem kleinen Bach entlanggeführt, der, angeschwollen von der Schneeschmelze in den Bergen, gurgelnd in seinem steinigen Bett dahinschoss. Vorbei an einer Wiesenfläche, die regelmäßig im Frühjahr, wenn die aus den Bergen strömenden Wasser den Fluss über die Ufer treiben, überflutet wird und sich so mehrere Wochen lang in eine grasbewachsene Sumpflandschaft verwandelt, lief ich, begleitet von den lauten Geräuschen der Grillen zwischen den Halmen.
Schließlich gelangte ich wieder in die kleine Schrebergartenkolonie, die so oft den Anfangs- und Endpunkt meines Weges durch die Natur gebildet hat. Lauter kleine Mikrokosmen aus Blumen- und Gemüsebeeten, die sich, mal wild, mal ordentlich in Reih und Glied, in den winzigen Parzellen erstrecken und dem Vorbeilaufenden einen kleinen Einblick in das Gemüt ihres Pächters gestatten. Das Herz jeder dieser Parzellen ist die Hütte; manchmal kaum mehr als ein windschiefer Bretterverschlag, bildet sie das Zentrum, gewissermaßen die Hauptstadt dieser kleinen Nationen. Jede einzigartig, in Farbe, Form und Ausstattung von ihren funktionalen Schwestern unterschieden. Ob es überhaupt erlaubt ist, hier einfach ein Fertighaus von der Stange aufzustellen?
Wie bei ihrem großen Äquivalent gibt es auch innerhalb dieser eigenen Welt Freunde, Feinde und alle Spielarten dazwischen, wobei die Vollversammlung der kleinen Nationen ihren Sitz in der Gartenwirtschaft hat; Diplomatie bei badischer Küche und Pizza.
Meine Schritte verursachten auf den Kieswegen ein leises Knirschen. Während ich durch die Anlage schlenderte, nickte ich den entgegenkommenden Menschen auf meinem Weg zu, eine weitere Konvention: Man grüßt sich! Schließlich passierte ich ein Tor, an dem die Parallelwelt mit der Warnung „Hände weg von der Wonnhalde!“ ihr Ende fand und näherte mich langsam den ersten Häusern des Wohnviertels, in dem ich lebe.
In der ersten Straße, in die ich einbog, fiel mein Blick auf ein seltsames Trio. Auf dem Gehsteig vor einem der Häuser stand ein älterer Herr um die siebzig, klassisch und sehr adrett gekleidet, mit kurz geschnittenem, eisgrauem Haar. Ihm gegenüber ein blondes, etwa acht Jahre altes Mädchen in einem gepunkteten Kleid, einen Schulranzen auf dem Rücken. Der Alte redete mit ihr, etwas nach vorne gebeugt, um den Größenunterschied zu verringern. Ich verstand nicht, was er sagte, aber der zärtliche Ausdruck auf seinem Gesicht ließ mich ahnen, dass es nur etwas Liebevolles sein konnte. Das Mädchen lächelte schüchtern, während es unsicher von einem Bein auf das andere trat. Etwas abseits der beiden, neben einem parkenden dunkelblauen Mercedes, stand eine Dame, wohl die Frau des Alten, denn auch sie war bereits im vorgerückten Alter. Ihr Blick ruhte zumeist auf Greis und Kind, wanderte aber immer wieder nach oben zu einer der Fensterreihen im zweiten Stock. Als ob sie Wache stehen würde, dachte ich schmunzelnd. Ihr ganzer Körper war gespannt, das Gesicht zeigte den bangen Ausdruck, den man häufig bei Menschen sieht, die jeden Augenblick damit rechnen, dass etwas Furchtbares geschieht.
Neugierig verlangsamte ich meine Schritte, um den Augenblick hinauszuzögern, in dem ich die drei passieren würde und sie aus meinem Blickfeld verschwänden. Angesteckt von der Unruhe der alten Dame, erwischte ich mich dabei, dass ich ebenfalls zu der Fensterreihe hinaufsah. Ich erwartete fast in diesem Moment, eine verdächtige Bewegung hinter einem der Fenster wahrzunehmen.
Nur einen flüchtigen Augenblick sah ich auf, doch in diesem hatte sich das blonde Mädchen bereits halb umgewandt, kaum hatte der Alte aufgehört zu reden. Der Oberkörper des Greises war noch tiefer herabgesunken, der Rücken noch sichtbarer gebeugt, nicht aus Freundlichkeit diesmal, sondern aus Gram. Er blinzelte immer wieder und in seinen Augen lag eine unendliche Trauer.
Das Mädchen machte einen Schritt in Richtung des Hauseingangs, dann zögerte sie und drehte sich noch einmal um. Als sie der Trauer des Alten gewahr wurde, lief sie in schnellen Schritten auf ihn zu und umarmte ihn. Es ist erstaunlich, was für ein sensibles Gespür Kinder für die Gefühle anderer zeigen können, und in diesem Alter ist es häufig gepaart mit der wunderbaren Fähigkeit, nicht nur richtig zu spüren, sondern auch instinktiv richtig zu handeln. Ohne darüber nachzudenken, schenkte sie dem Alten, der den kleinen Körper nach einer Sekunde der Fassungslosigkeit fest an sich drückte, in all seiner Trauer einen Augenblick vollkommenen Glücks. Einen flüchtigen, denn schon im nächsten Moment strebte sie mit schnellem Schritt der Haustür entgegen, klingelte und war in den Hauseingang geschlüpft und verschwunden, noch ehe das summende Geräusch des Türöffners verklang.
Als ich vorbeiging, stand der Alte noch immer reglos auf der Straße und starrte mit ausdrucksloser Miene auf den Hauseingang. Seine Frau trat zu ihm und legte ihm sanft den Arm auf die Schulter. Während sie die gebeugte Gestalt zum Wagen führte, starrte sie wütend auf die Fensterreihe. Mich überkam ein Gefühl der Trauer, als wisse ich, dass dieser kurze Augenblick für den Alten auf lange Zeit die letzte Begegnung mit dem kleinen Mädchen sein würde, das ich für seine Enkelin hielt.
Ein paar Meter weiter wurde ich dann von ihrem schnell fahrenden Mercedes überholt und sah diesem nach, bis er aus meinem Sichtfeld verschwand. Fünf Minuten später ging mein Spaziergang zu Ende. Seitdem bin ich bestimmt ein dutzend Mal an dem Haus vorbeigegangen, aber nie habe ich einen der drei wiedergesehen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Arno Abendschön
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

Werke: 291
Kommentare: 1265
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arno Abendschön eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber Blumenberg, deinem Beitrag im Forum Lupanum entnahm ich, dass du dir mehr Aufmerksamkeit für deine Texte in Form von Kommentaren wünschst. Dieser hier ist einer von jenen nicht wenigen, die ich wöchentlich in der LL lese und zu denen ich dann oft, sei es aus Feigheit oder sonstiger Weichherzigkeit, lieber nichts sage.

Zunächst: Dein Stil hier ist allzu betulich. Docs Kritik an der langatmigen Einführung schließe ich mich ausdrücklich an. Allerdings habe ich alles gelesen und festgestellt, dass es bis zum Schluss so weitergeht. Das plätschert formal nur uninspiriert dahin.

Inhaltlich handelt es sich lediglich um unzusammenhängende Beobachtungen eines Spaziergängers. Das ganze erste Drittel sind wenig originelle Beobachtungen in der Natur bzw. aus einer Schrebergartenkolonie. Warum das Folgende gerade diese überlange Einleitung hat, erschließt sich mir nicht. Der Ich-Erzähler könnte ebenso gut vom Einkaufen oder vom Zahnarzt kommen ... Die restlichen zwei Drittel bildet der Blick auf eine Szene zwischen drei dem IE unbekannten Personen. Obwohl er die Hintergründe aus seiner Situation heraus gar nicht kennen kann, liefert er dem Leser doch einen Schlüssel. Zwar ist dieser reine Spekulation, doch genügt er, um im Erzähler selbst "ein Gefühl der Trauer" auszulösen - in mir nicht. Die Überinterpretation des Schlusses hat für mich keine Basis. Die Geschichte funktioniert als solche nicht.

Arno Abendschön

Bearbeiten/Löschen    


Blumenberg
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

Werke: 24
Kommentare: 290
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Blumenberg eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber Arno Abendschön,

zunächst einmal vielen Dank dafür, dass du dir die Zeit genommen hast dich mit meinem Text auseinanderzusetzen und auch mit deiner ehrlichen Meinung nicht hinter dem Berg zu halten. Kritik ist meines Erachtens nach alle mal besser als Schweigen.

Was den Beginn des Textes angeht dachte ich mir selbst schon, dass er Anfang ein wenig zu ausführlich geraten ist, wollte mir aber hier weitere unvoreingenommene Meinungen einholen, bevor ich ihn tatsächlich umschreibe.
Was den zweiten Teil angeht erschließt sich mir deine Kritik allerdings nicht. Wie es so schön heißt sitzt der Teufel meist im Detail. Die beobachtete Szene liefert, wenn man auf diese achtet, meines Erachtens ausreichend Anhaltspunkte, die den folgenden Schluss meines Ich-Erzählers zulassen. Das von dir kritisierte Spekulative trifft nicht Recht, denn der Schluss den der Ich-Erzähler zieht ist selbstverständlich völlig subjektiv und soll es auch sein, sonst hätte ich nicht diese Erzählperspektive gewählt.
Abseits aller sprachlichen Actionfeuerwerke, die für mich nicht über einen Blockbusterfilm hinauskommen, sind es, das wollte ich herausarbeiten, gerade die kleinen Ereignisse und flüchtige zwischenmenschlichen Beziehungen in denen sich die großen und kleinen Dramen unserer Lebenswelt abspielen, man muss nur lernen genau hinzusehen und über das Gesehene zu reflektieren. Aber gerade das wird dir als Autor sicherlich nichts Neues sein.

Beste Grüße und vielen Dank für deine Mühen

Blumenberg

Bearbeiten/Löschen    


Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

Werke: 39
Kommentare: 567
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hyazinthe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Blumenberg!

Mir gefallen deine sensiblen Naturbeobachtungen und mich stört es nicht, wenn ein Text dadurch etwas lang gerät. Auch die Art und Weise, wie du die Menschen und ihre Verhaltensweisen beschreibst und interpretierst, sagt mir zu. Gerade der leise, zurückhaltende Ton macht den Charme deiner Erzählung aus.

Gruß, Hyazinthe
__________________
Immer neugierig bleiben

Bearbeiten/Löschen    


Blumenberg
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

Werke: 24
Kommentare: 290
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Blumenberg eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Hyazinthe,

vielen Dank für deine positive Rezension, ich freue mich, dass dir meine Geschichte gefallen hat. Ich fand es schön auch mal einen Text mit eher leisen Tönen zu verfassen, es muss ja nicht immer ein rasantes sprachliches Feuerwerk sein. In diesem Kontext schien mir auch eine etwas gemächlichere Erzählweise angemessen. Auch wenn ich darüber nachdenke den Anfang vielleicht noch ein wenig zu straffen.

Beste Grüße und einen angenehmen Tag

Blumenberg

Bearbeiten/Löschen    


4 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung