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Leselupe.de > Humor und Satire
Das Märchen vom Eumel
Eingestellt am 09. 04. 2001 01:47


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Andrea
???
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Anmerkung: Der längere kursive Text ist eigentlich eine Fußnote - aber das geht hier leider nicht...

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da lebten die Menschen noch in einer Welt, die echte Helden erforderte. Das Handy war ebenso wenig erfunden wie der Solidaritätszuschlag, und es dürstete die Welt nach jemandem, der ihnen alle Wohltaten des Universums brachte.
Als gute Demokraten gingen sie daher auf die Straße und wanderten geschlossen zu dem kleinen Platz vor dem örtlichen Bordell, dem Gebäude, in dem erfahrungsgemäß der Name Gottes am häufigsten gebraucht wurde – sei es nun beim Verkehr oder bei der Präsentation der Rechnung. Hier also bezog die Menschheit Stellung, zückte ihre Plakate und skandierte: „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“
(Die Menschheit bestand an diesem Tage aus einer Handvoll frustrierter Bundis, die einfach keinen Feind zum Bekämpfen fand und darüber hinaus paralysiert vom grellen Orange ihrer Spinte war, einem katholischen Priester, dem beim Onanieren langweilig geworden war und der nun endlich mal seine Liste mit Forderungen bei Gott persönlich abgeben wollte, einigen Studenten, die nichts besseres zu tun und das Demonstrieren gerade richtig gelernt hatten, einigen Türken und Libanesen, die zwar nicht wußten, worum es ging, aber überall waren, wo es nach Streß und Gewalt roch, alten Leuten, die ja immer etwas kannten, worüber man sich beschweren konnte, dem Finanzminister, der von der Regierung geschickt worden war, weil er gut jammern, erklären und lügen konnte, und der gesamten Mannschaft von Bayern München, weil denen immer alle Wünsche erfüllt wurden und sie mit Uli Hoeneß, dem Kaiser und Loddar beinahe so etwas wie die Dreifaltigkeit daheim zum Üben hatten – der Rest hatte keine Lust oder zu tun.)

Von der Erschaffung des Eumel
Etwa drei Stunden später drang das disharmonische Rufen an das Ohr Gottes, der den Lärm bisher für einen neuen Song Modern Talkings gehalten und vergeblich nach einer neuen Sendefrequenz an seiner Stereoanlage gesucht hatte. Nun aber erhob er sich schwerfällig aus seinem Fernsehsessel (mit Fernbedienung zur Einstellung der Rückenlehne, der Arm- und Fußstützen und einem eigenen Regler zum Auslösen der sesseleigenen Vibration), schlurfte zu Fenster und gab den Engeln (halbnackten vollbusigen jungen Frauen mit dem IQ eines Kaninchens – zum Bücken und Spreizen der Beine reichte er so gerade eben) den Befehl, die Wolken beiseite zu schieben, damit er einen Blick auf seine sterblichen Kinder werfen konnte. Dann erklärte er es ihnen noch einmal, und beim dritten Mal – Gott war gerade kurz davor, aus seinem Büro zu stapfen und den Engeln mal so richtig zu zeigen, wie man Halleluja singt – gelang es diesen Geschöpfen der Geilheit und der Einfalt auch tatsächlich, Gottes Anweisungen Genüge zu befriedigen. Der Schöpfer des Universums schüttelte das weise Haupt, als er die Engel giggelnd und kichernd zur Seite fliegen sah. Was Alkohol und ein kleiner Joint nicht alles aus dem Geist eines anständigen Gottes machen konnten! Hätte er das Zeug doch nur nicht erfunden und sich wie sein Freund Satan an Ali-Kaffee gehalten.
Gott warf seinen brennenden Blick nieder auf die Erde und erblickte die Demonstranten.
„Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“ schallte es ihm entgegen, und der Weltenschöpfer rollte seufzend mit den Augen.
„Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“
„Und ich bin der Herr, euer Gott!“ donnerte Gott herunter. „Was zum Teufel wollt ihr jetzt schon wieder?“
Bei dem groben Fluch des Herrn war den Demonstranten das Demonstrieren im Halse stecken geblieben. Sie ließen die Schilder sinken, blickten einander an oder starrten betroffen zu Boden. Schließlich räusperte sich einer.
„Äh, wir wollen einen Helden“, sagte er und hob schüchtern den Blick gen Himmel.
„Einen Helden?“ Gott runzelte die Stirn. „Ja, reicht er der Jesus nicht mehr?“
„Der ist schon ziemlich lange tot“, gab der Mensch zu bedenken.
„Ja und?“
„Der läßt sich nicht sehr gut vermarkten – und ein echter Held sollte darüber hinaus zum Handeln fähig sein. Jesus hingegen...“ Der Demonstrant blickte sich unsicher um, doch die Umstehenden dachten gar nicht daran, ihm unterstützend ins Wort zu fallen.
„Was ist denn mit dem Jesus, meinem Sohn?“ wollte Gott wissen.
„Nun, seien wir doch mal ehrlich: So ein langhaariger Pazifist mit Birkenstocksandalen, der Kleider trägt und Brot teilt – das ist doch kein Vorbild für die Jugend!“
Ein Blitz schlug dicht neben dem Sprecher ein, der daraufhin aufquiekte, die Arme über dem Kopf verschränkte und unter das Vordach des Bordells sprang.
„Das war für meinen Jungen!“ brüllte Gott. „Der ist immerhin für euch ans Kreuz gegangen, der Dings, der Jesus! Und jahrelang war der in der Wüste und hatte Unterricht bei meinem alten Kumpel, dem Satan! Und weil ihr so verdammt geil auf das Zeug wart, hat er Wasser in Wein und Kohle in Koks und Heringe in Haschisch verwandelt, und das alles, weil ich das so wollte, jawohl! Und jetzt kommst du daher und sagst, der sei kein Vorbild für die Jugend! Ja, was wollt ihr denn?“
Betretendes Schweigen folgte auf Gottes Wutausbruch. Doch dann richtete sich der Priester auf, hob den Zeigefinger und sprach tadelnd: „Du solltest keine Blitze neben deine Kinder werfen. Du bist ein guter Gott.“
Der nächste Blitz spaltete den Pfaffen vom Kopf bis zu den Füßen. Die Menge applaudierte höflich.
„Ich hoffe, du bist jetzt zufrieden“, murmelte Gott versöhnlich. Ja, er war ein guter Gott. Er konnte zielen. Und wenn er einen Blitz warf, dann traf der auch, jawohl! „Und was wollt ihr noch?“
Jetzt schob sich ein Bayer nach vorne, einer von denen, die so überhaupt nicht bayerisch sprechen, sondern wie (fast) ganz normale Menschen.
„Wir haben uns überlegt“, begann er diplomatischer, als man es einem Fußballprofi zutrauen würde, „daß es doch ganz nett wäre, natürlich nur, wenn es dir, lieber Gott, nicht zuviel wird, also daß es ganz nett wäre, mal wieder einen richtigen Helden unter uns zu haben. Wegen der Kinder. Damit die nicht die Popelnasen von Echt oder gar die Kellys oder ähnlich schlimmes anhimmeln müssen. Um mal was Alternatives zu schaffen. So einen Millenium-Jesus. ‚Heiliger als der Papst und ehrlicher als Haider‘ – oder so ähnlich.“
Der Bayer trat bescheiden zurück, und Gott runzelte wieder einmal die hohe Stirn, ein Zeichen für Weisheit und Intelligenz. Er erinnerte sich noch an den Streß mit Jesus damals. Erst hatte er ja Maria überreden müssen – die hatte sich aber auch gewehrt! Nun, einem Gott konnte man viel nachsagen, aber nicht, daß er nicht aufräumen würde. Er hatte ihre Kleider geflickt – und alles andere auch. Damit ihr Mann, dieser Josef, nicht auf blöde Ideen kam. Dummerweise hatte er, also Gott, nicht richtig aufgepaßt, und so war das Malheur dann passiert, und das Kind fiel ins Stroh, und der Esel, der sonst alles fraß, hatte sich geweigert, auch nur zu probieren, und dann waren die Hirten gekommen und die Könige und hatten Gold und Drogen gebracht, und Maria und Josef hatten einen Reise nach Ägypten angetreten, und... aber Gott merkte, er schweifte ab.
Die Demonstranten unten hatten das göttliche Schweigen als eine Art Zustimmung aufgefaßt, und schon begannen sie damit, das zu tun, wozu die Menschen wie geschaffen schienen: sie beschwerten sich. Die Steuern seien zu hoch, das Viagra zu teuer und Drogen noch immer verboten, die Umwelt sei im Ar.. im Eimer, und der Mann unterdrücke die Frau, und die wolle ein Vorspiel haben und hinterher kuscheln(!), und in Afrika hungerten die Neg.. die politisch korrekte afrikanische Urbevölkerung mit der dunklen Hautfarbe, und die Busse kämen zu spät, und die Bahn kippe um, und die Bundeswehr ginge vor die Hunde – kurz: daß die Welt reif für einen neuen Helden sei.
Und Gott, der Herrgott, fragte sich einmal mehr, was ihn damals geritten hatte, den Menschen zu entwickeln – obwohl, fiel Gott dem kleinen Spanner ein, es sehr lustig gewesen war, vor allem Eva so durch die Botanik wandern zu sehen und Adam immer auf dem Sprung... – aber weshalb er es nicht bei Adam und Eva belassen hatte, wollte ihm nicht in den Kopf. Dann fiel ihm ein, daß das eigentlich nicht seine Schuld gewesen war, jedenfalls nicht wirklich.
Damals, in seiner Jugendzeit, als er mit dem schweren psychologischen Trauma zu kämpfen hatte, sich selbst noch nicht gefunden zu haben, hätte er nicht soviel kiffen sollen! Mit klarem Verstand wäre er nicht auf Satans Vorschlag eingegangen. Okay, hatte der alte Schlawiner damals gesagt, du darfst mein Feuer mitbenutzen, und dafür füge ich deinen Menschen eine winzige Kleinigkeit hinzu. Und er, Gott, der Herr, hatte auch noch zugestimmt!
Gut, er hatte nicht ahnen können, daß es in Fortpflanzung ausarten würde. Daß Satan alle Bosheit und Dummheit Adams und Evas bündeln und Kinder darauf schaffen würde! Daß er sich nun auf ewig mit den verdammten Menschen auseinander setzen mußte!
Ja, das hatte Satan gut hingekriegt: Gott mit Petitessen beschäftigen und sich selbst um die wichtigen Dinge kümmern, Amöben und Kaninchen und die Simpsons und so! Noch jetzt mußte Gott heimlich darüber lachen und ärgerte sich ein wenig, daß nicht er auf diese grandiose Idee gekommen war. Doch Niederlagen mußte man einstecken und weitermachen.
„Wie soll er denn sein?“ fragte Gott daher und winkte hurtig den Engel herbei, der noch immer neben seinem Sessel kniete und die Schüssel mit den Knabbereien lächelnd empor hielt, geradewegs vor dem üppigen Ausschnitt. Der Engel erhob sich graziöse, bückte sich, um die Schüssel auf dem Boden abzustellen, was Gott ein bedauerndes Seufzen ob der verpaßten Gelegenheit entlockte, strich den kurzen weißen Rock glatt, schüttelte erst die großen weißen Flügel und dann das goldenen Haar, bevor er auf den Stöckelschuhen zu Gott spazierte. Gott tätschelte dem Engel die Wange, griff ihm ins Dekolleté und holte dort einen Bleistift und einen Notizblick hervor – ja, ein paar Zaubertricks kannte der Schöpfer auch!
Die Demonstranten ließen sich derweil nicht lange bitten und begannen mit ihrer Litanei der Wünsche.
„Mutig soll er sein, und ultra stark, verstehst du?“ forderten die Türken. „Muß Döner mit extra Zwiebeln essen mit ohne zu flennen, weißt du?“
„Flexibel und mental total gut drauf“, fügten die Fußballer hinzu. „Spritzig und hartnäckig.“
„Schön soll er sein“, meldete sich eine hohe näselnde Stimme.
„Und sensibel!“
Gott rollte mit den Augen. So ein Vorschlag konnte ja nur von einer Frau kommen!
„Klug und weise wäre nicht schlecht!“
„Loyal und pflichtbewußt“, meinten die Bundis.
„Echt cool drauf so.“
„Voll sprühenden Witzes und Charmes – und määäächtig!“
„Allmächtig!“
„Omnipotent!“
Die Stimmen versiegten, um gleich darauf in eine Diskussion abzuschweifen, wessen Wünsche denn primär zu behandeln seien.
„Ist ja gut, ist ja gut“, brummte Gott in seinen Bart und kraulte sich beiläufig das Gemächt. „Bevor ihr mir noch weiter auf den Sack geht, schaffe ich euch euren blöden omnipotenten Helden!“
Die Menge jubelte, und Gott wandte sich seufzend vom Fenster ab und gab den Engeln mit einem Wink zu verstehen, daß die Show vorüber war und sie die Wolken wieder zurückschieben konnten. Dann machte er sich auf den Weg in sein Labor.
Das erste, was man zur Erschaffung eines wahren Helden brauchte, war ein großes Ego. Davon hatte sich Gott gleich zu Beginn der Erdgeschichte einen Sonderposten bei ALDI für 59,95 DM besorgt (NIE wieder würde er sich mittwochs um kurz vor neun vor einem ALDI einfinden! Der Spaß beim Untergang Jerichos kurz darauf war auch keine rechte Entschädigung für die erhaltenden Rippenstöße und Fußtritte gewesen. Und hatte man ihn etwa vorgelassen, als er verkündet hatte, er sei Gott? Nein. Na also.). Und tatsächlich fand Gott noch ein sehr schönes Exemplar eines Egos, nur leicht verknittert. Er würde es ja von einem der Engel bügeln lassen, aber die waren ja sogar dazu zu blöd! Dabei sollte es eigentlich Teil ihres Ichs sein. Immerhin hatte er sich um weibliche Engel bemüht. Ein Fehler, er hätte bei Michael, Gabriel und den anderen bleiben sollen, aber die hatten sich über Schmerzen im Arsch beschwert.
Es donnerte, und der Herr stellte mit einem kurzen Blick in seinen Überwachungsbildschirm fest, daß der Himmel schwarz geworden und ein Gewitter aufgezogen war. Das kam davon, wenn Wolken ständig aneinander bumsten. Engel und einparken! Pah!
Gott zerrte seufzend das Ego aus seinem Platz im Regal, schüttelte es halbherzig aus und legte es auf den Tisch.
Die Dose mit dem Mut und die ausgebildeten Muskelstränge waren aus, aber Gott fand in der hinteren Ecke seines Fitness-Studios noch einen alten Expander und ein zertanztes Paar Ballettschühchen, die er sich in einem Anfall von Anna-Wahn einmal geholt hatte. Wenn er sie zerbröselte und mit ein bißchen Löwenzahn und Kaninchenfell mischt, sollte das eigentlich für Kraft und Mut reichen. Er zerstampfte alles und streute es über das Ego. Anschließend galt es, ein bißchen zu experimentieren. Gott war innovativ und suchte erst einmal einen Stapel alter Zeitungen und Zeitschriften, riß sie in kleine Schnipsel, wobei ihm weder die Frau im Spiegel noch die Ausgaben der Mickymaus und der Bravo auffielen, mischte Staub und ein bißchen Asche dazu und sah sich dann nach einer Flüssigkeit um, um die richtige Pampe manschen zu können.
Eigentlich brauchte man zur Erschaffung eines Helden Wasser der Reinheit.
Ach was, dachte Gott. Ich habe keinen Bock, einen Engel zur Erde zu schicken, um Mineralwasser zu kaufen, nur damit er in zwei Wochen schwanger zurückkommt und nicht nur den Namen des Vaters nicht eindeutig bestimmen kann, sondern auch noch das Wasser vergessen hat! Ich bin ein Gott: Also kann ich tun, was mir beliebt.
Er nahm eine Schale, zog möglichst viel Spucke in seinem Mund zusammen, hielt sich das linke Nasenloch zu und rotzte die Spucke durchs rechte Nasenloch heraus.
„Du seist Wasser der Reinheit“, sagte er und fuchtelte mit den Händen über der Schale herum.
Höflicher Beifall und vereinzelte Bravorufe verrieten Gott, daß es den Engeln endlich gelungen war, die Wolken wieder an ihren alten Platz zu schieben.
Seufzend begann Gott, die Pampe anzurühren. Er würzte sie noch mit ein paar ausrangierten Kabeln und einer Lederblase, die einmal Teil eines Fußballs gewesen war, und endlich hatte er einen schleimige bräunliche Masse, in der sich ständig kleine Bläschen bildeten und die einen herben Geruch aussandte.
Damit begann er, das Ego einzuschmieren. Vor vielen Jahrzehnten hatte Gott einmal moderne Kunst und Bildhauerei studiert, nur so zum Vergnügen, denn den ganzen Tag im Himmel abhängen, Fußballergebnisse entwerfen und den Engeln nachzustellen, das machte ein so mächtigen Wesen wie dem Herrgott auch keinen rechten Spaß. So aber hatte er künstlerischen Ehrgeiz, den Helden zu einem Beispiel medizinischer Wunderkunst zu machen.
Das Ergebnis war, gelinde gesagt, modern. Und noch fehlte der letzte Schliff: Haut und Augen, Haare und Mund und all solcher Kram. Dazu wollte Gott die traditionelle Methode nutzen: nach seinem Ebenbild sollte der neue Held für die Zukunft der Menschheit geschaffen sein. Und dazu brauchte er einen Spiegel.
Seit Äonen hing einer unbenutzt in einer Ecke des Laboratoriums, nur dann und wann abgenommen und von den Engeln entstaubt. Er war aus reinem Silber, der Rahmen mit kostbaren Edelsteinen besetzt, in denen sich das Licht der Ewigkeit und die Schönheit des Paradieses spiegelten. Wenn Gott hineinsah, warf der Spiegel sein Bild (abgeschwächt) zurück, und wer oder was immer es auffing, nahm die Züge des Antlitzes und der göttlichen Gestalt an, oder aber eben jene Gestalt, die Gott zu sehen wünschte.
Gott levitierte das von Masse umschlossene Ego zum Spiegel, warf sich in Pose und zog mit einem Ruck das fein gewebte Tuch herunter, das die Oberfläche vor zufälligen Blicken schützte. Ein heller Blitz erhellte das Labor, und als das Licht verblaßte, schien alles ein wenig dunkler.
Gott schmunzelte. Die Alarmanlage funktionierte ausgezeichnet. Jeder Unbefugte würde nun blind und mit verbrannter Kleidung durch das Paradies taumeln. Dem ein oder anderen Engel war es schon geschehen, und Gott hatte das Bild durchaus genossen. Das hatten sie verdient, diese Playmates mit Flügeln! Dieses Toastbrot, das in einen atemberaubenden Körper gezwängt worden war! Dieser Fehler der Evolution! Obwohl – es war ja Gottes Wille gewesen, der sie erschaffen hatte.
Der Herrgott zuckte gleichgültig mit den Schultern, zog das Ego an sich heran und blickte lächelnd in den Spiegel. Dabei bemerkte er zu spät, daß er nicht in den Spiegel blickte, den er vor Äonen eigens zu diesem Zwecke angeschaffte hatte. Auch jener war aus Silber geschaffen, doch zeigte ihm das blinkende Metall nicht das strahlende Antlitz und den athletischen Körper, den der Herr für seinen neuen Liebling im Sinn gehabt hatte, sondern eine schreckliche Karikatur desselben.
„Verdammt“, fluchte Gott. Das mußte der Zerrspiegel sein, den Satan ihm zu seinem letzten Dienstjubiläum geschenkt hatte. Einer der Engel, die mit dem Putzen des göttlichen Labors beauftragt wurden, mußte die Dinger vertauscht haben.
Zum wiederholten Male spürte Gott diese Mattigkeit, die ihn immer überkam, wenn er einen winzigen Riß in seiner Schöpfung bemerkte, die er aber nicht mehr willens oder fähig war zu verändern, so daß er sich schließlich in sein Schicksal fügte. Er hätte damals bei seiner Erschaffung darauf achten sollen, neutral zu bleiben! Aber einige Dinge stellten sich ja sowieso erst Jahrtausende später als richtig oder falsch heraus.
Er betrachtete sein Werk kritisch: das verrutschte Lächeln, die verunglückte Frisur, die hoffnungslose Figur mit den ungelenken, viel zu langen Armen und Beinen, die fremdartig eingehängten Ellenbogen und Knie.
„So ein Mist!“, brummte Gott. „Das soll ein Held sein? Dieser Mißgriff der Natur? So ein Eumel!“
Und damit war der Name geboren.
Ein halbes Dutzend Engel betrat das Labor, in der Hand Petitionen und Beschwerden, die man aus Gebeten, Flüchen und Beichten gewonnen hatte. Es war Zeit für das tägliche nervenaufreibende Krieg mit der Korrespondenz. Nur weil die Pfaffen den Gläubigen all diesen Scheiß erzählten, glaubten sie, sich bei Gott beschweren zu können, wenn diese Versprechungen nicht wahr wurden!
Der Schöpfer entschied, daß man immer genau das bekam, was man verdiente! Er mußte seinem neuen Helden, dem Eumel, nur noch Atem einhauchen, dann würde er einsatzbereit sein.
Gott atmete tief ein, verschluckte sich, wandte sich ab und hustete erst einmal kräftig. Als er sich weder dem Eumel zuwandte, kroch ihm etwas die Kehle hoch, und ehe Gott reagieren konnte, stieß er kräftig auf. Der Rülpser, der nach Pizza Salami und Nachos roch, flog direkt zum Eumel und geriet ihm in die Nase. Der Eumel tat seinen ersten Atemzug und war bereit für Welt.
Aber war die Welt bereit für den Eumel? Eine Welt, die sich jetzt schon ständig beschwerte und nie zufrieden war? Eine Welt, die einen neuen Helden forderte? Gott popelte gedankenverloren. Konnte er es sich leisten, seine Schöpfung diesem Helden auszuliefern? War er bereit, die Menschheit zu retten, oder würde er sie erst recht in den Wahnsinn treiben?
Der Herr kniff gedankenverloren einem der Engel in den Po, der daraufhin albern quiekte, seinen Stapel Briefe fallen ließ und sich bückte, um ihn wieder aufzuheben. Gott beobachtete den kurzen Rock des Engels, der sich höher und höher schob.
Ach was, dachte er, sie haben schließlich um einen Helden gebeten. Was soll’s? Soll sich Satan darum kümmern.
Sprach es, schnippte mit den Fingern, auf daß sich der Himmel auftat und der Eumel zu Erden fiel, öffnete den Gürtels seines Morgenrocks und wandte sich bedeutenderen Dingen zu.
__________________
Andrea Rohmert

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kolibri
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Hallo Andrea.

Aus mir unerklärlichen Gründen, dachte ich bis zu der Stelle: „Echt cool drauf so“, daß es sich hierbei um die Erschaffung von Boris Becker handeln müßte.

Obige Geschichte ist ohne jeden Zweifel eine Satire, und gar keine schlechte, wenngleich ich doch finde, daß sie insgesamt etwas lang geraten ist und gerade jener Teil, den Gott im Labor zubringt, ein wenig langatmig scheint.

Die sprachliche Ausführung gefällt mir gut (auch oder gerade weil der Fußnotensatz aus 156(!) Worten besteht (Rettet den Schachtelsatz!) und dennoch verständlich ist), wiewohl auch der Inhalt wohl kaum aus der Luft gegriffen sein dürfte (oder hat am Ende Gott selbst den Menschen den Wunsch nach einem neuen Helden eingebleut?).

Trotz dem aber, habe ich eines noch zu bemängeln: die Geschichte ist mir eine Nummer zu blasphemisch.


Gruß
kolibri

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Sansibar
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Märchen

Hallo Andrea,
vom Ansatz her finde ich die Geschichte gut und man könnte noch einige dazuerfinden. Doch schließe ich mich dem "Vorschreiber" an.Blaphemie ist verletzend für jeden Gläubigen Menschen. Du verletzt damit andere und kannst strafrechtlich belangt werden. Bist du dir daüber im klaren?
Sansibar

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Andrea
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Warte, warte, warte: ich kann im Rechtsstaat Deutschland (du weißt schon: Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit etc.) für BLASPHEMIE strafrechtlich belangt werden?? Das hätte ich dann in der Tat nicht gewußt, und ich bezweifle es auch ganz stark.
__________________
Andrea Rohmert

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Sansibar
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Strafrecht

hallo Andrea,
§166 StGB, Beschimpfung oder Verhöhnung Gottes ist strafbar( was bei dir wohl zutrifft,) durch Verbreitung von Schriften, Tonträgern, Abbildungen, Darstellungen. Wer den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft und verletzt usw...( Gilt ebenso in Östereich und der Schweiz.)
Solltest du mir nicht glauben, ziehe eine Anwalt zu Rate Meinungsfreiheit heißt nicht Narrenfreiheit, du befindest dich im Irrtum wenn du glaubst du kannst dir alles erlauben irgendwo sind wir doch noch ein Rechtsstaat. Ich empfehle dir, diese verletzenden Passagen herauszunehmen.
Gruß Sansibar

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kolibri
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Sansibar, bisher habe ich immer gezweifelt, aber nun ist mir klar geworden, warum Deine Texte das Kürzel "BGB" tragen...

Doch nun mal locker bleiben. Ich bin der festen Überzeugung, daß der Papst und vermutlich auch seine angetrauten Kardinäle keinerlei Einsicht in die Leselupe haben, (wenngleich sie diese Beschäftigung vermutlich von einigen Schwachheiten abgehalten hätte). Außerdem enthält der Text keine Passagen, die zu irgendwelchen militanten Aktionen aufrufen oder den christlichen Anhängern auf irgendeine Weise gefährlich werden könnten. Daher halte ich es auch für nicht angebracht, nun gleich mit Strafverfolgung zu drohen.

Gruß
kolibri





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