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Leselupe.de > Gereimtes
Das Manifest der 93
Eingestellt am 07. 03. 2003 21:06


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Penelopeia
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2002

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Im September 1914, kurz nach Beginn des ersten Weltkriegs, initiierten Wissenschaftler der UniversitĂ€t TĂŒbingen eine "Kundgebung der deutschen UniversitĂ€ten an die UniversitĂ€ten des Auslandes". Aus allen 22 UniversitĂ€ten, die damals in Deutschland bestanden, kam UnterstĂŒtzung. Die Reichsregierung griff die "Kundgebung" freudig auf, weil darin Empörung ĂŒber den "schon seit Jahren gegen das Deutsche Volk gefĂŒhrten ... Feldzug systematischer LĂŒge und Verleumdung" geschĂŒrt wurde. Doch dem Zweiten BĂŒrgermeister von Berlin, Georg Reicke, erschien der Text zu lasch. Deswegen verfaßte er gemeinsam mit dem Dramatiker Hermann Sudermann und dem Lustspielautor Ludwig Anton Fulda einen "An die Kulturwelt" gerichteten "Aufruf", der dann als "Manifest der 93" berĂŒhmt wurde. Neben der Leugnung von Deutschlands Kriegschuld enthielt das Manifest solche Formulierungen wie: „Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins.“ „Es ist nicht wahr, daß unsere KriegfĂŒhrung die Gesetze des Völkerrechts mißachtet ... Sich als Verteidiger europĂ€ischer Zivilisation zu gebĂ€rden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbĂŒnden und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen."
Zu den 93 Unterzeichnern gehörten viele der fĂŒhrenden Köpfe aus Kultur, Wissenschaft, Kunst...

Denk ich an jenes Manifest,
das deutscher Geist sich ausgepreßt
in neunzehnvierzehn, will mir scheinen,
man könnte zeitgleich kotzen, weinen.

Welch Wahn riß deutsche Denker vor
zum National-Kriegs-Jubel-Chor,
welch Teufel hat sie bloß getrieben,
daß Reickes Dreck sie unterschrieben..?

Ach Herrmann, guter Sudermann,
dein dĂŒmmstes Drama da begann,
manch Unterschrift hat ew’ge Schwere
und drĂŒckt ein Lebenswerk ins Leere...

Ach Gerhart du, Hauptmann, Idol
der neu’ren deutschen BĂŒhne wohl,
was mußtest du legitimieren
dies StĂŒck: man wird‘s ewig auffĂŒhren...

Ach Liebermann, Gulda, Reinhardt,
welch Wahnbild hat euch bloß genarrt? –
War’s Hoffnung, so Heimat zu finden,
so zĂ€hl‘ ich euch zum Heer der Blinden...

Ach und der Harnack und der Planck,
vielleicht waren die grade krank,
insuffizient Glauben und Liebe
nebst rationalem Forschertriebe..?

Ihr großen Geister allesamt
habt mit der Schrift Vernunft verdammt,
aus deutschen Landen ausgetrieben,
seitdem kann man’s nur schwer noch lieben.

Ihr Geister groß, nobel, voll Ehr,
der Aufruf damals gleicht mir sehr
heut’gen Aufrufen, Manifesten –
man will, denk ich, uns wieder testen.

Man will uns testen auf Blödheit
(dieses passiert von Zeit zu Zeit
und kommt demnÀchst verstÀrkt in Mode):
und zwar mit selbiger Methode!

Ihr Dichter hier und SĂ€nger dort,
habt Vorsicht jetzt mit eurem Wort,
denkt an die dreiundneunzig GrĂ¶ĂŸen
und laßt euch nicht derart entblĂ¶ĂŸen.

Denkt an das Jahr neunzehnsiebzehn –
wie werdet ihr am End‘ dastehn,
wenn Ratio- und VernunftgeschwÀtze
plötzlich nichts weiter als Kriegshetze...


















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