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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Das Meer kommt
Eingestellt am 01. 09. 2007 00:01


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Wie sollen wir unsere Prosa k√∂cheln? Das Rezept: In der K√ľrze liegt die W√ľrze. Halten wir uns heute mal an die Erz√§hlung Das Gericht des Meeres der Autorin Gertrud von le Fort und nehmen daraus drei Gew√ľrze in unsere Kochvorschrift auf!

Zur Einstimmung soll zun√§chst ein wenig aus der Fabel o.g. Erz√§hlung, die zu Anfang des 13. Jahrhunderts handelt, geplaudert werden. Auf der Heimfahrt von der Normandie nach Cornwall ger√§t die Flotte des englischen K√∂nigs Johann (*1166 ‚Ć1216) mitten im Kanal in eine Flaute. Die K√∂nigin und der Prinz befinden sich mit an Bord des k√∂niglichen Schiffes. Der kleine Prinz in der Wiege leidet an Schlaflosigkeit, verweigert die Nahrung und siecht dahin. In dieser hoffnungslosen Situation erinnert man sich: Auf einem der Geleitschiffe befindet sich Anne de Vitr√©, eine junge bretonische Geisel. Die soll den Prinzen mit einem Schlummerlied in den Schlaf singen. Diese Begabung hat Anne von ihrer Vorfahrin, der Frau Avoise. K√∂nig Johann ist gegen die dumme Singerei. Auf einem seiner Feldz√ľge gegen die Bretonen hatte er deren Herzog, der fast noch ein Kind war, nach Rouen verschleppt und dort eigenh√§ndig ermordet. Ebenjene Anne war zu Lebzeiten des jungen Herzogs f√ľr diesen als Geisel genommen worden. Und ebenjene Frau Avoise hatte auf Schloss Reaux mit einem bretonischen Schlummerlied die gesamte englische Besatzung in den Schlaf, sprich in den Tod, gesungen. Nach tagelangem Widerstreben gibt der K√∂nig bei anhaltender Flaute und permanenter Schlaflosigkeit des Prinzen seiner verzweifelten K√∂nigin dann doch noch nach. Anne wird flugs herbeigerudert. Die K√∂nigin f√ľhlt, dass Anne ihr Kind wahrscheinlich in den Tod singen will, aber mit der Zeit fasst sie trotzdem Vertrauen zu dem jungen M√§dchen. Anne, in der Auseinandersetzung mit dem Meer, das beinahe so allm√§chtig auftritt wie Gott, begreift, dass der kleine Prinz aus Rache f√ľr den ermordeten jungen Herzog get√∂tet werden muss.
Welchen Weg nun Anne tats√§chlich geht, wird nicht verraten. Lesen Sie bitte das schmale B√ľchlein!

Nun endlich zu den angek√ľndigten drei Gew√ľrzen.
Erstens, die √úberidee. Es tut einer Erz√§hlung gut, wenn darin eine bedeutsame Idee auffindbar ist. In unserem Beispiel erhebt sich die schwache, verwundbare Anne im gro√üen Finale √ľber den m√§chtigen K√∂nig, der ein M√∂rder ist.
Zweitens, der Mythos. Eine Erz√§hlung sollte mehr sein als platter Realismus. In unserem Beispiel kann das Meer nachts nicht nur leuchten. Es ist dialogf√§hig. Anne f√ľrchtet w√§hrend dieser Zwiesprache seine mythische Kraft. Das Meer ‚Äď bei Flaute ‚Äď will sich erheben auf seinen Richterstuhl ( Gericht im Titel der Erz√§hlung meint Rechtsprechung und nicht Mahlzeit), das Meer will an Deck und herein ins Zelt des Prinzen, so f√ľrchtet Anne.
Drittens, die konstruktive Hochsprache. Perfektes Hochdeutsch reicht nicht. Der Ton sollte ein ganz besonderer sein. Die Sprache der Autorin macht Staunen. Die Konstruktion der kleinen Erzählung ist so großartig, dass ihr erhabener Bau beim wiederholten Lesen noch deutlicher hervortritt.

Die deutsche Schriftstellerin Freiin Gertrud von le Fort wurde am 11. Oktober 1876 in Minden/Westfalen geboren und starb am 1. November 1971 in Oberstdorf/Allgäu.

Gertrud von le Fort: Das Gericht des Meeres Erzählung. 1943
Quelle: Insel-B√ľcherei Nr. 210, Wiesbaden 1947 (23. Aufl. 1999). 50 Seiten,
ISBN 3-458-08210-7

Hedwig Storch 9/2007

__________________
Hedwig

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