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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Motiv (aus
Eingestellt am 27. 02. 2008 00:42


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Pola Lilith
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DAS MOTIV

(aus „Kleine Filmgeschichten“)




DER BERG


Reibung entfacht Feuer. Also hockte der Höhlenmensch unter seinem Felsdach und warf seinen Schatten an die Wand, die seine Welt im flackernden Licht widerspiegelte. Auch heute noch lĂ€ĂŸt der Fels geduldig mit sich geschehen, was sein Dasein ausmacht. Doch wie lange noch? Immer wieder wird er StĂŒck fĂŒr StĂŒck abgetragen fĂŒr all den Prunk von arabischen FlughafendĂ€chern bis in die konkaven Linien unserer BĂŒrotoiletten hinein. Schwer gepolstert mit breitem Hintern, Schutzmaske, Preßluftmeißel und der Sucht nach BewĂ€ltigung schlagen wir auf den Stein ein und so viel weg, bis wir das vollendete Kunstwerk aus ihm herausgeprĂŒgelt und nach beider SĂ€ttigung wieder hineingestreichelt zu haben glauben. DafĂŒr bohren wir Löcher in seine Seele und fĂ€deln Stahlseile ein, die den Koloß ĂŒber Rollen endlos laufend wie ein Keilriemen zersĂ€gen. DafĂŒr fĂŒttern wir seinen fast durchschnittenen Spalt mit Sand und Gesteinsbrocken, die seine Herzklappen auseinanderdehnen, so lange, bis sich das begehrte StĂŒck seines riesigen Körpers mit einem tiefen Aufschrei tonnenschwer löst und zur Seite neigt. Dann genĂŒgt nur noch ein Druck unserer HĂ€nde und wohldosiertes Feuer, das ihn sprengt. Und endlich prallt der Fels berstend auf sein Schutt- und Geröllkissen. Eifrig schichten wir schließlich die zerlegten Gliedmaßen unseres Kaiserschnittes auf Holz, fesseln sie mit Stahlseilen aneinander und wuchten unser neugeborenes Beutetier ĂŒber die selben Rollen, die ihn seinem Mutterleib entrissen haben, zentimeterweise den Berg hinunter in’s Tal; dorthin, wo der Abtransport seiner harrt: zum Bauch des Marmorbruches.


DAS PAAR


Sie blinzelte, als der Zug aus dem Tunnel in’s Licht stob; dann zog sie den Vorhang zu. Der junge Mann drĂŒckte sie sanft an sich. Sie kam ihm entgegen und lehnte ihren Nacken an seine Schulter, wobei ihr eine schwarze Locke verwegen in die Stirn fiel. “Mario und ich waren zwölf, als die Eltern verunglĂŒckten.” sagte sie. “SpĂ€ter fuhren wir, daß der Wagen brennend in der Leitplanke hing, umringt von Schaulustigen. So vergingen die Jahre und wir begannen davon zu trĂ€umen, nach Amerika auszuwandern und ganz groß rauszukommen. Wir hatten ja so viele Ideen, die uns Kraft gaben fĂŒr das Leben hier und die Schule, und fĂŒr unsere Freunde. Aber kaum war Mario erwachsen, entdeckte er den Stein und das Geld, das er in sich birgt. Das ist der Grund, warum Mario sein Erbe angetreten hat und auf der Insel geblieben ist. WĂ€hrend ich einfach nur umhergestreunt bin.” “Bis zu unserer Begegnung.” “Ja, bis zu unserer Begegnung.” sagte sie leise und schmiegte sich eng an ihn. “ErzĂ€hl mir vom Berg.” bat er. “Ach, weißt du, bei uns waren sie alle marmoristi. Groß-vater schuftete schon als Kind von sechs Uhr morgens bis in den Abend hinein. Jeden Tag ist er um vier Uhr aufgestanden und mit seinen schweren, genagelten Stiefeln an der Seite seines Vaters zwei Stunden den Berg bis zum Sammellager aufgestiegen, von dort noch einmal eine halbe Stunde hoch in den Bruch. Und unser Vater hatte es kaum leichter. Heute gibt es ja zum GlĂŒck die Straße. - ZĂŒndest du mir eine Zigarette an, Frederico?” Ein weiterer Tunnel folgte, wĂ€hrend die Flamme aufblitzte und der Mann seiner Freundin die Zigarette reichte. “SpĂ€ter, als Mussolini an die Macht kam, versteckte sich Großvater ĂŒber zwanzig Jahre lang in den Bergen. Er organisierte den Widerstand und arbeitete weiter im Bruch, wohin sich die Faschisten nicht wagten. Na ja, und nach Kriegsende ĂŒbernahm er die Lizenz fĂŒr den Bruch auf der Insel und grĂŒndete unsere Familie.” Im Abteil wurde es hell. Sie öffnete den Vorhang; ein Klatschmohnfeld breitete sich flammendrot unter ihr aus. “Den Paß haben wir hinter uns.” Sie blickte nach oben. “Und es wird regnen.” Der Mann beugte sich vor, duckte den Kopf und sah in den Himmel, wo sich eine dunkle Wolke ĂŒber die Bergkante schob. “Trotzdem”, warf er ein, “ein Partisan als Unternehmer? Ich habe gedacht, ihr Italiener seid anders.” “Richtig.” Sie schubste ihn neckisch auf seinen Platz zurĂŒck. “Denn bei uns in Italia ist alles möglich. Wie wĂ€r’s mit einem Kuß, bevor es wieder dunkel wird?” Freudig zog er sie an sich, hob ihren Shirtausschnitt und kĂŒĂŸte ihre kleinen, goldbraunen BrĂŒste. Dann fuhr der Zug in den nĂ€chsten Tunnel ein.


DER FILMEMACHER


Er entdeckte die Wolke in dem Moment, als er das Happy End seines Filmes “Eine italienische Romanze” gefunden hatte. Sei dem alten Bildhauer ruhig noch einige Jahre GlĂŒck an der Seite seiner kleinen, stummen Antonia vergönnt. Ja; erregt zĂŒndete er sich eine Zigarillo an, wĂ€hrend er die Geschwindigkeit seines Alfas aufgrund der gerade vor ihm liegenden Straße erhöhte. Die Insel wĂŒrde ein prĂ€chtiges Motiv fĂŒr sein farbenumrauschtes Finale abgeben; weich gezeichnete Auflösung, frech durchbrochen von purem, schweißtreibendem Sex. Das ist es. Wenn es nur nicht so schwĂŒl wĂ€re. Er griff zum Handy, ĂŒberlegte es sich dann aber anders. SpĂ€testens heute abend wĂŒrde er eine große Schale frutti di mare essen und eine blutjunge Italienerin mit auf’s Zimmer nehmen. Ach, noch einmal zwanzig sein. Ob Karin als Antonia beim Publikum ankommen wird? Wenn er nur endlich die Förderzusage in den HĂ€nden hielt. Ein junger Mopedfahrer ratterte ihm entgegen; sein wehend langes Haar verbarg anfangs das Gesicht des MĂ€dchens hinter ihm, das sich kurz berockt an seine Brust klammerte, wĂ€hrend sie ihre nackten Beine in die Luft streckte. Sie war hĂŒbsch und ungeschminkt. Ach, kann das Leben schön sein. Vor der roten Ampel eines BahnĂŒberganges hielt er an. Ein Zug mit offenen Fenstern rauschte vorĂŒber. Er hob die Finger vom Lenkrad und winkte kaum merklich, als ein paar Jungen lachend weiße FĂ€hnlein hinausschwenkten; dann verschwand auch der letzte Waggon hinter einer HĂŒgelkuppe und die Schranke öffnete sich quietschend in den Himmel.


DIE MARMORISTI


Mit RiesensĂ€gen bewehrt, von mannshoch umschnĂŒrten Gesteinsbrocken eingemauert, inmitten von Schutt und Geröll und feinem, weißem Staub, der in die Nasenlöcher kriecht, die Zunge benetzt und die Bronchien verklebt, so stehen sie einander gegenĂŒber. Der Alte hĂ€lt seine Augen schmal, seinen Bizeps gespannt; eine Kippe im Mund lĂ€ĂŸt er die SĂ€gezĂ€hne sich unter seinen nackten, ledernen HĂ€nden kraftvoll durch den Stein hindurchwĂŒhlen. Der Junge am anderen Ende des Marmorblockes ist noch nicht so weit, plagt sich noch immer mit dem Ansatz und der Entscheidung ab, hier irgendwann stumpfsinnig zu verrecken oder ab sofort von der Hand in den Mund zu leben. Erst kurz da und schon rinnt ihm der Schweiß, sind seine HĂ€nde aufgerissen, verfolgen ihn Bilder von Krankheit, Auszehrung und Tod. Im hinteren Teil des Hallengewölbes, neben den breiten TĂŒröffnungen, durch die Stahlseile ĂŒber Holzrollen zum Berg hochfĂŒhren und fĂŒr stĂ€ndigen Nachschub sorgen, geben sich faltige MĂ€nner mit einer fĂŒr den Jungen unverstĂ€ndlichen Gleichmut der Schwerstarbeit hin. FĂŒr den Transport zu große Brocken mĂŒssen zerkleinert werden. Also schlagen sie mit Hammer und Meißel und mit einem ohrenbetĂ€ubenden LĂ€rm Kanten und Ecken ab, stemmen sich gegen die Bohrer, durchschneiden Drahtseile, halten, was nötig ist, mit der Kraft ihrer Arme, wuchten Stein fĂŒr Stein zuerst auf ihre Oberschenkel, dann auf Schubkarren und Holzpaletten, verletzen sich gern und fĂŒrchten seitdem kein Erdbeben mehr. Einer mit Helm kommt von der Straße herein, brĂŒllt, daß er zum Bruch hochfahre. “Ist gut, Mario.” brĂŒllt der Alte zurĂŒck, der Hallenvorarbeiter ist, weil er jedes Himmelfahrtskommando heil ĂŒberstanden hat. “Der padrone”, ruft er dem Jungen zu; aber indes hat auch dieser seinen Ansatz gefunden und sieht und hört nichts mehr.


DER SEE


Leichter Wind krĂ€uselte die OberflĂ€che des Sees. Tuckernd bewegten sie sich auf die Insel zu, die sie wie ein zweieigiges ZwillingspĂ€rchen erwartete. Mit weiten, flachen Ufern, Wald und Wiesenflecken und einem in sich bunt geschachtelten Hafenörtchen bot sich die linke HĂ€lfte dar, wĂ€hrend ihr Gegenpol steil in einen Berg wuchs, dessen Vorderkamm der herannahenden FĂ€hre weiß wie Schnee entgegenglimmte. Dort sah man auf einer Tunnelstraße ab und an einen Wagen hinter dem Fels verschwinden, einen anderen wieder auftauchen. Er hatte seinen Alfa verriegelt, die Kameratasche umgehĂ€ngt und stand nun filmend am Bug. Sie saß ihm im RĂŒcken und er bemerkte sie erst, als er vom Wasser hoch zur Bootsplattform schwenkte. Gebannt hielt er ein. Sie lĂ€chelte nicht. Ihren Kopf an die Brust eines jungen Mannes gelehnt blickte sie ihn an - und in ihn hinein. Tiefes Schweigen. Augen, grĂŒn wie der See. Verborgene Leidenschaft, Liebe, VerhĂ€ngnis. - Seine Antonia. - Sie aber hatte ihn gleich durchschaut. Wie er so dastand, den HosengĂŒrtel straff um seine wabbeligen HĂŒften gezurrt, den runden Oberkörper in ein enges Markenshirt gezwĂ€ngt, am Armgelenk eine sanft schwingende Rolex-Uhr und im Kopf das sichere GefĂŒhl, alles zu bekommen. Er könnte auch Italiener sein, dachte sie; aber sie wußte, er war nur einer, der sich mit der Leichtigkeit einer kreditkartenbestĂŒckten Brieftasche ĂŒberall zuhause fĂŒhlt. Sie hatte solche Typen noch nie gemocht. Sie machten ihr Angst. Am liebsten wĂŒrde sie ihn mitsamt seiner Kamera in’s Wasser stoßen, auf Nimmerwiedersehen. - Der Mann wandte sich ab, als das unerfahrene Gesicht des Jungen seine Heldin bedeckte und ihn nun grimmig zum Duell aufforderte. Wie lĂ€cherlich, dachte der Ältere und: keine Chance, mein Junge, keine Chance. - “Dort ist Mario und weiß nicht, daß wir kommen. Sieh nur.” Das MĂ€dchen war aufgestanden und hatte ihren Freund mitgezogen. Jetzt blickten sie hinĂŒber zu dem zerklĂŒfteten, seilumspannten Berg, an dessem Fuß ein uraltes, staubumprustetes GebĂ€ude klebte, das ihren Bruder verschluckt hielt. Auf der schmalen Straße davor sah man unter einem Kran einen mit riesigen Gesteinsbrocken beladenen LKW, dessen Vorderachse sich gewagt in die Höhe streckte. Das MĂ€dchen lachte. - Lauschend zoomte der Mann zuerst die Ladung, dann den lose baumelnden Kranzapfen, ĂŒber den noch kurz ein schmaler Streifen Sonnenlicht huschte, bevor auch dieser von der nun tief ĂŒber dem See hĂ€ngenden Wolke aufgesogen wurde. Gleich darauf schwenkte das Boot scharf nach links. Die ersten Donner rollten heran. Tief atmete das MĂ€dchen die Luft der Heimat ein. Dann legte die FĂ€hre an der kleinen, mit bunten Wimpeln geschmĂŒckten Uferpromenade an.


DAS HIMMELFAHRTSKOMMANDO


“Nachlegen.” brĂŒllt der Mann unter dem Tonnenkoloß, ĂŒber den er nicht hinaussieht, hier am holperig steilen Hang, wo sich die HĂ€nde ĂŒber den Bremsklotz spannen, um mit diesem zur Seite zu springen, sobald die Techniker oben neue Rollen nachgelegt haben, die die schwere, weiße und so teure Braut wieder ein paar Zentimeter tiefer rutschen lassen - nur nicht in seine Arme hinein, nur nicht auf seine Brust, nur nicht ĂŒber ihn, denn so groß ist seine Liebe nicht, um unter ihr begraben zu werden. “Nachlegen.” brĂŒllt nun auch der Mann oberhalb der Ladung, auf die er jung, behelmt und mit geöffnetem Hemd seinen Fuß gestemmt hat und einem Arbeiter neben ihm zunickt, der schwitzend den Griff der Holzschiene umklammert, bereit, sie mit voller Kraft zu unterstĂŒtzen, wenn die Seile die aneinandergefesselten Blöcke Ă€chzend in die Höhe heben mĂŒssen. Oh, wie sie ihn erdrĂŒckt mit ihren schweren BrĂŒsten und breiten Schenkeln, die ihm in die Leisten schlagen. Der Alte unten ringt nach Atem; schlecht wird ihm, schwindelig. “Padrone. Padrone.” “Stop.” Mario nimmt seinen Fuß vom Stein. “Was ist los?” brĂŒllt er ĂŒber den Schleier der Braut hinweg nach unten. “Dem Alten ist schlecht geworden.” schreit ein anderer. Schon ist Mario nebem seinem Ältesten. “Laß mich machen, setz dich und trink was.” Mario ist ein guter Padrone und der Alte lĂ€ĂŸt ihn gerne einspringen. “Scheiße.” aber flucht Mario jetzt und stĂ¶ĂŸt ihn hart zur Seite. Der Alte hört noch Geschrei von oben, dann wird ihm schwarz vor Augen.


LIEBE, SEX & LEIDENSCHAFT


Die ersten dicken Tropfen klatschen auf die erhitzte Haut. Eng umschlungen stieg das Paar die steilen Stufen zum Haus hoch, das mit wildem Wein bewachsen in den Bergabsatz wie hineingehauen schien. “Gleich danach fahren wir zu Mario, ja?” sagte sie und gab ihrem Freund einen Kuß auf den Hals. “Der dich gefilmt hat war ĂŒbrigens ein Deutscher”, sagte der junge Mann, wĂ€hrend er unter ihren Jeansbund fuhr, ihr PogrĂŒbchen suchte. “Ein Arsch.” entgegnete sie und brach im VorĂŒbergehen eine rote OleanderblĂŒte, deren Strauch sich prall gefĂŒllt durch einen morschen Zaun zwĂ€ngte. Sie steckte die BlĂŒte in seine vordere Hosentasche, worauf er wieder lĂ€chelte und schwer zu atmen begann. Dann entdeckten sie die weiße Katze, die auf der obersten Stufe mit vorgestrecktem Nacken und steif in die Höhe gehaltenem Schwanz die Neuankömmlinge in’s Visier nahm.

*


Als er aus dem Tunnel fuhr, prasselte der Regen so stark gegen die Windschutzscheibe, daß er anhalten mußte. Er schaltete die Warnblinkanlage an, steckte sich eine Zigarillo zwischen die Lippen und betrachtete rauchend die Steinbruchfestung, die hinter einer kleinen Bucht wie ein Nebelgespinst im Rhythmus der Scheibenwischer auf- und abtauchte. Dort wĂŒrde sie sein, seine Antonia, nackt wie der Stein, hinter dem sie Schutz suchte vor der Welt und dem ungestillten Verlangen nach ihr. Aber er wĂŒrde es nicht zulassen; er wĂŒrde kommen, in ihren Kerker eindringen, in das GrĂŒn ihrer Augen, in die bebende Höhle ihres Körpers und schließlich auch in ihre Seele. Dann wĂŒrden ihre stummen Schreibe vergeblich gegen den Fels prallen, denn zuletzt wĂŒrde er sie dem Ort der Finsternis entreißen und ihr einen Schrei entlocken, der ĂŒber die Berggipfel hinweg- und ĂŒber den See hinausstĂŒrmen sollte, bis auch wirklich jeder ihn hörte und es keine Stelle des Verbergens, des RĂŒckzugs mehr gab. So wĂŒrden sie im Farbenmeer der Leidenschaft eintauchen und von den Ufern der Liebe befriedet sich dem Leben wiederschenken. Seine Antonia. Sein Finale.

*


Er war tief in ihr; und draußen blitzte es und Wind und Regen stĂŒrmten um’s Haus und der Baum trug noch immer das Rauschen des Meeres, und wieder traf sie der Blick der Katze, fing sie auf und ein, und dennoch war heute alles anders; er war in ihr und liebte sie, und liebte sie. Und welche Lust sie befiel und mit welchen Worten sie ihn liebkoste und wie sie gemeinsam die Marmorterrassen des Berges hochstĂŒrmten und wie der Stein in der Sonne glimmte und wie das Auto Feuer fing und wie die Rolex-Uhr schaukelte die Kamera surrte Mario lachte und endlich die Flut anrollte, mit der sie sank, hinab, hinab, bis auf den Grund des Sees.


DAS FINALE


Die Kamera mußte er im Wagen lassen. Zu filmen wĂ€re eh sinnlos gewesen bei dem trĂŒben Licht der nackten DeckenglĂŒhbirnen. Die Drehgenehmigung jedoch wĂŒrde er bestimmt mĂŒhelos erhalten; hier fehlte es doch an allen Ecken und Enden. Die sĂ€genden MĂ€nner im RĂŒcken stand er vor dem mannshoch geschnĂŒrten, staubumwehten Steinpaket im hinteren Hallenteil. Er dachte an die blank gewienerten AbsĂ€tze römischer Produzentenkollegen und an die spitzen Stöckel ihrer Stars, die spĂ€ter auf dem Stein aufschlagen wĂŒrden; vielleicht sollte das Paket vor ihm aber auch zu einem der unzĂ€hligen DenkmĂ€ler verarbeitet werden, die schließlich auf kleinen, unbedeutetenden DorfplĂ€tzen zu unversöhnlichen Streitobjekten der Gemeinden anschwollen? Die MĂ€nner hier zuckten mit den Schultern, das Endprodukt interessierte sie nicht; sie holten den Stein vom Berg und machten ihn transportfĂ€hig. Das war, was sie wußten; und daß er dann sehr teuer werden wĂŒrde, der Stein, sehr teuer. Er fuhr mit der Hand ĂŒber seine schon jetzt sehr glatte OberflĂ€che. An diesem gelehnt wĂŒrde Antonia also die ErfĂŒllung ihres GlĂŒcks erfahren. Sein Protagonist wĂŒrde sich zu ihr bekennen, zu ihrer Jugend, ihrer Schönheit, ihrer Zerbrechlichkeit. Sollten die Leute denken, was sie wollten. Er wĂŒrde sie zur Frau machen und ihre stumme Liebe der Welt offenbaren. Durch ihn wĂŒrde sie endlich die GefĂŒhllosigeit des Steines, das kalte Herz ihres Verlieses begreifen und sich fĂŒr immer den Farben und GerĂ€uschen des Lebens zuwenden. Ihren Kerkermeister aber, diesen unbedarften Jungen, wĂŒrden sie im GemĂ€uer zurĂŒcklassen; sollte er zu Staub werden; das GlĂŒck schenkte ihr ein anderer und sei es nur fĂŒr ein paar Jahre noch. - Er zuckte zusammen, als ein langgezogener Schrei das Klopfen, Bohren und SĂ€gen um ihn herum durchbrach. Die MĂ€nner hielten in ihrer Arbeit ein, blickten sich an, ließen dann Hammer, Bohrmaschine und SĂ€ge fallen und stĂŒrzten wild gestulierend hinaus auf die Straße. Schnell folgte er ihnen in den prasselnden Regen hinein.

“Mario. Mario.” Er sah zuerst den Jungen von der FĂ€hre, der vor dem beladenen LKW auf einem Moped hockte. Der Regen triefte ĂŒber sein Haar, wĂ€hrend er mit offenem Mund verstĂ€ndnislos an ihm vorbeistarrte, sich dann aber ihm zuwandte und ihn erneut grimmig anblickte. Keine Chance, keine Chance, Junge. “Mario.” Er drehte den Kopf hinĂŒber zu der kleinen Schotterstraße, die auf den Berg fĂŒhrte. Die MĂ€nner der Halle standen jetzt mit anderen vor einem Jeep und verbargen den Schrei, der dann aber plötzlich wieder so stark anhob, daß er weder vom Regen noch von der Menge verschluckt werden konnte. Er ging hinĂŒber, den grimmigen Blick des Jungen im RĂŒcken. “Was ist passiert?” fragte er einen taumelnden Alten neben sich. Der schĂŒttelte nur den Kopf und schwieg. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, suchte zwischen den Schultern einen Blick auf das Geschehen zu werfen. Dann sah er sie, auf dem Boden kniend, ihren knackigen Jeanspo nach oben gestreckt, ihren schmalen Nacken vornĂŒbergebeut und ihr schwarzlockiges Haar die nackte Brust eines Mannes bedeckend, wĂ€hrend sie ihre Arme ausgebreitet und die HĂ€nde des Mannes unter ihr so fest umklammert hielt, daß er das Weiß ihrer Knöchel sehen konnte. “Mario.” Sie warf ihren Oberkörper hoch; wie eine rote Flamme klebte das T-Shirt an ihren nassen, runden BrĂŒsten. Jetzt erst entdeckte er das Blut auf der Brust des jungen Mannes, der mit geschlossenen Augen auf der Pritsche lag und wohl tot war, da keiner ihn fortbringen wollte. Sie schluchtzte, seine Antonia und wehklagte in fremden Tönen, deren Dramatik er aber durchaus verstand.

Das war die Gelegenheit, und sei es, daß er Karin abfinden mußte. Diese Antonia wĂŒrde es wieder einspielen, dessen war er sich sicher. Er zwĂ€ngte sich durch die MĂ€nner hindurch, stand nun ĂŒber ihr, beugte sich herab. “Signora. Es wird alles wieder gut.” sagte er leise, aber bestimmt. Sie drehte sich um, blickte ihn an. Das GrĂŒn ihrer Augen hatte sich in’s Braun gewandelt, haftete nun auf ihm, ließ ihn auch dann nicht los, als sie sich langsam erhob und nun ganz nah vor ihm stand. Dann öffneten sich ihre Lippen. Er wĂŒrde sie kĂŒssen, gleich, was es kostete.

“Faschist.” sprach ihr Mund, und das Wort durchschnitt den Regen scharf und leise zugleich. Dann spuckte sie ihm in’s Gesicht. Die MĂ€nner drehten sich ihm zu; ein Murmeln wog an, wurde zu einer Welle der Grimmigkeit und Bedrohung; schon rĂŒckten Schultern, Ellbogen, zu FĂ€usten geballte HĂ€nde ihm nĂ€her und er wich zurĂŒck. “Ist ja gut. Ist ja gut.” versuchte er zu beschwichtigen, wĂ€hrend er noch sah, wie das MĂ€dchen sich wieder ĂŒber ihren toten Bruder beugte, bevor es von den MĂ€nnern eingemauert wurde, die ihn selbst rĂŒckwĂ€rts zum Wagen trieben, vorbei an dem Jungen auf dem Motorrad, der ihn jetzt lĂ€chelnd ansah, ohne jede Scheu.

Er stieg in den Alfa, verriegelte die TĂŒr, startete den Motor. Die Drehgenehmigung wĂŒrde er nicht mehr bekommen, das war sicher. Und bei Karin mußte er eine mögliche Farblosigkeit in Kauf nehmen. Der Film wĂŒrde also doch auf der Straße enden, irgendwo auf dem Festland, irgendwo anders. Er sah in den RĂŒckspiegel. Keiner verfolgte ihn. Ein schales GefĂŒhl der Leere beschlich ihn, verdarb ihm nun auch noch die Lust auf den Abend. Dann klingelte das Handy, wĂ€hrend er den Berg im RĂŒcken sich selbst ĂŒberließ. Aber auch davon wurde er nicht erlöst.


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Wipfel
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Hallo Pola,

ich habe kein Ahnung, wer Du bist. Was ich hier las, hat mich allerdings beeindruckt. Nein - nicht weil sie perfekt wĂ€re, Deine ErzĂ€hlung; das ist sie nicht. Aber (egal wie alt du auch sein magst), das klingt sehr talentiert, sehr ĂŒberzeugend - und doch irgendwie ungeschliffen. Dein großes Talent liegt zweifelsohne in dem Reichtum Deiner Sprache, im BemĂŒhen neue Wendungen zu finden, die ErzĂ€hlung locker und abwechslungsreich zu gestalten. Lass mich meinen Eindruck etwas erlĂ€utern - keine Nörgelei.

quote:
Reibung entfacht Feuer. Also hockte der Höhlenmensch unter seinem Felsdach und warf seinen Schatten an die Wand, die seine Welt im flackernden Licht widerspiegelte. Auch heute noch lĂ€ĂŸt der Fels geduldig mit sich geschehen, was sein Dasein ausmacht.

Der erste Satz erweckt mein Interesse. Der zweite meinen Widerspruch. Sei doch genau! Spiegeln die Schatten seine Welt wieder? Sie spiegeln ihn selbst wieder. Sind es nicht die Zeichnungen, die Malereien an den WÀnden, die etwas aus der Welt der Hölenmenschen wiederspiegeln? Lass ihn - den Wurmfortsatz des Satzes (und solche FettnÀpfchen)- einfach weg...

Und was(?) macht das Dasein des Fels aus? Gibt es darauf eine Antwort? Ich habe keine.

"Ach heute noch... "

als Überleitung in die Geschichte wirkt bemĂŒht und etwas zu schnell. Ich bin doch noch in der Höhle.

Dennoch: an diesem Text zu arbeiten lohnt sich!

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