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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Paket
Eingestellt am 21. 05. 2015 12:54


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Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

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„Hast du eigentlich eine Ahnung, wie sehr ich mich auf die Kreuzfahrt freue, Georg?“
Carla biss kräftig in ihr Brötchen, kaute und fuhr mit halbvollem Mund fort: „Ich bin jetzt schon fürchterlich aufgeregt, wenn ich nur daran denke.“
„Hm, ja, natürlich.“ Georg wirkte abwesend. Er blätterte eine Seite seiner Zeitung um und vertiefte sich in einen Artikel.
„Stell dir nur mal vor, was wir alles sehen werden! Neapel, Rom, Marseille, Barcelona! Und dann das Schiff! Ich kann es kaum noch erwarten!“
Georgs Stimme hinter der Zeitung klang wenig interessiert. „Ja, sicher, es wird bestimmt sehr schön. Ist noch etwas Kaffee da?“
Carla stand auf, nahm die Glaskanne von der Warmhalteplatte der Kaffeemaschine und fĂĽllte Georgs Tasse.
„Ich habe mir gestern einen neuen Badeanzug gekauft. War gar nicht so teuer. Der alte hat mir nicht mehr gepasst.“
„Ach so? Ja, gut.“
„Wenn ich mir vorstelle, wie es sein wird auf dem Schiff! Im whirlpool oder auf dem Sonnendeck! Man blickt auf das weite blaue Meer, lässt sich einen Cocktail servieren und genießt die Sonne. Ach Georg, du weißt ja gar nicht, wie sehr ich mich freue!“
Georg faltete seine Zeitung zusammen, legte sie ordentlich neben seinen Teller und trank seinen Kaffee aus.
„Ich gehe gleich rüber zu Hannes. Er will mir die neuen Teile zeigen, die er für seine Bahn gekauft hat.“ An der Tür drehte er sich noch mal um. „Wenn der Postbote ein Paket bringt, kannst du es ruhig annehmen. Es ist schon bezahlt.“
„Ist gut“.
Carla fing an, das Frühstücksgeschirr abzuräumen. Sie summte vor sich hin. Die Vorfreude auf die Reise ließ sie wie auf Wolken schweben. Hin und wieder stieg ein Juchzen in ihrer Kehle auf, das sie kaum unterdrücken konnte. Sie legte das Wischtuch aus der Hand und griff zu dem Katalog des Reisebüros, der, schon etwas zerfleddert, aufgeschlagen auf dem Wohnzimmertisch lag. Dieses wunderschöne Schiff! Genauso schön wie das Traumschiff im Fernsehen, von dem sie noch keine Folge versäumt hatte. Doppelkabine auf Deck acht. Ganz in der Nähe des Theaters und der Restaurants. Sogar ein Casino gab es! Und einen Fitnessraum. Obwohl Carla nicht glaubte, dass Georg und sie sich allzu oft dort aufhalten würden. Bei dem Gedanken daran musste sie schmunzeln.

„War die Post schon da?“ Georg wischte sich seine Schuhe auf dem Abtreter ab und kam in die Küche, wo Carla das Mittagessen vorbereitete. Gerade wälzte sie ein Schnitzel in Mehl, Ei und Panade, bevor sie es in das siedende Fett legte.
„Essen ist gleich fertig, Georg. Nur noch ein paar Minuten.“
„Ist das Paket gekommen?“ Georgs Stimme klang ungeduldig.
„Ja, die Post war da, aber ein Paket war nicht dabei.“ Carla wendete die Schnitzel. „Erwartest du denn etwas Besonderes?“
„Ja, ich habe bei Ebay etwas für meine Eisenbahn ersteigert.“
Carla unterdrückte einen Seufzer. Die Modelleisenbahn! Sie war Georgs Ein und Alles. Seit er vorzeitig in Rente gegangen war, verbrachte er jede freie Minute im Keller bei seiner Eisenbahn. Und dauernd kam etwas Neues dazu. Mal ein paar Schienen, mal ein neues Häuschen für die Landschaft, mal ein paar Miniaturautos. Carla gönnte ihm ja sein Hobby, aber jetzt war erst einmal die Schiffsreise dran. Sie hatte ewig lange einen Euro nach dem anderen von ihrem Haushaltsgeld zurückgelegt, bis sie genug gespart hatte, damit sie sich diese Reise leisten konnten. Sechshundert Euro hatte sie schon bei der Buchung angezahlt, jetzt, fünf Wochen vor Reiseantritt, waren die restlichen 1900.- Euro fällig. Für die Landausflüge brauchten sie auch noch ein paar Hundert Euro. Sie hatte das Geld nach und nach auf ein Sparkonto eingezahlt, wo es jetzt nur noch darauf wartete, an die Reisegesellschaft überwiesen zu werden.
„Warst du schon auf der Bank wegen der Reise, Georg?“
Georg schüttelte den Kopf. „Bin noch nicht dazu gekommen. Hat ja auch noch viel Zeit.“
„Aber bald musst du das Geld überweisen. Damit sie uns die Reiseunterlagen schicken können.“
„Ja, ja, schon gut!“ Georg war mit den Gedanken anscheinend woanders. „Ist das Essen noch nicht fertig?“

Georg steckte den Kopf zur Wohnzimmertür hinein. „Ich geh dann. Wenn das Paket noch kommt, nimm es bitte an. Vielleicht kommt es ja per Kurier.“
„Ja, mach ich. Viel Spaß beim Skat, Georg!“ Carla schaute kaum vom Fernseher auf, in dem gerade die Abendnachrichten liefen. Diese Skatabende jeden Donnerstag waren auch etwas, was Georg heilig war. Vor allem, weil sein Kumpel Hannes auch dabei war. Und Hannes stand Georg in seiner Leidenschaft für Modelleisenbahnen in nichts nach. Nun ja, sagte Carla sich, sie hatte ja schließlich auch ihren Handarbeitsclub.

Carla schlief noch nicht, als Georg eine Woche später nach seinem Skatabend wieder nach Hause kam. Wie immer, führte ihn sein Weg als Erstes in den Hobbykeller zu seiner Eisenbahn.
„Oh mein Gott“, hörte Carla ihn schreien, und noch einmal „oh mein Gott!“ Und dann, ziemlich schrill, ihren Namen. Alarmiert sprang sie aus dem Bett und eilte die Treppe hinunter bis in den Keller, wo Georg fassungslos vor den Trümmern seiner Modellbahn stand. „Ruf die Polizei, Carla“, rief er, „hier ist eingebrochen worden. „Wähle 110. Sie soll sofort kommen!“ Er rang die Hände und blickte sich verzweifelt in dem Chaos um. „Alles haben sie zerstört! Und alle meine Lokomotiven haben sie mitgenommen!“
„Nun beruhige dich erst einmal, Georg“, sagte Carla. Sie schaute sich in dem Hobbyraum um. Die große Spanplatte, auf der Georg seine Anlage montiert und aufgebaut hatte, war umgestürzt worden, die Pappmachéberge, die Brücken und Straßen, die Georg in tagelanger Arbeit gebastelt hatte, lagen zertreten und zerfetzt über den Boden verstreut. Die elektrischen Kabel für die Lokomotiven und die Schienen ragten wie Adern und Sehnen aus dem Haufen heraus. Eine einzelne Plastikkuh in Miniaturformat lag zusammen mit einem Gewirr von Bäumen, Büschen, Autos und Fachwerkhäuschen vor ihren Füßen.
„Die Polizei kommt gleich, Georg.“ Carla betrachtete ihren Mann, der sich ständig mit allen zehn Fingern durch sein schütteres graues Haar fuhr. Wie verzweifelt er aussah, so alt und jammervoll, in seiner grauen Strickjacke und der Cordhose, die am Gesäß schon ganz blank war.

Die beiden Polizisten in Uniform besahen sich kopfschĂĽttelnd das Chaos.
„Und sonst ist nichts gestohlen worden?“
„Nein, soviel ich sehe, ist im übrigen Haus alles in Ordnung“, antwortete Carla.
„Offensichtlich sind die Täter durchs Kellerfenster eingestiegen. Die Scheibe ist eingedrückt worden. Das war ein Kinderspiel.“ Der junge Polizist, der sich das Fenster angesehen hatte, schüttelte missbilligend den Kopf über diese unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen.
“War die Anlage wertvoll?“, fragte der Ältere. Georg schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht. Aber einige der Loks hatten einen großen Sammlerwert.“
„Bitte, machen Sie uns eine Liste der gestohlenen Gegenstände. Und schätzen sie den ungefähren Gesamtschaden ein. Aber fassen Sie nichts an, bevor die Spurensicherung hier war, wegen der Fingerabdrücke und so.“ Er ließ seine fachkundigen Augen über die verwüstete Anlage gleiten. „Hier hat jemand ganze Arbeit geleistet. Können Sie sich vorstellen, wer das getan haben könnte, Herr Möller? Wer wusste denn von den wertvollen Loks?“
Georg kratzte sich am Kopf. „Eigentlich nur Hannes. Er hat auch eine Modellbahn. Und natürlich die Kumpels von Club.“
„Okay, machen Sie uns bitte eine Liste von den Namen.“ Er wandte sich an Carla. „Und Sie, Frau Möller. Haben Sie nichts gehört? Das hier muss doch ganz schön Krach gemacht haben.“
„Ich war heute Abend bei meiner Freundin Anni. Sie ist Mitglied in meinem Handarbeitsclub. Sie hat heute ihren Geburtstag gefeiert. Den zweiundsechzigsten.“ Carla zog ihren Morgenmantel fester um ihren Oberkörper.
Als die Polizisten gegangen waren, nahm Carla Georg am Arm. „Komm, wir gehen jetzt am besten ins Bett. Hier können wir doch nichts mehr machen.“

Während Carla daruf wartete, dass Georg endlich einschlief, dachte sie an den Donnerstag letzter Woche.

Es hatte tatsächlich ein Kurier von einem Paketdienst vor der Tür gestanden, als Carla nach dem Klingeln die Tür geöffnet hatte. „Ich habe hier ein Paket für Georg Möller. Können Sie es entgegennehmen?“
„Selbstverständlich. Das ist für meinen Mann.“
„Bitte, unterschreiben Sie hier.“ Der eilige junge Mann hielt Carla eins dieser merkwürdigen Computergeräte hin und sie unterschrieb auf der grauen Displayfläche.
Sie wog das Paket in der Hand. Es war so groß wie ein Schuhkarton und ganz schön schwer. Wieder etwas für die Modelleisenbahn. Was es wohl diesmal war? Georg hatte bestimmt nichts dagegen, wenn sie mal hineinschaute. Sie entfernte das Packpapier und öffnete das Päckchen. Sorgfältig verpackt in Formkartons und geschützt durch eine Unmenge von Seidenpapier lagen drei Modelllokomotiven vor ihr. Vorsichtig nahm Carla eine nach der anderen in die Hand und betrachtete sie. Jede von ihnen hatte ein ausgefallenes Erscheinungsbild. Die eine sah altertümlich aus, schwarz lackiert mit goldenen Rädern, die zweite hatte eine moderne, schnittige Form und die dritte eine merkwürdige Bemalung.
Carla nahm den beigefügten Rechnungsbeleg zur Hand. Betrag dankend erhalten, stand da. Plötzlich wurde ihr ganz kalt. 2138,50 Euro! Wie ein Eislawine breitete sich die Kälte in ihrem Inneren aus. Ihr Geld! Das Geld für die Kreuzfahrt! Georg hatte es ausgegeben für dieses lächerliche Spielzeug! Ihr Herz fing an schmerzhaft gegen ihre Rippen zu schlagen. Die Eislawine in ihrem Inneren verwandelte sich in glühende Lava. Ihre Wangen brannten. Sie musste sich auf den nächstbesten Stuhl setzen, weil ihre Knie auf einmal wie aus Pudding waren. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie wieder normal atmen konnte. Mit zitternden Händen packte sie die Lokomotiven zurück in den Karton, wickelte das Packpapier sorgfältig darum herum und klebte die kleinen Risse mit Tesafilm zu. Georg würde nicht bemerken, dass das Paket geöffnet worden war. Dann legte sie es gut sichtbar auf die Flurgarderobe, wo er es sofort finden würde, wenn er heimkam. Sie konnte in dieser Nacht nicht schlafen.


Es dauerte lange, bis Carla an dem ruhiger werdenden Atem Georgs merkte, dass er eingeschlafen war. Leise stand sie auf und schlich in das kleine Hauswirtschaftszimmer, in dem ihre Nähmaschine stand und die anderen Sachen, die sie für ihre Handarbeiten brauchte. Sie rückte das Bügelbrett beiseite und zog einen gefüllten Wäschekorb hervor. Da lagen sie, zwischen Stoffresten und ausrangierten Röcken und Hemden: Die Lokomotiven. Nicht nur die drei, die Georg für ihr Reisegeld ersteigert hatte, sondern auch alle anderen. Sie wusste noch nicht, was sie mit den Modellen anfangen wollte, vielleicht konnte sie sie ja verkaufen, aber auf jeden Fall würde Georg jetzt keine Freude mehr an ihnen haben.


__________________
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Version vom 21. 05. 2015 12:54

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Ji Rina
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Hallo Hyazinthe,

Auch ich bin ab dem Kurier hängengeblieben. Ich glaub, ab da, müsste es in Vergangehit geschrieben sein. Denn der Kurier war eine Woche vorher da. Im Paket liegen drei Modelllokomotiven; beim unterschreiben, merkt sie, dass Georg das ganze Geld ausgegeben hatte. Sie wickelt die Lokos wieder ein und legt das Paket auf die Flurgarderobe. (Also bleiben die Lokomotive fein eingepackt für Georg liegen). In der nächsten Szene, holt sie die Lokomotiven hinter dem Bügelbrett hervor. Waren es die verschwundenen? Hat Carla sie dorthin gelegt, warum? Und was hat das Paket damit zu tun?

Ich habe den Text in einem Rutsch gelesen, Du schreibst sehr flüssig, mit einem sehr flotten Rythmus! Mir gefällt das! Jetzt nur noch: her mit der Pointe!

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Ji Rina
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Hallo Hyazinthe!

Jezt versteht man genau, was passiert ist. Da gibt es keine Verwechslung, kein Missverständnis mehr. Ob mir das Ende gefällt?
Nö…
Ich kann Dir auch sagen warum: Weil die ganze Geschichte so gut, rasant geschrieben ist, dass das Ende jetzt etwas öde wirkt: Carla hat ihm die Züge weggenommen und versteckt, weil sie sauer ist. Fertig. Die ganze Geschichte ist so lebhaft, mit Kleinigkeiten gespickt; Du verstehst es so gut im Rythmus einer Erzählung zu bleiben. Mit dem Ende, habe ich irgendwie das Gefühl, dass Du ursprünglich etwas völlig anderes im Sinne hattest. Der Vorteil: Du könntest Dir noch X-beliebige “Enden”ausdenken (sind ja nur die letzten zehn Zeilen).
P.S: Dies ist natürlich mein ganz persönlicher Eindruck. Und das ist einer, zwischen hunderten hier.

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