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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Rachefestival
Eingestellt am 24. 03. 2015 17:05


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fah
???
Registriert: Mar 2015

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Das Rachefestival.

Es war kurz nach neun Uhr abends. Die ├ťberstunden f├╝r die Familienkasse hatte ich hinter mir. Vor dem Gerichtsgeb├Ąuse, in dem ich arbeitete, stellte ich mich in den Windschatten einer Halbs├Ąule f├╝r die erste Zigarette. Gerade hatte ich sie angez├╝ndet, sah ich schr├Ąg gegen├╝ber wie eine vermummte Gestalt auf eine Frau einstach, die zu Boden sank. Ein Mann in hellem Mantel bog um die Ecke, erkannte offensichtlich die Lage und lief sofort auf die beiden zu. Der Vermummte lie├č das Messer fallen und floh. Der Mann im Mantel stolperte und fiel auf das Opfer. Er rappelte sich blitzschnell wieder auf, griff nach dem Messer. In diesem Augenblick schrie eine Frau aus einem Fenster gellend: ÔÇ×Er hat ein Messer! Polizei! M├Ârder.ÔÇť Der Mann im Mantel warf das Messer weg und schaute sich um. Ich hielt mich immer noch wie erstarrt an meiner Zigarette fest. Dieses Gesicht kannte ich. Es war J├╝rgen U., der mir fast mein ganzes Leben versaut hatte.
J├╝rgen, dieses Schwein, ich konnte mich noch gut an sein h├Ąmisches Gesicht erinnern, als ich das Direktorat nach peinlicher Befragung mit h├Ąngenden Schultern verlie├č. Ich konnte nicht beweisen, dass die Bilder der nackten und halbnackten M├Ądchen im Duschraum nicht von mir waren. Man hatte sie im Innendeckel meines Biologiebuches gefunden. J├╝rgen hatte ausgesagt, dass er mich beim Betrachten dieser Bilder beobachtet und sich dann entr├╝stet an einen Lehrer gewandt hatte. Ich wusste, es war wegen Else. Else, die ich anschw├Ąrmte, auf die J├╝rgen aber ebenso scharf war. Strahlemann J├╝rgen hatte mich auf diese Weise gnadenlos aus dem Wege ger├Ąumt.
Ich sah auch noch - als w├Ąre es gestern - den steinernen Blick meines Vater und h├Ârte meine schluchzende Mutter, als sie von meinem Schulverweis erfuhren, 4 Monate vor dem Abitur. Die erhoffte Karriere als Anwalt, auf die mein Vater f├╝r die Fortf├╝hrung der Kanzlei so gehofft hatte, war dahin. Ich schaffte es, eine Lehrstelle als Rechtsanwaltsfachangestellter zu erhalten, absolvierte die Lehre und arbeitete nun bei kleinem Gehalt f├╝r einen Rechtsanwalt am Ort, der mich auch an das ├Ârtliche Amtsgericht f├╝r administrative Arbeiten auslieh. Ich schluckte das alles, hatte ich doch nach ├ťberwindung des Schmerzes ├╝ber den Verlust von Else eine nette Frau geheiratet und einen Hausstand gr├╝nden k├Ânnen. ├ťberstunden sicherten uns ein bescheidenes Auskommen. Zuwendungen des Vaters blieben regelm├Ą├čig aus. Der Kinderwunsch meiner Frau erf├╝llte sich lange nicht, bis wir feststellen mussten, dass ich wegen einer fr├╝hen Mumpserkrankung keine Kinder zeugen konnte. Wir nahmen die Dienste eines befreundeten Arztes und einer Samenbank in Anspruch. Die Tochter, ich hatte darauf bestanden, sie Else zu nennen, war mein Ein und Alles. Sie gedieh pr├Ąchtig, war jetzt gerade 18 geworden und auf dem Weg in ein Studium. Dass meine Frau seit der Geburt kr├Ąnkelte, machte mich nicht fr├Âhlicher. Dieser Lebensweg entsprach ├╝berhaupt nicht dem, was ich mir vorgenommen hatte oder was mein Vater f├╝r mich geplant hatte. Die Schmach der fr├╝hen Jahre, das Unrecht, das mir geschehen war, nagte immer noch tief in mir.
Jetzt sah ich ihn, den Verantwortlichen f├╝r das alles, auf der anderen Stra├čenseite, meinem Blick schutzlos ausgeliefert. Blitzschnell wurde mir klar, was zu tun war ÔÇô n├Ąmlich nichts.
Ich blieb im Halbschatten meiner Raucherecke, r├╝hrte mich nicht vom Fleck und beobachtete das Geschehen. Fenster gingen auf, Menschen schrien nach Polizei und Krankenwagen, die auch einige Minuten sp├Ąter eintrafen. J├╝rgen wehrte sich nur kurz, als die Polizisten ihn mit festem Griff abf├╝hrten. Der Krankenwagen fuhr bald wieder ab, nachdem jemand ausgestiegen war und die am Boden Liegende untersucht hatte. Ihr war wohl nicht mehr zu helfen.
Mir rauschte der Kopf, als ich langsam an der Hauswand entlang schleichend, darauf bedacht, nicht gesehen zu werden, den Schauplatz Richtung Zuhause verlie├č.
War jetzt vielleicht der Moment der Rache gekommen? Am n├Ąchsten Tag st├╝rzte ich mich auf die Presse. Gro├če Lettern auf der Titelseite des Lokalblatts zeigten tats├Ąchlich das Erhoffte: ÔÇ×Bekannter Unternehmer J├╝rgen U. unter Mordverdacht verhaftet!ÔÇť. Ich verschlang die sp├Ąrlichen Einzelheiten, die der Presse bekannt waren: ÔÇ×Mordwaffe in der HandÔÇť, ÔÇ×Blutspuren des Opfers an der KleidungÔÇť, ÔÇ×Von mehreren Zeugen gesehenÔÇť. Sogar ein Motiv wurde seitens der Journalisten gemutma├čt. Das Opfer war eine Richterin des Amtsgerichts, mit der J├╝rgen U. schon ein paar Mal in Fehde gelegen hatte. Es passte einfach alles.
Ich, der genau wusste, dass er unschuldig war, ich konnte jetzt ├╝ber das weitere Schicksal von J├╝rgen entscheiden. Ich musste nur nichts tun, einfach gar nichts tun. Man hatte mich nicht gesehen. Keiner schrieb in der Presse von einem unbekannten Zeugen am Tatort. Ich w├╝rde mich nicht r├╝hren und J├╝rgen seinem Verderben ├╝berlassen. Kein entlastendes Sterbenswort w├╝rde ├╝ber meine Lippen kommen. Das Vorgef├╝hl des sp├Ąten Triumphs versch├Ânte mir ab sofort die Tage. Ich studierte laufend die gesamte ├Ârtliche Presse zu dem Fall. Die Reportage im Lokalfernsehen ├╝ber den Fall J├╝rgen U. zeichnete ich auf. Die Verhandlung stand bald bevor. Berichte ├╝ber weitere Ermittlungen brachte die Presse nicht.
Mich ├Ąrgerte nur ein Umstand. Ich sah keinen gangbaren Weg, um J├╝rgen unter diesem, meinem, Triumph zus├Ątzlich leiden zu lassen. Als erfolgreicher Unternehmer unter Mordanklage vor Gericht zu stehen, ohne gro├če Aussicht auf Freispruch, war sicher schon schlimm genug. Wenn er aber jetzt noch w├╝sste, dass ich ihn entlasten k├Ânnte, aber dazu nicht die geringste Veranlassung sah ÔÇô das w├Ąre ein wahres Rachefestival.
Else liebte mich, aber sie hatte von ihrer Mutter vor einem Jahr erfahren, dass ich nicht ihr biologischer Erzeuger war. Sie hatte sich nach anf├Ąnglichem Schmerz gefangen, wollte aber in jedem Fall wissen, wer denn ihr richtiger Vater war. Die M├╝hlen der Beh├Ârden mahlten langsam, gaben ihrem Antrag aber statt. Man w├╝rde ihr den Namen des Spenders demn├Ąchst mitteilen.
Ich hatte im Augenblick keinen Nerv f├╝r die N├Âte meiner Tochter. Ihr verst├Ąndlicher Wunsch verletzte mich schon ein wenig. Meine Else-Maus versicherte mir aber hoch und heilig immer wieder, dass ich ihr ÔÇ×PapaÔÇť bliebe.
ÔÇ×Du hast mich schlie├člich gewickelt und bis heute ertragen, daf├╝r liebe ich DichÔÇť, pflegte sie zu sagen, mich zu umarmen und zu k├╝ssen. Ich schmolz regelm├Ą├čig dahin.
ÔÇ×Sch├Ân f├╝r DichÔÇť, hatte ich zerstreut gesagt, als sie mir freudestrahlend den positiven Zwischenbescheid der Beh├Ârde zeigte. Ich war zu vertieft in die Vorberichte zu anstehenden Prozessen. Morgen sollte es soweit sein. Ich w├╝rde hingehen, in der hinteren Reihe sitzen und gen├╝sslich zuh├Âren, wie J├╝rgen verurteilt w├╝rde. Hoffentlich zu lebensl├Ąnglich, auch wenn das nur 15 Jahre w├Ąren. 15 Jahre gegen mein zweitrangiges Leben auf der untersten Stufe der Justizhierarchie. Was w├Ąre das schon? Vielleicht k├Ânnte ich noch aufstehen und klatschen?
Der Tag der Verhandlung lief wie erwartet. Ich hatte mir extra am Nachmittag frei genommen. Gespannt verfolgte ich den Prozess. Die Verteidigung pl├Ądierte schwach, wie ich fand. Sprach von einem reinen Indizienprozess, erw├Ąhnte einen nicht gefundenen Zeugen, dessen gl├╝hende Zigarette der Angeklagte gesehen haben wollte. Die Polizei hatte aber niemanden ermittelt. J├╝rgen U. wurde schlie├člich wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Ich verkniff mir schweren Herzens eine Beifallskundgebung. Ganz gegen meine Gewohnheit ging ich in eine Kneipe auf dem Weg nach Hause und trank zwei Bier. Beschwingt ├Âffnete ich die Wohnungst├╝r. Else kam mir freudestrahlend entgegen gelaufen, schwenkte ein Schreiben in der Hand. Sie rief. ÔÇ×Papa, ich wei├č jetzt endlich, wer mein biologischer Vater ist. Ich bin so gl├╝cklich. Ich muss ihn unbedingt bald kennenlernen.ÔÇť
ÔÇ×Ist ja wunderbar f├╝r Dich, mein KindÔÇť, antwortete ich ebenfalls bestens gelaunt.
ÔÇ×LassÔÇÖ mich noch meinen Mantel ausziehen, Else-Maus.ÔÇť
Dann las ich, was die Beh├Ârde meiner Tochter mitgeteilt hatte:

ÔÇ×Im Auftrag der Fa. SBD teilen wir Ihnen den Namen des f├╝r
die Spende Nr. 787866787 registrierten Spenders mit.
Es ist ein gewisser J├╝rgen Unmann.ÔÇť




Version vom 24. 03. 2015 17:05
Version vom 24. 03. 2015 21:27
Version vom 27. 03. 2015 09:22

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ThomasQu
???
Registriert: Mar 2015

Werke: 30
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Hallo Fah,
Deine Geschichte gef├Ąllt mir prima, sie hat nur einen Schwachpunkt. Ein Rechtsanwalt w├╝rde in einer solchen Situation nicht die Tatwaffe in die Hand nehmen.
Gru├č
Thomas

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