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Leselupe.de > Science Fiction
Das Sanatorium
Eingestellt am 06. 06. 2007 18:34


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gromski
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Das Sanatorium


ÔÇ×Sei doch vern├╝nftig, Christopher!ÔÇť
Vater ist verzweifelt. Diesmal war es knapp. Ich bin bis kurz vor die Mauer gekommen, hinter der der Park beginnt, und er wei├č, ich werde es diese Nacht wieder versuchen. Heute Morgen haben die zwei Pfleger meinen Kopf mit Hilfe von Gestellen genau auf den Bildschirm ausgerichtet. Aus der Apparatur gibt es kein Entkommen, denken sie sich, und das hofft auch mein alter Herr, aber sie haben nicht eingeplant, wie gewieft ihr ausgemergelter Patient ist. Zu sehr lassen sie sich von dem im R├╝cken offenen Kittel t├Ąuschen. Und ├╝berhaupt. Sie rechnen nicht damit, dass irgendjemand aus ihrer Welt zu fl├╝chten in der Lage w├Ąre. So selbstverst├Ąndlich sind sie selbst in dieser Welt verankert, verschieben in ihr Information, bestellen, benachrichtigen, kaufen, verkaufen, erfragen, beantworten, entspannen, machen Urlaub, lieben sogar... Bisweilen, wenn Vater aus dem Zimmer geht, um auf dem Korridor in Mutters Scho├č zu weinen, da ├Âffne ich die Augen. Aber ich h├Ąnge ihre Aufh├Ąngung aus. Und da geht mein Blick an dem Bildschirm vorbei, durchs Fenster zur Mauer, hinter der der Park beginnt. Nat├╝rlich sei da kein wirklicher Park, sagt Doktor Gerfen. Hinter der Mauer gebe es nichts. Ich bilde mir das alles nur ein, sagt auch Mutter oft. In Wahrheit sei da nur eine Wand. In Wahrheit sei die Welt eine Wand geworden, denke ich mir dann dazu. Sie sitzen vor dieser Wand wie vor einem Kinoschirm, bestaunen die Landschaften aus wei├čen Farbsprenkeln und Kleisterblasen auf der Tapete und halten sie f├╝r die wahre Welt. Wenn sie Gl├╝ck haben, dann wird ihr eingespieltes Abtasten f├╝r einen kurzen Moment durch einen Riss im Anstrich aus der Monotonie aufgeschreckt, aber dieser Moment ist zu kurz, als dass sie ihn Erkenntnis bringend nutzen k├Ânnten. Mutter nennt mich immer Junge. Junge, wohin willst du denn? Wenn du in einem Park spazieren willst, dann lass dir doch helfen. Mann kann heute alles machen. Da hast du dann sogar eine Wiese und Schmetterlinge und Hummeln, und alles was du willst. Aber nat├╝rlich ist das Quatsch. Sie glauben schon selbst daran. Die Welt ist ein Irrenhaus. Sie haben sich aus der Welt ein Irrenhaus gebaut. Wenn Vater zur├╝ckkommt, sind meine Augen schon wieder geschlossen. Da h├Âre ich dann nur, wie er sich ein letztes Mal vor der T├╝re schn├Ąuzt. Ich denke: wenigstens machen sie DAS noch hier.

In der Nacht versuche ich es wieder. Als sie meine Handgelenke einspannten, da hatte ich eine Faust gebildet, weswegen die Gurte nun um das entscheidende Qu├Ąntchen zu lose eingestellt sind. Ich wei├č, beim n├Ąchsten Mal werden sie dieses altert├╝mliche Schnallensystem austauschen, nur diesmal kann ich davon profitieren. Schnell gew├Âhne ich mich an die Bewegungsfreiheit auf dem Linoleumboden. Und auch wenn mir tags├╝ber jede Bewegung unendliche M├╝he macht, so findet mein von den Pillen geschw├Ąchter K├Ârper in den N├Ąchten wie von selbst jene Winkel, in denen Kraft versteckt liegt. Am Gitterfenster stehend beobachte ich kurz die Mauer, hinter der sich der Park befindet. Das Gitterfenster ├╝brigens haben sie vor zwei Wochen installiert, weil ich es geschafft hatte, das Schloss zu ├Âffnen. Im Nordfl├╝gel bin ich seit einem Monat. Mit jedem Mal wird es komplizierter. Mein Schlupfloch im Keller haben sie vor drei Tagen entdeckt.
Schnell hole ich den Eimer aus dem Bad (auch den werden sie morgen entfernen, sollte ich es heute nicht schaffen), stelle ihn auf den Schwesternruf, dessen Kabel bis zum Tischlein reicht, und h├Ąnge meine an den Schlauch angeschlossene Mineralwasserflasche in den Tropfhalter. Es beginnt zu platschen. Wenn meine Berechnungen stimmen, dann habe ich ab jetzt etwa f├╝nf Minuten Zeit.
Ich horche an der T├╝r, bis der Pfleger in Richtung des S├╝dfl├╝gels vorbeigeschlurft ist, dann ├Âffne ich sie mit Hilfe der Gurtschnalle, die ich aus der Apparatur ausgebaut habe. Sofort habe ich den Geruch nach Fr├╝chtetee und Ethanol in der Nase. Kalte Luft dringt mir unter den Kittel. Nachts ist das Sanatorium ganz anders. Da drohen einem in den hohen Fluren allenthalben Schatten. Und auch ist es sehr still. Man stellt sich dann vor, wie es wohl w├Ąre, wenn man einen L├Âffel h├Ątte und ihn in eines dieser Gitter aus Mondlicht auf dem Boden hineinw├╝rfe. Das w├╝rde durch das ganze Sanatorium gehen, und sofort w├╝rden Schritte hallen und das Licht w├╝rde anspringen. Aber nat├╝rlich wirft man keinen L├Âffel hinein. Das w├Ąre ein verschwendeter Versuch.
Nach genau dreiundvierzig Schritten erreiche ich die gro├če Treppe. Siebzehn Stufen bis zur Zwischenetage, die ebenfalls von Mondlicht kariert wird, dann noch einmal siebzehn bis zum Parterre. Hier haben sie mich vorletzte Nacht erwischt. Manchmal glaube ich, dass sie mich genau da haben, wo sie mich haben wollen. In einem Computerspiel, das man immer und wieder spielt, sodass man fast wie im Schlaf bis zu der Stelle gelangt, an der man das letzte mal gescheitert ist.
Die Nachtschwester hat einen kleinen Fernseher und es dr├Âhnt aus ihrer Kabine, sodass ich kurzfristig mit Schrecken daran denke, sie k├Ânnte den Schwesternruf ├╝berh├Âren. Besorgt b├╝cke ich mich neben die Glast├╝r, direkt hinter die zwei Rollst├╝hle. Merkw├╝rdigerweise muss ich an meinen Bruder denken. Gestern schickten sie ihn zu mir, als vermeintliche Geheimwaffe vielleicht.
ÔÇ×Katharina und ich heiraten im AprilÔÇť, verk├╝ndete er mir. ÔÇ×Wie findest du das?ÔÇť
Mein Bruder. Schon immer war er der Vern├╝nftigere. Wieso kannst du nicht so sein wie Ralf? Was macht er ├╝berhaupt? Einmal hat er erz├Ąhlt, dass er Zimmer mit M├Âbeln f├╝llt. Nat├╝rlich ist das Quatsch. Er tr├Ągt einen Anzug und eine Krawatte. Ein M├Âbelpacker ist er sicher nicht. Seine Finger sind ganz fein und schmal. Die Fingerspitzen quadratisch und platt. Damit sie perfekt auf die Tasten einer Tastatur passen. Nat├╝rlich existieren diese Zimmer nicht. ├ťberhaupt nichts existiert, von dem er spricht. Auch Katharina nicht. Sie heiraten, in dem er mit seinen quadratischen Fingerspitzen zwei Tasten dr├╝ckt, n├Ąmlich das J und das A. Wer wei├č, von welchem Teil der Erde das andere Ja kommt? Aber darum geht es nat├╝rlich nicht.
ÔÇ×Es ist gut zu wissen, dass dich jemand liebtÔÇť, erkl├Ąrt mein Bruder. ÔÇ×Da kannst du dich dann endlich ganz auf die Arbeit konzentrieren. Liebe, Christopher, ist etwas sehr sch├Ânes. Du solltest anfangen, dich f├╝r Frauen zu interessieren. ├ťberhaupt solltest du langsam mal vern├╝nftig werden. Das alles hier ist doch unn├Âtig.ÔÇť
Noch eine Erinnerung. Ralf mit seinem ersten Laptop. Steht da und sch├╝ttelt den Kopf ├╝ber mich. Und ich, der kleine Christopher, mit d├╝nnen Beinchen aber mit Fahrradflasche und Fahrradhelm. In engen Nylonhosen und Schwei├čband an Stirn und Unterarm. Mein erstes Zimmerfahrrad. Der Glaube daran, dass man nur fest genug strampeln m├╝sste, damit sich die Halterungen l├Âsen und man endlich losfahren kann. Was zum Teufel ist hinter diesem Zimmer? Ein weiteres Zimmer. Und hinter diesem? Ein drittes. Und dahinter? Wie meinst du das, Christopher?
Es dauert sehr lange. Vielleicht zu lange. Ich werde nerv├Âs, bald schon denke ich daran, noch einmal zur├╝ckzugehen. Vielleicht ist der Eimer umgekippt. Aber dann klappt es doch. Der Fernseher geht aus, das Summen der Anlage bleibt, dann verstummt auch dieses, weil die Schwester den Alarm ausgestellt hat. Kurz darauf ├Âffnet sich die T├╝r, sie eilt mit wehendem Kittel hindurch und ich schl├╝pfe in die andere Richtung hinaus.
Sie erwischen mich, als die Mauer nur noch eine Armesl├Ąnge entfernt ist. Mit einem Hechtsprung passierte ich noch eben den Hof an seiner schmalsten Stelle nahe der Garagen. Ich h├Âre nichts, sp├╝re nur das kurze Jucken des Pfeils am linken Schulterblatt, dann wird mir schwindelig, die Mauer, zum Greifen nahe, verschwimmt, die einzelnen Backsteine fallen nacheinander auf den Boden, als schnippte jemand M├╝nzen nacheinander aus der Hand. Beinahe, denke ich. Ein letztes Mal, dann klappt `s. Aufregung begleitet mein Absinken in die Bodenlosigkeit.

ÔÇ×Geht es dir heute gut, Christopher?ÔÇť fragt Dr. Gerfen zu Beginn seiner Stunde. Es ist ein neuer Tag. Das Merkw├╝rdigste ist: Ich darf heute zum ersten Mal im Bett liegen bleiben, die Apparatur bleibt in der Ecke, die Schutzhaube verdeckt ihre metallischen Arme. Auch die Schwester verh├Ąlt sich merkw├╝rdig. Kein einziges Wort der ├╝blichen Plauderei entschl├╝pft ihr, w├Ąhrend sie unter meinem Kopf das Kissen klopft, sie beobachtet mich aber umso eindringlicher, wenn sie glaubt, dass ich es nicht sehen kann. Ich antworte dem Doktor nicht, ich bin angespannt, denn es macht mich sehr nerv├Âs, diese Ruhe vor dem Sturm, dieses Verharren. Es ist, als w├╝ssten sie etwas und als heckten sie etwas aus. Pl├Âtzlich wei├č ich, dass ich es heute in der Nacht schaffen werde. Und das wissen sie auch.
ÔÇ×Hast du gut geschlafen? F├╝hlst du dich wohl in deinem neuen Zimmer? Sind die Schwestern nett zu dir?ÔÇť
Der Doktor ist ein ├Ąlterer Herr, den man langsam mal in Ruhe lassen sollte. Seinen Beruf scheint er normalerweise sehr gerne zu haben, heute aber ist er nicht besonders bei der Sache. Alles, was er sagt, besitzt eine gewisse Halbherzigkeit und Ungeduld. Mehrmals schaut er auf seine Uhr.
ÔÇ×Wor├╝ber denkst du nach? Du wei├čt, dass es dort keinen Park gibt? Wenn du einen Park sehen willst, k├Ânnen wir dir einen Park zeigen. Du kannst darin sogar herumlaufen. Und du riechst die Blumen, und du siehst Schmetterlinge, und Hummeln, und ein k├╝hler Wind weht, wenn du das w├╝nschst. Heutzutage kann man das alles ohne Probleme machen.ÔÇť
Der Doktor spult seinen t├Ąglichen Vortrag ├╝ber die Errungenschaften der modernen Technik mehr als mechanisch ab. Mit seiner Ungeduld steckt er schlie├člich auch mich an. Zum Ende gibt er mir pl├Âtzlich die Hand und verabschiedet sich, als w├Ąre es unser letztes gemeinsames Mal. Es habe ihm trotz allem sehr viel Freude gemacht, mich kennen gelernt zu haben. Auch beruflich habe es ihn weiter gebracht. Als ich dann kurz darauf aus dem Hof knallende T├╝ren und knirschende Reifen mehrer Fahrzeuge vernehme, als die Schwester sich verkr├╝melt und ich in einer sonntags├Ąhnlichen Stille liegen bleibe, da werde ich einer merkw├╝rdig subtilen Angst gewahr.

Ich bleibe sehr lange liegen. Bis in die Nacht. Bis der Mond aufgegangen und hinter dem S├╝dfl├╝gel wieder verschwunden ist. Erst als es schon zu d├Ąmmern beginnt, traue ich mich, aus dem Bett zu steigen. Mir zittern die Knie. Die auf den allgemeinen Aufbruch folgende Stille am Nachmittag hatte sich mit jeder Stunde mehr und mehr in jeden Winkel meines Zimmers ausgebreitet, hatte sich allm├Ąhlich auch der Flure au├čerhalb des Zimmers bem├Ąchtigt, bis ich schlie├člich in einem toten Geb├Ąude zu liegen glaubte, in dem man sich unter keinen Umst├Ąnden r├╝hren darf, in dem man selbst den eigenen Atem zu z├╝geln hat.
Fast eine Ewigkeit lausche ich an der T├╝r, aber im Flur r├╝hrt sich nichts. Keine Kontrolle, kein Pfleger. Aus den unsichtbaren Lautsprechern in der Decke, durch die eine k├Ârperlose Personalabteilung Schwestern von einem Patienten zum anderen dirigieren kann, schwappt nur das gischtartige Rauschen der Stille in meinen Raum. Und noch schlimmer: Als ich da an der T├╝r lehne, da rutsche ich aus Versehen gegen die Klinke, und zu meiner gro├čen ├ťberraschung gibt die T├╝r nach und ich stolpere auf den Gang hinaus.
Ich blicke zuerst nach links, dann nach rechts, aber der Flur ist nur voller Schatten, bis auf drei skelettartige Rollst├╝hle am hinteren Ende ist er leer. Rasch durchquere ich ihn und steige bis zur ersten Halbebene der Treppe hinab. Der Morgen naht, kein Gitter f├Ąllt mehr auf den Marmor, nur ein diffuser grauer Schein. Im Parterre indes erwartet mich eine noch gr├Â├čere ├ťberraschung. Von der Schwester fehlt jede Spur. Das Kabinchen ist leer. Und als w├Ąre dem nicht genug: Die Glast├╝r steht sperrangelweit offen. Ein Luftzug weht von drau├čen hinein, umspielt meine Haare, erz├Ąhlt vom Hof, der den Nordfl├╝gel von der Mauer trennt, als wollte er sagen: Hier geht `s entlang.

Mein blindes Wissen ├╝ber das Au├čerhalb des Zimmers hatte mich am Nachmittag nicht get├Ąuscht. Bei den Garagen steht kein einziges Auto. Der Hof ist leer. Die B├╝ste, die den Gr├╝nder des Sanatoriums in Stein darstellt, steht einsam. Auch der Brunnen pl├Ątschert nicht, er scheint abgestellt. Begriffsstutzig wie eine Kuh stolpere ich auf die offene Fl├Ąche hinaus, aber es kommt kein narkotisierender Pfeil. Als ich schlie├člich an der Mauer stehe, breitet sich ein schales Gef├╝hl in mir aus. Der Hof in meinem R├╝cken liegt still und grau im Ausklang der Nacht. Die T├╝rmchen am S├╝d- und am Nordende scheinen, insoweit ich es von hier aus einsch├Ątzen kann, unbesetzt, ├╝berhaupt scheinen alle Menschen, ja die ganze Welt bis auf mich, verschwunden zu sein, im gesamten Geb├Ąude brennt kein einziges Licht. Ein Blick zum gro├čen Tor verr├Ąt mir, dass dieses offen steht. Ich lasse jede Vorsicht fallen und mache mich auf zum W├Ąrterh├Ąuschen. Inzwischen w├Ąre mir lieber, man fasste mich, diese gespenstische Leere ist schlimmer als jede handfeste Gefahr. Mir kommen Zweifel an meiner eigenen Auffassungsgabe. Das Sanatorium ist ein altes Schloss, das inmitten eines gepflegten Landguts versteckt liegt. Jetzt, da ich an der rosenumrankten Wand entlang ├╝ber den Schotter schreite, frage ich mich, wo dieses alte Schlossanwesen eigentlich geographisch zu verorten ist. Sind wir in England? In der Schweiz? In Frankreich? Merkw├╝rdig. Es ist mir entfallen. Genauso gut k├Ânnte das alles auf einem anderen Planeten stattfinden. Warum eigentlich bin ich hier? Was genau ist eigentlich mein Krankheitsbild? Ist es auf die L├Ąnge meines Aufenthaltes zu schieben, dass mir der Name des Leidens entfallen ist?
Nat├╝rlich ist das W├Ąrterh├Ąuschen leer. Ich schreite nunmehr herausfordernd durch das Tor, aber keine Sirene erklingt. Hinter dem Tor indes kein Park. Keine B├Ąume. Keine Hummeln, kein Gras, kein Wind. Nur eine weitere Wand. Ich blicke nach links und nach rechts, und soweit das Auge reicht eine Mauer. Backsteine in Reih und Glied. Es ist l├Ącherlich, denke ich. Ich denke an die Kriege um die Server. Nat├╝rlich war ich noch zu klein. Gro├čvater sei an einer Grante explodiert, hat meine Oma einmal erz├Ąhlt. Die ganze Welt sei mit ihm an dieser Granate explodiert, und seitdem sei nicht mehr wirklich betretbar. Aber das erz├Ąhlte sie mir hier, w├Ąhrend eines Besuchs. Ich kann mich nicht erinnern, was war, bevor ich in dieses Sanatorium gebracht worden bin.
In der Mauer entdecke ich eine T├╝r. Mit zitternden Knien mache ich einen Schritt und greife nach der Klinke. In dem Augenblick, da der T├╝rspalt erscheint, blitzt alles in einem sich ins Hirn fressenden Licht auf. Ich sp├╝re, wie ich vom Druck angehoben und nach hinten geschleudert werde, f├╝r Sekunden fliege ich durch die Luft, schlie├člich kracht mein R├╝cken gegen die Mauer und ich gleite auf den Boden hinab. Blind, hallt es mir durch den Kopf, du bist blind. Und auch die Ger├Ąusche sind jetzt ├╝berdimensional laut geworden. Erst nach einer Weile ebbt das Lichtgewitter ab, einzelne Funken fallen zu Boden und vergl├╝hen, bis mich Schw├Ąrze umspannt. Und ich sp├╝re, wie mir j├Ąh alles entgleitet, wie ich fortgesogen werde, wie mich etwas packt und mich fortzieht von diesem Ort.

Als ich die Augen ├Âffne, sehe ich Dr. Gerfen vor mir in einem Stuhl sitzen, mein Kopf ist fixiert in der Apparatur, meine H├Ąnde mit Gurten festgezurrt, ├╝berall Kabel, die aus meinem Kopf zu sprie├čen scheinen, ein rhythmisches Piepen pulsiert mir im Ohr. Was sind das f├╝r Kabel, denke ich? Haben sie sich nun etwas Neues ausgedacht? Mein Blick rutscht nach unten und die Beinstummel holen die schmerzliche Erinnerung an den Autounfall in mein Bewusstsein zur├╝ck. Nat├╝rlich. Die R├╝ckfahrt von dem Geburtstag eines Freundes. Der entgegenkommende Lastwagen. Das Aufwachen im Krankenhaus.
Im Hintergrund geht Vater auf und ab. Mutter sitzt mit starrem Gesicht an der Wand, ihr Blick verliert sich irgendwo in einer Ebene, die sehr weit entfernt zu liegen scheint.
Dr. Gerfen spricht, aber er spricht nicht zu mir.
ÔÇ×Es ist nichts zu machenÔÇť, erkl├Ąrt er sehr geduldig. ÔÇ×Er wehrt sich. Vielleicht nimmt sein Gehirngewebe das Interface nicht an. Die Software ist nicht ausgereift. Ein open source Produkt. Kein Mensch kann die Qualit├Ąt kontrollieren. Es gibt so gut wie keine Untersuchungen dazu.ÔÇť
Vater wirkt verbissen. Er nickt und fragt:
ÔÇ×Und das n├Ąchste Modul? Wann kommt das n├Ąchste Modul auf den Markt?ÔÇť
Mein Blick geht hinaus durchs Fenster. Dort beginnt direkt der Park. Bis fast in mein Zimmer reicht ein Kastanienast hinein. Ein Buchfink landet in einer Astgabel und tr├Ąllert sein Lied in den Raum. Versucht vielleicht, den Kr├╝ppel aufzuheitern. Aber der kann nicht einmal nicken, jeder einzelne Nerv ist ihm von schweren Metalltr├╝mmern gekappt. Entt├Ąuscht hopst das V├Âgelchen nach einer Weile davon.


Freiburg, den 25.07.2006

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gromski

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