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Leselupe.de > Kurzprosa
Das Schneefräulein
Eingestellt am 10. 12. 2000 19:30


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Petra
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Das Schneefräulein


Das Schneefräulein stand des Morgens auf, nahm - nachdem es sich ordentlich ausgeräkelt - ein Bad in Milch und Honig und stieg hernach in eines seiner herrlichen weißen Kleider, die nicht nur bis auf den Boden reichten, sondern auch noch ein Stückweit über die Eisfliesen hinter dem Fräulein herschleiften. Daraufhin frühstückte es ausgiebig, auch nahm es ein paar Schneeflocken und einige Sonnenstrahlen zu sich, dann warf es sich - nachdem Wangen und Nase mit Eiskristallen gepudert waren - in seinen Pelz und brauste in seinem filigranen Schlitten davon.
Das Schneefräulein wohnt ganz weit oben, mehr in Richtung des Mondes, weit hinter den Wolkenbergen, genau dort, wo die Gegend am herrlichsten und am verschneitesten ist. Das Schloß selbst des Schneefräuleins liegt halb des Wegs auf einem der großen Schneeberge, von wo aus die Welt sich weit überblicken läßt, und trotz der großen Höhe und der pulverigen Konsistenz der Berge dauerte es jedesmal nur ein, zwei Augenblicke, bis der Schlitten, nachdem er den Schloßhof durch das große Tor verlassen, unten in der Tiefebene anlangte. Er fegte mit solch einer Geschwindigkeit die steilen, über und über mit Schnee bedeckten Berghänge hinab, daß der Schlitten regelrecht angeschossen kam; dann bog er in einer scharfen Rechtskurve auf die Tiefebene ein und preschte diese weiter entlang, während das Schneefräulein selbst, gut eingepackt in seine Decken und den Pelz, vor lauter Entzücken über die rasante Fahrt und das wilde, höchst aufregende Spiel der aufgestöberten Schneeriesel laut aufjauchzte. Wenn man dieses allmorgendliche Schauspiel zur frühen Stunde von weitem oder auch aus der Nähe beobachtete, mutete es schon recht gefährlich an. Die Pferde jedoch, acht an der Zahl, waren hochgeübt in ihrer Tätigkeit und überaus geschickt, und so war diese rasante Schlittenfahrt nichts weiter als das pure Vergnügen.
Der Schlitten selbst bestand aus feinstem, überaus zartem Gold, das über die Maßen kunstvoll geschmiedet und mit Eiskristallen verziert war. Hierin nun also saß das Fräulein, wohlig zurückgelehnt, und fuhr, während es fortwährend lachte, durch die Landschaft. Die Fahrt ging vorbei an zugefrorenen Seen und Weihern, durch verschneite tiefe Wälder oder an einzelnen, schneeüberladenen Bäumen vorbei. Es fuhr die Hänge hinauf bis in schwindelnde Höhen und - einmal oben angekommen - auf der anderen Seite der Berge wieder hinunter, um in einer erneut schnittigen Bewegung, die wiederum jede Menge Schneestaub aufwirbelte, ein weiteres Mal auf die Tiefebenen einzubiegen. Manchmal jagte man auch nur bis zur Hälfte der Berge hinauf, bog dann ab und umrundete sie auf dieser Höhe, um solcherart auf der anderen Seite wieder herabzurauschen - in übrigens ganz derselben rasanten Fahrt.
Die Eiskristalle, die am Schlitten befestigt waren, ließen einen hauchzarten Ton hören, wenn der Wind durch sie hindurchstrich oder sie bewegte und die Eiskristalle dieserhalb leicht aneinanderstießen - einen Ton wie von kleinen Glöckchen, und so hörte man die Ankunft - oder besser: Herannahen und erneutes Abrauschen - des Schneefräuleins noch weit, bevor man es sah.
Aber nicht nur stand dem Schneefräulein der Sinn, sehr vergnügt durch die Lande zu fahren - es hatte auch eine tiefere Bewandtnis hiermit. Denn überall dort, wo das Fräulein fuhr, rieselte in der Welt darunter der Schnee - auch des Nachts. Zwar kehrte das Schneefräulein in tiefster Dämmerung in ihr Schloß zurück, aber die Pferde, einmal von ihrem Geschirre befreit, waren nicht zu halten und verursachten, nun aus eigenem Antrieb durch die Lande galoppierend, mit dem Schlag ihrer Hufe mitternächtliches Schneegestöber. Das Schneefräulein hingegen vergnügte sich derweil auf Bällen; derer gab es viele. Sei es bei der stolzen Mondenfürstin. Sei es bei der Sonnenkönigin. Oder sei es in einem der übrigen zahlreichen Schlösser, die dort oben, in Richtung des Mondes, dort, wo die Gegend am herrlichsten und am verschneitesten ist, zu finden sind.



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