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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Skelett im Watt
Eingestellt am 21. 11. 2015 11:25


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Hyazinthe
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Das Skelett im Watt

Also hatten sie ihn gefunden. Nach so vielen Jahren. Fast war sie erleichtert, dass es nun ein Ende haben w√ľrde, das Leben auf Abruf.
Anna legte die Lokalzeitung, in der sie die Nachricht von dem ‚Äěmysteri√∂sen Skelettfund im Wattenmeer‚Äú gelesen hatte, beiseite. Mysteri√∂s, schrieben sie. Ja, so musste es wohl aussehen, wenn man nicht wusste, was geschehen war. Damals, vor f√ľnfundsechzig Jahren.

Als sie damals merkte, dass sie schwanger war, hatte sie lange dar√ľber nachgedacht, auf welche Art sie sich am leichtesten umbringen konnte, denn sie hatte Angst davor, allzu gro√üe Schmerzen aushalten zu m√ľssen. Sie erwog verschiedene M√∂glichkeiten. Zum Beispiel konnte sie bei Ebbe so weit ins Watt hinausgehen, dass sie nicht rechtzeitig zur√ľck an Land sein w√ľrde, bevor die Flut kam. Oder sie konnte eines der kr√§ftigen Schiffstaue nehmen, es im Keller um einen Balken binden und sich erh√§ngen. Oder ein scharfes Fischmesser aus der K√ľche holen, sich auf ihr Bett legen und die Pulsadern aufschneiden.
Alle diese Todesarten schienen ihr durchaus ertr√§glich zu sein, was die Schmerzen betraf. Sie tat es aber dann doch nicht. Irgendwie brachte sie es nicht fertig. Und dann war es zu sp√§t. Ihre Mutter bemerkte ihren wachsenden Bauch und brach sofort in tr√§nenreiches Jammern aus √ľber die Schande, die Anna √ľber die Familie br√§chte. Ihr Vater tobte seinen √Ąrger √ľber ihren Zustand aus, indem er ihr den R√ľcken mit einer Weidenrute blutig schlug.
Niemand interessierte sich daf√ľr, dass sie vergewaltigt worden war. Selbst der Vater des Kindes, Hinrich, hatte den Verkehr mit ihr anscheinend als durchaus normal betrachtet. Sie war noch Jungfrau gewesen; vielleicht hatte er sich ihr Weinen und Schreien damit erkl√§rt.
Jedenfalls musste geheiratet werden, so schnell wie m√∂glich. Die Leute im Dorf zerrissen sich nat√ľrlich das Maul √ľber die pl√∂tzliche Heirat, die ohne viel Aufhebens vor sich ging. Annas ‚ÄěJa‚Äú hatte in ihren Ohren wie das kl√§gliche Miauen einer Katze geklungen.
Mit ihren wenigen Kleidern und etwas Bettw√§sche war sie in das kleine Fischerhaus gleich hinter dem Deich gezogen. F√ľr Hinrichs Vater und seinen √§lteren Bruder kam die junge Frau gerade recht. Die Mutter war zwei Jahre zuvor an Schwindsucht gestorben, und die alte Gro√ümutter wurde langsam senil und verwechselte schon mal Salz mit Zucker oder verga√ü ganz, das Essen zu kochen, so dass Anna den drei M√§nnern als K√∂chin und Putzfrau durchaus willkommen war.
Es hatte ihr nichts ausgemacht, schwer zu arbeiten. Auch daran, dass Hinrich jede Nacht, wenn er mit Bruder und Vater lange im Wirtshaus gesessen und einen Schnaps nach dem anderen getrunken hatte, im Bett √ľber sie herfiel, hatte sie sich mit der Zeit gew√∂hnt. Niemals fragte er danach, wie sie sich f√ľhlte, niemals nahm er sich Zeit f√ľr etwas Z√§rtlichkeit. Auch damit hatte sie sich abgefunden. Aber dann fing er an, sie zu schlagen. Wenn er betrunken nach Hause kam, fand er immer wieder einen Anlass, ihr Ohrfeigen zu versetzen, sie umher zu sto√üen, so dass sie gegen die Kommode oder gegen den Kleiderschrank fiel, oder er schlug mit der Faust gegen ihre Arme, mit denen sie sich zu sch√ľtzen versuchte. Wenn sie vor Schmerzen aufschrie oder anfing zu weinen, machte ihn das nur noch w√ľtender. Anna war √ľberzeugt, dass die √ľbrigen Familienmitglieder den L√§rm h√∂rten, den Hinrich dabei in ihrer kleinen Kammer verursachte, aber niemand griff ein. Wenn die M√§nner morgens mit dem Kutter zum Fischen ausgefahren waren und sie mit blauen Flecken und zugeschwollenen Augen in die Stube kam, sa√ü die Gro√ümutter in ihrem alten Lehnstuhl mit dem Strickzeug am Fenster, sch√ľttelte den Kopf oder machte ihr Vorw√ľrfe, dass sie dies und jenes nicht gut genug erledigte, so dass ihrem Mann ja nichts anderes √ľbrig bliebe, als ihr auf seine Weise beizubringen, wie sie sich zu verhalten habe.

Anna seufzte tief. Die Erinnerung an diese Zeit tat immer noch weh. Sie war erst siebzehn Jahre alt gewesen, als sie Hinrich heiraten musste. Wie verzweifelt sie damals gewesen war!
Sie stand m√ľhsam auf und r√§umte den Fr√ľhst√ľckstisch ab. Ihr Blick fiel durch das Fenster. Was f√ľr ein sch√∂ner Fr√ľhlingstag! Wenn Franz noch leben w√ľrde, dachte sie wehm√ľtig, w√ľrden sie jetzt √ľberlegen, was sie an diesem herrlichen Tag zusammen unternehmen k√∂nnten. Vielleicht einen Spaziergang auf dem Deich, wenn der Nordwestwind nicht zu sehr wehte, oder einen kleinen Stadtbummel.
Anna sch√ľttelte den Kopf. Ohne Franz machte das alles keinen Spa√ü mehr. Au√üerdem machte die Gicht, die langsam alle ihre Gelenke befiel, ihr mehr und mehr zu schaffen, so dass sie froh war, sich nicht allzu sehr bewegen zu m√ľssen.
Heute, nach der Meldung in der Zeitung, waren solche √úberlegungen sowieso nicht angebracht. Sie musste dar√ľber nachdenken, was sie jetzt tun sollte. Jetzt, nachdem man ihn endlich gefunden hatte. Ob man nach so langer Zeit noch feststellen konnte, wer er gewesen war? Und wie er zu Tode gekommen war? In den Krimis im Fernsehen war von DNA-Analysen die Rede, und davon, dass man anhand der Z√§hne die Identit√§t von Menschen feststellen konnte, auch wenn von dem K√∂rper nur noch Knochen vorhanden waren. Aber vielleicht war noch etwas mehr von dem K√∂rper √ľbrig, bei dem hohen Salzgehalt im Wattenmeer? Und das mit den Z√§hnen konnte nat√ľrlich nur funktionieren, wenn bei einem Zahnarzt R√∂ntgenaufnahmen vorhanden waren, mit denen man das Gebiss des Toten vergleichen konnte. Das kam also wohl nicht in Frage, denn Hinrich war nie bei einem Zahnarzt gewesen.

‚ÄěKannst du denn nicht aufpassen, du bl√∂de Kuh‚Äú, hatte er gebr√ľllt, als er gegen elf Uhr abends nach Hause gekommen war. ‚ÄěWarum musst du denn die Schuhe mitten in den Weg stellen, dass man dar√ľber fallen muss?‚Äú Wie immer war er betrunken. Hinrichs Vater und Bruder waren zum Fischfang drau√üen, die Gro√ümutter lag schon im Bett in ihrer winzigen Kammer.
M√ľhsam stand Anna vom K√ľchentisch auf, an dem sie gesessen und Socken gestopft hatte. Der Bauch jetzt im neunten Monat behinderte sie und machte ihr das B√ľcken schwer, als sie die Schuhe, √ľber die Hinrich beim Hereinkommen gestolpert war, aufhob. Sie wusste, wenn sie nur die kleinste Bemerkung machte oder ihn auch nur ansah, w√ľrde er einen seiner Wutanf√§lle bekommen und sie zusammenschlagen. Nicht, dass ihr die Schmerzen noch viel ausgemacht h√§tten, daran hatte sie sich mittlerweile gew√∂hnt, nein, sie f√ľrchtete um das Kind.
Vorsichtig versuchte sie sich an ihrem Mann vorbei zu dr√ľcken, um in die Schlafkammer zu gelangen. Dabei streifte sie in der engen K√ľche mit ihrem vorgew√∂lbten Bauch seinen Arm. Diese kleine Ungeschicklichkeit l√∂ste einen Wutanfall in Hinrich aus, der an Heftigkeit alles, was sie bisher erlebt hatte, √ľbertraf. Unabl√§ssig prasselten seine harten Faustschl√§ge auf sie nieder. Sie kr√ľmmte sich und versuchte sich mit den Armen zu sch√ľtzen, verlor dabei den Halt und fiel zu Boden. In seinem rasenden Zorn gen√ľgten ihm nun die F√§uste nicht mehr, mit seinem derben Arbeitsschuhen trat er immer wieder in ihren R√ľcken und ihren Bauch. Dabei stie√ü er w√ľsste Beschimpfungen aus, schrie, das verdammte Kind h√§tte ihm sein Leben versaut, sie sei eine verfluchte Hure, die ihn in die Falle gelockt h√§tte, so dass er jetzt auf ewig in der elenden Bruchbude in diesem Drecksnest versauern m√ľsse. Immer mehr steigerte er sich in seine Wut hinein, es schien kein Ende zu nehmen.
Als er endlich von ihr ablie√ü und torkelnd in der Schlafkammer verschwand, blieb Anna wie bet√§ubt liegen. Sie versuchte Kraft zu sammeln, um aufstehen zu k√∂nnen. Erschrocken f√ľhlte sie, wie sich zwischen ihren Beinen eine warme Fl√ľssigkeit ausbreitete. Noch immer gekr√ľmmt am Boden liegend, tastete sie mit der Hand danach. Es war Blut. Mit letzter Kraft schleppte sie sich zur T√ľr und aus dem Haus hinaus zu den Nachbarn. Sie wusste, dass dort ein Telefon war.
Das Kind kam tot zur Welt. Nach Stunden qualvoller Wehen zog der Arzt den leblosen K√∂rper aus ihrem Leib. Nie w√ľrde Anna den Anblick des winzigen stillen Gesichtes vergessen! Ihr kleiner Sohn! Als Totgeburt w√ľrde er nicht kirchlich bestattet, sondern unauff√§llig am Rande des Friedhofs verscharrt werden m√ľssen. Anna wusste nicht mehr, wann sie schlie√ülich aufgeh√∂rt hatte zu weinen.
Sie war wieder zu ihrem Mann zur√ľckgekehrt, nat√ľrlich. Was blieb ihr anderes √ľbrig, damals, neunzehnhundertf√ľnfzig. √úber den Vorfall wurde nicht gesprochen; es war, als h√§tte es ihn nicht gegeben. Alles ging weiter wie bisher. Nur, dass Anna nicht mehr lachen konnte, nicht einmal l√§cheln, und kaum noch ein Wort sagte. Bis sie wieder schwanger wurde.

Anna war ins Wohnzimmer gegangen und hatte eins ihrer alten Fotoalben aus dem Schrank geholt, sich damit auf das Sofa gesetzt und aufgeschlagen. Da war Ludger, ihr √Ąltester. 'Er ist mir wie aus dem Gesicht geschnitten', dachte Anna, 'Gott sei Dank hat er nichts von seinem Vater geerbt. Vor allem nicht das j√§hzornige, gewaltt√§tige Wesen.' Seine beiden Halbgeschwister dagegen sahen ihrem Vater, Franz, √§hnlich.

Als sie bemerkt hatte, dass sie wieder schwanger war, hatte sie den Entschluss gefasst, Hinrich zu t√∂ten. Er sollte diesem neuen Kind nicht dasselbe antun k√∂nnen wie dem ersten. Anna fing an √ľber T√∂tungsm√∂glichkeiten nachzudenken. √Ąhnlich wie damals, als sie sich selber umbringen wollte, fielen ihr nun verschiedene Mordvarianten ein. Sie k√∂nnte ihn, wenn er wieder auf sie losging, mit einem Messer aus der K√ľche erstechen. Das w√ľrde vielleicht als Notwehr gewertet werden. Aber h√§tte sie die Kraft dazu? Hinrich war mehr als einen Kopf gr√∂√üer als sie, kr√§ftig und schwer. Er w√ľrde sich sicher gegen sie zur Wehr setzen. Nein, das war zu riskant. Oder sie k√∂nnte die Axt aus dem Schuppen holen und ihn, wenn er seinen Rausch ausschlief, im Schlaf erschlagen. Aber dann w√ľrde sie als M√∂rderin verurteilt werden und ins Gef√§ngnis kommen. Was w√ľrde dann aus ihrem ungeborenen Baby werden? Nein, sie musste es so machen, dass sie nicht erwischt wurde. Gift! Sie w√ľrde ihn vergiften! Aber dann w√ľrde man anschlie√üend seine Leiche untersuchen und feststellen, woran er gestorben war. Und sie w√ľrde als Erste in Verdacht geraten. Am besten w√§re es, Hinrichs Leiche w√ľrde danach einfach verschwinden, spurlos. Anna fasste einen Plan.
Das erste Problem bestand darin, an ein Gift zu kommen. Rattengift? Aber das musste man in der Apotheke kaufen und damit w√ľrde sie sich verd√§chtig machen. Sie hatte einmal geh√∂rt, dass der Fingerhut, diese h√ľbsche, rot bl√ľhende Blume, giftig sein sollte. Sie schlug in dem abgegriffenen Lexikon nach, das im Wohnzimmerschrank neben dem halben Dutzend anderer B√ľcher stand, und fand ihre Annahme best√§tigt. Sogar eine Abbildung von der Bl√ľte war da, und der Hinweis, dass alle Teile der Pflanze hochgiftig w√§ren. Sie kannte die Pflanze; sie hatte sie schon h√§ufig auf Brachfl√§chen oder in G√§rten gesehen. Es war gar keine Schwierigkeit, an ein paar Bl√§tter oder sogar ganze Pflanzen heran zu kommen.
Aber wie sollte sie Hinrich das Gift verabreichen? Der Geschmack sei sehr bitter, stand im Lexikon. Sie beschloss, eine komplette Pflanze mit Wurzeln, St√§ngel, Bl√§ttern und Bl√ľten zu nehmen, sie zu zerkleinern und in Wasser so lange zu kochen, bis nur noch ein dickfl√ľssiger Sud √ľbrigblieb. Dann w√ľrde sie den Sud durch ein grobes Geschirrtuch pressen, sodass sie eine Fl√ľssigkeit erhielte, die man in ein Getr√§nk oder unter das Essen mischen konnte. Sicher w√ľrde das Gift in dieser Fl√ľssigkeit sehr konzentriert sein, so dass es schnell t√∂dlich wirken w√ľrde. Damit es nicht so bitter schmeckte, w√ľrde sie das Gift in einen Becher stark ges√ľ√üten Kakaos geben, den Hinrich so gerne trank.
Es dauerte lange, bis Anna eine Gelegenheit fand, ihren Plan umzusetzen. Das fertige Gift, eine tr√ľbe, bitter riechende Fl√ľssigkeit, f√ľllte sie in ein Marmeladenglas, das sie fest verschloss. Vorher hatte sie die Wirkung √ľberpr√ľft, indem sie vorsichtig mit dem Finger in die Fl√ľssigkeit getippt hatte. Sofort hatte sich ein taubes Gef√ľhl in dem Finger ausgebreitet, das sp√§ter in ein schmerzhaftes Kribbeln √ľberging. Das Glas mit dem Gift versteckte sie im Keller ganz hinten unter den eingelagerten Kartoffeln.
In einer mondhellen Nacht im Juni war es soweit. Die Ebbe w√ľrde gegen elf Uhr nachts eintreten, Hinrichs Bruder und sein Vater waren auf Nachtfischfang, die Gro√ümutter war krank und h√ľtete schon seit Tagen das Bett.
Als Hinrich am Abend nach Hause kam - seit einigen Wochen arbeitete er als Handlanger auf dem Bau, um ein wenig Geld dazu zu verdienen - stellte Anna ihm nach dem Abendessen einen großen Becher mit warmem Kakao auf den Tisch. Er sah sie ein wenig verwundert an, aber als sie nichts weiter sagte und anfing das Geschirr abzuräumen, nahm er den Becher und trank ihn in einem Zug aus.
Anna lie√ü das Geschirrtuch fallen, als die im Lexikon beschriebene Wirkung des Gifts einsetzte, und lief in die Schlafkammer. Sie starrte auf die Wiege, die f√ľr das tote Baby gedacht gewesen war und in der bald ein lebendiges Kind liegen sollte, w√§hrend sie sich die Ohren zuhielt, um die Ger√§usche aus der K√ľche nicht h√∂ren zu m√ľssen. Als alles still war, √∂ffnete sie vorsichtig die T√ľr und sp√§hte hinein. Hinrich lag in verkrampfter Haltung auf dem Boden, beide H√§nde am Hals, den Mund weit aufgerissen, die Augen verdreht. Ateml√§hmung, hatte im Lexikon gestanden. Anna horchte auf seinen Herzschlag. Nichts. Er war tot.
Noch heute hatte Anna jede Einzelheit vor Augen von dem, was nun folgte. Sie wickelte den K√∂rper in ein Bettlaken und hievte ihn auf die Schubkarre, die sie durch die Haust√ľr bis zur K√ľche geschoben hatte. √úber eine Sandbank, die einen einigerma√üen festen Untergrund bot, schob sie die Karre mit der Leiche samt einem Spaten hinaus aufs Watt, so weit sie konnte. Am Himmel trieb der Nordwestwind unabl√§ssig Wolken ins Land und der Halbmond tauchte das Wattenmeer in ein gespenstisches silbriges Licht. An Land war alles dunkel. Keine Menschenseele war zu sehen.
Als sie glaubte, weit genug aufs Watt hinaus gefahren zu sein, hob Anna eine Grube aus, die tief genug war, um den leblosen Körper aufzunehmen. Es kostete sie alle Kraft, die sie aufbringen konnte, weil der Sand und der Schlick so feucht und zäh waren. Zuletzt ließ sie den Leichnam in die Grube fallen und schaufelte sie wieder zu.
Die Arbeit hatte mehrere Stunden gedauert, und als Anna endlich fertig war, kam die Flut. Sie stellte die Schubkarre wieder an ihren gewohnten Platz, s√§uberte den Spaten und h√§ngte ihn an den Haken im Schuppen, wo er hingeh√∂rte. Am Sp√ľlstein in der K√ľche wusch sie sich den Schlick und den Schwei√ü vom K√∂rper. Im Osten d√§mmerte es schon, als sie ins Bett ging und sofort in einen traumlosen Ersch√∂pfungsschlaf fiel.

Anna bl√§tterte in dem Fotoalbum. Wie eine Geschichte in Bildern erz√§hlten die Fotografien von ihrem Leben nach der schrecklichen Tat. Sie hatte Hinrichs Bruder und seinem Vater weiterhin den Haushalt gef√ľhrt, hatte ihr Kind zur Welt gebracht, den kleinen Ludger, und jeden Tag gebangt, man k√∂nnte den Leichnam ihres Mannes finden. Aber nichts geschah. T√§glich wechselten die Gezeiten, die Flut kam und setzte das Watt unter Wasser, die Ebbe kam und legte die Stelle, wo Anna den toten K√∂rper begraben hatte, wieder blo√ü. Die Polizei hatte die Vermisstenmeldung aufgenommen, und √ľberall auf den Polizeirevieren wurde Hinrichs Foto aus seinem Ausweis ausgeh√§ngt.
Als die zehn Jahre, die es dauerte, bis man sie offiziell zur Witwe erkl√§rte, vorbei waren, hatten Franz und sie geheiratet. Franz, der gelernter Maurer war, baute der Familie mit eigenen H√§nden ein kleines Haus, die beiden Kinder wurden geboren, sie f√ľhrten ein ganz normales, gl√ľckliches Familienleben. Die Kinder wuchsen heran, lernten solide Berufe. Inzwischen waren auch die Enkel schon erwachsen und √ľberall in Deutschland verstreut.
Anna fuhr mit den Fingerspitzen liebevoll √ľber die Bilder, die die Stationen ihres Lebens zeigten. Nie hatte sie jemandem von dem Geheimnis erz√§hlt, das sie all die Jahrzehnte mit sich herumtrug. Auch Franz nicht. Manchmal, wenn es ihr gar zu schwer geworden war, allein mit dieser B√ľrde zu sein, war sie versucht gewesen, ihm alles zu erz√§hlen und die st√§ndige Angst, man k√∂nnte die Leiche doch noch finden, mit ihm zu teilen. Aber sie hatte es nicht getan. Er war solch ein rechtschaffener Mensch gewesen, liebevoll und f√ľrsorglich; sie durfte ihn nicht mit ihrer Tat belasten.
Anna schlug das Album zu. Sie hatte ein gutes, langes Leben gehabt. Sie musste dankbar sein, dass das Schicksal sie so lange verschont hatte. St√∂hnend stand sie vom Sofa auf, ging auf den Flur und √∂ffnete die Kellert√ľr.
Sie war sicher, dass das Gift nichts von seiner Wirksamkeit verloren hatte. Gut, dass sie es aufbewahrt hatte, sie hatte damals ja nicht einmal die Hälfte verbraucht.
M√ľhsam stieg sie die Kellertreppe hinab, knipste das Licht an und ging zu dem Holzgestell mit den Einweckgl√§sern. Sie fand das Marmeladenglas sofort. Es war staubig und voller Spinnweben. Vorsichtig trug sie es die Treppe hinauf in die K√ľche. Mit einem feuchten Tuch wischte sie es sorgf√§ltig sauber. Die tr√ľbe Fl√ľssigkeit im Innern des Glases sah noch genauso aus wie damals. Sie √∂ffnete es. Der bittere Geruch war ebenfalls noch derselbe. Sorgf√§ltig verschloss sie das Glas wieder. Dann trug sie es ins Schlafzimmer, wo noch immer das Doppelbett stand, in dem Franz und sie so viele Jahre geschlafen hatten, und stellte es in das Nachtschr√§nkchen.
Anna wollte vorbereitet sein. Sicher dauerte es nicht lange, bis die Polizei herausfinden w√ľrde, wann der Tote im Watt gestorben war. Dann w√ľrde sie nachforschen, wer damals als vermisst gemeldet worden war und danach nie wieder auftauchte. Ganz bestimmt w√ľrden die Beamten bald auf ihren, Annas, Namen sto√üen. Und dann vor ihrer Haust√ľr stehen und Fragen stellen.
Wenn es soweit war, w√ľrde Anna ihnen zuvorkommen und auf dieselbe Art sterben wie Hinrich. Das war nur gerecht.





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aligaga
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Der Text an sich, @Hyazinthe, ist nicht schlecht geschrieben, rein handwerklich betrachtet.

Aber wozu, fragt man sich am Ende, der ganze Aufwand?

F√ľr einen Krimi ist die Geschichte zu unplausibel und fade, f√ľr eine ‚ÄěLebensgeschichte‚Äú zu platt, denn du verarbeitest ja nur Klischees. Nichts gegen deren Verwendung (Vergewaltigung, Suff, Pr√ľgel, Giftmord, sp√§teres Gl√ľck, sp√§te Gewissensbisse etc.), aber wenn diese abgegriffenen Requisiten die Hauptrolle √ľbernehmen, tritt jedes St√ľck auf der Stelle.

TTip: Nicht dauernd erz√§hlen, wie jemand was macht oder wie jemand denkt, sondern was er denkt und warum. Wer seinen Vergewaltiger heiraten muss, damit die Eltern und das Dorf zufrieden sind (das angeblich gar nicht mitbekommt, wie die M√∂rderin ihr Opfer im Watt verscharrt, obwohl man solche Ebenen doch auch nachts kilometerweit √ľberblicken kann), der denkt wom√∂glich Dinge, auf die einer von uns gar nicht so ohne weiteres kommt, und der nimmt Lebensformen an, die bemerkens- und beschreibenswert w√§ren.

Davon findet sich in dem St√ľckerl leider nichts. Nur am Ende, da regt sich ein Gewissen, von dem man nicht recht wei√ü, woher es so pl√∂tzlich kommen sollte. Es wirkt wie an den Haaren herbeigezogen ‚Äď der Tote hat schlie√ülich, zumindest fasst es der Leser so auf, das eigene Kind umgebracht.

@Ali r√§t dir, die Geschichte pers√∂nlicher zu gestalten und das herauszuholen, was herauszuholen ist. Er stellt sich vor, er w√§re eine werdende Mutter und bek√§me von seinem Vergewaltiger Tritte in den Bauch. Er glaubt, er w√ľrde die Tritte gar nicht sp√ľren, sondern sehen, wie sie das Gesicht des Kindes zertr√ľmmern, das in seinem Bauch w√§chst. Zum Beispiel.

Und er w√ľrde von der Lust berichten, die es ihm bereitete, den Kindsm√∂rder kl√§glich auf dem K√ľchenfu√üboden verrecken zu h√∂ren. Er h√§tte erz√§hlt, wie fr√∂hlich die S√§ge klang, als sie den gro√üen, schweren Mann in Scheiben schnitt, und wie gleichg√ľltig es ihm gewesen w√§re, ob man ihn dabei erwischt h√§tte oder nicht. Er h√§tte seinem toten Kind etwas vorgesungen, zum Klang der S√§ge, und h√§tte gesp√ľrt, wie die Glut des Hasses, die √ľber die Jahre in ihm brannte, langsam zu Asche wurde.

So ungef√§hr. Dann kriegtest du von den Lesern zehn Punkte, statt nur f√ľnf.

Gruß

aligaga

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Hyazinthe
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Meine Geschichten, aligaga, sind nahe am Leben und keine blutspritzenden R√§uberpistolen. Kann sein, dass du ihnen nichts abgewinnen kannst, aber vielleicht andere Leser mit ein wenig mehr Feingef√ľhl.

Gruß, Hyazinthe
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aligaga
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Die Gewalt, die in deinem G'schichterl vorkommt, @Hyazinthe, wo M√§dchen vergewaltigt, Ehefrauen gepr√ľgelt, F√∂ten totgeschlagen, Ehem√§nner vergiftet und verscharrt werden, hast du ausgebreitet, nicht @ali.

@Ali sagte dir, dass banale Gewaltverbrechen banal bleiben, wenn man sie banal erz√§hlt, und hat dir geraten, sie so zu schildern, dass man nicht - wie das ganze Dorf es √ľber die Jahre wohl getan hat - im Sessel hocken bleiben und Salzbrezeln dazu knuspern kann.

Eine R√§uberpistole an sich ist was Todlangweiliges. Es gibt Millionen und Abermillionen davon; sie f√ľllen alle Tageszeitungen und flimmern Tag und und Nacht √ľber alle Bildschirme - und eine ist wie die andere.

Du solltest, riet @ali dir, vom √Ąu√üeren auf das Innere kommen. Der Schuss, der Schlag, die T√§ter- und Opferbeschreibungen: geschenkt. Der Leser h√∂rt erst dann auf, sich zu langweilen, wenn T√§ter und Opfer ein Gesicht bekommen. Wenn du von den √Ąu√üerlichkeiten auf das Innere kommst und wenn dort Metamorphosen stattfinden, die nachvollziehbar sind.

@Ali h√§lt solche Empfehlungen f√ľr sinnvoll. Es sollte im Literarischen nicht um das Verbrechen per se, um den Blutrausch als solchen gehen, sondern darum, was ihn erzeugt. Und was er anzurichten imstande ist.

Gruß

aligaga

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Ji Rina
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Hallo Hyazinthe!
Gern möchte ich Dir meinen Leseeindruck schildern:

Den ersten ‚ÄěCut‚Äú bekam ich mit dem Satz: ‚ÄěNiemand interessierte sich daf√ľr, dass sie vergewaltigt worden war‚Äú. Und pl√∂tzlich heiraten? Den Vergewaltiger?. Da fragte ich mich gleich am Anfang der Geschichte: Wer ist Hinrich? Ein Fremder? Einer, der Annas Familie bekannt war? (Leider wird nichts erw√§hnt, und ich musste raten).

Als n√§chstes wieder ein Cut: Hinrich f√§ngt ‚Äěpl√∂tzlich‚Äú an, Anna zu schlagen. Warum? Was passierte zwischen den beiden im Alltag? Was hatte sich wann und aus welchen Gr√ľnden ver√§ndert? Sp√§ter ist zu lesen, Anna habe Hinrich mit ihrem vorgew√∂lbtem Bauch ‚Äěam Arm gestreift‚Äú was ihn dazu veranlasst habe, sie zu verpr√ľgeln. (Das klingt ein wenig oberfl√§chlich und bringt keinen wirklichen Einblick in die Verh√§ltnisse).

Es folgt ein Absatz mit Franz. Wer ist Franz? Du erw√§hnst ihn als Annas zweiten Mann am Ende der Geschichte ‚Äď aber da hatte ich als Leser den Faden bereits verloren. Franz m√ľsste man wohl viel eher in die Geschichte einf√ľgen.
Es folgen weitere S√§tze, die f√ľr mich oberfl√§chlich wirken:

‚ÄěAnna wusste nicht mehr, wann sie schliesslich aufgeh√∂rt hatte, zu weinen‚Äú (nachdem Hinrich sie zuammengeschlagen und sie das Kind verloren hatte) ‚ÄěNur, dass Anna nicht mehr lachen konnte (hat sie jemals gelacht?), nicht einmal l√§cheln, und kaum noch ein Wort sagte‚Äú....

Dies sind S√§tze, die eine Situation erkl√§ren sollen, jedoch kein wirkliches Bild erzeugen. Da versteht sich Alis Kommentar: ‚ÄěAnna m√ľsste innerlich gl√ľhen vor Wut und sich ihren Mann als Scheibchen vorstellen‚Äú statt ‚Äěnicht mehr l√§cheln zu k√∂nnen‚Äú. Der Leser empfindet hier mehr Wut als Anna selbst ‚Äď und das ist nicht so gut, da es der Autor sein sollte, der den Leser auf eine emotionale Reise bringt - und nicht umgekehrt.

Den Satz mit Ludger habe ich nicht verstanden. Und wieder fragte ich mich an dieser Stelle: Wer ist Franz? Dieser Satz steht meiner Meinung nach, an einer seltsamen Stelle:
Zwischen: Anna weiss dass sie Schwanger ist/ Anna will Hinrich töten.

Als Hinrich mit dem geschluckten Gift in der K√ľche um sein Leben k√§mpft, habe ich mir die schlimmsten Bilder vorgestellt. Anna jedoch steht im Nebenzimmer und h√§lt sich die Ohren zu, um die Ger√§usche nicht h√∂ren zu m√ľssen. Ich stellte mir die Situation emotional vor, und fragte mich: Welche Ger√§usche gab er denn von sich? Was sp√ľrte Anna dabei? Angst? Schuld? Erl√∂sung? Und wenn sie sich die Ohren zuh√§lt: keine Angst, dass die Mutter, der Vater oder der Bruder pl√∂tzlich auftauchen? Alles Fragen, im Kopf des Lesers, die nicht beantwortet werden ‚Äď auf der Strecke bleiben.

Sie fuhr die Leiche auf einer Schubkarre √ľber eine Sandbank, hinaus aufs Watt. Die arme Anna, die immer nur gespurt und sich nie gewehrt hat. Hatte sie keine Angst dabei? Was dachte sie, was f√ľhlte sie in dem Augenblick? Und wo waren Bruder und Vater in dem Augenblick?

Sicherlich denkst Du: Es war nicht in meinem Sinne, einen Roman zu schreiben. Aber Du konfrontierst den Leser mit soviel Informationen, die am Ende dann doch nicht ausreichen.

Was passierte im Haus zwischen Anna, Hinrichs Bruder und Vater und Grossmutter, nachdem Hinrich ganz pl√∂tzlich verschwunden war? Da h√§tten mich Annas Reaktionen interessiert. Dazu wird nur geschrieben, Anna habe weiterhin den Haushalt gef√ľhrt. Und am Ende, Anna und Franz haben sp√§ter geheiratet.

Das Thema Deiner Geschichte finde ich garnicht so uninteressant. Auch wenn wir diese Geschichten aus dem TV;aus B√ľchern, etc...zu gen√ľge kennen, sind es immer wieder Schicksale. Aber wenn schon, dann will ich auch ‚Äěalles wissen‚Äú . F√ľr eine Erz√§hlung ist die Geschichte zu oberfl√§chlich ‚Äď und f√ľr einen Krimi viel zu lang und vollgeladen mit unn√∂tigen Informationen.

Ich habe keine Ahnung, wie man ein Krimi schreibt, aber das w√ľrde ich versuchen: Alles aufs wesentliche zu reduzieren. Nur, dass die Geschichte dann wirklich ‚Äěein alter Hut‚Äú ist: Frau r√§cht sich, und vergiftet Mann. Da m√ľsste man sich wohl noch ein paar Dinge einfallen lassen, die ihr in die Quere kommen.

Das Anna nach zehn Jahren das verstaubte Glas mit dem Gift nochmal aus dem Keller hervorholt, um sich umzubringen, erschien dann auch mir ein wenig an den Haaren herbeigezogen.
Interessanter w√§re es vielleicht: Wenn sie in den Knast k√§me, und sich mit einer Inneren ‚ÄěAbrechnung‚Äú ihres Lebens auseinandersetzen w√ľrde. Dies k√§me dann auch einer Erz√§hlung n√§her. Ja gut. Sie waere eine Verliererin. Aber gerade das, w√§re interessant, da es im realen Leben auch so ist.

Wie dem auch sei, dies ist nur meine Meinung.
Puh! Das ist nun wirklich lang geworden...Hoffe, mich verst√§ndlich ausgedr√ľckt zu haben.

Mit lieben Sonntagsgr√ľssen,
Ji

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Der Leser hat¬īs gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)

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FrankK
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Hallo, Hyazinthe

Eine ausf√ľhrliche Geschichte √ľber eine junge Frau, die in ihrer Verzweiflung ihren Ehemann umbringt, um sich selbst und ihr ungeborenes Kind zu sch√ľtzen. Tiefe Einblicke in die Gef√ľhlswelt der Protagonisten geben uns Lesern die M√∂glichkeit, mit ihr zu f√ľhlen und Verst√§ndnis zu empfinden.

Und genau hier sind die Hauptprobleme dieser Geschichte zu finden: zu ausf√ľhrlich und zu Tief gehend.
Exemplarisches Beispiel:

quote:
Als sie damals merkte, dass sie schwanger war, hatte sie lange dar√ľber nachgedacht, auf welche Art sie sich am leichtesten umbringen konnte, denn sie hatte Angst davor, allzu gro√üe Schmerzen aushalten zu m√ľssen. Sie erwog verschiedene M√∂glichkeiten. Zum Beispiel konnte sie bei Ebbe so weit ins Watt hinausgehen, dass sie nicht rechtzeitig zur√ľck an Land sein w√ľrde, bevor die Flut kam. Oder sie konnte eines der kr√§ftigen Schiffstaue nehmen, es im Keller um einen Balken binden und sich erh√§ngen. Oder ein scharfes Fischmesser aus der K√ľche holen, sich auf ihr Bett legen und die Pulsadern aufschneiden.
Alle diese Todesarten schienen ihr durchaus erträglich zu sein, was die Schmerzen betraf. Sie tat es aber dann doch nicht. Irgendwie brachte sie es nicht fertig. Und dann war es zu spät.

Diesen ausf√ľhrlichen Ausflug in die Gedankenwelt (wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass langsames ertrinken im Watt besonders schmerzfrei w√§re) darf der Leser miterleben ‚Äď und dann passiert doch nichts. (Salopp ausgedr√ľckt: Luftnummer)
Zusammenfassend hätte es auch so geschrieben werden können:
Als sie damals merkte, dass sie schwanger war, hatte sie lange dar√ľber nachgedacht, auf welche Art sie sich am leichtesten umbringen k√∂nnte. Einige m√∂gliche Todesarten schienen ihr durchaus ertr√§glich zu sein, was die Schmerzen betraf. Sie tat es aber dann doch nicht. Irgendwie brachte sie es nicht fertig. Und dann - war es zu sp√§t.
(Etwa 50 % gek√ľrzt.)

Ich weiß, Du beschreibst eine Situation gerne bis ins kleinste Detail. Ein altes Sprichwort sagt: Weniger ist manchmal mehr.

quote:
Also hatten sie ihn gefunden. Nach so vielen Jahren. Fast war sie erleichtert, dass es nun ein Ende haben w√ľrde, das Leben auf Abruf.

Ein gelungener Einstieg. Du weckst bei mir sofort das Interesse, weiter zu lesen. Die Geschichte ist durchgängig und stilsicher geschrieben. Das Kopfkino läuft einigermaßen rund, die Story wird deutlich vermittelt. Einzig ein paar unnötige Überlängen sollten (wie oben exemplarisch angemerkt) ausgemerzt werden.
Die Geschichte erscheint subtil einfach und wirkt in ihrer vermeintlichen Banalit√§t √ľberzeugend. Aber genau diese Subtilit√§t ist unwirklich. Genau diese Vorhaltung von Banalit√§t ist falsch.
An einer durch einen Trunkenbold regelm√§√üig verpr√ľgelten Ehefrau finde ich nichts Subtiles, die durch Schl√§ge und Tritte provozierte Totgeburt ist nicht banal.
Dieses verschleiernde Gewand aus subtilen und banalen Verwebungen ist in diesem Fall eine geschickte L√∂sung, diese Geschichte emotional so nahe her√ľberzubringen. Noch heute werden derartige Ereignisse unter dem Deckmantel der Subtilit√§t und Banalit√§t verborgen. Wer glaubt, solcherlei Dinge w√§ren ‚ÄěSchnee von gestern‚Äú ist auf einem f√ľrchterlichen Holzweg.

Etwas Erbsenzählerei:
quote:
Mysteri√∂s, schrieben sie. Ja, so musste es wohl aussehen, wenn man nicht wusste, was geschehen war. Damals, vor f√ľnfundsechzig Jahren.

Als sie damals merkte, dass sie schwanger war, hatte sie lange dar√ľber nachgedacht, auf welche Art sie sich am leichtesten umbringen konnte, denn sie hatte Angst davor, allzu gro√üe Schmerzen aushalten zu m√ľssen.

Unvorteilhafte Wortwiederholung. Am einfachsten lie√üe sich das Erste ‚Äědamals‚Äú vermeiden:
Ja, so musste es wohl aussehen, wenn man nicht wusste, was geschehen war ... vor f√ľnfundsechzig Jahren.

quote:
Sie war sicher, dass das Gift nichts von seiner Wirksamkeit verloren hatte. Gut, dass sie es aufbewahrt hatte, sie hatte damals ja nicht einmal die Hälfte verbraucht.

Hier w√§re etwas Umbau n√∂tig, um die ganzen ‚Äěhatte‚Äú zu vermeiden.


Insgesamt hat mir die Geschichte gefallen. Wobei ‚Äěgefallen‚Äú nicht wirklich der richtige Ausdruck daf√ľr ist, aber ich glaube, Du wei√üt, was ich meine.

Etwas komprimieren, wie schon ganz oben erw√§hnt, es bedarf nicht immer derartig ausgefeilter Erkl√§rungen und Umschreibungen, was geschehen k√∂nnte, dann aber wohl doch nicht passiert. Wenn Du m√∂chtest, kann ich Dich gerne auf weitere entsprechende Stellen, die ausged√ľnnt werden k√∂nnten, hinweisen.

Vielleicht könntest Du auch die Szenen, die in der aktuellen Gegenwart spielen, etwas anders Formatieren (z.B. kursiv), um besser zu verdeutlichen, dass sie sich vom Rest der Geschichte abheben. Ein- / zeimal war ich etwas verwirrt und musste mich neu orientieren.

Freundlichste Gr√ľ√üe aus Westfalen
Frank


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Leben und leben lassen.

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